Bhutan im Bruttoinlands­glück

Le Monde diplomatique –

Trotz seines Erfolgs hat das Land mit Abwanderung zu kämpfen

Indiens Premier Modi auf Staatsbesuch am Flughafen in Thimphu
Thimphu, 23. März 2024: Indiens Premier Modi auf Staatsbesuch Foto: picture alliance/sipa usa/hindustan times

Vor 50 Jahren war Thimphu ein kleines Bergdorf, umgeben von Feldern. Heute ist das Tal besiedelt, die Hänge sind aber immer noch bewaldet. Thimphu, die Hauptstadt Bhutans, ist mit ihren 150 000 Einwohner:innen eine ruhige Stadt, mit den pulsierenden Metropolen Asiens hat sie nichts gemein. Neue fünfstöckige Gebäude, deren Fassaden mit Holzverkleidungen und Wandmalereien Elemente der traditionellen Architektur aufgreifen, haben die Zugezogenen aufgenommen. Keine auffälligen Werbetafeln säumen die vierspurige Straße, die die Stadt durchquert. Nur wenige internationale Firmen haben die Genehmigung, sich hier niederzulassen.

Dagegen wird auf Plakaten ein Infotag für ein Studium in Australien beworben, den ein führendes Vermittlungsunternehmen für Auslandsaufenthalte organisiert. Dergleichen boomt, denn die Bevölkerung Bhutans wandert ab.

2024 stattete König Jigme Khesar Wangchuck Australien seinen ersten offiziellen Besuch ab. Ziel der Reise: seine Landsleute zurückholen. Allein im vergangenen Jahr sind fast 1,5 Prozent der bhutanischen Bevölkerung nach Australien ausgewandert. 20 000 Bhutaner:innen in traditioneller Tracht kamen in ein Stadion in Perth, um den König zu sehen, die Männer im Gho, einem knielangen Gewand, die Frauen in der Kira, einem bunten langen Rock mit Seidenjacke. Das Driglam Namzha, das traditionelle Regelwerk für Etikette und Kleidung, ist bei den Exilanten nach wie vor tief verwurzelt.

Die Auswanderung aus Bhutan hat sich seit der Coronapandemie beschleunigt. Mindestens 50 000 Menschen, etwas mehr als 6 Prozent der Bevölkerung, haben das Königreich verlassen. Seit einem Jahrhundert gehen junge Bhutaner:innen dank staatlicher Stipendien für ihre Ausbildung ins Ausland, vor allem nach Indien, aber auch nach Bangladesch und Sri Lanka. Die staatlichen Stipendien verpflichten sie, nach ihrem Abschluss ins Heimatland zurückzukehren. Heute aber finanzieren die meisten ihr Auslandsstudium selbst, meist durch Kredite. Danach bleiben sie dann im Gastland, um dort zu arbeiten. Dies geschieht immer häufiger, und der Staat steht der Abwanderung der jungen und gut ausgebildeten Bevölkerung hilflos gegenüber. Premierminister Tshering Togbay sprach gegenüber dem Sender CBS am 17. November 2024 sogar von einer „existenziellen Krise“ für sein Land.

Tempelanlage in der Hauptstadt Thimphu
Hauptstadt Thimphu Foto: picture alliance/amazing aerial agency/aero-tech bhutan

Togbay empfängt uns in seinem holzgetäfelten Büro im Parlamentsgebäude. „Bhutan könnte sich entvölkern“, befürchtet er. Eingeklemmt zwischen Indien und China mit einer Bevölkerung von jeweils rund 1,4 Milliarden Menschen, fühlt sich Bhutan bedroht. Die Bevölkerung ist zwar dank einer erheblichen Verbesserung der Lebenserwartung von 595 000 Einwohnern im Jahr 2000 auf heute 789 000 gewachsen, doch die Geburtenrate von mittlerweile unter zwei Kindern pro Frau lässt eine weitere Zunahme nicht erwarten. Die Abwanderung aus Bhutan passt nicht zu dem guten Ruf, den das Land in der Welt genießt, seit es den Index des Bruttonationalglücks (BNG) eingeführt hat. Es orientiert sich am Wohlbefinden der Bevölkerung anstatt am Wirtschaftswachstum.

Diese Idee soll vom vierten König, Jigme Singye Wangchuck, stammen, als Antwort auf die Frage eines indischen Journalisten, der ihn 1972 nach dem Bruttoinlandsprodukt (BIP) seines Landes fragte. Der König konnte die Frage mangels verlässlicher nationaler Statistiken offensichtlich nicht beantworten. Das BNG wurde sowohl innen- als auch außenpolitisch seit der Jahrtausendwende zum Eckpfeiler der bhutanischen Politik. 2008 erhielt es sogar Verfassungsrang, als König Jigme Singye Wangchuck zugunsten seines Sohns abdankte und die Demokratie einführte. Damals wurden nach einem Jahrhundert absoluter Monarchie die ersten allgemeinen Wahlen in Bhutan abgehalten.

Bürokratie der vier Säulen

Zur selben Zeit wurde die 1961 gegründete Kommission für die Fünfjahrespläne in eine BNG-Kommission umgewandelt. Sie prüft alle politischen Entscheidungen im Hinblick auf ihre Folgen für das Wohlergehen der Bevölkerung. Das Bruttonationalglück basiert auf vier Säulen: gute Regierungsführung, nachhaltige sozioökonomische Entwicklung, Erhaltung und Förderung der Kultur sowie Umweltschutz. Ein in den 2000er Jahren entwickelter Index bewertet die Einhaltung dieser Ziele anhand von 72 Indikatoren und 151 Variablen.

„Wir haben die Idee des Königs in einen Fragebogen umgesetzt“, erklärt Karma Ura. Der Oxford-Absolvent war als leitender Beamter für die Konzeption des BNG verantwortlich. Er leitet heute das Centre for Bhutan Studies and Gross National Happiness Research, das in einem imposanten Neubau in einem bewaldeten Tal nahe Thimphu seinen Sitz hat. Betelnuss, die er wie viele Bhutaner kaut, beult seine Wange aus und färbt Lippen und Zahnfleisch rot.

Ura hat das goldene Zeitalter des BNG miterlebt. Die New York Times widmete ihm (am 17. Januar 2017) ein Porträt, in dem er als „einer der weltweit größten Glücksexperten“ vorgestellt wurde. Bhutan erhielt damals den Beinamen „Land des Glücks“.

Das Königreich nutzt ihn, um sich international ein positives Image aufzubauen. In der Amtszeit des ersten gewählten Regierungschefs des Landes, Jigme Thinley (2008–2013), wurde das „bhutanische Glück“ zu einem Instrument der Soft Power. 2012 verabschiedete die UN-Generalversammlung auf Initiative Bhutans zwei Resolutionen, die zur Einführung eines Weltglückstags (20. März) führten.

Über die bloße Werbung für die Idee hinaus soll die Verankerung des BNG in der bhutanischen Verfassung den Wandel fortsetzen, der in den 1960er Jahren mit der Einführung eines neuen Entwicklungsmodells mit Fünfjahresplänen eingeleitet wurde. Damals gab es in Bhutan keine befahrbaren Straßen. Die Menge der Schulen und Ärzte konnte man buchstäblich an zehn Fingern abzählen.

Heute erreicht die Alphabetisierungsrate bei jungen Menschen 98 Prozent und in der Gesamtbevölkerung 72 Prozent. Schulen sind kostenlos, der Unterricht findet auf Englisch und in der Landessprache Dzongkha statt. Krankheiten wie Lepra, Kropf oder Polio wurden ausgerottet. Die Lebenserwartung bei der Geburt liegt bei 75 Jahren und damit vier Jahre über dem weltweiten Durchschnitt. Das Land kann sich einer vollständigen Elektrifizierung und einer flächendeckenden Netzabdeckung rühmen. Am 13. Dezember 2023 bestätigte die UN-Generalversammlung diese Fortschritte, indem sie Bhutan aus der Liste der am wenigsten entwickelten Länder strich.

Nun aber steht das Land vor einer ganzen Reihe neuer Probleme. Mit dem Abschmelzen der Himalajagletscher droht ganzen Tälern die Überflutung. Erwerbstätige haben oft mehrere Jobs, um über die Runden zu kommen, etwa der Chauffeur eines Ministers, der auch Taxifahrten anbietet – eine gängige Praxis unter staatlichen Angestellten, wie er sagt. Junge Menschen mit Hochschulabschluss finden keine Arbeit und packen ihre Koffer. Ist diese Abwanderung ein Zeichen des Scheiterns?

Im Gegenteil, antwortet Togbay. Der Premierminister sieht die massive Abwanderung junger Bhutaner:innen vielmehr als Nebenwirkung des Erfolgs. „Innerhalb einer Generation haben wir uns von einer mittelalterlichen zu einer modernen Gesellschaft entwickelt. Unsere Kinder haben von einem kostenlosen Gesundheitssystem und einer kostenlosen, hochwertigen Bildung profitiert. Unsere jungen Menschen können sich in der Weltsprache Englisch verständigen und Arbeitsplätze finden, insbesondere in Australien. In gewisser Weise ist dies ein Ergebnis, das unsere Erwartungen übertrifft.“

Bhutan entwickelt sein politisches und wirtschaftliches Modell unterdessen weiter. 2022 wurde die BNG-Kommission aufgelöst und die Planung auf mehrere Regierungsstellen verteilt. Die Bewertung der öffentlichen Politik anhand des BNG wurde eingestellt. „Die Hauptkritik kam aus der Wirtschaft, aus Industrie und Handel. Sie fanden die Indikatoren zu streng, zu restriktiv und sahen darin ein Geschäftshindernis“, erklärt Ura.

Flusswasser zu Bitcoins

Sein Studienzentrum, das 2017 fertiggestellt wurde, wirkt am Tag unseres Besuchs ziemlich verlassen. Kaum jemand passiert das „Tor des Verstands“, einen bemalten Holzbogen auf dem Vorplatz. Die „Bibliothek des Geistes, des Körpers und des Klangs“ ist vorübergehend geschlossen. Im Juni 2025 jedoch fand hier die internationale „Bhutan Meditation Conference“ statt, eröffnet von Premierminister Togbay. Auch Ura konzentriert mittlerweile vor allem auf seine Forschungen zum Buddhismus und versucht, die Wirkung von Meditation zu quantifizieren.

„Dringenden Handlungsbedarf“ sieht der Premierminister. „Diese australischen Jobs, selbst für einfache Tätigkeiten, werden viel besser bezahlt als das, was man hier verdienen kann. Natürlich wollen da viele ins Ausland. Die einzige Lösung für uns besteht darin, hier Arbeitsplätze zu schaffen, die mit denen in Australien konkurrieren können.“

Der Fünfjahresplan von 2024 bis 2029 zielt darauf ab, Bhutan bis 2034 zu einem Hochlohnland zu machen. Er setzt auf das gute alte BIP und dessen Steigerung von 2,9 Milliarden (2023) auf 5 Milliarden (2029) und bis 2034 auf 10 Milliarden Dollar. Dafür bräuchte es jährliche Wachstumsraten von über 11 Prozent ein Niveau, das seit 2010 nicht mehr erreicht wurde.

Das dürfte nicht leicht werden. Die Coronapandemie hat den Tourismus, eine der Säulen der Wirtschaft, schwer getroffen. Seit der Öffnung des Landes, das bis 1974 für ausländische Besucher geschlossen war, ist er zur zweitwichtigsten Devisenquelle geworden, nach der Lieferung von Strom aus Wasserkraftwerken an Indien. Zudem ist Tourismus neben Landwirtschaft und dem öffentlichen Sektor der wichtigste Arbeitgeber. Die anfangs staatlich verwaltete Branche befindet sich inzwischen in den Händen privater Unternehmen. Für den Staat bleibt allerdings noch eine Kurtaxe von derzeit 100 US-Dollar pro Übernachtung.

Diese „Gebühren für nachhaltige Entwicklung“, so die offizielle Bezeichnung, bringen der Regierung jährlich zig Millionen Euro ein. Als im März 2020 diese Geldquelle schlagartig versiegte, brach die Wirtschaft des Landes um 10 Prozent ein. Bhutan öffnete seine Grenzen für Tourist:innen erst im September 2022 wieder, ohne jedoch wieder die Besucherzahlen aus der Zeit vor der Pandemie zu erreichen.

Von einer der Hauptstraßen, die Thimphu mit dem Paro-Tal im Westen verbindet, führt eine kleine Brücke über einen Fluss. Bunte Gebetsfahnen flattern im Wind. Hier windet sich eine Straße an einem steinigen, vegetationslosen Hang. Hier sollte einst die „Bildungsstadt“ entstehen, ein Projekt, das bereits 2014 wieder aufgegeben wurde. Heute befindet sich hier die größte Bitcoin-Mining-Farm des Landes. Kein Schild weist darauf hin. Nur Strommasten und Kabel, die den kahlen Berg hinaufführen, lassen vermuten, dass hier irgendwo eine höchst energieintensive Aktivität im Gange ist.

US-Medien enthüllten 2023, dass Bhutan über bedeutende Reserven an Krypto-Assets verfügt.1 Etwa 13 000 Bitcoins sollen es sein, die nach aktuellem Kurs mehr als 1 Milliarde US-Dollar wert sind. Damit verfügt das Land nach den USA, China, Großbritannien und der Ukraine über die fünftgrößte staatliche Bitcoin-Reserve der Welt. Für Bhutan ist es eine wahrhaft enorme Summe, die mehr als ein Drittel seines jährlichen BIPs entspricht.

Die Mining-Aktivitäten, die 2019 begonnen haben sollen, fallen in den Zuständigkeitsbereich der Druk Holding and Investments, der staatlichen Investmentgesellschaft des Königreichs, die auch verschiedene andere Unternehmen betreibt. Ihr Direktor Ujjwal Deep Dahal, ein ehemaliger Wasserkraftingenieur, hält sich mit Details zurück, erklärt jedoch das Motiv, das dahintersteckt: „Wir wollten schon immer einen Mehrwert durch unsere Energie aus Wasserkraft generieren, anstatt sie in ihrer Rohform zu verkaufen.“ Bhutan tätigte 2024 seine ersten Bitcoin-Verkäufe, nahm damit Millionen Dollar ein – und erschloss sich so eine neue Methode, um an Devisen zu kommen.

1 Sarah Emerson und Iain Martin, „The tiny kingdom of Bhutan secretly held millions of dollars in cryptocurrency“, Forbes, 15. April 2023.

Aus dem Französischen von Nicola Liebert

Hélène Ferrarini ist Journalistin.