Die Lernwerkstatt

Der Handtaschenultraschall

Ein neues, mobiles Gerät soll die Brustkrebsbekämpfung revolutionieren. Die ersten Studien sind vielversprechend.

Im Café, in dem wir uns mit Lisa Falco treffen, gehen beschäftigte Leute ein und aus, ein Stimmengewirr erfüllt den Raum. Falco hat ein kleines, schwarzes Ding mitgebracht. Es ist ein Ultraschallgerät, das über ein Kabel mit einem Handy verbunden werden kann, nicht grösser als ihre Handfläche. Dieses kleine Gerät soll so viel bewirken wie ein Raum voller Equipment für eine Mammographie; seine KI soll so zuverlässige Arbeit leisten wie ausgebildete Radiolgen

Brustkrebs ist eine der häufigsten Krebsarten der Welt. Jährlich erkranken rund 2.3 Millionen Menschen neu an Brustkrebs. In der Schweiz liegt ihre Überlebenschance bei über 90%. In ärmeren Ländern liegt sie bedeutend tiefer. Denn der Zugang zu Diagnosemöglichkeiten ist oft sehr begrenzt. Während sich Frauen in der Schweiz im Brustzentrum alle paar Jahre untersuchen lassen können, müssen sie andernorts oft weite Wege auf sich nehmen, um ins Spital zu gelangen. Das alles nur, um dann in 85% der Fälle gesagt zu kriegen, dass nichts Gefährliches entdeckt wurde. Das müsse sich ändern, finden Lisa Falco und ihr Team. Deshalb haben sie dieses Gerät entwickelt, das mit Hilfe von Ultraschall und KI Brustkrebs diagnostizieren kann. 

Im globalen Norden beinhaltet eine Untersuchung meist mehrere Schritte. Am wichtigsten aber ist die Mammographie: Eine Röntgenuntersuchung der Brust bei der vier Aufnahmen gespeichert werden, welche danach von Radiologen oder anderen Fachpersonen interpretiert werden. Manchmal sind für eine Diagnose zusätzliche Untersuchungen nötig, etwa eine Magnetresonanztherapie oder eine Ultraschalluntersuchung. 

Lisa Falco zeigt das Gerät ihrer Firma und erklärt, wie es angewandt wird. Nach dem ersten Abtasten der Brust fährt die Nutzerin mit dem Ultraschallgerät darüber. Das so aufgezeichnete Bild wird dann an die Software auf dem Handy übertragen. Dessen KI analysiert die Bilder. Das Gerät kostet 3000 Franken pro Stück, ein Mammographiegerät 100000 Franken. 

Lisa Falco sagt, ihr Gerät sei klein genug dafür, dass es in die Taschen von reisenden Pflegefachpersonen passt. Eine spezielle Ausbildung, um das Gerät anwenden zu können, brauche es nicht, eine einstündige Schulung reiche – weil die KI die Bilder selbstständig interpretiert. Das macht die Untersuchung zugänglicher und die Früherkennung wahrscheinlicher. 

Die Zuverlässigkeit dieser Geräte werde in klinischen Studien getestet, erläutert Lisa Falco. Eine erste Studie in Schweden ist bereits abgeschlossen. Die Forscher:innen hatten KI-Diagnosen mit denen ausgebildeter Radiolog:innen verglichen. «Die KI hat ähnlich gut abgeschlossen», sagt Falco. Im nächsten März werde die Studie in Äthiopien wiederholt. 

Zuletzt hat sie eigene Untersuchungen in Kenia, Ruanda und Tansania durchgeführt. «Fünf Frauen habe ich untersucht, eine von ihnen hatte tatsächlich Brustkrebs», erzählt sie. Die Biopsie, die sie gebraucht hätte, sei aber zu teuer gewesen für die Patientin. «Sie musste anfangen zu sparen, um die angemessene Behandlung zu erhalten.» Das zeige wiederum, dass der Zugang zur Diagnose allein noch nicht reiche: «Wir wollen Frauen irgendwann auf dem ganzen Weg von Diagnose bis zur Behandlung helfen können.»

Andererseits will Lisa Falcos Firma ihr Produkt nicht nur im globalen Süden, sondern auch hier in der Schweiz auf den Markt bringen, um schnellere Untersuchungen beim Frauenarzt oder in der Apotheke zu ermöglichen. Auch den US-Markt steuert sie an, wo ärmere Gesellschaftsschichten ebenfalls auf einen leichteren und billigeren Zugang zu Untersuchungen angewiesen sind. 

Lisa Falcos Firma N23 Health ist nur eines von vielen Femtech Start-Ups, in denen sie schon gearbeitet hat. Mit ihrem letzten Start-Up-Unternehmen Ava arbeitete sie mit Fruchtbarkeitstrackern. Sie habe dazu beigetragen, sagt sie, dass 36000 Kinder auf die Welt gekommen sind. «Der weibliche Körper wurde in der Medizin lange vernachlässigt. Er wurde als zu kompliziert angesehen», so Falco. «Das bedeutet, dass es noch viel zu erforschen gibt.» 

Die Idee für N23 habe eine Kollegin von ihr gehabt. Sie sei aber sofort begeistert gewesen und hätte schon lange mal eine Firma selbst leiten wollen. «Das ist jetzt genau das, was ich wollte», sagt sie. «Es ist mir wichtig, dass das Produkt den Menschen hilft, dass es wirklich etwas bringt, das es ihr Leben der Menschen verändert.»