Nr. 02/2020 vom 09.01.2020

Die Albtraum-Republik

Zehn Jahre nach dem grossen Erdbeben erlebt Haiti ein gewalttätiges soziales Nachbeben. Ein Besuch bei einer Überlebenden.

Von Toni Keppeler, Port-au-Prince

Fiktion und Wirklichkeit liegen in Haiti oft nahe beieinander. «Ich hatte Joseph gesagt, dass während meiner Abwesenheit das Geschäft weitergehen solle wie üblich», schrieb der britische Erfolgsschriftsteller Graham Greene in seinem 1966 erschienenen Haitiroman «Die Stunde der Komödianten». «Denn wer wusste, ob sich hier nicht ein paar Journalisten einige Tage aufhalten wollten, um eine Reportage über ein Land zu schreiben, das sie zweifellos ‹Die Albtraum-Republik› nennen würden.»

Der Roman handelt vom Haiti des François «Papa Doc» Duvalier, der mit der Hilfe seiner Todesschwadronen das karibische Land von 1957 bis 1971 als «Präsident auf Lebenszeit» beherrschte. Schauplatz ist ein Hotel Trianon in der Hauptstadt Port-au-Prince, dessen Besitzer sich im obigen Zitat vom Hausdiener Joseph verabschiedet hatte, um für ein paar Wochen in die USA zu reisen.

Das «Trianon» heisst im wirklichen Leben «Oloffson» und ist das schönste Beispiel der sogenannten Gingerbread-Architektur: eine dreigeschossige, weiss angestrichene Holzkonstruktion mitten in einem Palmengarten, die wegen ihrer Türmchen, Balkone und Wandelgänge und des vielen Gitterwerks trotz ihrer Grösse wie ein Hexenhäuschen wirkt. Greene hat seinen Roman dort recherchiert.

Diesen November, 53 Jahre nach dem Erscheinen des Buchs, landete auch ich in diesem Hotel. Der Besitzer war für ein paar Wochen in die USA gereist, aber die HausdienerInnen waren da. Ich war nicht der einzige Gast, ausser mir gab es noch einen. Die meisten anderen Hotels in Port-au-Prince hatten längst geschlossen.

Schon die Fahrt vom Flughafen zum Hotel war ein kleines Abenteuer. Mein haitianischer Freund hatte mich nicht mit dem Auto abholen können, weil zu viele Barrikaden den Weg versperrten. Stattdessen hatte er ein Mototaxi geschickt, ein kleines Motorrad, das wie ein Taxi funktioniert und dessen Chauffeur einen oder zwei Fahrgäste auf den Soziussitz klemmt. Natürlich alle ohne Helm.

Die tropische Nacht war gerade hereingebrochen, die Stadt lag ohne Strom im Dunkeln. Ausser wenigen Mototaxis gab es nicht viel Verkehr, auch FussgängerInnen waren kaum zu sehen. Einmal begegnete uns ein Pritschenwagen mit abgeschaltetem Licht. Auf der Ladefläche dicht gedrängt Männer in schwarzen Uniformen, mit schwarzen Stahlhelmen auf dem Kopf, ihre Sturmgewehre schussbereit in den Händen. Vereinzelt hörte man kurze Salven aus solchen Waffen und immer wieder lange trockene Schusswechsel mit Pistolen.

In einem wilden Ritt, den Koffer quer zwischen Fahrer und Fahrgast geklemmt, holperten wir durch die Stadt und über die Hügel. Bisweilen stiess der Lichtkegel des Scheinwerfers auf dichten, schwarzen Qualm über den Altreifen, die mitten auf der Fahrbahn brannten. Immer wieder versperrten Barrikaden aus Ästen, ausgerissenen Leitplanken, Gerümpel und Müll den Weg. Der Fahrer machte dann kehrt und suchte einen anderen Weg. Er wusste: Barrikaden werden von jungen Männern bewacht, die mit Steinen und manchmal auch mit Pistolen und Gewehren bewaffnet sind.

Für einen Weg, der zu friedlichen Zeiten kaum zwanzig Minuten in Anspruch nimmt, brauchten wir fast eine Stunde. Wir atmeten beide auf, als wir in dem von einer Mauer umfriedeten Garten des Hotels Oloffson angekommen waren. Ich nahm meinen Koffer und stieg – vorbei an einer Statue von Guédé, dem für die Toten zuständigen Geist des haitianischen Vodou (das ganz anders ist als das von Hollywood erfundene Voodoo) – die Treppe hinauf zur Terrasse des Restaurants und bestellte ein haitianisches Bier.

In den nächsten Tagen sass ich hier oft. Immer dann, wenn in der Gegend zu viele Schusswechsel zu hören waren, schwarzer Rauch über dem nahen Zentrum der Stadt stand und ein beissender Geruch nach verbranntem Gummi und verwesendem Unrat von dort zum Hotel herüberzog. Zu solchen Stunden trauten sich selbst die unerschrockensten unter den Mototaxifahrern nicht auf die Strasse. Und als die Recherchen für diese Geschichte abgeschlossen waren, drängte sich der von Graham Greene vorgeschlagene Titel geradezu auf: «Die Albtraum-Republik».


Am 12. Januar 2010 um 16.54 Uhr, es war ein Dienstag, bebte in Port-au-Prince eine schier endlose Minute lang die Erde. Seismologische Institute machten das Epizentrum 25 Kilometer südwestlich der Hauptstadt in einer Tiefe von 17 Kilometern aus. Die Stärke wurde mit 7,0 auf der Richterskala angegeben. Nach regierungsamtlichen Angaben starben 316 000 Menschen. Weit über 300 000 überlebten verletzt, fast zwei Millionen wurden obdachlos.

Port-au-Prince liegt in einer malerischen Bucht am Meer. Der Hafen und das alte Zentrum sind unten auf einem schmalen Küstenstreifen, dahinter geht es hinauf in die Berge. An den Hängen stehen die Häuschen der armen Leute, so dicht gedrängt, dass es aus der Ferne aussieht, als seien sie übereinandergestapelt. Wenn oben in einem solchen Quartier eine Häuserzeile einstürzt, kann das den ganzen Hang hinunter eine fatale Kettenreaktion auslösen: Wie Dominosteine stürzen die Häuschen in die Tiefe.

Auch ganz oben in Pétionville, der Vorstadt mit frischerer Luft, wo reiche Leute in grossen Villen hinter hohen Mauern wohnen, stürzten Gebäude ein und gab es Tote. Sogar das mondäne Hotel Montana, ein wuchtiger Betonklotz, brach zusammen wie ein Kartenhaus.

Jésula Étienne

Der neoklassizistische Präsidentenpalast in der Küstenebene hielt den Erschütterungen ebenfalls nicht stand. Die Ruine blieb dort noch drei Jahre stehen, mit schiefen Seitenflügeln, meterbreiten Rissen und eingestürztem Dach. Jetzt sind die Trümmer weggeräumt. Der über mannshohe Zaun aus grün gestrichenen Eisenpalisaden, der das Gelände umsäumt, ist mit einem Sichtschutz aus Plastikplanen versehen. Nur durchs Zufahrtstor erspäht man eine grosse grüne Wiese und im Hintergrund ein paar Wohncontainer, in denen Präsident Jovenel Moïse gelegentlich arbeiten soll. In den Tagen meines Besuchs war er nur selten dort. Nur dann, wenn es seinen Leibwächtern gelungen war, den von Barrikaden versperrten Weg von seiner Residenz in Pétionville hinunter in den Präsidentencontainer freizuschiessen.

An jenem 12. Januar 2010 war Jésula Étienne 21 Jahre alt. Sie wohnte und arbeitete als Kindermädchen in Delmas, einer Vorstadt von Port-au-Prince, in der rund 700 000 arme Leute den Hang hinauf wohnen. Die Stadtteile haben keine Namen, nur Nummern. Jésula* war in einem der etwas besseren Viertel angestellt, in Delmas 65, ganz oben. Fast zehn Jahre später erzählt sie, dass ihr noch immer das Herz rase, wenn sie an diesen Tag zurückdenke. Ihre grossen dunklen Augen füllen sich mit Tränen.

Sie war bei der Arbeit, als das Beben kam. Sie spielte mit dem zweijährigen Kind, für dessen Betreuung sie zuständig war. Das Haus stürzte ein, Jésula wurde von Trümmern eingeklemmt, und sie spürte gleich: «Mein linker Arm war kaputt.»

Heute wohnt sie weiter unten am Hang, in Delmas 33. Um zu ihr zu gelangen, muss man durchs geschäftige Zentrum des Viertels, wo an verstopften, engen Strassen bunt angestrichene Häuschen aufgereiht sind. Deren BewohnerInnen bieten in grossen vergitterten Fenstern Autoersatzteile, Elektrogeräte, Mobiltelefonkarten, Lotterielose oder auch Lebensmittel zum Kauf an. Auf den Bürgersteigen davor sitzen in Abgaswolken Frauen unter grossen Strohhüten und haben vor sich Avocados und Bananen, Mangos und Papayas ausgebreitet. Fliegende Händlerinnen rufen Nagellack, Büstenhalter oder Rattengift aus. Nach diesem lauten Treiben wird die Strasse zu einem staubigen Weg und hört schliesslich ganz auf. Für die letzten Meter zu Jésulas Haus nimmt man einen schmalen Pfad, der durch eine als Müllkippe genutzte Schlucht den Berg hinaufführt.

Jésulas Haus liegt in der zweiten Reihe, versteckt hinter einem winzigen Laden auf einem staubigen Hof. Es ist vielleicht sechs Quadratmeter gross. Zwei breite Betten stehen darin, das hintere ist mit einem von der Decke herabhängenden Leintuch vom vorderen getrennt. An den Eisenträgern des Wellblechdachs hängen Bügel mit Hemden, Kleidern und Hosen, der wenige Platz auf dem Boden ist mit vor Wäsche überquellenden Plastikkörben zugestellt. «Da passt nicht einmal ein Stuhl hinein», sagt Jésula. Hier wohnt sie, zusammen mit zweien ihrer Brüder und ihrer blinden Mutter. Sie bezahlen dafür 10 000 Gourdes Miete im Jahr, umgerechnet etwas mehr als 100 Franken.

Zum Gespräch hat Jésula ihre besten Kleider angezogen: eine altrosa Bluse mit silbernem Glitterdécolleté, einen kurzen, schwarzen Faltenrock und rosa Plastiksandalen mit Blümchen auf den Riemen. Ihr schwarzes Haar hat sie zu vielen Zöpfchen geflochten. Sie ist klein, keine 1,60 Meter. Ihr linker Arm ist eine Handbreit unter der Achsel abgeschnitten. «Manchmal habe ich noch immer Schmerzen», sagt sie leise. «Dort, wo einmal mein Arm war.»

Ihre Augen werden nur einmal heller, als sie über die Frage nachdenkt, ob es einmal eine glückliche Zeit in ihrem Leben gegeben habe. «Ja», sagt sie, «als ich ein Kind war, in Jérémie.» Sie wuchs am Rand dieses Kolonialstädtchens im Südwesten Haitis als einziges Mädchen zusammen mit sechs Brüdern auf. Für eine Haitianerin vom Land ging sie lange zur Schule, bis ein Jahr vor dem Abitur. «Ich habe die Ferien geliebt, wenn ich mit meinen Freundinnen zum Baden an den Strand konnte.» Ihr Vater war Kleinbauer. «Wir waren arm», sagt Jésula, «aber wir hatten immer etwas zu essen.» Als dann die Ernten zurückgingen und die Mutter erblindete und keine Hilfe mehr war, musste die Tochter in die Hauptstadt, um Geld zu verdienen. Die einzige Anstellung, die sie fand, war die als Kindermädchen.


Als Jésula am 12. Januar 2010 unter den Trümmern des Hauses lag, verlor sie viel Blut, aber nie das Bewusstsein. Sie konnte rufen. Es dauerte zwei oder drei Stunden, dann hatten die NachbarInnen mit Hämmern und Schaufeln die umgestürzte Wand aufgebrochen, die über ihr lag. Sie wurde ins Freie gezogen. Das Kind, mit dem sie bis zum Beben gespielt hatte, war tot.

Ein Nachbar lieh sich von einem Freund ein Auto und fuhr sie ins nächste öffentliche Spital. Dort war nur eine Krankenschwester. Die stillte das Blut von Jésulas Wunde und gab ihr Schmerztabletten. Das war alles, für die nächsten vier Tage. Dann endlich tauchte ein Arzt auf. «Er hat den Arm gleich abgeschnitten.»

Im Spital wurde sie von zweien ihrer Brüder gefunden, die in Port-au-Prince auf dem Bau gearbeitet hatten. Sie hatten das Beben unverletzt überstanden, nur ihre Unterkunft war eingestürzt. In Delmas 65 hatten sie erfahren, wo ihre Schwester lag. 22 Tage war sie im Spital, dann wurde sie entlassen. Seither hat sie keinen Arzt mehr gesehen. Zum Abschied schenkte man ihr ein kleines Zelt, in dem sie mit ihren beiden Brüdern wohnen konnte. Man schickte sie ins nächste Lager der Erdbebenopfer.

In den Wochen nach dem Beben füllten sich alle Plätze und Brachflächen der Stadt mit den Zelten internationaler Hilfsorganisationen. Das dicht zusammengepferchte Wohnen war ein ideales Umfeld für die Cholera, die im Oktober 2010 von Uno-Blauhelmen aus Nepal eingeschleppt worden war. In den folgenden drei Jahren starben fast 9000 Menschen daran, über 700 000 wurden angesteckt. Die Umsiedelung der Obdachlosen begann erst zwei Jahre nach dem Beben. Viele waren da längst zur Verwandtschaft aufs Land gezogen oder irgendwo in der Stadt bei FreundInnen untergekommen.

Jésula Étienne war ein Jahr im Zeltlager in Delmas. Ihre Brüder gingen jeden Tag hinaus, suchten Arbeit als Tagelöhner oder in einem der vielen Programme, bei denen Menschen, die mithalfen, die vielen Trümmer zu beseitigen, mit ein bisschen Reis und Bohnen bezahlt wurden. Jésula blieb im Zelt. Sie fühlte sich schwach und unnütz. Essen und Wasser brachten die Brüder, im Lager gab es keine Lebensmittelverteilung. Klopapier und Menstruationsbinden waren ein Jahr lang die einzige internationale Hilfe, die bei ihr ankam.

Als ihre Brüder Arbeit gefunden und das gemeinsame Zelt verlassen hatten, meinte ein evangelikaler Pastor, der im Lager zu missionieren versuchte, es gehe nicht an, dass sie als junge Frau alleine dortbliebe. Man hatte zu viel gehört von Vergewaltigungen und von Frauen, die mit Prostitution ihr Überleben sichern mussten. Er brachte Jésula ins Haus eines Freundes. Dort half sie zwei Jahre lang, so gut sie konnte, im Haushalt. Dann wurde sie vor die Tür gesetzt. Er habe kein Geld mehr für ihr Essen, meinte der Freund des Pastors. Jésula zog zu einer Cousine in die Wohnung. Wiederum ein Jahr später, als diese ihre Miete nicht mehr bezahlen konnte, zog sie zu ihren beiden Brüdern in das Sechs-Quadratmeter-Häuschen in Delmas 33. Kurz darauf kam auch ihre blinde Mutter. Ihr Vater war krank geworden und gestorben, alle Kinder waren längst aus dem Haus. Die Mutter konnte nicht allein dortbleiben. «Es liegt ein Fluch auf unserer Familie», sagt Jésula.

Mehr als zehn Milliarden US-Dollar hat die internationale Staatengemeinschaft Haiti als Not- und Wiederaufbauhilfe versprochen. Dazu kamen rund drei Milliarden von privaten Hilfswerken und noch einmal fast vier Milliarden, die der damalige venezolanische Präsident Hugo Chávez über sein Petrocaribe-Programm ausschüttete. Gemessen am durch das Beben angerichteten Schaden – er wird auf fünf bis sieben Milliarden Dollar geschätzt –, müsste Haiti zehn Jahre später ein prosperierendes Land sein. Tatsächlich wurden drei Jahre nach der Katastrophe überall in Port-au-Prince Bauzäune aus Wellblech aufgestellt, gestrichen in den Nationalfarben Blau und Rot. Viele davon stehen noch heute. Dahinter nichts – ausser ein paar wenigen Bauruinen, die immer mehr vergammeln.

Ein Grossteil des Geldes kam nie bei den Armen an, sondern ging zurück in die reiche Welt. Von den 2,4 Milliarden Dollar, die in den ersten beiden Jahren an Nothilfe ausbezahlt wurden, gingen allein zwanzig Prozent an die US-Armee. Die hatte wenige Tage nach dem Beben die Hauptstadt und ihre Umgebung mit 20 000 Marinesoldaten besetzt, um eine grössere Fluchtwelle in die Vereinigten Staaten zu verhindern. Der Einsatz wurde aus dem Nothilfetopf bezahlt. Danach war der grösste Hilfsgeldempfänger die US-Beratungsfirma Chemonics, die für ihre Dienste fast 200 Millionen Dollar in Rechnung stellte. Die haitianische Regierung bekam gerade einmal 0,9 Prozent, haitianische Organisationen nur 0,09 Prozent des Geldes. Bei der Wiederaufbauhilfe war die Verteilung kaum besser.

Von den umgerechnet fast vier Milliarden Dollar aus Venezuela ist nach einem im September 2019 veröffentlichten Bericht einer Untersuchungskommission des haitianischen Senats rund die Hälfte verschwunden. Der Name von Präsident Jovenel Moïse wird in diesem Bericht 69 Mal erwähnt. Nur ein Beispiel: Zusammen mit anderen hatte Moïse nach dem Beben zwei Baufirmen gegründet. Jede dieser Firmen bekam – zu einem weit überhöhten Preis – den Zuschlag für den Bau derselben Strasse. Jede Firma rechnete diese Strasse als ihre Leistung ab. Bis heute wurde nur ein Teilstück gebaut. Seit dieser Bericht bekannt ist, reissen die Proteste nicht ab.

Für die Familie von Jésula Étienne sind die Unruhen fatal. Vorher arbeiteten beide Brüder, der eine als Tagelöhner auf dem Bau, der andere als Mototaxifahrer. Auf dem Bau wird schon lange nicht mehr gearbeitet. Mit dem Mototaxi konnte man vor den Unruhen an guten Tagen 1000 Gourdes (rund 10 Franken) machen. Heute kommt der Bruder oft ohne Verdienst von der Strasse zurück, weil es kaum noch KundInnen gibt. Und wenn in Delmas zu viel geschossen wird, lässt er das Motorrad lieber gleich im Hof. «Wir essen nur noch einmal am Tag», sagt Jésula. «Reis und Bohnen.» In der Not fühlt sie sich noch unnützer als zuvor. «Ich wurde mit zwei Armen geboren», sagt sie. «Ich habe nie gelernt, mit nur einem zu leben.»


«Niemand hat mehr die Kontrolle im Land», sagt Patrick Pélissier, «die Opposition nicht, und die Regierung schon gar nicht.» Patrick ist Anwalt und Vorsitzender des Haitianischen Instituts für Menschenrechte. An drei Wänden seines Büros entlang hängt eine verwirrende Grafik mit kreolischen Namen, Kreisen und Pfeilen. «Wir haben alle kriminellen Banden Haitis und die von ihnen beherrschten Gebiete erfasst, es sind 150», erklärt er. Bei den meisten kennt er den Namen des Anführers und den Mann oder die Frau, die das Geld gibt.

«Hinter jeder Bande steckt ein Politiker», sagt er. Der statte die Kriminellen mit Waffen aus: «Kalaschnikows, M-16-Sturmgewehre, Galil-Maschinenpistolen». Im Gegenzug kontrollierten die Banden seinen Wahlkreis. «Ihre erste Aufgabe ist es, die Leute einzuschüchtern und vom Wahlgang abzuhalten, sodass nur die Anhänger des Auftraggebers zur Urne gehen.» Bei der Wahl von Präsident Moïse lag die Wahlbeteiligung unter zehn Prozent, das Ergebnis war von vornherein klar. Ihren Lebensunterhalt verdienen die Kriminellen mit Schutzgelderpressung und Entführungen.

Seit Massendemonstrationen gegen den Präsidenten wegen der vielen Strassenblockaden im Land kaum mehr möglich sind, sei die Lage unübersichtlich geworden. Niemand wisse, wer eine Barrikade verteidige und wer sie angreife, sagt Patrick. Die Einzigen, die man an ihrer Uniform erkennen kann, sind die Sicherheitskräfte. Alle anderen können genauso aufgebrachte BürgerInnen wie kriminelle Banden aus dem Regierungs- oder dem Oppositionslager sein.

Klarheit herrscht nur in der spirituellen Welt, da ist sich Carl Henry Desloanis sicher. Er ist der Sprecher der Vereinigung der Houngan, der Zeremonienmeister des Vodou-Kults. Neunzig Prozent der HaitianerInnen glauben an diese Geisterwelt, das Wort von Carl Henry hat Gewicht. Er empfängt in seinem Büro. Auf drei hohen Stufen an der Wand, bedeckt mit einem lila Tuch, stehen Rumflaschen, mit bunten Stoffen geschmückte Behälter aus Kürbissen und Rasseln – Opfergaben der Gläubigen. Vor diesem Aufbau schwimmt eine brennende Kerze in einer Schale mit roter Flüssigkeit, daneben liegt ein Totenschädel über gekreuzten Knochen. HaitianerInnen empfinden das nicht als gruselig. Guédé, der für die Toten zuständige Geist aus dem weiten Pantheon des Vodou, ist eine freundliche Gestalt. Er hilft den Seelen der Verstorbenen, unter dem Ozean zurück in die Heimat Afrika zu kommen, der ihre VorfahrInnen als SklavInnen gewaltsam entrissen wurden.

Carl Henry, ein verschmitzter Mann mit feinem Schnauz, sagt nichts, ohne sich vorher leise mit Euvonie Georges Auguste zu beraten. Die runde, fröhliche Frau mit lila Kopfputz ist die wohl einflussreichste Mambo Haitis – das weibliche Gegenstück zu einem Houngan. Nach kurzer Beratung sagt Carl Henry: «Wir erleben gerade ein schweres soziales Nachbeben der Katastrophe von 2010.» Da gebe es nur einen Weg hinaus: «Wir müssen zurück ins Jahr 1791.» Er meint damit die Nacht des 14. August jenes Jahres, in der sich im Wald von Bois Caïman im Norden Haitis die VerschwörerInnen der SklavInnen heimlich trafen und bei einer Vodou-Zeremonie feierlich schworen, dass eine Woche später der Aufstand gegen die französischen SklavenhalterInnen losbrechen sollte. Mit anderen Worten: Der Houngan ruft seine Gläubigen zum Aufstand auf. Und um das zu bekräftigen, sagt er: «Das sagen auch die Geister.»

Auch der Schriftsteller Gary Victor kennt sich mit Vodou und seinen Geistern aus, obwohl er selbst nicht daran glaubt. Er ist der wohl beliebteste Autor Haitis, in seinen Kriminalromanen können sich korrupte Ermittler in Werwölfe und Bösewichte in Spinnen verwandeln. Und doch sagt er, seine Geschichten seien fast Reportagen. «Ich versuche, Haiti so zu sehen, wie es die meisten Haitianer tun.» Man stellt sich vor, dass nur ein skurriler Mensch solche wilden Romane schreiben kann. Doch Gary ist ganz anders. Nachdenklich sitzt er am Tisch auf der Terrasse des «Oloffson» und schlürft Kaffee mit sehr viel Zucker. Seine roten Augen lassen an durchwachte Nächte denken. Auf Gary lastet Verantwortung.

Ein breites Oppositionsbündnis aus Parteien, Gewerkschaften, regierungsunabhängigen Organisationen und Unternehmensverbänden hat ihn in eine Kommission berufen. Die soll schon jetzt aus dem Obersten Gerichtshof drei Kandidaten für das Amt eines Übergangspräsidenten auswählen. Gary hätte die Berufung nicht akzeptiert, wenn er nicht davon überzeugt wäre, dass damit unnötiges Chaos nach dem erhofften Sturz des Präsidenten vermieden werden könnte. Aber er erwartet nicht viel davon. Er kennt die PolitikerInnen, die dann näher an die Macht rücken würden. «Die meisten von ihnen wollen auch nur an die Geldtöpfe», sagt er.

Nein, Gary Victor hat keine Hoffnung für sein Land. «Wenn ich an Haiti in zehn Jahren denke», sagt er, «habe ich Albträume.» Dann lächelt er ein einziges Mal. «Wenigstens gibt mir das Stoff für weitere Romane.»

* In Haiti ist es üblich, sich bis hin zum Präsidenten mit Vornamen anzusprechen; das haitianische Krejòl kennt keinen Unterschied zwischen «Sie» und «du».

Die Geschichte wurde im November 2019 recherchiert. Bis heute hat sich an der Situation in Haiti nichts Wesentliches verändert.

Dieser Artikel wurde ermöglicht durch den Recherchierfonds des Fördervereins ProWOZ. Dieser Fonds unterstützt Recherchen und Reportagen, die die finanziellen Möglichkeiten der WOZ übersteigen. Er speist sich aus Spenden der WOZ-LeserInnen.

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