Literatur : Deepfakes und Dichtung
Ben Lerner ist mit dem Roman «Transkription» ein kleines Meisterwerk über Medien und ihre Macht geglückt.
Bei dieser Themenvielfalt würde man einen gewichtigen Wälzer oder eine sich über mehrere Staffeln erstreckende Serie erwarten: von der Wirkung digitaler Medien auf unser Kommunikationsverhalten über die Dynamik zeitgenössischer Beziehungen bis zu einer halbkafkaesken Vater-Sohn-Geschichte zwischen Kunst und Leben; von den Essstörungen reicher Kinder (auch hier grüsst Kafka mit dem «Hungerkünstler») über die gespenstische Realität der Covid-Pandemie bis zum Umgang mit assistiertem Suizid. Dem US-amerikanischen Autor Ben Lerner reichen dafür locker 150 Seiten.
In wenigen Sätzen entfaltet «Transkription» zunächst die amüsante Geschichte eines männlichen Ich-Erzählers in seinen Vierzigern, der aus Kalifornien an die US-Ostküste an seinen Studienort Providence reist, um seinen neunzigjährigen akademisch-künstlerischen Mentor Thomas vor dessen Tod noch einmal zu interviewen. Allerdings kommt er ohne Aufnahmegerät an, denn kurz vorher fällt das Mobiltelefon ins Hotelwaschbecken und gibt seinen Geist auf. Doch was passiert eigentlich mit diesem «Geist» in und durch die digitalen Medien?