14.10.2016

Respekt, Ordnung und ein Maybe

Von Noëmi Landolt

Freitag, 14. Oktober, 17.54 Uhr

Mir brummt der Schädel. Soeben ist das dreistündige erste Briefing vorbei. Ingo, Head of Mission und alter Sea-Watch-Hase, gestern Abend vom letzten Einsatz zurückgekehrt, erzählt sachlich von seinen Erfahrungen. Er führt uns ein in das Leben an Bord, in die Tagesstruktur und den Ablauf der Rettungsmissionen. Wichtigste Regeln: Respekt und Ordnung. Respekt den anderen Crewmitgliedern gegenüber, Respekt den MigrantInnen gegenüber (die auf der «Sea-Watch» Gäste genannt werden) und auch Respekt gegenüber dem Schiff und dem Werkzeug. Ordnung ist wichtig für die Sicherheit. Ordnung an Deck, damit niemand über eine herumliegende PET-Flasche stolpert und über Bord geht. Ordnung auch in der Kabine: Kleider, Schuhe, Rettungsweste, Radio immer griffbereit. Falls beispielsweise ein (Feuer-)Alarm losgeht, müssen alle innert zwei Minuten auf dem Deck sein. Vor dem Schlafen immer die Schuhe vor die Kabinentür stellen, damit man weiss, wo noch jemand liegt, der im Notfall rausgeholt werden muss. Aber auch simple Regeln des Zusammenlebens auf engem Raum, wie in einer WG: «Wer kocht, wäscht nicht ab» zum Beispiel. Dazwischen gibt Frank, der Notfallseelsorger, Tipps und Infos zur Stressbewältigung, erklärt, dass Leute ganz unterschiedlich auf Ausnahmesituationen reagieren. Manche werden ganz still, andere wollen pausenlos darüber sprechen, wieder andere einfach weiterarbeiten oder heulen. Fazit: Alles sind «normale Reaktionen auf unnormale Situationen».

Morgen folgen dann Briefings zu technischen, medizinischen und Sicherheitsfragen. Bis dahin sollen wir uns auch überlegen, ob wir uns in der Lage fühlen, tote Menschen aus dem Wasser zu ziehen. Antwortmöglichkeiten: Yes, No, Maybe. Ich bin froh, eine Nacht darüber schlafen zu können.

Mittlerweile ist die ganze Crew Nummer 13 beisammen. Sechzehn Leute, der Jüngste 24-jährig, der Älteste bereits pensioniert. Fünf Frauen, elf Männer. Eben war das Wohnzimmer noch voll. Jetzt sind alle los. Zum zweiten Grillabend auf Dock 7, wo die «Sea-Watch 2» liegt. Das Gummiboot macht wieder Shuttleservice. Ich werde zu Fuss gehen, auf festem Grund, solange es noch geht. Auf dem Schiff kann man sich nicht so gut die Beine vertreten.