21.10.2004

Pflanzen für die Zukunft

Gentech-Industrie und Wissenschaft läuten gemeinsam eine neue Ära für die Biotechnologie ein. Dafür bezahlen soll auch die Öffentlichkeit.

Von Benno Vogel

Europa soll in den nächsten zehn Jahren mehr als siebzig Milliarden Franken in die Pflanzengenomforschung und die Pflanzenbiotechnologie investieren. Dies fordern die Lobbyorganisation EuropaBio und die Europäische Organisation für Pflanzenwissenschaften (Epso), zu denen auch Schweizer Firmen und Forschungsinstitute gehören (siehe Factbox). Die beiden Organisationen lancierten im Sommer gemeinsam die Technologieplattform «Pflanzen für die Zukunft», mit der sie ein langfristiges Forschungsprogramm entwickeln und implementieren wollen. Die Kosten sollen jedoch nicht allein von der Industrie, sondern auch von der Europäischen Union getragen werden. Die Forderung trifft auf Zustimmung: Der damalige EU-Forschungskommissar Philippe Busquin sagte bei der Lancierung: «Ich wünsche der Technologieplattform viel Erfolg. Europa braucht ihn.»

Weshalb sollen diese Investitionen notwendig sein? «Wir brauchen ein gemeinsames Vorgehen und einen strategischen Plan für diesen Sektor, sonst verlieren wir unsere ökonomische Wettbewerbsfähigkeit – nicht nur gegenüber den USA und Japan, sondern auch gegenüber den aufkommenden Pflanzengenetikriesen wie China und Indien», sagt Chris Lamb, Direktor des John Innes Center in England.

Lamb ist einer der Begründer der Technologieplattform und Mitautor der Broschüre «2025 – eine europäische Vision für die Pflanzengenomforschung und Pflanzenbiotechnologie». Die Ziele, die er und seine MitstreiterInnen von Epso und EuropaBio formulieren, gleichen den bisherigen Zielen der GentechnikerInnen: gesündere und hochwertigere Nahrung, umweltfreundlichere Landwirtschaft, nachhaltige Wirtschaft durch die Herstellung von nachwachsenden Rohstoffen, höherer Selbstversorgungsgrad mit Nahrungsmitteln in den Entwicklungsländern und Anpassung der Landwirtschaft an die Folgen der Klimaveränderungen. Neu ist, dass die Vertreter von Industrie und Wissenschaft die einzelnen Ziele mit einer gemeinsamen Strategie erreichen wollen: Die europäische Wirtschaft soll mit Hilfe von Pflanzengenomforschung und Gentechnologie schrittweise auf eine «Bioökonomie» umgestellt werden, in der die industrielle Produktion von Waren und Dienstleistungen nicht mehr auf fossilen, sondern auf biologischen Rohstoffen beruht.

Das Handeln nach einer gemeinsamen Vision könne sich enorm auszahlen, schreiben die AutorInnen der Broschüre. Es entstünde eine wettbewerbsfähige und unabhängige Bioökonomie, die auf die Bedürfnisse der europäischen KonsumentInnen ausgerichtet sei. Dies gelte auch für Anwendungen in anderen Gebieten, wie etwa aus Pflanzen gewonnene Medikamente, Chemikalien und Energien.

Die AutorInnen knüpfen damit an die Visionen ihrer US-amerikanischen KollegInnen an. «Die Agrarforschung und -entwicklung wird die treibende Kraft für die neue Bioökonomie sein», schrieb der Nationale Rat für Agrarbiotechnologie (NABC) schon 1998. Noch im selben Jahr veröffentlichen VertreterInnen aus Industrie und Wissenschaft zusammen mit den beiden Ministerien für Energie und Landwirtschaft einen Fahrplan für die Bioökonomie. Dazu gehört insbesondere die Förderung der Pflanzengenomforschung. Sie soll das Wissen darüber liefern, wie Kulturpflanzen an die Bedürfnisse der Bioökonomie angepasst werden können. Das Projekt dazu heisst «Nationale Pflanzengenominitiative» und wird von der US-amerikanischen Regierung finanziert – bis 2008 mit jährlich rund 280 Millionen Franken. Das ist mehr als doppelt so viel, wie die EU für Pflanzengenomforschung ausgibt.

Anfang 2004 gab der damalige Kommissionspräsident Romano Prodi bekannt, dass die EU-Forschungsmittel verdoppelt werden sollen. Vor allem die Biowissenschaften und die Biotechnologie sollen laut der EU das Wachstum, die Wettbewerbsfähigkeit und die Beschäftigung in Europa sichern. Aus Sicht des ehemaligen Forschungskommissars Busquin ist die Umstellung der europäischen Wirtschaft auf die Bioökonomie «ebenso unabwendbar wie wünschbar». EuropaBio und Epso erhielten von der EU über 800 000 Franken, damit diese einen Aktionsplan ausarbeiten und der EU-Kommission Empfehlungen für das siebte EU-Forschungsrahmenprogramm geben können.

Nächstes Jahr entscheidet die EU-Kommission über die Prioritäten dieses Forschungsprogramms, das voraussichtlich zwischen 2006 und 2010 realisiert wird. Kommt dabei die privat-öffentliche Zusammenarbeit für die Technologieplattform «Pflanzen für die Zukunft» zustande, wird dies die Gentech-Industrie als grossen Erfolg verbuchen: Die Branche, die sich selber in ihrer strategischen Ausrichtung und Produktentwicklung kaum von der öffentlichen Politik beeinflussen lässt, hätte die öffentliche Forschungspolitik auf die industrielle Strategie ausgerichtet.

Vor allem könnte sie dann die 63 Prozent ihrer Gentech-Projekte in Europa wieder aufnehmen, die sie in den letzten Jahren wegen der hohen Entwicklungskosten gestoppt hatte. Denn mit der öffentlichen Kofinanzierung sinken die Firmenkosten, was de facto auf eine Subventionierung der multinationalen Konzerne hinausläuft.

Freuen werden sich auch die GenomforscherInnen der öffentlichen Institute: Sie brachen in den letzten Jahren vor allem wegen der begrenzten finanziellen Unterstützung fast ein Drittel ihrer Gentech-Projekte ab. Durch die Private Public Partnership werden ihnen künftig wieder mehr Gelder zur Verfügung stehen.

Ob sich darüber auch die europäische Bevölkerung freuen wird, wenn ihre Steuergelder verstärkt in die Pflanzengenomforschung und -gentechnik fliessen? Gefragt hat sie niemand. Epso und EuropaBio lassen bisher allein die Europäische KonsumentInnenorganisation BEUC sowie den Ausschuss der berufsständischen landwirtschaftlichen Organisationen (Copa) an der Technologieplattform teilnehmen. Aussen vor bleiben nicht nur die BürgerInnen, sondern auch die Organisationen, die sich seit Jahren kritisch mit der Pflanzengentechnik auseinander setzen.

Wird die EU-Kommission nach Erteilen der ersten Gelder die Teilnahme an der Technologieplattform erweitern? «Die Möglichkeit zur Teilnahme steht allen offen», sagt Waldemar Kütt von der EU-Forschungsdirektion.

«Die zukünftige Wettbewerbsfähigkeit der europäischen Agrar- und Lebensmittelverarbeitungsindustrie wird von der Pflanzengenomforschung, der Biotechnologie und deren Anwendungen abhängen», schreiben die AutorInnen von Epso und EuropaBio. Doch wer wird zu den Verlierern und wer zu den Gewinnerinnen dieser Entwicklung gehören?

Laut der EU-Generaldirektion für Landwirtschaft gibt vor allem die Situation der Landwirte im sich schnell ändernden Agrar- und Lebensmittelsektor Anlass zur Sorge. Da die Biotechnologie den Konzentrationsprozess in der Agrar- und Lebensmittelverarbeitungsindustrie erhöht, steigt die Abhängigkeit der Landwirte. Sie drohen zwischen den beiden – mehr oder weniger in Oligopolen gegliederten – Industrien zerdrückt zu werden. Damit würden sie mehr und mehr zu Vertragsanbauern, die die Arbeit verrichten, dabei aber weder die hergestellten Produkte besitzen noch wichtige Betriebsentscheidungen selbständig treffen.

Deprimierend sind auch die Aussichten für den Arbeitsmarkt. Die Pflanzenbiotechnologie dürfte kaum zu neuen Stellen führen. «Die meisten Innovationen der Agrarbiotechnologie werden zwar die Produktivität und die Wettbewerbsfähigkeit steigern, aber eine Erhöhung der Arbeitsplätze wird keiner der Vorteile sein», schreibt Anthony Arundel vom Maastricht Economic Research Institute, der im Auftrag der EU-Kommission das Beschäftigungspotenzial der Agrarbiotechnologie untersuchte. Schlecht sieht es auch für den Naturschutz aus. Das Vorantreiben der Bioökonomie dürfte laut der Studie zu einer intensiveren landwirtschaftlichen Bewirtschaftung sowie zu einem enormen Landbedarf und zur Aufhebung der stillgelegten Flächen führen.

Zur Gruppe der GewinnerInnen werden die VertreterInnen von Epso und EuropaBio gehören. Sie werden massgeblich mitentscheiden, wie die Lebensmittel von morgen aussehen und schmecken werden, wie ökologisch die Landwirtschaft sein wird und wie das Nebeneinander der verschiedenen Anbaumethoden gestaltet wird. Und sie werden entscheiden, wie viele Gentech-Produkte in den Regalen landen, indem sie festlegen, welche Resultate der Pflanzengenomforschung für die gentechnische und welche für die konventionelle Züchtung verwendet werden.

«Europa steht vor einer bedeutenden Entscheidung: Entweder akzeptiert es die passive Rolle und erträgt die Auswirkungen, dass die Biotechnologie anderswo entwickelt wird. Oder es entwickelt proaktive Strategie, um die Biotechnologie verantwortlich zu nutzen. Je länger Europa zögert, desto unrealistischer wird die zweite Option», schrieb die EU-Kommission im Jahr 2002. Jetzt legen Epso und EuropaBio die «proaktive» Strategie vor. Vielleicht sollte auch die Gentech-kritische Bewegung ihre Position erweitern, und nicht allein reaktiv auf die bereits bestehenden Produkte reagieren, sondern in die Forschungspolitik eingreifen. Damit eine Technologieplattform entsteht, zu der auch Landwirte, Stellensuchende und NaturschützerInnen sagen können: «Wir wünschen viel Erfolg. Europa braucht ihn.»

Biotechnologie in Europa

EuropaBio: The European Association for Bioindustries (EuropaBio) mit Sitz in Brüssel ist die Lobbyorganisation der Firmen, die in Europa Bio- und Gentechnologie anwenden. Sie vertritt die Interessen von rund 1200 kleinen und mittleren Betrieben sowie von 40 grossen Konzernen. Auch die Schweizer Firmen Serono, Syngenta, Novartis und Roche sind Mitglieder von EuropaBio und sogar in dessen Verwaltungsrat vertreten. Keine der genannten Firmen war bereit, gegenüber der WOZ genauere Angaben zu ihrem Engagement bei EuropaBio zu machen. www.europabio.org

Epso: The European Plant Science Organisation existiert seit dem Jahr 2000. Sie repräsentiert 54 Forschungsinstitute aus 23 europäischen Ländern, auch aus der Schweiz. Nach eigenen Angaben ist ihr Ziel, die Bedeutung der Pflanzenwissenschaften in Europa zu verbessern. Firmen wie Syngenta, BASF, Biogemma, KWS sind Beobachter der Organisation und können sich damit unter anderem an der Ausarbeitung von Statements und Empfehlungen von Epso beteiligen. www.epsoweb.org

Forschung in der EU: Die EU gibt jährlich über 120 Millionen Franken für Pflanzengenomforschung aus. Für das gesamte sechste Forschungsrahmenprogramm (2002 bis 2006) hat die EU insgesamt knapp 30 Milliarden Franken budgetiert. Die Schweiz nimmt seit Anfang 2004 als assoziiertes Land am Forschungsprogramm teil und ist mit 875 Millionen Franken beteiligt.

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