07.02.2002

Erst Irak, dann Iran

Der Ökonom Michel Chossudovsky über den bevorstehenden Angriff auf den Irak, die US-Propaganda und den Streit im transatlantischen Bündnis.

Interview: Christoph Fleischmann, Stuttgart

WoZ: Was müsste passieren, um den drohenden Irak-Krieg zu verhindern?
Michel Chossudovsky: Zuerst müssen wir Ursachen und Konsequenzen eines Krieges verstehen. Dies ist ein Eroberungskrieg, der gerade erst beginnt. Die Regierung von George W. Bush hat deutlich gemacht: erst Irak, dann Iran. Es ist ein Krieg, der zur Militarisierung einer grossen Region führen wird: von der Ostküste des Mittelmeeres bis zu Chinas Westgrenze. Und es ist nicht nur ein Krieg, der gegen den Irak oder den Iran gerichtet ist, sondern auch gegen die Ölinteressen europäischer Staaten. Da ist eine enorme Rivalität zwischen den Ölkonzernen, im Besonderen zwischen den angloamerikanischen Firmen BP, Chevron-Texaco, Exxon und europäischen Konzernen wie Total-Fina-Elf und der italienischen ENI. Da haben wir eine Auseinandersetzung zwischen dem Block USA-Grossbritannien und Frankreich-Deutschland. Dies betrifft nicht nur die Öl-, sondern auch die Rüstungsindustrie.

Muss wegen dieser Rivalität automatisch ein Krieg gegen den Irak geführt werden?
Es geht um die militärische Besetzung der Ölfelder. Das ist das wichtigste Ziel. Die Europäer stehen vor der Frage, ob sie dabei mitmachen sollen, um im Nahen Osten eine militärische Präsenz – ähnlich wie in Jugoslawien – zu erlangen. Aber die starke Rivalität unter den Grossmächten erschwert ein gemeinsames militärisches Vorgehen zum jetzigen Zeitpunkt.

Hat die Bush-Regierung noch andere ökonomische Interessen, Krieg zu führen?
Die US-Hegemonie über die Währungssysteme dürfte sich mit dem geplanten Eroberungskrieg weiter verstärken. Mit der Einführung des Euro hat der Dollar Konkurrenz bekommen. In einigen Staaten des früheren Ostblocks, also zum Beispiel in den ehemaligen Sowjetrepubliken Zentralasiens, hat sich der Dollar durchgesetzt. In Osteuropa, Jugoslawien und in einigen Staaten der früheren Sowjetunion hat sich der Euro durchgesetzt.

Der Chef der US-amerikanischen Zentralbank, Alan Greenspan, warnt aber vor einem Irak-Krieg, weil er die Konjunktur weiter schwächen könnte.
Es gibt jede Menge Widersprüche, und wir leben in einer sehr komplexen Welt. Aber ich bin fest davon überzeugt, dass das Ziel der militärischen und strategischen Operationen der US-Regierung auch die Destabilisierung anderer nationalstaatlicher Währungssysteme ist, um so die US-Vorherrschaft in der Welt zu sichern.

Wie stark ist die militärische und politische Verflechtung in den USA?
In den USA gibt es eine massive Umleitung öffentlicher Gelder zugunsten des Militärs. Ein Rüstungskonzern produziert nicht für den freien Markt, er verkauft an das Verteidigungsministerium. Ohne den staatlichen Käufer ist er tot. Die Beträge, die statt in die sozialen Dienste in die Rüstungsindustrie fliessen, sind gigantisch: Das US-Verteidigungsbudget ist um dreissig Prozent höher als das gesamte Bruttoinlandprodukt der russischen Föderation, in der mehr als 150 Millionen Menschen leben. Die Rüstungskonzerne üben zusammen mit den Öl-, Finanz- und Pharmafirmen einen enormen Einfluss auf den Staat aus.

Der militärische Apparat, Dienste wie die CIA oder die Ministerien sind personell stark mit den Interessen dieser Konzerne verbunden. In den Aufsichtsräten der Rüstungsindustrie sind ehemalige CIA-Direktoren anzutreffen, Generäle arbeiten für Erdölkonzerne.

Klingt das nicht ein wenig nach Verschwörungstheorie?
Die Verbindung ökonomischer und militärischer Interessen sowie die geheimdienstliche Beeinflussung der Öffentlichkeit sind sehr auffällig. Deswegen habe ich zuletzt meine wirtschaftliche Forschung auf die verdeckt stattfindenden Geheimdienstoperationen konzentriert, mit denen Kriege vorbereitet werden. Die Regierung Bush behauptet wider besseres Wissen den Krieg gegen Irak aus menschenrechtlichen Gründen führen zu wollen. Sie behauptet eine Verbindung zwischen der irakischen Führung und Usama Bin Ladens al-Kaida, was pure Propaganda ist. Keine Propaganda ist jedoch, dass die CIA aus Gründen des Antikommunismus einst an der Förderung von Mudschaheddin in Afghanistan mitgewirkt hat. Noch während der Präsidentschaft Bill Clintons hat die US-Regierung islamistische Gruppen mit Verbindungen zu al-Kaida unterstützt.

Das bezieht sich aber auf den Krieg gegen Jugoslawien und war vor dem 11. September?
Ja, das war in Bosnien, aber nach dem Kalten Krieg. Auf der anderen Seite haben wir den pakistanischen Geheimdienst ISI, der bis zum 11. September gute Verbindungen zum Taliban-Regime sowie zu US-amerikanischen Diensten unterhielt. Ich ziehe daraus keine endgültigen Schlussfolgerungen auf konkrete Taten, aber man kann in der politischen Diskussion unmöglich solche Fakten ausblenden.

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