Die Lernwerkstatt

Das Hakenkreuz unter dem Tisch

Wieso junge Männer immer rechter werden – und was man dagegen tun kann.

Foto eines verkritzelten Plakats in Zürich
Geschichtsunterricht wäre so wichtig: Verkritzeltes Plakat in Zürich. 

Eine Klingel übertönt die lauten Stimmen der Jugendlichen auf dem Gang, die nun in ein Klassenzimmer stürmen. Die Lehrperson steht vor der Leinwand. Es geht heute um den Holocaust. Geschichtsunterricht. Auf die Unterseite eines Tischs ist ein Hakenkreuz gezeichnet.

Solche und ähnliche Vorfälle sind an Zürcher Schulen keine Seltenheit mehr. 23 antisemitische Vorfälle an Zürcher Schulen sind der Zürcher Anlaufstelle für Rassismus und Radikalisierung seit März 2023 gemeldet worden. Laut einer Sotomo-Studie hat der Anteil junger Männer, die sich als rechts bezeichnen, seit 2010 deutlich zugenommen: von 29 auf 43 Prozent.

Rechte Ideologie als Schild

Toxische Männlichkeitsbilder und konservative Geschlechterrollen finden grossen Anklang in den Sozialen Medien. «Solche Männlichkeitsbilder erscheinen wie eine einfache Antwort auf globale Probleme. Damit kann man gut Leute abholen», sagt Natalia Widla, Journalistin und Autorin, die sich schon lange mit patriarchaler Gewalt beschäftigt.

Im Schulalltag zeigt sich der Einfluss rechtskonservativer Ideologien etwa durch beifällige abwertende Kommentare oder diskriminierende Aussagen, die als Witze getarnt werden.

Solche «Witze» verharmlosen ein ernstzunehmendes Problem, unüberlegte Bemerkungen senken die Hemmschwelle dafür, was in der Gesellschaft noch toleriert wird. In den Sozialen Medien scheint das Bild des angeblich unterdrückten weissen cis-hetero-Mannes immer mehr Verbreitung zu finden.

Doch ist das Phänomen der rechten Jugend tatsächlich neu? «In der Schweiz besteht seit Jahrzehnten eine rechtsextreme Szene», sagt der Historiker Damir Skenderovic, der sich auf Rechtsextremismus spezialisiert hat. Bereits in den 1980er Jahren habe es eine rechtsextreme Kultur speziell unter Jugendlichen gegeben. Dazumals seien es die Skinheads gewesen. Und die Gewaltbereitschaft war und ist ein signifikantes Merkmal der Szene. 

Wobei die rechtsextremen Gewaltwellen im Zürich der 1990er Jahre heute weitgehend vergessen worden seien, so der Historiker. «Tatsächlich bezeugen wissenschaftliche Untersuchungen, dass es zu dieser Zeit in der Schweiz proportional zur Bevölkerung mehr rechtsextrem und rassistisch motivierte Morde gab als in Deutschland.»

Ein Besserungsansatz

Was tun, nachdem das Hakenkreuz im Geschichtsklassenzimmer einmal weggewischt wurde? Herkömmliche Präventionsmassnahmen hätten in der Schule nur noch wenig positive Auswirkung, sagt Natalia Widla. Trotzdem sei es wichtig, den Diskurs mit den Jugendlichen zu suchen. Die Medienkompetenz sei generell zu schärfen. «Unterscheiden zu können zwischen Lüge und Wahrheit, war noch nie so wichtig wie heute.»

Die Sozialen Medien sind dabei ein entscheidender Faktor. Damir Skenderovic: «In der Schweiz sind rassistische Äusserungen verboten. Vergehen in den Sozialen Medien werden jedoch kaum geahndet.» Es bräuchte deshalb, so Skenderovic, stärkere gesetzliche Einschränkungen. Denn die Realität, die in den Sozialen Medien gezeigt wird, habe auch auf die reale Welt Einfluss.

Gleichzeitig ändert sich der Umgangston in der Politik. Die offene Beleidigung von Gegner:innen, Falschaussagen und anderes Drama häufen sich: Der Umgangston wird immer rauher. Obwohl Politiker:innen, findet Skenderovic, eigentlich eine Vorbildfunktion einnehmen müssten.

Medien behandeln Links- und Rechtsextremismus oftmals gleich. Auf der Webseite «gegen-Radikalisierung» etwa werden Statistiken sowohl zu linkem als auch zu rechtem Extremismus genannt. Auf die grundlegenden Unterschiede der Ideologien geht die Seite nicht ein. Natalia Widla kritisiert das: «Linkextremismus richtet sich meistens gegen staatliche Institutionen wie die Polizei, während beim Rechtsextremismus bestimmte Personengruppen die Zielscheibe sind.» 

Das Propagieren der Hufeisentheorie ist eine Taktik der Mächtigen, um die Bevölkerung von linken Ideen abzuschrecken.

Was heisst schon «Nazi»?

An einer Hauswand in der Nähe des Zürcher Milchbucks haben Aktivist:innen ein hellblaues Plakat hingekleistert. Es ruft zu einer antifaschistischen Demonstration auf. «Alle Kommunisten sind Nazis», hat jemand auf das Plakat gekritzelt.

«Gerade in der heutigen Zeit, wo Geschichte so wichtig ist, will man lieber den Geschichtsunterricht herunterfahren, um Mint- und Wirtschaftsfächern Platz zu machen», sagt Damir Skenderovic im Hinblick auf die grosse Lehrplanreform «Lehrplan21». «Wir Historiker:innen kämpfen aktiv dagegen.» 

Eher brauche es eine Anpassung der Themen, die im Geschichtsunterricht behandelt werden: «Früher war man im Privatleben bis zu einem gewissem Alter noch nicht mit Faschismus und Nationalsozialismus konfrontiert», sagt der Historiker. «Heutzutage begegnet man ihnen im Internet und in den Sozialen Medien schon mit 12 oder sogar mit 10.»

Wichtig ist aber auch die andere Seite der Schweizer Geschichte. Wo die Rechte sich erhebt, gibt es und wird es immer Widerstand geben. Nun liegt das an uns: Wir als neue Generation, als Gesellschaft der Zukunft, haben es in der Hand, das Schicksal der Welt umzudrehen und uns zu wehren. Durch Zivilcourage wie auch Aktivismus, jede:r nach den eigenen Fähigkeiten. Ungeheuer ist viel, doch der Mensch muss nicht ungeheurer sein.