Nr. 32/2008 vom 07.08.2008

Was killt die Bienen?

Interview: Esther Banz, Foto: Florian Bachmann

Franz Stucki: «Die Brutkontrolle ist, wie wenn jemand Fremdes ins Schlafzimmer trampelt.»

WOZ: Franz Stucki, Sie kennen das Bienensterben nicht nur vom Hörensagen.
Franz Stucki: Ja, letztes Jahr wurden vierzehn meiner Völker durch Pestizide beschädigt.

Wie geht es Ihren Bienen derzeit?
Meine zwanzig Völker sind derzeit nicht sehr gross, weil sie im Wald kein Futter finden. Aber das gibt es immer wieder und hat nichts mit dem Bienensterben zu tun. Das Problem mit den Pestiziden haben wir im Moment nicht, weil im Sommer kein gebeiztes Saatgut in den Boden gebracht wird.

Was bedeutet «gebeizt»?
Die Saat gewisser Pflanzen wie Mais und Weizen wird mit Pestiziden versehen, um sie vor Schädlingen im Boden zu schützen.

Was haben Bienen auf dem Boden zu suchen? Finden die ihre Pollen nicht viel eher auf Blüten?
Natürlich! Deshalb hiess es vonseiten der eidgenössischen Forschungsanstalt Agroscope in Liebefeld auch, für sie sei es ein grosses Rätsel, wie meine Bienen mit Fipronil, einem Insektizid-Beizmittel für Mais und Getreide, in Kontakt gekommen seien.

Und für Sie war es auch ein Rätsel?
Am Anfang war es das, ja. Aber dann verstanden wir den Zusammenhang. Neben dem Maisfeld hatte es Raps, den die Bienen anfliegen, wenn er in Blüte steht. Und der war just zu der Zeit in Blüte, als der Bauer seine Maissaat mit Fipronil beizte. Im Bericht des deutschen Instituts, in dem meine toten Bienen untersucht wurden, weil Agroscope das nicht selber machen kann, hiess es dann auch: «Aufgrund der Ergebnisse gehe ich davon aus, dass die eingesandten Bienen durch den Kontakt mit bienengefährlichen Stoffen getötet wurden.»

Vor kurzem sind die Imker in Deutschland auf die Strasse gegangen. Sie beklagten, dass ein Saatbeiz-Pestizid, das diesen Frühling verboten wurde, nachdem von staatlicher Seite nachgewiesen worden war, dass es die Bienen tötet, nun doch wieder zugelassen sein soll.
Das habe ich gar nicht mitbekommen. Ich lag die letzten Wochen im Spital und anschliessend in der Rehabilitation, weil ich ein neues Hüftgelenk brauchte.

Nicht nur Ihnen scheint das entgangen zu sein – auch von den anderen Imkern war hierzulande fast nichts zu hören, jedenfalls forderte niemand, inzwischen nachweislich gefährliche Pestizide zu verbieten. Gibt es denn keinen Austausch untereinander?
Doch, den gibt es schon. Man trifft sich regelmässig, bespricht Probleme und versucht sich gegenseitig zu helfen, auch wenn man nicht immer gleicher Meinung ist.

Was treibt die Imker in Ihrer Region derzeit um?
Hier gibt es einen starken Befall durch Faul- und durch Sauerbrut. Wir müssen regelmässig nachschauen, ob alles in Ordnung ist. Zur Kontrolle nimmt man die Brut auseinander, das ist aufwendig.

Und freut die Bienen wahrscheinlich auch nicht ...?
Ganz und gar nicht! Das wäre für uns wohl etwa so, wie wenn jemand Fremdes ins Schlafzimmer trampeln würde. Aber jetzt muss man das eben machen. Und im schlimmsten Fall muss man dann ein ganzes Volk abschwefeln, wie man dem sagt. Töten also. Und alles verbrennen, weil die Krankheit ansteckend ist.

Woher kommen diese Krankheiten?
Die gibt es schon ewig, sie sind nicht eingeschleppt wie die Varroamilbe. Ein gutes Stichwort. Die Bienenforscher am Forschungsinstitut Agroscope verweisen immer auf die Varroamilbe, wenn es ums Bienensterben geht. Die ist sicher schlimm. Aber wir persönlich konnten sie bisher im Griff behalten, durch die Behandlung mit ätherischen Ölen und mittlerweile durch Oxalsäure, die die Milben tötet. Für die Bienen ist diese Säure ungefährlich, und Rückstände hinterlässt sie auch nicht.

Ist denn die Varroamilbe tatsächlich verantwortlich für das Bienensterben?
Auf keinen Fall alleine! Wir kennen die Varroa schon seit Anfang der neunziger Jahre, und das Bienensterben war da noch kein Thema. Aber es heisst, wenn die Bienen von der Varroa verletzt sind, seien sie generell anfälliger. Wenn sie dann wegen der Monokultur fast nichts zu essen finden und auch noch mit Pestiziden in Kontakt kommen ...

Ist jemand wie Sie, der selber aus einer Bauernfamilie stammt und seit Jahrzehnten mit Bienen arbeitet, sauer auf die heutigen Bauern, die diese pestizidintensive Monokultur betreiben?
Nein, das sicher nicht. Aber es stimmt mich nachdenklich. Wenn die Bauern wie früher auch heute noch selber Bienen hätten, würden sie rücksichtsvoller mit ihren Pflanzenschutzmitteln umgehen.

Franz Stucki (68) hat schon als Kind von seinem Vater und seinem Grossvater 
das Imkerhandwerk gelernt. Er lebt mit seiner Frau in Roggwil BE.

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