Honigbienen : Schwärmen zum Glück

Nr. 16 –

Der Autor erinnert sich an eine frühere Leidenschaft – und greift sie neu auf. Memoiren eines Kleinimkers.

der Imker setzt einen neuen Rahmen in den Bienenkasten, auf dem Rahmen sitzen bereits viele Bienen
Ein Volk zieht ein: Der Imker setzt einen neuen Rahmen in den Bienenkasten.

Am 15. Februar lebt es noch: mein Bienenvolk, ich habe nur eins. Seit November sitzt es eng zusammen und bildet im Stock eine Wintertraube, in deren Zentrum die Königin gewärmt und gefüttert wird. Bienen heizen mit Kontraktionen der Flügelmuskulatur, sie bewegen die Muskeln, ohne zu fliegen, wobei ihr Oberkörper sich erwärmt. An sonnigen Wintertagen fliegen einzelne Bienen hinaus, um die Kotblase zu leeren oder Wasser zu holen. Werden sie krank, dann verlassen sie den Stock oft auch zum Sterben, damit keine Leichen herumliegen. Honigbienen sind sehr reinlich. Es kommt vor, dass ein Imker oder eine Imkerin im Frühjahr den Bienenkasten öffnet und ihn leer vorfindet.

Am 15. Februar fliegt mein Bienenvolk nicht, obwohl schon Haselnuss, Schneeglöcklein und Krokusse blühen und die Weidenkätzchen gerade aus ihren Knospen brechen. Es ist zu kalt. Dass die Bienen überlebt haben, sehe ich durch ein verdecktes Fenster an der Rückseite des Kastens. Ausserdem hinterlassen sie Spuren auf dem herausziehbaren weissen Boden, den man die «Windel» nennt. Früher besuchte der Imker seine Völker am 23. Februar, dem christlichen Petrustag, und klopfte kräftig gegen ihre Behausung. Hörte er ein Aufbrausen, ging er vergnügt nach Hause, wo die Frau schon den Tisch gedeckt hatte. «Bienen wecken» nannte man den Brauch.

Doch Bienen halten keinen Winterschlaf, sie sind wach in der Traube und verzehren den Honig, den sie im Sommer gesammelt haben. Die Traube verschiebt sich im Lauf der Zeit über die Waben, dorthin, wo es noch Vorräte gibt. Nach dem ersten Frost im November oder Dezember hat die Königin aufgehört, Eier zu legen. Meistens im Januar fängt sie damit wieder an, und die von den Bienen erzeugte Wärme muss jetzt auf 34 bis 35 Grad steigen.

eine Biene fliegt durch die Luft
Der letzte Flug: Zum Sterben verlassen die Bienen die Beute, wie der Bienenkasten genannt wird.

Der Bienenvater, die Beute, der Bien

Der Imker hiess einst: der Bienenvater. Der Ausdruck Bienenmutter war nicht für die Imkerin, sondern für die Königin reserviert. Der Bienenkasten heisst heute noch: die Beute. Das Bienenvolk heisst unter alten Imkern: der Bien. Ein Volk besteht aus Königin, Arbeiterinnen und Drohnen. Die Königin legt vielleicht 200 000 Eier im Leben, im Frühsommer sind es gegen 2000 pro Tag. Sie ist die Sklavin der Arbeiterinnen, die ihre Töchter sind, aber nur über rudimentäre Fortpflanzungsorgane verfügen. Legt die Königin zu wenig Eier, kann es passieren, dass sie von den Töchtern getötet wird. Aus einem ihrer letzten befruchteten Eier zieht dann das Arbeiterinnenvolk – mit einer besonderen Futtermischung, dem Gelée royale – eine neue Königin heran.

Die Drohnen sind männlich und nur dazu da, im April oder Mai auszufliegen, um an einem geheimnisvollen Ort hoch in der Luft eine junge Königin zu begatten. Die verbliebenen Drohnen werden im Spätsommer von den Arbeiterinnen getötet. Drohnen entstehen aus unbefruchteten Eiern, sie sind etwas grösser und bulliger als Arbeiterinnen, arbeiten nicht und haben im Leben höchstens einmal Sex. Zur Drohnenaufzucht bauen die Arbeiterinnen etwas grössere Wabenzellen, beim Eierlegen erkennt die Königin an den Massen der Zelle, ob sie ein befruchtetes oder ein unbefruchtetes Ei hineingeben muss. Einen Vorrat an Spermien trägt die Königin in einer Samenblase ihr Leben lang mit sich.

Über Bienen und Bienenhaltung wird viel geschrieben. Das wichtigste Lehrbuch in der Schweiz hiess während 130 Jahren «Der Schweizerische Bienenvater» und erschien erstmals 1889. Ich kaufte als Kantonsschüler die 15. Auflage von 1974, seit 2011 heisst das heute fünfbändige Werk «Das Schweizerische Bienenbuch».

Bienen beim Eingang zum Bienenstock
Schon nach kurzer Zeit am neuen Ort finden alle nach Hause.

Das erste Volk, der Bienenpate

Den ersten Bien kaufte ich als Sechzehnjähriger. Mit dem Töffli besuchte ich einen Imkerkurs im Thurgau. Ein halbes Dutzend Männer standen jeweils am Sonntagmorgen in Bienenhäusern zwischen Bischofszell und Eschikofen herum, rauchten Stumpen oder Zigaretten und schauten in geöffnete Beuten hinein. Ich war der Jüngste im Kurs, ein Nachbar brachte mir als Bienenpate – wie man das nannte – die handwerkliche Praxis bei. Er war Bauer, Wegknecht und ehemaliger Leichenwagenkutscher. Viele Geschichten, die ich von ihm hörte, erzähle ich heute noch gerne. Der Bienenpate lehrte mich, ruhig zu arbeiten, nicht herumzufuchteln und mit den Bienen freundlich zu reden, wenn sie mich stechen wollten. Im Bienenhaus roch es nach Hefe, ähnlich roch auch das Haldengut-Bier, das wir anschliessend in der Dorfbeiz tranken.

Zwanzigjährig, ging ich zum Studium nach Berlin. Der Nachbar übernahm die Versorgung der Bienen, die er zärtlich als «Imeli» bezeichnete, mit dem Dialektwort für Immen. Während meiner Abwesenheit zog ein grosses Bienensterben durchs Land, übrig blieben zwei leere wurmstichige Beuten, System Helvetia, die ich heute noch besitze.

ein Smoker mit Blasbalg
Bitte nicht stechen! Der Rauch simuliert einen Waldbrand und treibt die Bienen zurück in die Waben.*

Schwärmen und Tanzen

Bienen werden von Menschen seit vielen Tausend Jahren gehalten, bewundert und ausgeraubt. Die Bibel ist voll mit Verweisen auf Honigbienen, im Talmud und im Koran kommen sie ebenfalls vor. Hierzulande gilt ein Segensspruch aus dem Kloster St. Gallen als ältestes schriftliches Zeugnis der Imkerei. Darin beschwören die Mönche um 960 die «Bienenmutter», beim Schwärmen nicht zu hoch und nicht zu weit zu fliegen, sondern mit ihrem Volk eine vorbereitete Bruthöhle in einem Baum zu beziehen. Die St. Galler Mönche waren sogenannte Zeidler. Sie betrieben eine Form von Bienenhaltung, bei der in den Wäldern einzelne Bäume so präpariert werden, dass dort ein Bienenvolk einzieht, dem die Zeidler dann die Vorräte klauen. Der St. Galler Segensspruch erwähnt aber nicht den Honig, sondern das Wachs für Kerzen.

Mit Schwärmen vermehren sich Bienen als Völker. Allerdings sprachen die Mönche die falsche Instanz an: Ob ein Volk schwärmt und sich dabei teilt, entscheiden die Arbeiterinnen, nicht die Königin. Mit ihrem speziellen Futtersaft ziehen sie im Frühjahr neue Königinnen heran, und kurz bevor diese ausschlüpfen, muss die alte Königin mit einem beträchtlichen Teil des Volkes ausziehen. Zehntausende von Bienen schwingen sich in die Luft, fliegen als Bienenwolke herum und sammeln sich schliesslich an einem Ast oder an einer Dachkante in Form einer Traube. Von dort schicken sie Kundschafterinnen auf die Suche nach einer neuen Bruthöhle. Die Kundschafterinnen kehren mit verschiedenen Vorschlägen zurück, und auf rätselhafte Weise entscheidet das Volk im Kollektiv, welchen Vorschlag es annehmen will. Dann erhebt es sich mit der Königin und zieht an den neuen Ort. Bienen kommunizieren oft in Tänzen mit einer ausgeklügelten Choreografie, so signalisieren sie einander auch die Fundstellen von Nektar und Pollen.

Die Bienenbox, das Glück

Am 4. März fliegen meine Bienen lebhaft. Einige tragen gelben Pollen ein, ihre Proteinnahrung. Ich entferne das Drahtgeflecht, das sie im Winter vor Spechten schützt, nehme den Metallschieber weg, der im Herbst die Asiatischen Hornissen und im Winter die Mäuse fernhält, setze einen Fluglochschieber aus Holz mit grösserer Öffnung ein. Die Bienen reagieren nervös auf die Veränderung. Oder reagieren sie auf das strahlende Frühlingswetter? Ich beobachte, wie sich vor dem Flugloch immer wieder Bienen auf eine Artgenossin stürzen und sie minutenlang zu putzen scheinen. Oder wird da gekämpft? Werden Honigräuberinnen aus anderen Völkern abgewehrt? Einzelne Bienen «sterzeln», das heisst, sie halten den Hintern in die Luft und fächeln mit den Flügeln einen Duftstoff hinaus, der ihren Schwestern – oder wem? – den Weg nach Hause erleichtert. Während ich die Vorgänge fotografiere, setzen sich Bienen auf meine Hände und auf den Kopf, sie stechen aber nicht.

Ich besitze eine Bienenbox. Sie wurde vom Verein Stadtbienen in Berlin entwickelt und soll ein möglichst naturnahes Imkern ermöglichen. Es ist eine Einraumbeute, in der die Bienen ihre Waben selber in die herausnehmbaren Rähmchen bauen – ohne vorgestanzte Mittelwände wie in der sogenannten Wirtschaftsimkerei. Vor vier Jahren las ich, dass das Berliner Projekt auch Imkereikurse in der Schweiz anbietet, und meldete mich aus Neugier an. Beim ersten Kurstermin hinter der Kirche von Dietikon wurde ein am Vortag gefangener Schwarm einlogiert. Allerdings gab es nicht genügend Imker:innenschleier, ich verzichtete, und als ich ganz ohne Schutz mitten im Schwarm stand, Tausende von Bienen über und zwischen unseren Köpfen, erinnerte sich etwas in mir plötzlich sehr konkret an den Sechzehnjährigen, an die Zeit im Bienenhaus des Nachbarn, an das damalige Körpergefühl und sogar an den Hefegeruch: Eine ungewöhnliche Ruhe, eine Art jugendliches Glück erfasste mich alten Mann. Ich wollte wieder imkern.

Im folgenden Jahr kaufte ich eine leere Bienenbox. Dazu bestellte ich ein Volk, einen künstlichen Ableger, bei einem Imker in der Ostschweiz, der ein Wabenformat benutzt, das in die Bienenbox passt. Im Mietwagen fuhr ich das junge Volk nachts dem Rhein entlang in den Kanton Jura, wo meine Frau und ich einen Obstgarten besitzen. Es regnete in Strömen, eine einzelne Biene flog irritiert durchs Auto, versehentlich geriet ich bei Schaffhausen auf deutsches Gebiet, was seuchenpolizeilich bestimmt verboten war. Bald kam ich unkontrolliert wieder in die Schweiz, und am nächsten Tag konnte ich die Waben aus der Transportkiste in die Bienenbox umhängen, die unter einer grossen Linde mit weit ausladenden Ästen stand.

Damit begann diese Geschichte, die ich so gerne erzähle: angelesenes, im Kurs gelerntes und praktisches Wissen vermischend. Auch das Glück ist immer wieder da.

Varroa destructor, Bienensterben

Einmal hiess es, die Varroamilbe sei von einer Forschungsanstalt eingeschleppt worden, als man die Europäische Honigbiene, Apis mellifera, mit der Östlichen Honigbiene, Apis cerana, genetisch verbessern wollte. Sicher ist, dass die Milbe mit dem lateinischen Namen Varroa destructor ursprünglich auf der Östlichen Honigbiene lebte und dass die Europäische Honigbiene auf diesen Parasiten nicht vorbereitet war.

In den sechziger Jahren tauchte Varroa destructor in Osteuropa auf. In den Siebzigern erreichte sie Westeuropa. Im Frühjahr 1981 erschien sie im deutschen Grenzgebiet zur Schweiz, und in den folgenden zwei Jahrzehnten tötete sie sehr viele hiesige Bienenvölker. Die Milbe klettert auf ihre Wirtstiere, um an ihnen zu saugen. Schlimmer, sie legt Eier in die Brutzellen, kurz bevor diese verdeckelt werden, und die ausgeschlüpften Milben ernähren sich während der Verpuppung der jungen Bienen von deren Fettgewebe, das sie mit gefährlichen Bakterien infizieren.

Die Forschung sagt, Varroa sei bereits im zaristischen Russland auf die Europäische Honigbiene übergesprungen, nachdem diese aus landwirtschaftlichen Gründen in den Fernen Osten gebracht worden war. Vielleicht wollte wirklich ein Imker die östliche mit der westlichen Bienenart verschmelzen, vielleicht geschah der Übersprung zufällig, als Bienenvölker einander Honig raubten oder als sich einzelne Bienen in die Nester der anderen Art verirrten. Durch gegenseitige Räuberei, durch Schwärme und durch sich verfliegende Bienen verbreitet sich die Milbe bis heute auch in der Schweiz. Manche glauben, dass Apis mellifera – unsere Honigbiene mit verschiedenen Rassen – wegen der invasiven Varroamilbe in der Wildnis gar nicht mehr überleben könnte. Vielleicht werden die Bienen aber unterschätzt.

Die Behandlung gegen Varroa ist obligatorisch. Im Spätsommer, nach der letzten Honigernte, lasse ich Ameisensäure in der Bienenbeute verdampfen. Der Kanton Jura stellt mir die Säure kostenlos zur Verfügung. Es ist eine unangenehme Sache, die Bienen wirken in ihren Bewegungen verlangsamt, manche sterben, aber hauptsächlich sterben die Milben. Ameisensäure dringt bis in die verdeckelte Brut hinein. Im Winter, in der brutfreien Zeit um Weihnachten, träufle ich eine Flüssigkeit aus Oxalsäure und Zucker auf die Wintertraube. Die Bienen lecken sich gegenseitig die Säure ab und verbreiten sie untereinander. Zu kaufen gibt es auch ätherische Öle gegen die Varroa und weitere Medizinprodukte. Aus lebensmittelpolizeilichen Gründen ist darauf zu achten, dass die Varroamittel nie in den Honig gelangen.

In anderen Regionen, etwa in den nordöstlichen USA, in Russland und Schweden, scheinen verwilderte Europäische Honigbienen die Varroa überwunden zu haben. Das liegt nicht zuletzt an ihrer Lebensweise, wie Forscher:innen glauben: Menschen muten Bienen ein sehr unnatürliches Leben zu. Menschen stellen Dutzende von Völkern nebeneinander, um sie effizient bewirtschaften zu können. Sie setzen die Bienen gezielt unter Stress: Kurz bevor die vorhandenen Waben mit Brut und Nahrung gefüllt sind, erhöht der Mensch einfach die Wabenzahl, die Bienen sehen sich instinktiv veranlasst, auch die neuen Waben zu füllen – und arbeiten pausenlos weiter. In der Natur ist eine von Bienen bewohnte Baumhöhle klar begrenzt, sie ist kleiner als eine durchschnittliche Imkerbeute. Das Brutnest liegt weitab von anderen Bienenvölkern, was die Übertragung von Parasiten verringert. Ausserdem finden sich wilde Bienennester meistens nicht mitten im Agrarland mit seinen die Bienen schwächenden oder tödlichen Giften, sondern im Wald. Sobald die natürliche Bienenhöhle mit Brut und Vorräten gefüllt ist, lässt der Stress nach, die Arbeiterinnen können sich jetzt um anderes kümmern, zum Beispiel um ihre Gesundheit. Möglicherweise lernen sie im Lauf von Generationen, einander die Milben abzubeissen und die Brut zu öffnen, um die Parasiten darin zu bekämpfen.

Imker Stefan Keller nähert sich mit Schutzkleidung den offenen Bienenstöcken
Das neue Volk ist in seiner Box untergebracht, der Imker zieht sich zurück. Nun beginnt die Arbeit der Bienen.

Honigernte, Gelbbeinige Hornisse

Im Herbst meines zweiten Bienenjahrs im Jura war das Volk eines Tages sehr nervös. Statt herumzufliegen, standen viele Tiere auf dem Flugbrett in einer Art Pulk beieinander. Vor dem Bienenstand patrouillierten grosse, brummende Insekten mit schwarz-orangem Körper und gelben Beinen: Die Asiatische Hornisse, Vespa velutina nigrithorax, aus China war angekommen. Sie wurde etwa 2004 nach Frankreich eingeschleppt und verbreitet sich in Westeuropa rasch. Weil sie kaum natürliche Feinde hat, sehr grosse Völker bildet und oft an unerreichbaren Orten hoch in den Bäumen nistet, ist sie zu einer erheblichen Gefahr sowohl für die Honigbienen als auch für die rund 600 – meist solitär lebenden – Wildbienenarten in der Schweiz geworden. In Frankreich und Deutschland soll sie ganze Völker aufgefressen haben. Die Asiatische Hornisse, die in England den hübscheren Namen Gelbbeinige Hornisse trägt, jagt auch im Verband; ein Nest frisst pro Tag mehrere Tausend Bienen. Die Nester sind meldepflichtig und werden vom Staat entfernt.

Meinem Volk fügten die Hornissen wenig Schaden zu. Es gedieh prächtig, ich schützte die Beute mit Drahtgeflecht, durch das die Hornissen zwar durchkamen, aber im Unterschied zu den Bienen nicht fliegend. Ich hatte vorausschauend Stauden und Rebstöcke vor das Flugbrett gepflanzt, weil Bienen im Geäst einen fliegerischen Vorteil haben. Ich kaufte Vorrichtungen, damit die Hornissen, die bis in den November hinein aktiv sind, nicht in die Beute kriechen konnten. Dann machte ich die Varroabehandlungen und winterte meine Bienen ein.

Honig hatte ich nur so viel herausgenommen, dass der Rest für den Winter reichte. Auch das Ersetzen des Honigs durch Zuckerwasser schwächt die Tiere. Ich steckte die Waben nicht in eine Zentrifuge, wie bei Wirtschaftsimkern üblich, weil sie ohne künstliche Mittelwände dafür zu wenig stabil sind. Ich zerdrückte sie mit dem Kartoffelstampfer und liess den Honig durch zwei Siebe laufen.

eine Bienenwabe im Holzrahmen

Drohnenmütterchen, Hochzeitsflug

19. März, meine Bienen fliegen lebhaft. Sie tragen Pollen ein, was als Zeichen für gute Brutverhältnisse gilt. Auf der vor einer Woche gereinigten «Windel», dem weissen Bodenbrett, sind keine herabgefallenen Milben zu sehen. Höchste Zeit für eine Durchsicht. Ich nehme die Waben einzeln heraus. Die Vorräte sind gross, aber gross ist auch der Schock: Es gibt keine Arbeiterinnenbrut. Nur etwas Drohnenbrut und eine leere Königinnenzelle, eine sogenannte Nachschaffungszelle, die gebaut wird, wenn die alte Königin gestorben ist.

Die Drohnenzellen ragen weit aus den Waben hervor. Wenn die Königin stirbt, kann es passieren, dass eine oder mehrere Arbeiterinnen ihre verkümmerten Eierstöcke aktivieren und anfangen, in die vorhandenen Arbeiterinnenzellen Eier zu legen. Diese sind nicht befruchtet; es können also nur Drohnen schlüpfen. Weil Drohnen grösser sind, bilden die Zellendeckel einen Buckel, man redet von Buckelbrut. Die eierlegenden Arbeiterinnen werden von den meist männlichen Imkern schäbig als Drohnenmütterchen bezeichnet.

Was mit der Königin passiert ist, weiss ich nicht. Im Sommer könnte ich eine Brutwabe aus einem anderen Volk in die Beute hängen, die Bienen würden sich wohl eine neue Königin ziehen. Jetzt im Vorfrühling könnte ich auf dem Markt eine befruchtete Königin vom letzten Jahr bestellen und mit grössten Vorsichtsmassnahmen ins drohnenbrütige Volk einsetzen. Möglich, dass sie erstochen würde. Ich beschliesse, der Natur ihren Lauf zu lassen.

Mein Bien wird sterben. Es ist kein Massaker, die einzelnen Bienen beenden ihren Lebenszyklus, nur gibt es keinen Nachwuchs mehr. Ich werde ein neues Volk kaufen. Vielleicht wird mir der Imker in der Ostschweiz erneut einen Ableger auf dem passenden Rahmenformat ziehen. Ich werde ihn erneut in den Jura fahren. Die Königin wird erst nach der Ankunft schlüpfen. Dann wird sie ausfliegen und sich an einem geheimnisvollen Ort hoch in der Luft mit Drohnen aus anderen Völkern paaren. Bis zu zehn Drohnen werden sie begatten, jedem Drohn wird dabei der Penis abbrechen, und er wird tot zu Boden fallen. Der nächste Drohn wird den Penis des Vorgängers herausziehen und seinen eigenen in die Königin stecken. Wenn auf dem Hochzeitsflug nicht ein Vogel die junge Königin frisst, wird sie mit gefüllter Samenblase in die Beute zurückkehren. Die Arbeiterinnen am Flugloch werden den Penis des letzten Drohns entfernen und sie einlassen, damit sie mit dem Eierlegen beginnt.

BienenSchweiz, Imkerverband der deutschen und rätoromanischen Schweiz (Hrsg.): «Das Schweizerische Bienenbuch». Fünf Bände. Appenzell 2020.

Fergus Chadwick, Steve Alton, Emma Sarah Tennant, Bill Fritzmaurice, Judy Earl: «Das Bienenbuch». Dorling Kindersley Verlag. München 2017.

Thomas D. Seeley: «Das Leben wilder Bienen. Wie Honigbienen in der Natur überleben». Verlag Eugen Ulmer. Stuttgart 2021.

Noah Wilson-Rich: «Die Biene. Geschichte, Biologie, Arten». Haupt Verlag. Bern 2015.

Bienen fliegen in der Luft

*Korrigenda vom 20. April 2026: In der ursprünglichen Onlineversion, sowie in der Printausgabe stand in der Bildlegende, der Rauch mache die Bienen schläfrig. Korrekt ist: Der Rauch simuliert einen Waldbrand und treibt die Bienen zurück in die Waben.