Sonny Rollins (1930–2026) : Der Brückenspieler
Auf der Bühne ging er beim Spielen hin und her, seine Musik schien nie ganz angekommen zu sein. Das sah zumindest er selbst so, der noch vor wenigen Jahren in einem Podcast sagte: Man müsse sich als Jazzmusiker damit abfinden, dass nicht jeder Miles Davis oder John Coltrane sein kann. Irre, gilt der Tenorsaxofonist Sonny Rollins doch selbst als einer der grössten Jazzer des goldenen modernen Zeitalters um die vergangene Jahrhundertmitte und darüber hinaus. Und nun ist er der Letzte von ihnen, der gegangen ist, im Alter von 95 Jahren.
Die Spannung des Nichtankommens ist dem Sohn karibischer Eltern von den Virgin Islands zeitlebens anzumerken, in der Musik wie im Leben. Als Knirps läuft er mit der Grossmutter durch Harlem, um gegen Rassismus zu protestieren, mit 20 kommt er wegen Raub in den Knast, da ist er schon Profimusiker. Mit 26 macht ihn sein Album «Saxophone Colossus» (1956) zum Jazzstar, die Nummer «St. Thomas» ist bereits ein Hit: eine Art Jazz-Calypso, der die Rhythmen seiner Roots aufgreift. Rollins weiss, woher er kommt, aber er weiss auch, dass man als Musiker nicht wissen kann, wohin man geht. Ende der Fünfziger kappt er die Telefonleitung seiner Wohnung in New York, schreibt seiner Frau jeden Tag einen Brief und übt fast zwei Jahre lang auf der Williamsburg Bridge.
Es ist die Zeit, als der Jazz aufbricht. Bei seiner Rückkehr, so denken alle, wird Rollins das «new thing» mitbringen. Aber er ist einfach abermals ein besserer Musiker geworden: Sein Ton kommt nun gegen Schiffshörner an, er kann auch in hohen Tempi nachvollziehbare Dinge spielen, er trainiert und rührt schon lange keine Drogen mehr an. Ob er mit dem harmonisch ausgefuchsten Gitarristen Jim Hall spielt oder mit dem angeschlagenen Revolutionär, dem Trompeter Don Cherry: Er sucht neue Territorien, behält die Tradition aber stets im Blick. Denn es gibt auch beim Neuen immer noch etwas vom Alten zu lernen. ●