27.05.2004

Geträumte Geografien

In zwei Büchern, die unterschiedlicher nicht sein könnten, berichten die haitianische Debütautorin Yanick Lahens und die Schweizer Schriftstellerin Elisabeth Wandeler-Deck von Projektionen und der Sehnsucht nach herrschaftsfreien Räumen.

Von Marie-Hélène Gutberlet

Eine dem Gegenstand entsprechende und dem Stand des Umgangs mit ihm angemessene Form zu finden, ist eines der schwersten Unterfangen in der Kunst. Das Bemerkenswerte an der karibischen Literatur (der über die Karibik und der von AutorInnen aus der Karibik verfassten Literatur gleichermassen) besteht darin, dass sie sich immer schon diesem Plan wenn nicht verweigerte, so ihn doch hämisch beäugte. Mitunter reizt das Karibische eben deshalb, weil es den guten Geschmack, das Gutbürgerliche, das politische Fairplay gar nicht treffen will noch kann und die Nähe des Lebens zum Hitzköpfigen oder Schwülstigen, zu Kitsch, Groteske und direkter Gewalt nicht leugnet - die Geschichte Haitis gehört zu den blutigsten der Karibik.

Wozu es die Arbeiten des französischen Philosophen Michel Foucault und des palästinensischen Kritikers Edward Said, die Filme von Pier Paolo Pasolini oder das Werk der Schriftstellerin Kathy Acker brauchte, das wissen die InselbewohnerInnen schon längst. Dass, wenn du mich einen dreckigen Neger nennst, ich dir zeige, was ein dreckiger Neger ist, einer, dem es noch schlechter geht, der noch dunkler ist und dessen Leben noch aussichtsloser ist als meines. Und dass man die feuchttropische Inselromantik nicht vom Sextourismus und Despotismus noch vom Wunsch trennen kann, es einmal besser zu haben, heller zu werden. Die Idee eines friedfertigen Melting Pot ist nicht von dieser Welt, wohl aber die Mischung aus Macht, Demütigung, Schönheit, Armut, Reichtum, Schwarz, Weiss, Grausamkeit, Sex, Willkür und ein bisschen Voodoo.

Es gibt Träumer. Es träumten in den 1930er Jahren Aimé Césaire, Léon Gontrand Damas, Léopold Sédhar Senghor. Die Négritude war nach der Harlem-Renaissance der literarische Versuch, dem krude rassistischen Neger-, Insel- und Afrikabild etwas magisch Realistisches entgegenzusetzen, eine Form des Schreibens, in dem Platz für die verleugneten afrikanischen Bodensätze in der Sprache der Kolonisatoren gemacht wird - sodass eine Möglichkeit besteht, die Wunden der Sklaverei und der Kolonisierung zu heilen. Es ist ein lautes Schreiben, das den Neger wieder ganz und schön macht, den Glanz seiner dunklen Haut und die Schwingungen seiner Lebensfreude feiert. Der in dem unverhohlenen Enthusiasmus liegende schwarze Essenzialismus, der einem heute zu Recht unheimlich ist, ist als Kampfansage gegen die weisse paternalistische Zivilisiertheit und den nur ihr geltenden Gleichheits-, Brüderlichkeits- und Freiheitsbekundungen nur zu gut nachvollziehbar.

Dieser Traum schwelt im Hintergrund des jetzt erschienenen Erstlingsromans «Tanz der Ahnen» («Dans la Maison du Père», 2000) der haitianischen Autorin Yanick Lahens. 1934 ziehen die amerikanischen Besatzer aus Haiti ab. Das euphorische Gefühl greift um sich, jetzt könne «das Volk» endlich die Geschäfte des Landes selbst in die Hand nehmen. Die Hochstimmung währt nur kurze Zeit. Dann kommt das Regime der Duvaliers mit den Tontons macoutes und machen alles zunichte. Doch für kurze Zeit kann man den Duft der Freiheit atmen und fühlen, wie die Schranken von einem abfallen. «Tanz der Ahnen» besinnt sich auf eine Zeit zurück, als haitianische Schriftstellerinnen, Musiker, Tänzerinnen, Maler versuchten, die weisse Maske der Nachahmung europäischen Benehmens abzuschlagen, zu sich selbst vorzudringen und eine Form zu finden, die dieser inneren und äusseren Hitze entspricht. Lahens will an diesen Traum erinnern, während heute Bertrand Aristides Nochattachés ihr Unwesen treiben.

Die Négritude sieht sich seitens der Autoren der Creolité mit dem Vorwurf konfrontiert, eine entscheidende Erfahrung übersehen zu haben, nämlich die Deportation in die Sklaverei. Die Erfahrung, dass diejenigen, die in Gorée oder Ouidah in Ketten ins Schiffsinnere geführt wurden, zerstört in der Neuen Welt an Land gehen werden. Und dass diese Erfahrung so fundamental ins Innere dieser Menschen einschneidet, sie von innen zerfrisst und als Zombies wieder ausspuckt. Diese Leute gehen durch den Tod, den Tod ihrer vorherigen Sprachen, Heiligtümer, Familien, Gewohnheiten, Beziehungen. Alles ist kaputt. Und was noch ganz ist, erinnert an alles Zerstörte oder wird auf den Plantagen verboten wie das Trommelspiel, das Singen, das Tanzen. Bei einem solch tief greifenden Einschnitt kann man nicht einfach so tun, als gäbe es eine gemeinsame schwarze Identität, als gäbe es afrikanische Wurzeln, die man nur auszugraben bräuchte wie Yam oder Cassava. Es gibt Wurzelfaserreste, Sprachfetzen, Shango, den Ansatz einer rituellen Geste, die hinter katholischen Heiligen überdauert. Man kann sich nicht einfach eine Geschichte zurückgeben, eine Herkunft oder Integrität und wieder tanzen, als wäre nichts geschehen. Denn es hat sich ein fauliger Geruch an die Sache gehängt.

Man lebt in Port-Salut in guten Verhältnissen. Alice Bienaimé ist das behütete Töchterchen, Mutter und Haushälterin haben nur ihr Wohl im Blick. Von klein auf will sie tanzen. Dem Vater wäre es lieber, sie würde ihr Wesen zügeln und sich anständig benehmen, als von diesem wilden Getue beseelt zu sein. Er lässt sich aber überreden, Tanzstunden zu genehmigen. Der Tanz ist der äusserliche Berührungspunkt zum Makel. Bis auf diese eigentümliche Spannung, dass dem Tanz etwas Unheimliches und Böses anhaftet, das sich für Töchter aus gutem Hause nicht ziemt, ist die Welt in «Tanz der Ahnen» eigentlich in Ordnung. Diese Ordnung ist dem Blick eines Kindes geschuldet. Auch die Sätze halten sich an die Ordnung. Sie vermögen Zusammenhänge festzuhalten, und Wörter bezeichnen eindeutig Dinge. Und doch weiss man nicht genau, was das für ein Tanz ist, der dem Mädchen Angst und Lust macht; weiss auch nicht genau, warum sie sich aufs Lügen kapriziert und die direkte Konfrontation mit dem Vater meidet.

Alice Bienaimés Leben lässt sich leicht als Metapher auf die Situation der Insel ausschlachten. Beide sind auf der Suche nach etwas, was ihnen entspricht, und finden es in einer Art physisch eingelagertem Gedächtnis. Der an Voodoo-Initiationsbewegungen erinnernde Ausdruckstanz wird Metapher zweiten Grades, des Vorsprachlichen, das im Körper ruht, ausbricht, um sich von Körper zu Körper mitzuteilen: die exaltierte, eruptive Kehrseite des weissen zivilisatorischen Projekts. «Tanz der Ahnen» ist von seiner Atmosphäre her eine Art haitianisches Frühlingserwachen. Das Schreiben der Autorin Lahens und das Sprechen ihrer Protagonistin Alice hingegen unterliegen einer Art freiwilliger Selbstkontrolle. Das Ungestüme bleibt Sache der Gebärden, bleibt von der Sprache fern. Über vieles wird nicht gesprochen, nicht über das öde Leben der Mutter, nicht über die Voodoo-Heiligen und die Tänze, die die Zeremonien begleiten, nicht über die ersten Erfahrungen der Liebe. «Tanz der Ahnen» ist ein sprachlich ausgebremster Mädchentraum. Mündigkeit ist im Fall der Alice Bienaimé nicht die Inanspruchnahme einer eigenen (politischen) Stimme - das ist das Terrain des Vaters, des Onkels und seiner Freunde -, sondern mit ihrem Körper zu tun, was ihr beliebt. Sie schützt ihn mit dem Schleier der Diskretion. Dann wird sie der Enge der Familie und der Insel entfliehen und ins Exil gehen. «Naje pou nou sôti», schwimme, wenn du hier rauswillst. Um woanders welche Schätze zu erbeuten?

«Piraten. Haitianische Topographien», das vierte Prosawerk der Schweizerin Elisabeth Wandeler-Deck, hat mit einer anderen Tradition zu tun, die die Sprache und das Narrative infrage stellt, die Wörter entwurzelt, wie sie die SchriftstellerInnen von James Joyce über Gertrude Stein, William S. Burroughs, Heiner Müller, Elfriede Jelinek bis Kathy Acker beschäftigte. In den fünfziger Jahren nannte man das Nouveau Roman. In den sechziger Jahren gab es die konkrete Poesie. Dann kam die Cut-up-Technik. Und in den Achtzigern beschrieb man Texturen. In «Piraten» setzt sich dieses Fragen fort: Was machen wir mit Sprache, was wissen wir, was verstehen wir, wie stellen wir Sinn her, wer spricht eigentlich zu uns, ist dieses Ich eins oder zwei oder drei, und was machen wir mit diesen verwirrenden Wort-Sammlungen, wie ordnen wir sie? «Piraten» pflegt dazu das literarische Freibeutertum, dreht Altes durch den Fleischwolf und lässt neue Texte entstehen, die lesbar machen, was im vorherigen verborgen lag. Der Traum, der sich mit dieser Herangehensweise verbindet, ist der, durch die Sprache hindurch an den Punkt zu gelangen, wo Herrschaft sich konstituiert, um sie zu neutralisieren. Der Traum von herrschaftsfreien Formen.

Herrschaftsfreie Form und Haiti sind die Verbindungsgelenke zwischen «Tanz der Ahnen» und «Piraten». Haiti ist der Ort, wo der Versuch, Herrschaft zu neutralisieren, niemals gelang; zu keiner Zeit ist es je wirklich gelungen, sich der Herrschaft der einen über die anderen zu entledigen, der Franzosen über die Mulatten, der Mulatten über die Schwarzen, der freien Schwarzen über die unfreien, der Männer über die Frauen … Und immer noch ist es ein Traum. Vielleicht so: In der Zürcher Bar Haiti sitzen, Lahens’ historischen Entwicklungsroman lesen und vom Tanzen träumen und der Unabhängigkeit Haitis vor genau 200 Jahren gedenken. Und mit Wandeler-Deck fragen, in welcher Sprache, Verfassung, Haltung sich solch ein Träumen heute noch durchstehen lässt.

Man muss eine Stelle finden, die Einlass gewährt, und zusehen, wohin es einen treibt. Die Stelle ist unsichtbar. Wovon handelt «Piraten»? «Piraten» handelt nicht, es breitet sich in Textlandschaften aus. Ein jeder, eine jede muss für sich entdecken, wo Mikronarrationen entstehen. Das hiesse: Lesen, nicht Schreiben heisst Erzählen. Dinge in eine eigene Reihenfolge bringen. Irgendwo steht, das Erzählerin-«Ich» habe eine Karte von Haiti auf Transparentpapier übertragen und auf den Stadtplan von Zürich gelegt und dann geschaut, wo sich welche Orte Haitis in Zürich befinden. Ohnehin steht schwarz auf weissen Grund gedruckt nur eine Version von vielen anderen möglichen, man muss die Leerstellen mitlesen wie unsichtbare Passagen, sie füllen. Wandeler-Deck schreibt vielleicht von ihrem Bruder, der seit zwanzig Jahren auf Haiti lebt, oder in memoriam Kathy Acker, der 1997 verstorbenen amerikanischen Schriftstellerin. Manche Sätze erinnern an ihren frühen Roman «Kathy Goes to Haiti». Ich lese Namen, Marius, Bougainville, Fichte. Ich lese Briefe von G., die an das «Ich» adressiert sind, von Pierre, von Gärten, einem Hotel, das besser geht. Vom Reisen, Hiersein und Dortsein und der Unmöglichkeit, gleichzeitig hier und dort zu sein, obwohl es schreibend und lesend gelingt, eine simultane Situation zu schaffen.

Wandeler-Deck speckt die Wörter von ihrer Sorglosigkeit ab und lädt sie neu auf wie Recycling-Batterien, dann geht sie mit ihnen spazieren: «Haiti eine Schattenfigur, aber gestern den Schreib- und Reiseauftrag zurückgewiesen. Die Hörner abgeworfen plötzlich kultureller Mehrwert gesagt von Waren Reisekoffern, Fragen nach dem Poetischen im Rundfunk abgehört abnotiert da war ein Plan. Haiti das ist Napoleon, und Revolution und das ist Frankreich und Gleichheit und Gewalt im Kopf weg und das ist Haiti und Haiti und war la perle des Caraïbes und das ist Depression und USA zog sich zurück. Damals. Und das ist USA und eine Erfindung political correctness. Es ist die Piratin und der Gesang und das Träumen von Europa und das ist Pierre hier, der alles gelesen zu haben behauptet. Und weiss. Und es sagt und immer sagt weisst du ich weiss. Und so ist es und ich mache dir die Gedanken das ist Pierre so ist er. Die nichts nützen, sagt Pierre und das macht ihn unglücklich.»

Der Sinn dieses schwindeligen Umherschweifens liegt darin, zu sehen, welche Bilder wir im Kopf haben und warum Haiti sich so gut als Platzhalter eignet oder als Zeichen, dessen Bedeutung wir herstellen. Wenn es denn überhaupt um Haiti geht. Oder um eine Sprache, die endlich zusammenhalten soll, was längst zersplittert liegt; oder eine Art getanzter haitianischer Identität; oder um einen Text, der partout an der Illusion von Kontingenz und Integrität festhält, um nicht vollends im Chaos der Verhältnisse zu versinken; oder ums Piratentum: «Ich hörte dann nur noch das Lärmen des Orkans.»

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