Schwarzer Brei aus Venezuela
Seit mehr als 100 Jahren bestimmt Erdöl das Schicksal des Landes
Es ist eine magische Zahl, die in keinem Bericht über Venezuela fehlen darf: 300 000 000 000. Auf 300 Milliarden Barrel1 werden die Ölressourcen des Landes geschätzt, „die größten der Welt“, so das unvermeidliche Zusatzattribut.
Dass diese Zahl auch US-Präsident Donald Trump elektrisierte und seine Gier nach großen Geschäften entfachte, ist offensichtlich.
Nach dem Angriff auf Venezuela im Januar 2026 und der spektakulären Entführung des Präsidenten Nicolás Maduro und seiner Frau Cilia Flores ließ er keinen Zweifel an seinen Absichten. Der obsessiv auf fossile Energien fixierte US-Präsident („Drill, baby, drill“) redete nur noch über Öl. Der lange vorgeschobene Kampf gegen Drogen, Mörderbanden und Migration war plötzlich kein Thema mehr.
Stattdessen greift Trump unverhohlen nach den Bodenschätzen Venezuelas, vor allem nach den Ölvorkommen, die er „mit unseren großartigen Ölfirmen, den größten der Welt“, ausbeuten will. Das hatte er schon zwei Jahre vor seiner erneuten Amtszeit angekündigt. Die New York Times erinnerte an die damalige Drohung: „Wir werden uns all das Öl holen, es liegt gleich um die Ecke.“2
Der Ressourcenraub soll Milliarden Petrodollars einspielen, die der US-Präsident eigenmächtig zwischen den USA und Venezuela aufteilen will. Trump: „Wir werden einen riesigen Wohlstand aus diesem Boden herausholen.“ Und: „Wir werden entscheiden, welche Ölfirmen reingehen, welchen wir das erlauben und mit welchen Unternehmen wir einen Vertrag abschließen.“
Doch der weitaus größte Teil der venezolanischen Ölressourcen besteht aus extrem dickem Schweröl mit hohem Schwefelgehalt. „Extra-heavy oil“ (EHO) wird der zähe Bitumenbrei im Fachjargon genannt, er ist nicht mit leichtem Öl in flüssigem Aggregatzustand vergleichbar. Der Ölbrei ist nur zu hohen Kosten förderbar, er erzielt deutlich niedrigere Preise am Markt, und er muss mit leichten Ölfraktionen vermischt werden, um überhaupt genutzt werden zu können.
Die angesehene norwegische Energieberatungsfirma Rystad Energy hat in ihrer Statistik die EHO-Ressourcen Venezuelas als nicht wirtschaftlich förderbar weitgehend gestrichen. Nach Einschätzung von Rystad sind nur 7 der 300 Milliarden Barrel „mit hoher Wahrscheinlichkeit“ in den nächsten Jahren aus dem Boden zu holen. „Das extrem dicke Schweröl Venezuelas wird auf dem Weltmarkt nie eine Rolle spielen“, sagt auch der Münchner Energieexperte Jörg Schindler. Trump sieht offenbar nur die riesige Zahl, die wunderbare Geschäfte verspricht.
Die Reaktion der Ölkonzerne war entsprechend zurückhaltend. Sie wissen genau, welche gewaltigen Investitionen notwendig wären, um die vor allem im Orinocogebiet liegenden Ölvorkommen zu fördern. Trumps Versprechen, dass jeder investierte Dollar durch die Öleinnahmen mehrfach zurückgezahlt werde, hat nicht überzeugt. Darren Woods, Boss des größten US-Ölkonzerns ExxonMobil, hatte die Courage, Trump vor laufender Kamera zu widersprechen: Die Rahmenbedingungen in Venezuela würden Investitionen dort derzeit unmöglich machen.
Rystad Energy beziffert die Investitionen, die nötig wären, um die Förderung in Venezuela um 50 Prozent auf immer noch bescheidene 1,5 Millionen Barrel täglich zu steigern, auf 14 Milliarden US-Dollar. Um sie bis 2040 auf 3 Millionen Barrel zu pushen, müssten mehr als 180 Milliarden US-Dollar investiert werden. Vor allem die Infrastruktur muss verbessert oder neu aufgebaut werden, es fehlt an Straßen, Strom, Wasser, an Arbeitskräften und intakten Pipelines.
Noch ist offen, ob sich die Konzerne von Trump in ein neues Engagement treiben lassen. Bisher ist in Venezuela Chevron als einziger US-Konzern aktiv. Mit einer Ausnahmegenehmigung der US-Regierung versehen, produziert das in Houston ansässige Unternehmen rund 30 Prozent des venezolanischen Öls. Chevron pumpt schon seit 1923 in Venezuela und will das auch fortsetzen.
Mit dem Überfall US-amerikanischer Spezialeinheiten und Trumps Hand auf den venezolanischen Ölquellen hat eine neue Epoche in der turbulenten Geschichte des Landes begonnen. Dessen Wirtschaft und Wohlstand hängt vollständig vom Öl ab, von jenen „Exkrementen des Teufels“, wie sie der einstige Energieminister Venezuelas, Juan Pablo Pérez Alfonzo, bezeichnete, der maßgeblich an der Gründung der Opec beteiligt war. Seit mehr als hundert Jahren bestimmt Erdöl das Schicksal des Landes.
Ende des 19. Jahrhunderts waren die ersten Vorkommen entdeckt worden; in den 1920er Jahren nahm die Förderung Fahrt auf, und schon 1926 überholte das Erdöl die bis dahin wertvollsten Exportgüter Kaffee und Kakao. Im selben Jahr hatte die Lebenserwartung bei 38 Jahren gelegen, mehr als 60 Prozent der Bevölkerung waren Analphabeten.
Doch plötzlich war das Agrarland Venezuela – nach den USA – zum zweitgrößten Ölexporteur der Welt aufgestiegen. Landwirtschaft und Kaffeeanbau verloren immer mehr an Bedeutung, Venezuela verwandelte sich in einen reinen Ölstaat. Als Folge geriet die Entwicklung des Landes zu einem wilden Ritt zwischen Boom und bust, zwischen luxuriösen Höhenflügen und bitterer Armut.
Die guten Jahre zwischen 1958 und 1975 brachten dem südamerikanischen Land nach Überwindung der Militärdiktatur einen üppigen Petrodollarsegen mit jährlichen Wachstumsraten des BIP von mehr als 6 Prozent und einer Inflationsrate unter 2 Prozent. Mit der ersten Ölkrise 1973 hatte der Ölpreis das Fliegen gelernt, er verfünffachte sich in den Jahren von 1970 bis 1974 und bescherte Venezuela märchenhafte Exporterlöse.
Die Staatseinnahmen stiegen von 3 Milliarden (1972) auf 11 Milliarden US-Dollar (1974). Die Hauptstadt Caracas wurde zu einer der teuersten Metropolen der Welt, das Land war die Nummer eins beim Konsum schottischen Whiskys. Gerne fuhren reiche Venezolaner:innen zum Shoppen nach Miami.
Venezuela hatte sich zu einer der reichsten und angesehensten Nationen Lateinamerikas entwickelt und befand sich auf dem Weg zu einer stabilen Demokratie.
Doch die einseitige Abhängigkeit vom Erdöl, gepaart mit einem volatilen Ölpreis, machten das Land krisenanfällig. Mitte der 1970er Jahre endete der wirtschaftliche Höhenflug. Die alten, leicht förderbaren Ölfelder waren teilweise erschöpft, die ausländischen Ölmultis hatten wenig in neue Felder investiert.
Bis 1976 hatten Shell und US-Konzerne wie ExxonMobil und Gulf Oil die anfangs noch leicht förderbaren Ölvorkommen zu wesentlichen Teilen ausgebeutet. Dabei hatten sie viele Milliarden US-Dollar als Gewinne abgeschöpft. Bis 1943 kassierten die Ölkonzerne 81 Prozent der Einnahmen, der Staat nur 19 Prozent. Danach galt eine 50:50-Regelung.
Als die Regierung unter Präsident Carlos Andrés Pérez am Jahresende 1975 die Ölförderung verstaatlichte und die viel zu kulanten Förderkonzessionen einkassierte, fiel die Reaktion der USA zurückhaltend aus, und auch die Ölmultis räumten eher geräuschlos das Feld. Trotz der Verstaatlichung importierten die USA weiterhin große Mengen Erdöl aus Venezuela.
Es folgten turbulente Jahre mit dem Staat als Großunternehmer, in denen der Ölsektor mit teuren Investitionen und Massenentlassungen von heftigen Krisen geschüttelt wurde. Historiker notierten Verschwendung, Korruption, Klientelismus, Missmanagement, Kapitalflucht, hohe Verschuldung, hohe Arbeitslosigkeit, einen aufgeblähten Staatsapparat, die maßlose Bereicherung kleiner Cliquen, die Unterbesteuerung der Reichen und Superreichen und andere Übel. Jetzt rächte sich der Niedergang der Landwirtschaft und der Industrien jenseits des Öls. 1983 erklärte Venezuela seine Zahlungsunfähigkeit.
1990 öffnete das Land seinen Ölsektor wieder für ausländische Unternehmen. Zur selben Zeit lebten fast zwei Drittel der 20 Millionen Venezolaner:innen in Armut. Es brodelte im Land mit Putschversuchen, Mordanschlägen, unzähligen Demonstrationen und politischer Radikalisierung. 1998 gewann der charismatische Sozialist Hugo Chávez mit einem Erdrutschsieg die Präsidentschaftswahlen.
Chávez versprach eine neue Sozialpolitik und setzte den Kampf gegen die Armut ganz oben auf seine Agenda. Vor allem wollte er die Einnahmen aus den Ölexporten steigern. Er übernahm den Vorsitz der Opec und versuchte, über eine Senkung der Förderquoten den Ölpreis in die Höhe zu treiben. Tatsächlich stieg er – aber nicht nur durch Chávez’ Quotenpolitik – in den Folgejahren in neue Höhen, brachte Venezuela steigende Einnahmen und einen größeren finanziellen Spielraum.
2008 erreichte die Notierung mit über 140 US-Dollar je Barrel ihren historischen Höchststand. Um den direkten staatlichen Zugriff auf die Erdölförderung und deren Einnahmen zu vergrößern, entmachtete Chávez Zug um Zug das landeseigene Ölunternehmen Petróleos de Venezuela S. A. (PDVSA), das sich zum Staat im Staat entwickelt und wenig Steuern bezahlt hatte.
Bereits 2007 hatte Chávez per Dekret eine erneute Verstaatlichungswelle der Ölindustrie verfügt, internationale Konzerne wurden enteignet, weil, so Chávez, aus den Ölverkäufen zu wenig Wohlstand im Land ankomme.
US-Präsident Trump bezeichnet die damaligen Verstaatlichungen heute als „Diebstahl unseres Öls, das wir jetzt zurückhaben wollen“. Trumps wichtigster Berater, Vizestabschef Stephen Miller, sprach mit viel Pathos vom amerikanischen Schweiß und amerikanischer Genialität, die die Ölindustrie Venezuelas erschaffen hätten.
Auch dank der Verstaatlichung war Chávez in seiner Heimat beliebt, wurde mehrfach im Amt bestätigt. Er starb 2013 an Krebs. Sein Nachfolger hingegen, Vizepräsident Nicolás Maduro, entwickelte sich schnell zum autokratischen Herrscher. Er höhlte die Demokratie aus, fälschte Wahlergebnisse, verfolgte Oppositionelle. Und er schaffte es nicht, Venezuelas wirtschaftliche Abwärtsspirale zu stoppen. Das Land versank immer tiefer in Armut, gezeichnet von Versorgungsengpässen und Hyperinflation. Nach Zahlen der Vereinten Nationen sind inzwischen knapp 8 Millionen Menschen aus Venezuela geflüchtet.
Der Ölsektor konnte sich dank der Kredite Chinas, eines der wichtigsten Abnehmer venezolanischem Öls, in den 2020er Jahren leicht erholen. Die Ölförderung stieg wieder auf fast 1 Million Barrel. Doch in den besten Zeiten hatte Venezuela mehr als 3 Millionen Barrel gefördert, 2015 waren es immerhin noch 2,5 Millionen gewesen.
Nach Maduros Entführung ist die Förderung nochmals gesunken und wurden Tanker mit venezolanischem Öl weiterhin vom US-Militär gekapert. Niemand im Land weiß, wie es jetzt eigentlich weitergehen soll. „Wir werden nie wieder Sklaven sein“, hatte die Interimspräsidentin Delcy Rodríguez kurz nach dem Angriff der USA selbstbewusst erklärt.
Doch mit der Übernahme der Ölfelder durch die US-Regierung ist das Land Trumps skrupellosem Machtrausch, seiner Sprunghaftigkeit und seiner Sucht nach großen Geschäften weitgehend ausgeliefert.
Als ersten Schritt brachte die US-Regierung in Eigenregie das nach der Blockade „liegen gebliebene“ venezolanische Öl auf den Markt: Ende Januar 2026 wurde das erste große Geschäft der US-Regierung mit venezolanischem Öl abgewickelt. Die venezolanische Regierungschefin Rodríguez gab bekannt, dass durch einen von den USA organisierten Ölverkauf im Wert von 500 Millionen US-Dollar Venezuela 300 Millionen erhalten habe.
Dass die USA dabei in erheblichem Maß mitverdient hatten, blieb von Rodríguez unerwähnt. Das venezolanische Parlament in Caracas hat unterdessen – drei Wochen nach der Entführung Maduros – auf Druck der US-Regierung die Türen für ausländische Unternehmen weit geöffnet. Sie dürfen nach einem entsprechenden Gesetzentwurf künftig venezolanische Ölvorkommen erschließen, ohne wie bisher ein Gemeinschaftsunternehmen mit dem staatlichen Ölkonzern PDVSA zu gründen, der dabei immer die Mehrheit behielt.
1 Ein Barrel entspricht 159 Litern.
2 Anton Troianovski, „Trump Long Wanted to ‚Take the Oil.’ He Says He’ll Do It in Venezuela“, New York Times, 3. Januar 2026.
Manfred Kriener ist Umweltjournalist.
© LMd, Berlin