02.12.2015

Schon ein Grad wärmer – erst ein Grad wärmer

Von Marcel Hänggi

Temperaturentwicklung global und in der Schweiz. Grafik: Meteoschweiz

Am zweiten Konferenztag erreicht uns die Medienmitteilung von Meteoschweiz – andere Wetterstationen haben es bereits etwas früher gemeldet: 2015 war es weltweit ein Grad wärmer als zu vorindustrieller Zeit. Es wird aber nicht überall gleich schnell wärmer. In der Schweiz geht es schneller als im globalen Schnitt: Hierzulande war es 2015 2,5 Grad wärmer als zu vorindustrieller Zeit. Ausserdem purzelten (darf man so ein niedliches Wort in diesem Zusammenhang überhaupt verwenden?) die globalen Temperaturrekorde 2015 gleich reihenweise: Juli 2015 war der wärmste je gemessene Monat. Aber dann kam der August und schlug diesen Rekord. Und dann September, und dann Oktober.

Um maximal zwei Grad soll sich das Klima erwärmen – das ist ungefähr der Konsens, auf dem die Pariser Verhandlungen aufbauen. Nicht ganz, zwar: Für die kleinen Inselstaaten liegen maximal 1,5 Grad drin, denn alles andere wäre ihr Todesstoss. Und so stehen denn im Vertragsentwurf (PDF-Datei) zur Zeit noch auch mehrere Formulierungen bzw. Kennziffern:

Hold the increase in the global average temperature [below 2 °C][below 1.5 °C][well below 2 °C][below 2 °C or 1.5 °C] [below 1.5 °C or 2 °C][as far below 2 °C as possible] above pre-industrial levels by ensuring deep cuts in global greenhouse gas [net] emissions; (...)

Aber wie auch immer: Das, was die Staaten bislang zu leisten bereit sind, führt eher auf eine Erwärmung von drei statt zwei Grad hin.

Ein Grad haben wir also schon hinter uns – schon: denn die Kurve zeigt steil nach oben. Selbst wenn ab heute keine von Menschen verursachte Treibhausgase mehr in die Atmosphäre gelangten, würden die Treibhausgase, die schon da sind, wahrscheinlich eine weitere Erwärmung um mindestens ein halbes Grad bewirken. Das 1,5-Grad-Ziel wäre demnach bereits überschritten.

Aber man kann auch sagen: Erst ein Grad haben wir hinter uns: erst ein Grad, und schon sind die Folgen mancherorts gravierend. So lebt Kalifornien seit vier Jahren mit einer Rekorddürre; es soll die schlimmste Dürre seit 1200 Jahren sein. Dass deren Folgen so hart sind, hat gewiss nicht nur mit dem Klimawandel zu tun, sondern auch damit, dass die Landwirtschaft im sowieso trocken-heissen Klima Kaliforniens seit Jahrzehnten gegen die Natur arbeitet und Feldfrüchte anbaut, die viel Wasser brauchen – also mit einem nicht-nachhaltigen Umgang mit natürlichen Ressourcen, genau wie der Klimawandel. Auch in der Schweiz erlebten wir 2015 eine ausserordentliche Trockenheit vom Sommer bis in den Spätherbst hinein, die die Landwirtschaft in Bedrängnis brachte. Was 2003 noch als «Jahrhundertsommer» galt, hat sich nun bloss zwölf Jahre später wiederholt und dürfte in Zukunft noch häufiger werden. Und wenn es einmal kaum mehr Gletscher gibt, werden regenarme Zeiten zu noch mehr Trockenheit führen.

«Bis zwei Grad ist der Klimawandel kontrollierbar, danach läuft er aus dem Ruder» – so einfach kann man sich das nicht vorstellen.

Ausserdem gäbe es vom zweiten Konferenztag zu berichten: Die entwicklungspolitische Organisation Oxfam hat einen Bericht (PDF-Datei) über die extremen Ungleichheiten in der Treibhausgas-Produktion publiziert. Für den Moment hier nur so viel: Zehn Prozent der Weltbevölkerung stossen so viele Treibhausgase aus wie der ganze Rest – Angehörige des reichsten Prozents der Weltbevölkerung verursachen in zwei Tagen so viele Emissionen wie Angehörige der ärmsten zehn Prozent in einem ganzen Jahr – Wer in Indien zur Oberschicht gehört, ist für weniger Emissionen verantwortlich als der Durchschnitt der ärmeren Bevölkerungshälfte der USA. Mehr dazu folgt in einem späteren Blogeintrag.