Rechter Kulturkampf : Wenn die Vielfalt rausgeworfen wird
Wegen der politisch motivierten Entlassung des Leiters des Verlags Grasset brodelt es im französischen Literaturbetrieb – und weit darüber hinaus.
Am Ende protestierte sogar die Familie. «Das politische Engagement des neuen Besitzers ist entgegengesetzt zu jenem von Louis Hachette», klagte jüngst der achtzigjährige Gérald de Roquemaurel, ein Nachfahre des Gründers der heute mit Abstand grössten Verlagsgruppe Frankreichs. Sein Urahn Louis Hachette (1800–1864) habe gegen die Rechtsextremen der eigenen Zeit gekämpft: gegen reaktionäre Royalisten. Doch heute sei Hachettes Erbe «entstellt und sogar verraten». Denn seit Ende 2023 ist eben gerade ein Rechtsextremer Hauptaktionär der Hachette-Gruppe: der Milliardär und Tycoon Vincent Bolloré.
Seit dem 14. April sorgt der Bretone für nicht nachlassende Stürme der Empörung: An jenem Tag wurde die Entlassung von Olivier Nora bekannt. Dieser hatte 26 Jahre lang die Hachette-Filiale Grasset geleitet, den nach Gallimard renommiertesten französischen Literaturverlag. Dem Neffen des illustren Historikers Pierre Nora wurde aus vagen Gründen gekündigt. Wären Spindoktoren involviert gewesen, hätte es wohl geheissen: «strategische Differenzen». So jedoch rapportierte «Libération» einen weniger zitierfähigen Befehl Bollorés: «Ich kann nicht mehr mit diesem Arsch, werft ihn mir raus.»