19.10.2016

Delfine und Kriegsschiffe

Von Noëmi Landolt

Monkey Island, die Aussichtsplattform, von wo aus der Horizont mit Ferngläsern nach Flüchtlingsbooten abgesucht wird.

Mittwoch, 19. Oktober, 07.54 Uhr

Heute um halb sieben aus dem Schlaf hochgeschreckt. Ich schaue auf den Gang und sehe keine Schuhe vor den anderen Kabinen stehen. Alle schon wach. Ich ziehe mich schnell an und eile aufs Deck. Drei Leute sitzen schon auf Monkey Island, der Aussichtsplattform, von wo aus der Horizont mit Ferngläsern nach Flüchtlingsbooten abgesucht wird. Dabei ist die Sonne noch nicht einmal aufgegangen.

Seit Montagabend sind wir im Suchgebiet an der 24-Meilen-Zone vor der libyschen Küste. Obwohl die See ziemlich ruhig ist, haben wir bisher noch kein Flüchtlingsboot entdeckt. Uneindeutige Objekte auf dem Radarschirm können sich als Vogelschwarm oder als treibende Fischerutensilien entpuppen. Nachts sehen wir das Leuchten der libyschen Städte am Horizont, den orangen Vollmond am Himmel.

Bisher gleicht unsere Mission einem netten Ausflug mit netten Leuten. Das Training mit den RIBs (Rigid Inflatable Boats), den Schnellbooten, die als Erste zu den Flüchtlingsbooten hinfahren und Schwimmwesten verteilen werden, macht Spass. Das Aussichthalten auf Monkey Island erinnert mich daran, wie wir als Kind PiratInnen gespielt haben. Und doch bleibt ein seltsames, schwer in Worte zu fassendes Gefühl: Das nächtliche Leuchten am Horizont kommt aus einem Land, in dem Krieg herrscht. Während wir mit unseren Laptops auf Deck sitzen, fährt vielleicht nicht weit entfernt eine kleine Nussschale von einem libyschen Strand los, und wir sehen es nicht, weil wir gerade in die falsche Richtung schauen. Gestern hat die «Golfo Azurro» der Boat Refugee Foundation östlich von uns 130 Menschen von einem Boot geborgen. Ausser uns und der «Golfo Azurro» sind die kleine «Minden», die «Topaz Responder» von Moas sowie die «Bourbon Argos» von Médecins Sans Frontières unterwegs, um Geflüchtete aus Seenot zu retten. Dazwischen patroullieren Kriegsschiffe der «Operation Sophia» im von der EU ausgerufenen Kampf gegen Schlepperei. Auf unserem Radarschirm werden sie als unidentifizierbare Objekte angezeigt.

Gestern Abend hat uns bei Sonnenuntergang eine Gruppe Delfine besucht. Selten habe ich etwas so Schönes gesehen. Jon, unser Kapitän, und ich lehnten uns weit über den Bug, vor dem die Delfine herschwammen. Immer wieder drehte sich einer zur Seite und schaute zu uns hoch. «Sie wissen, dass es uns gibt», sagte Jon. Jon Castle, Mitte sechzig, ist eine Legende. Der alte Greenpeace-Kapitän mit heute weissem Vollbart war unter anderem auf der «Rainbow Warrior», als diese 1985 von französischen AgentInnen vor Neuseeland versenkt wurde, besetzte Ölplattformen und sass schon in unzähligen Ländern im Gefängnis. Wortkarg, aber stets gelassen und freundlich, mit einem scheinbar unendlich grossen Wissen ausgestattet, begleitet er nun die Sea-Watch auf ihrer Mission. Während wir den Delfinen zuschauen, pfeift er eine Melodie – und die Tiere schwimmen auf Steuerbordseite davon. «Ihnen hat wohl mein Pfeifen nicht gefallen», murmelt er lächelnd in seinen Bart. «Aber sie kommen wieder. Dann rufe ich dich.»