18.10.2001

«Die Stadt ist alles, was wir haben!»

Von Elisabeth Blum

«What's to stop a suicide bomber from taking out this whole place?», flüsterte am Freitag, 14. September, in der Haupthalle der New Yorker Grand Central Station ein junger Mann seiner Freundin ins Ohr. Mit der andernorts gestellten zweiten Frage «What will it take to make this city's public spaces safe from attack?» konstruiert David Barstow, der diese Geschichte in der «New York Times» vom 16. September erzählt, eine dialektische Falle, in die tappt, wer die zweite Frage wie eine logische und folglich unumgängliche Konsequenz auf die erste versteht.

Die Geschwindigkeit, mit der das unerträgliche «Nichts!» als einzig mögliche Antwort auf die so vernünftige wie berechtigte erste Frage übergangen wird, verfestigt nicht nur die bisher noch mit spürbarer Scham und einigem Zögern verfolgte Strategie einer flächendeckenden Überwachung «heikler» Stadtausschnitte. Sie nutzt zudem die «günstige Gelegenheit» und gibt den bisherigen Konzepten der Sicherheitsingenieure und -verwalter zusätzlich Auftrieb und Nachhaltigkeit.
Schon vor dem 11. September stand die zweite Frage im Vordergrund, allerdings ohne die zwei letzten Worte: «What will it take to make this city's public spaces safe?», hiess es da. Jetzt lautet die Frage so, wie sie Barstow gestellt hat. Dieser Wechsel markiert nicht nur einen Einschnitt in die Politik der städtischen Sicherheit, sondern steht für eine Position der Vernunft, die eingesteht, dass unsere Beziehungen zum städtischen Raum prekär bleiben werden.

Die von Barstow aufgelisteten Vorschläge von neun Sicherheits- und Terrorismusexperten für «sichere Szenarien für vier touristische New Yorker Highlights» sehen eine drastische Ausweitung bereits elaborierter Überwachungspraktiken vor. Würden sie realisiert, bescherten sie den Menschen in New York «bomb-sniffing dogs», einen in eine Mall verwandelten Times Square, einen aufgrund aufwendiger Scanningverfahren extrem eingeschränkten Zugang zur Grand Central Station, und vieles andere mehr. Summa summarum: eine Stadt mit Festungscharakter. Die Bereitschaft zu solch einschneidenden Massnahmen ist zurzeit gefährlich gross. Sogar der vormalige Chairman der New Yorker Polizei, Howard Safir, warnt ausdrücklich vor der Gefahr einer «bunker and bomb-camp»-Mentalität.

Allerdings: Wer, aus welchem Motiv auch immer, zu einem Selbstmordattentat bereit ist, bewegt sich ausserhalb der Logik dieses traditionellen Sicherheitsdiskurses. Die Experten werden gezwungen sein, andere Szenarien zu entwickeln, wie diesen Gefahren begegnet werden kann, ohne gleich die Bevölkerung ganzer Städte unter Aufsicht zu stellen. Denn solche Massnahmen wären ebenso unklug und unverhältnismässig wie flächendeckende Vergeltungsschläge. Der einschlägige Hauptsatz des Strafens – Heribert Prantl erinnerte daran in der «Süddeutschen Zeitung» – heisse: «Strafe des Täters, wie es der allgemeine Nutzen erfordert». Es gebe keinen Strafzweck, der es rechtfertigen würde, eine Strafe an Nichttätern zu vollstrecken, und das gilt auch für die Stadt. Anders denn als Strafe aber kann der allmähliche Verlust von Anonymität im städtischen Raum nicht bezeichnet werden. «Die Stadt ist alles, was wir haben!» – dieser Satz des holländischen Architekten Rem Koolhaas hat durch die jüngsten Ereignisse eine neue Bedeutung erhalten: Wir wollen eine Stadt zum Leben, kein Gefängnis!

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