Kuba in der Krise : Wenn ein System aus dem Gleichgewicht fällt

Nr. 21 –

Die Ölblockade der USA trifft Kuba hart. Noch hält sich das Regime, aber die Lebensgrundlage vieler Kubaner:innen bröckelt, der Unmut wächst. Eine Reportage aus der erschöpften Hauptstadt.

Tourist:innenstadt Trinidad
Die Tourist:innenstadt Trinidad an der Südküste Kubas am 7. Mai.  Magdalena Chodownik, Reuters

Carlos hat das «Sloppy Joe’s» als Treffpunkt vorgeschlagen, eine legendäre Bar im Zentrum Havannas. Einst war sie das Sinnbild des US-amerikanisch geprägten Nachtlebens Havannas, heute ist sie in Staatsbesitz und Teil der Nostalgievermarktung Kubas. Aber kein Gast ist da an diesem Nachmittag. Die Mahagonitheke ist verwaist, die Toilettenfrau liest ein Buch, aus den Lautsprechern klingt ein Bolero.

Carlos kommt etwas zu spät, er trägt Dreitagebart, kurze Hosen und Nike-Sneakers. Es sei schwierig gewesen, ein freies Triciclo zu erwischen, erzählt er, eine der Elektrorikschas, die mittlerweile überall umherfahren. Der 27-Jährige hat Soziologie studiert, nun bietet er Touren durch Havanna an, die «die Widersprüche Kubas» veranschaulichen sollen, dieser Insel, die sich jeder simplen Erzählung widersetzt. «Du bist der erste Gast seit vielen Tagen», sagt er. «Trump schreckt alle ab.»

Wegbleibende Tourist:innen

Carlos möchte nicht, dass sein voller Name veröffentlicht wird. Er werde kritisch über die Revolution sprechen, man wisse nie, wie das System darauf reagiere. Erst im Februar seien die Betreiber des Instagram-Kontos «El4tio» festgenommen worden. Sie hatten die Regierung kritisiert, der Staat wirft ihnen nun «Propaganda gegen die Verfassung» vor, es drohen bis zu neun Jahre Haft. «Alle sind angespannt», sagt Carlos.

Kuba steckt in seiner tiefsten Krise seit der Revolution von 1959. Ende Januar beschlossen die USA eine Ölblockade gegen die Insel, die zu grossflächigen Stromausfällen führt und die Kubaner:innen in ihrer Mobilität einschränkt. Die Universität von Havanna strich bereits im Februar alle Präsenzseminare, weil die Student:innen nur noch unter hohen Kosten zur Uni kommen können. Ein Liter Benzin kostet zurzeit umgerechnet zehn Franken. Nun gibt es erste Proteste gegen den Energiemangel, bei denen Hunderte Menschen nachts durch die dunklen Strassen ziehen und auf Blechtöpfe schlagen.

Unterdessen erlässt US-Präsident Donald Trump fast wöchentlich neue Sanktionen. Besonders gravierend ist die Einstufung Kubas als «Terrorsponsor» und «Bedrohung der nationalen Sicherheit» der USA, weil auf der Insel Abhörstationen Russlands und Chinas stehen sollen. Internationale Finanzgeschäfte mit Kuba sind nun so gut wie unmöglich geworden. Man merkt das daran, dass man seine Kreditkarte nicht nutzen kann und viele Apps nur per VPN-Umgehung funktionieren.

Zuletzt hat Washington starken Druck auf Länder ausgeübt, in denen kubanische Ärztemissionen tätig sind, für die Kubas Regierung Devisen kassiert. Die USA drohen auch allen Firmen, die mit kubanischen Staatsunternehmen oder der Gaesa-Holding kooperieren, hinter der Kubas Militär steckt. Das betrifft besonders Reisekonzerne, weil der Tourismus auf Kuba grösstenteils in Gaesa-Hand ist. Die grossen Reedereien Hapag-Lloyd und CMA CGM kündigten Mitte Mai an, Kuba nicht mehr anzulaufen.

Jetzt bleiben die Tourist:innen weg, abgeschreckt von Blackouts und Bildern von Abfall, der wegen des Dieselmangels nicht abgeholt wird. Kamen 2025 rund 1,8 Millionen Besucher:innen nach Kuba – es war bereits ein Rückgang um siebzig Prozent im Vergleich zu 2018 –, so dürften die Zahlen in diesem Jahr weit darunter liegen. Für die Insel ist das eine Katastrophe. «Der Tourismus ist Kubas wichtigste Devisenquelle und ein zentraler Motor der Wirtschaft», sagt Carlos. Er selbst spürt es daran, dass seine Touren kaum noch gebucht werden.

Gescheiterte Revolution

Das Ziel der US-Regierung ist klar: Kuba soll an den Rand des ökonomischen und sozialen Kollapses gebracht werden, damit das kommunistische Regime fällt – oder jemanden an die Spitze stellen, der auf das Weisse Haus hört. Kubas Präsident Miguel Díaz-Canel müsse abtreten, fordert man in Washington. Immer wieder treffen nun US-Unterhändler in Havanna ein, zuletzt CIA-Direktor John Ratcliffe, die sich mit Figuren aus Kubas Führungsriege treffen. Für Aufsehen sorgte auch, dass Kuba 300 Drohnen im Iran und in Russland gekauft hat – «zur legitimen Selbstverteidigung».

Die Kubaner:innen wirken in dieser Situation trotz vereinzelter Proteste gegen die Regierung vor allem erschöpft. Es zeigt sich, dass Trumps Blockade besonders die Schwachen trifft: Arme, Alte, Kinder und Kranke; Menschen ohne Geldsendungen aus dem Ausland, Provinzbewohner:innen. Und sie treibt Hunderttausende Kubaner:innen nach Übersee, vor allem die Jungen. Diejenigen also, die man für einen Wandel bräuchte.

Carlos ist geblieben. «Ich liebe mein Land», sagt er, aber es sei nicht einfach. Er hat gerade eine Hepatitis-A-Infektion hinter sich, lag mehrere Wochen flach. Den Bluttest im Spital musste er selbst bezahlen, der Laborantin gab er fünf US-Dollar. Das eigentlich für jeden kostenlose kubanische Gesundheitssystem sei schon lange nicht mehr, was es einmal gewesen sei, sagt Carlos. So sei es mit vielem auf Kuba. «Die Revolution ist nur noch ein Wort, eine leere Hülle. Für mich ist das System gescheitert.»

Apotheke in Havanna.
Anderswo im Land ist die Situation im Gesundheitssektor noch schlechter: Apotheke in Havanna.

Carlos stammt aus einer armen Familie, seine alleinerziehende Mutter arbeitete als Reinigungskraft. «Meine Mahlzeiten bestanden oft nur aus Brot und einem Glas Milch», erinnert er sich. Dass er dennoch die Uni besuchen konnte, sagt er, habe er auch der Revolution zu verdanken, weil sie Hochschulbildung für alle ermöglicht habe. «Aber ich weiss immer weniger, wofür ich studiert habe.»

Carlos führt in die historische Altstadt Havannas, einen Ort der Kontraste. Man betritt prächtige Plätze mit restaurierten Kirchen, schicken Cafés und Galerien; aber nur ein paar Meter weiter läuft man durch Strassen voller Löcher, gesäumt von halb verfallenen Häusern. Aus einer Tür heraus bietet ein Typ in gebrochenem Englisch seine Schwester zum schnellen Sex an.

Carlos stoppt vor einer staatlichen Bäckerei. Hier gibt es über die Bezugsscheine, die jede:r Kubaner:in erhält, einen Laib Brot für einen Peso – rund ein Siebtel eines Rappens. Aber die Regale sind leer, nur in einem Korb stehen noch ein paar Baguettes. Auch etwas weiter in einer «bodega», einem staatlichen Lebensmittelladen, ist das Angebot stark ausgedünnt. Dort erhält jede:r Kubaner:in eine Ration Reis, Bohnen und Zucker, zumeist importiert, etwa aus Brasilien. Aber Eier gibt es nicht mehr, weil die Produktion durch die US-Sanktionen eingebrochen ist.

Eier bekommt man dafür jetzt in privaten Lebensmittelläden. Diese entstanden ab 2021, als Kubas Regierung kleine und mittlere Unternehmen zuliess, die «mipymes». Sie importieren allerhand Lebensmittel und Konsumgüter, darunter auch Eier, ausgerechnet aus den USA. Aber die Preise in diesen Privatläden können sich nur Kubaner:innen mit hohem Privateinkommen oder direktem Zugang zu Devisen, etwa über Verwandte im Ausland, leisten. Deren Geldsendungen, die «remesas», machen Schätzungen zufolge zwanzig Prozent des kubanischen Bruttoinlandprodukts aus. Wer sie erhält, lebt in einer anderen Wirklichkeit.

Die ersten tiefergelegten BMWs

«Es ist chaotisch», sagt Carlos, «ein System ohne Gleichgewicht.» Es mangelt auf Kuba nicht an Nahrungsmitteln, auch wegen der vielen kleinen Marktstände von Bäuer:innen; es mangelt an Kaufkraft, weil der Peso gegenüber dem US-Dollar seit 2021 um neunzig Prozent eingebrochen ist. «Mehr als zwei Drittel der Kubaner arbeiten immer noch beim Staat, etwa in einem Spital», erklärt Carlos. Das Gehalt eines Arztes beträgt aber nur 6000 bis 8000 Pesos, das sind 11 bis 15 Dollar. «Hat man keine weiteren Einkommensquellen, ist man arm.»

Es scheint, dass auf Kuba etwas ins Rutschen geraten ist. Carlos deutet auf ein Paar, das im Müll nach etwas Verwertbarem sucht. Es gebe immer mehr Obdachlose, sagt er. Und auch die Zahl der alten Menschen, die in einer Kirche kostenlos zu Mittag essen, ist stark gestiegen. «Ich höre sieben Tage lang nur Geschichten der Verzweiflung», sagt der Pfarrer einer Gemeinde im Zentrum Havannas.

Strassenszene in Havanna.
Der Diesel fehlt, der Abfall bleibt liegen: Strassenszene in Havanna.

Etwas die Strasse hinunter werden wir von einem Mann in eine Grundschule gewunken. Er sei der Schuldirektor, sagt er, verantwortlich für rund 300 Kinder. Im Flur hängen Fotos von Fidel Castro, man liest revolutionäre Sprüche: «Vaterland oder Tod. Wir werden siegen!» Darunter spielen Kinder in ihren rot-weissen Schuluniformen. Der Direktor kommt auf den Punkt: Er brauche Geld für das Schulessen, ob man nicht helfen könne. Als man 500 Peso zückt, knapp einen Dollar, bedankt er sich überschwänglich. Beim Verlassen der Schule sagt Carlos: «Das Geld steckt er in die eigene Tasche.»

Kuba, die sozialistische Insel, die einst stolz war auf ihre relativ egalitäre Gesellschaft, wird immer ungleicher, ungerechter, härter. Denn während die einen im Abfall wühlen, dröhnen im Villenviertel Miramar schon die ersten tiefergelegten BMWs die Küstenstrasse entlang. Darin darf man Inhaber einer Importfirma vermuten oder die Söhne und Töchter hoher Militärs.

Nagende Ungewissheit

Es sind diese aus der Balance geratenen Verhältnisse, die Carlos verzweifeln lassen. «Alle meine Kommilitonen sind im Ausland», sagt er. Sie gehören zu den mehr als einer Million Kubaner:innen, die seit 2021 die Insel verlassen haben. Jetzt fehlt die Generation der Zwanzig- bis Vierzigjährigen. Es sind nicht nur die Produktivsten der Gesellschaft, sondern auch die Reproduktivsten: diejenigen, die Kinder bekommen.

Später wird ein Gesprächspartner aus dem Gesundheitssektor erzählen, dass die einzige Altersgruppe, in der die Geburtenrate noch steige, die der Teenager sei – «sie können sich keine Kondome leisten». Und dass er eine dramatischere Situation noch nicht erlebt habe. Er bittet ebenfalls um Anonymität, als er aufzählt, was alles in den Hospitälern fehle: Medikamente, Tests, OP-Instrumente, Ultraschallgeräte, Anästhetika. Er schildert Szenen, wie Ärztinnen verzweifelt vor Patienten stünden, weil sie keine Diagnosemöglichkeiten hätten. Krankheiten würden zu spät erkannt, Krebs oft erst im Endstadium, viele Operationen würden aufgeschoben. Dabei sei die Situation in Havanna im Vergleich zum Rest des Landes noch gut.

Besonders alarmiert ist er über das Ende der niedrigen Kindersterblichkeit, einst der Stolz der kubanischen Revolution. Sie sei von fast null auf mehr als neun pro 100 000 Kinder gestiegen. «Bei manchen Geschichten», sagt er, «will man einfach nur heulen.»

«Wir, die in Kuba geblieben sind, warten ab», sagt Carlos. Er verspüre vor allem Ungewissheit – «incertidumbre». Es ist ein Wort, das man häufig hört. Sie nagt an den Menschen. «Es ist ja unvermeidlich, dass sich etwas ändern muss», sagt er. Nur was? Wie viele Kubaner:innen lehnt Carlos Donald Trump ab, «diesen Angeber». Aber Kubas Regierung unter Präsident Miguel Díaz-Canel vertraut er auch nicht. «Natürlich hat das US-Embargo die Situation verschlimmert», sagt Carlos. «Aber es liefert der Regierung auch die Ausrede für die eigenen Fehler.» Er meint die Misswirtschaft, die Korruption, die fehlende Flexibilität, den Unwillen, Macht abzugeben und der Bevölkerung Mitsprache einzuräumen.

Als Paradebeispiel nennt Carlos den Torre K, den K-Turm. Gemeint ist ein Hotelneubau in Havannas Stadtteil Vedado. 154 Meter hoch ist der verglaste Kasten und damit das höchste Gebäude Kubas. 600 Zimmer und Suiten sind darin, und ganz oben thront eine Dachterrasse, für die der Volksmund schon einen Namen gefunden hat: Aussichtspunkt des Elends.

Finanziert mit Kapital des Gaesa-Konglomerats, war der K-Turm eine Wette auf den Tourist:innenboom, der erwartet wurde, als US-Präsident Barack Obama 2014 die Normalisierung der Beziehungen zu Kuba verkündete. Millionen von Tourist:innen strömten damals auf die Insel und brachten Devisen mit. Die Kubaner:innen eröffneten private Restaurants und Unterkünfte, renovierten ihre Häuser, es gab Jobs, und vor allem gab es Hoffnung. Die kurze Periode zeigte, was auf Kuba ohne den Würgegriff der USA möglich wäre.

Bäckerei in Kuba
Ein Brot für einen Siebtel Rappen: Über Bezugsscheine können die Kubaner:innen
einen Laib kaufen – falls es denn welche gibt.

Dann erstickte Donald Trump den Wandel im Keim. Die Wette war verloren. Dennoch wurde der K-Turm für mehrere Hundert Millionen US-Dollar gebaut und 2025 vom spanischen Iberostar-Konzern in Betrieb genommen. Nun ist er wegen des Strommangels geschlossen und ragt nachts als dunkles Wahrzeichen der Krise in den lichtlosen Himmel.

«Doch damit nicht genug», sagt Carlos, «es wurden Dutzende weitere Hotels gebaut, aber in unsere Kraftwerke und Krankenhäuser wurde nichts investiert.» Es ist eine Klage, die man häufig hört. Gerade weil hinter vielen Hotels die undurchsichtige Gaesa-Militärholding steht, die über Vermögenswerte in Höhe von fast achtzehn Milliarden Dollar verfügen soll – so hat es der «Miami Herald» aus zugespielten Unterlagen errechnet. Die Gaesa wird häufig als Staat im Staat beschrieben. «Es gibt nicht nur die Blockade durch die USA», sagt Carlos. «Es gibt auch die Selbstblockade Kubas.»

Aus familiären Gründen wäre es nicht verwunderlich, wenn Carlos – er erwähnt das erst ganz am Ende – ein Anhänger des Systems wäre. «Mein Grossvater war ein ‹Märtyrer der Revolution›.» Er wurde 1976 getötet, als Exilkubaner ein kubanisches Passagierflugzeug per Bombe zum Absturz brachten. Alle 73 Menschen an Bord starben, Carlos’ Opa war als Sicherheitsoffizier auf dem Flug.

Aber Carlos will sich das Denken nicht vorschreiben lassen. «An der Uni haben sie mir das Erkennen von Widersprüchen beigebracht. Also wende ich es an.»

Kinderbücher und Workshops

Am nächsten Morgen bestellt man sich per kubanischer Taxi-App einen Elektroroller. Bei der Fahrt durch Havanna fällt auf, wie sich die Stadt durch den Treibstoffmangel in einen idyllisch ruhigen Ort ohne Verkehrslärm und Abgase verwandelt hat. Immer mehr Elektrofahrzeuge – Autos, Roller, Rikschas – surren vorüber.

Der Fahrer, 33 Jahre alt und Geschichtswissenschaftler, erzählt, wie er sich vor kurzem den chinesischen Roller gekauft habe. «Die 2000 US-Dollar waren das beste Investment meines Lebens», sagt er. Mit den per App vermittelten Fahrten verdiene er zwischen zwölf und fünfzehn Dollar pro Tag, das Monatsgehalt seiner alten Professoren. Das Aufladen der Batterie koste ihn nichts, weil der Strom auf Kuba subventioniert sei. «Ich gehöre zu den Gewinnern», sagt er.

Nach zwanzig Minuten erreicht man eine graue Plattenbausiedlung. In einem der Wohnblocks wohnt Marthadela Tamayo, die erst nach mehrfachem Klopfen die Tür zu ihrer kleinen Wohnung öffnet. Sie habe kaum ein Auge zugemacht, entschuldigt sie sich, weil in der Nacht der Strom ausgefallen sei. Weder der Ventilator noch die Wasserpumpe hätten funktioniert, es sei unerträglich heiss gewesen.

Die 42-jährige Tamayo ist die Gründerin des Bürgerkomitees für ethnische Integration (CIR). «Wir fordern eine antirassistische, feministische und partizipative Politik», erklärt sie. Weil das dem Regime nicht passt, dürfen sie und ihr Mann, ein Schwarzer Musiker, Havanna seit 2018 nicht mehr verlassen. «Manchmal stehen wir unter Hausarrest, dann parkiert ein Wagen des Innenministeriums vor der Tür.»

Tamayo, die 2024 den deutsch-französischen Menschenrechtspreis erhielt, ist ein Beispiel dafür, was mit Kubas Revolution falsch läuft. Die sympathische und energische Frau aus der östlichen Stadt Holguín wurde regelrecht in die Opposition getrieben. «Das Regime ist unfähig, sich zu öffnen, weil die alten Herren Angst davor haben, die Kontrolle zu verlieren», sagt Tamayo.

Als junge Frau studierte sie Pädagogik und unterschrieb Anfang der nuller Jahre einen Aufruf des Varela-Projekts, einer bedeutenden Oppositionsinitiative. Sie forderte Meinungsfreiheit und die Freilassung politischer Gefangener. «Mich störte die Uniformität des Denkens», sagt Tamayo beim ersten Kaffee. «Ich war jung und rebellierte.»

Sie begann als Lehrerin zu arbeiten, doch nachdem sie einen Sohn zur Welt gebracht hatte, liess man sie nicht wieder an ihre Schule. Sie erhielt Berufsverbot, weil ihr Denken «nicht im Einklang mit den Ideen der Revolution» stehe, wie es hiess. Fortan hütete sie Schweine und verkaufte Kaffee aus dem Fenster ihres Hauses. «Manche Nachbarn unterstützten mich, andere hatten Angst, zu mir zu kommen.»

Tamayo begann dann, zu Hause kleine Gesprächskreise zu organisieren. Es ging um die Situation von Frauen und Schwarzen Kubaner:innen sowie die Möglichkeit von Wahlen. Tamayo wurde bekannter, sie wurde zu Workshops liberal-konservativer Organisationen in Peru und Spanien eingeladen. Schliesslich reiste sie in die USA als Gast des National Democratic Institute, einer von der US-Regierung finanzierten Organisation. Damit machte sie sich angreifbar, weil die kubanische Regierung solche Kontakte nutzt, um Dissident:innen als «US-Söldner» zu brandmarken. Tamayo wurde als «Wurm» bezeichnet, und man legte ihr nahe, ins Exil zu gehen. Sie lehnte ab.

Ihre Wohnung ist nun zugleich Aktivist:innenbüro und Tonstudio. Sie schreibt Beiträge für Bücher, nimmt Podcasts auf und organisiert mit ihrem Mann Kulturveranstaltungen für Kinder an Havannas Peripherie. Dort verteilen sie Kinderbücher, etwa «Der kleine Prinz». «Wir machen Basisarbeit», sagt Tamayo. «Dieser Staat muss sich endlich für seine Bürger:innen öffnen. Wir wollen ja auch nicht, dass Trump kommt», sagt sie. «Wir wollen einen friedlichen Wandel.»

Gut gelaunt an der Uferpromenade

Gegen Trump sind auch die ermüdeten Demonstrant:innen, die am nächsten Morgen gegen 7 Uhr von Havannas Malecón abziehen. Es ist der 1. Mai, der Tag der Arbeit, und Kubas Regierung hat zu einer Kundgebung vor der US-Botschaft aufgerufen. Schon um 5 Uhr ging es los, nun können viele nicht mehr und laufen zurück zu den Bussen, mit denen sie aus den Vororten gebracht wurden.

Offizielle 1.-Mai-Kundgebung am Malecón.
«Das Vaterland wird verteidigt!»: Offizielle 1.-Mai-Kundgebung am Malecón.

Aber am Malecón stehen immer noch Zehntausende: staatliche Betriebsgruppen, viele Soldat:innen, Sportteams, Musikkapellen, Solidaritätsbrigaden aus der ganzen Welt. Zwei Männer halten Schilder mit Kalaschnikows hoch, auf Plakaten steht: «Das Vaterland wird verteidigt!» Auch wenn einige aus sozialem Druck hier zu sein scheinen, so doch längst nicht alle. Es wird deutlich, dass ein nicht geringer Teil der Kubaner:innen hinter der Revolution steht – trotz der Krise.

«Niemand hier wurde gezwungen, das ist Propaganda», sagen zwei gut gelaunte Frauen, die im Sportministerium arbeiten. Wie viele hier sind sie ganz in Blau, Weiss und Rot gekleidet, den Nationalfarben Kubas. «Wir wollen zeigen, dass wir unser Land unterstützen.» Kuba sei friedliebend und souverän, betonen sie. Auf die derzeitige Krise angesprochen, geben sie zu, dass nicht alles perfekt sei, «aber wenn Trump kommt, dann wehren wir uns». ●