Kuba : Schlangestehen in der Care-Ökonomie

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Der Coronakollaps ist erst mal abgewendet, und der Staat versucht, die Wirtschaft mit Reformen zu aktivieren. Nach einem Sommer des Aufruhrs ist wieder Ruhe eingekehrt – nicht zuletzt dank verblüffender Erfolge bei der Impfstoffentwicklung.

Und Fidel schaut zu: In einem Impfzentrum in Havanna im Mai 2021. Foto: Yamil Lage, Keystone

Die Extreme des spätsozialistischen Kuba manifestieren sich bereits am ersten Morgen nach der Ankunft im Dezember. Überall Ansammlungen von Menschen, die auf Brot, Hühnchen oder Waschmittel warten. Dafür aber funktioniert das Gesundheitssystem: Noch am Vormittag kommt die Nachbarschaftsärztin vorbei, um sich vorzustellen. In Kuba fehlt es an Medikamenten, doch die Betreuung durch medizinisches Fachpersonal sucht ihresgleichen.

Der Gegensatz von Mangel und engmaschiger Sozialversorgung hat auch Kubas Weg durch die Pandemie geprägt. Nach dem Auftauchen der ersten Covid-Fälle verfolgte der Karibikstaat zunächst eine resolute No-Covid-Strategie: Schulen, Kinos und Restaurants waren seit Frühjahr 2020 geschlossen, auf die Strasse ging die Mehrheit der Kubaner:innen nur, um sich Lebensmittel zu besorgen. So liessen sich die Inzidenzen ein Jahr lang auf sehr niedrigem Niveau halten, doch weil schliesslich auch der Staat fast pleite war, wurden die Quarantäneregeln gelockert und russische Reisegruppen ins Land gelassen. In der Folge kam es zu einer Coronawelle mit bis zu 10 000 Infektionen täglich. Die Kombination aus Unterversorgung, strengem Lockdown und überfüllten Krankenhäusern erwies sich als toxisch – im Juli erschütterten Unruhen das Land.

Eine eigentliche Impfsensation

Inzwischen stellt sich die Lage fast schon wieder idyllisch dar, die Sieben-Tage-Inzidenz liegt Mitte Januar trotz Öffnung bei 200, zuletzt starben im ganzen Land nur noch etwa drei Personen pro Woche an Covid. Zu verdanken hat Kuba diese spektakuläre Entwicklung – ausgerechnet – dem viel gescholtenen Staatssektor. Gleich fünf eigenständige Vakzine, die sich vor der internationalen Konkurrenz nicht verstecken müssen, haben die staatlichen Pharmaunternehmen entwickelt. Abdala, ein sogenannter Konjugatimpfstoff, bietet mit einer Wirksamkeit von 92 Prozent einen ähnlich guten Schutz wie die bekannten mRNA-Vakzine, muss im Gegensatz zu diesen aber nicht aufwendig gekühlt werden. Soberana Plus kann Kindern ab zwei Jahren verimpft werden, und Mambisa schliesslich, das gerade in Studien erprobt wird, wird als Nasenspray verabreicht.

Entsprechend gut gelaunt zeigt sich der Biophysiker Rolando Pérez vom staatlichen Unternehmen Bio Cuba Farma. Auf die Frage, warum Kuba trotz ungewisser Erfolgsaussichten auf eigene Vakzine gesetzt habe, antwortet der schnauzbärtige 72-Jährige mit einem Verweis auf die globalen Machtverhältnisse: «Uns war klar, dass die Impfstoffe am Anfang knapp und wir nicht die Ersten sein würden, die beliefert werden», so Pérez. «Ausserdem besitzen wir grosse Erfahrung mit der Entwicklung von Vakzinen. Wir wussten, dass wir das schaffen können.» Um die Gefahr des Scheiterns zu minimieren, habe man parallel an mehreren Projekten gearbeitet.

Das Ergebnis ist nichts weniger als eine Sensation: Die sozialistische Mangelökonomie Kuba, die an der Produktion von Zahnbürsten scheitert, hat mehr funktionierende Impfstoffe entwickelt als die reichen Volkswirtschaften der EU zusammen – und das unter den Bedingungen des US-Embargos. «Selbst einfache Reagenzgläser zu beschaffen, war kompliziert», sagt Pérez. «Die waren wegen der Pandemie sowieso knapp, dazu kam dann auch noch das Problem, wie wir sie bezahlen und hierherbringen.» Tatsächlich verwandeln die US-Sanktionen jedes Importgeschäft in eine komplizierte Logistikoperation: Internationale Banken dürfen keine Zahlungen mit Kuba abwickeln, Schiffe sechs Monate lang keinen US-Hafen ansteuern, nachdem sie in einem kubanischen waren. Dadurch wird jeder Fertigungsprozess extrem erschwert und sogar medizinische Hilfe blockiert. Unlängst hat die niederländische Bank ING sogar Spendengelder zurückgehalten, die an eine Delegation der Progressiven Internationale gerichtet waren: Die Organisation möchte dazu beitragen, die kubanischen Impfstoffe für die Länder des Globalen Südens zugänglich zu machen.

Doch die Situation hat, so Pérez, eben auch Vorteile. «Wenn die Pandemie etwas gezeigt hat, dann dass gesellschaftliche Faktoren genauso wichtig sind wie technische oder biologische», erzählt der Biophysiker. «Kuba hat viel weniger Mittel als die Industrieländer, aber das Prinzip der sozialen Gleichheit ist für eine funktionierende Gesundheitspolitik eben auch wichtig.» Es schaffe nämlich die Voraussetzungen dafür, dass eine Gesellschaft Pandemiebekämpfung als gemeinsames Anliegen begreifen könne. Anders als etwa in der Schweiz oder Deutschland hat auf Kuba die Bevölkerung bei der Impfkampagne aktiv mitgezogen. Obwohl keine Impfpflicht besteht, haben sich 86 Prozent vollständig immunisieren lassen.

Anstehen über Nacht

Der Kollaps des Systems, der zum Höhepunkt der Pandemie im vergangenen Sommer in der Luft lag, ist dank des Impferfolgs also erst einmal abgewendet. Doch die ökonomische Krise schwelt weiter. Der Tourismus, mit normalerweise drei Milliarden US-Dollar jährlich Kubas wichtigste Devisenquelle, ist weit von seinem Normalniveau entfernt, und dem Land fehlen die Fremdwährungsreserven.

Vor diesem Hintergrund hat die Regierung von Präsident Miguel Díaz-Canel versucht, die einheimische Wirtschaft durch Reformen anzukurbeln: Nach Jahrzehnten zentralistischer Kommandowirtschaft setzt sie nun auf individuelle und genossenschaftliche Eigeninitiative. Mehr als 200 Berufe sind für kleine und mittlere Unternehmen freigegeben. Im Strassenbild ist das unübersehbar: Überall haben kleine Garagengeschäfte geöffnet, die Secondhandkleider, Gemüse oder Ersatzteile verkaufen. Havanna wirkt wie ein Flohmarkt – doch für viele Kubaner:innen bedeutet diese Öffnung auch eine enorme Belastung.

Mayra Tamayo ist Mitte vierzig und arbeitet für eine pensionierte Anwältin, die mehrere Zimmer ihrer Wohnung an Tourist:innen vermietet. Weil die seit 2020 ausgeblieben sind, hat Tamayo vor allem den Haushalt für ihre Chefin organisiert. Und das bedeutete: Schlange stehen. «Für Huhn haben wir manchmal die ganze Nacht angestanden. Man geht abends hin und versteckt sich, wenn die Polizei vorbeifährt. Man soll nachts nicht Schlange stehen», so Tamayo. «Wenn man Glück hat, bekommt man dann am nächsten Tag das Ticket. Mit dem musst du zu einem festen Termin noch mal zur Ausgabestelle.» Die Nächte auf der Strasse haben ihr ein Nierenleiden beschert.

Im Rahmen der Wirtschaftsreformen wollte die Regierung dieses Jahr eigentlich die Libreta abschaffen, das staatliche System der Lebensmittelzuteilung, über das Kubaner:innen monatlich sieben Pfund Reis, einige Pfund Zucker, eine Handvoll Eier, einen Viertelliter Speiseöl, Seife und ein kleines Stück Fleisch beziehen. Das Rationierungssystem hat einen schlechten Ruf, ist bürokratisch und kostet viel Geld. In der aktuellen Lage zeigt sich aber, dass es für viele unverzichtbar ist. Wer keine Verwandten im Ausland hat, die helfen können, benötigt die staatliche Zuteilung. Die Libreta wirkt letztlich wie ein bedingungsloses Grundeinkommen – hat allerdings auch dasselbe Problem: Es garantiert ein Lebensminimum, subventioniert zugleich aber auch jene, die die Unterstützung gar nicht brauchen.

«Noch schlimmer als das Schlangestehen ist die Inflation», ergänzt Mayra Tamayo. Sie verdiene 2400 Pesos im Monat, das entspricht real etwas mehr als 30 Franken. «Seit den Reformen sind die Preise explodiert. Ein Pfund Tomaten kostet 40   Pesos, ein Mittagessen 300», sagt Tamayo. «Wer soll sich das leisten können?» Die wirtschaftliche Lage der Kubaner:innen scheint widersprüchlich: Neben Gesundheit und Bildung ist auch das Wohnen fast kostenlos – 85 Prozent der Bevölkerung sind Eigentümer:innen der eigenen vier Wände. Dafür sind Kleider, Schuhe und eben auch bestimmte Lebensmittel für viele unerschwinglich. Durch die Freigabe von Preisen wollte die Regierung die einheimische Produktion ankurbeln, und tatsächlich füllen sich Bäuer:innenmärkte und Geschäfte, weil Produzent:innen und insbesondere Zwischenhändler:innen jetzt selbstständig Geld verdienen können. Aber gleichzeitig haben die Massnahmen eben auch eine rasante Inflation ausgelöst. «Die Situation macht mich fertig», sagt Tamayo erschöpft. «Ich kann nicht mehr.»

Die weitverbreitete Verzweiflung war denn wohl auch der entscheidende Grund für die Unruhen im Juli 2021. Kubanische Medien führten die Proteste damals auf eine US-gesteuerte Kampagne zurück, westliche Medien sprachen von einem Aufstand gegen politische Unterdrückung. Beides scheint nicht besonders überzeugend. Einerseits ist die Unzufriedenheit nicht zu übersehen, und manche Protestierende wurden zu skandalösen Haftstrafen verurteilt – einige Angeklagte sollen für mehr als zwanzig Jahre ins Gefängnis. Zugleich ist der kubanische Alltag aber viel weniger repressiv, als man vermuten könnte. Polizei und Armee sind auf der Strasse viel seltener zu sehen als in anderen lateinamerikanischen Ländern, und es gibt durchaus eine politische Öffentlichkeit. Seit der Einführung des 4G-Mobilfunknetzes 2018 haben Kubaner:innen uneingeschränkt Zugang zum Internet.

Kubas Probleme haben vor diesem Hintergrund vermutlich weniger mit der politischen als vielmehr mit der ökonomischen Lage zu tun. Und beim Besuch einiger Landwirtschaftsbetriebe in der Provinz Mayabeque, die sich östlich und südlich von Havanna ausbreitet, wird schnell deutlich, welche Probleme das sind. Die Staatsunternehmen, die der Verband zur Förderung der Viehwirtschaft (Asociación Cubana de Producción Animal, ACPA) in der Region fördert, gelten eigentlich als Vorzeigeunternehmen; hier werden Mozzarella und Rindfleisch produziert, beides Produkte, die in Kuba sehr gefragt und nur unter der Hand zu haben sind. Die Leitungen von Zuchtbetrieben und Produktionseinheiten treten sehr motiviert auf, doch trotz guter Stimmung lässt sich nicht übersehen, dass in den Betrieben Leerlauf herrscht. Die für die Käseproduktion zuständige Einheit beispielsweise stellt mit mehreren Hundert Angestellten nicht viel mehr her als ein europäischer Familienbetrieb.

Bescheidene Produktion

Der Eindruck bestätigt sich auch bei weiteren Produktionsanlagen. An den Treffen mit den ACPA-Technikern nehmen jeweils bis zu zwanzig Arbeiter:innen teil, überall ist Zeit für eine Unterhaltung. Die Betriebe verfügen teilweise über eine beeindruckende Infrastruktur, über Solaranlagen und gut ausgestattete Kantinen für die Mitarbeitenden. Die Produktion ist jedoch bescheiden: Die Viehherden sind klein, die Schlachthöfe und Käsereien wenig ausgelastet, ein Grossteil der Nutzflächen liegt brach. Seit in den Neunzigern der Zuckeranbau einbrach, wird gemäss Schätzungen die Hälfte der landwirtschaftlichen Flächen in Kuba nicht mehr bestellt.

Nelson Norberto González, Leiter der ACPA-Sektion Mayabeque, ist dennoch guter Dinge. «Wir merken überall, dass es vorangeht. Hier», er zeigt auf leere Ställe am Strassenrand, «wird in einigen Wochen eine grosse Kaninchenzucht entstehen.» Auf dem Schlachthof, durch den er zuvor geführt hat, werde dann vor allem Kleinvieh verarbeitet werden. «Das wird funktionieren, weil die Bauern jetzt ein gutes Einkommen erzielen können.»

Die Reformen erinnern an die Politik des sozialistischen Jugoslawien in den sechziger Jahren. Staatliche Betriebe sollen Gemeineigentum bleiben, aber autonom darüber entscheiden können, was sie produzieren, und ihre Gewinne einbehalten. Zudem werden die Arbeiter:innen dazu angehalten, auch eigenständig Brachflächen zu bebauen. Man strebe an, so erläutert der Direktor eines Zuchtbetriebs, den Leuten ein Gehalt von 10 000 Pesos im Monat auszahlen zu können. Nur etwa 140 Franken, aber immerhin doppelt so viel, wie Akademiker:innen verdienen.

«Das ist auch völlig richtig so», meint Nelson Norberto González. «Wer produktiv ist, muss etwas davon haben. Er tut ja auch etwas Wichtiges für das Land.» Auf die Erwiderung, ob die Reformen nicht auch problematisch seien, weil sie die Ungleichheit zementierten, weicht González aus. Wie die meisten Kubaner:innen äussert er sich ungern zu Problemen, die direkt mit dem Handeln der Regierung zusammenhängen. «Es ist wichtig, dass die Versorgung besser wird», sagt González aber, «und die Reformen eröffnen hier ganz neue Möglichkeiten.»

Auch das ist letztlich sehr speziell: Zwar öffnet das sozialistische Kuba seine Wirtschaft. Im Augenblick aber eher für kleinunternehmerische Initiativen und nicht etwa für Weltmarktkonzerne.