Nr. 47/2006 vom 23.11.2006

Die Weichen sind gestellt

Das Nationale Forschungsprogramm 59 hätte das Freisetzungs-Moratorium nutzen können, um Risiken zu evaluieren. Aber das war wohl gar nie erwünscht.

Von Marcel Hänggi

Die Weichen für die offizielle Schweizer Biosicherheitsforschung der nächsten Jahre sind gestellt. Ende Oktober entschied die Leitung des Nationalen Forschungsprogramms 59 «Chancen und Risiken der Freisetzung gentechnisch veränderter Pflanzen» (NFP 59), wer zur Einreichung eines Projektantrags eingeladen wird.

Das Forschungsprogramm, längst überfällig, wurde zu Beginn des Abstimmungskampfs um das Gentech-Moratorium im März 2005 angekündigt. Nach dem unerwartet klaren Abstimmungsresultat vom 27. November des letzten Jahres hofften viele, dass nun die Sorgen der Bevölkerung wissenschaftlich ernst genommen würden. Das NFP 59 wird die Hoffnungen enttäuschen.

Im Sommer wurden 92 Projektskizzen mit einem Volumen von 36 Millionen Franken eingereicht. Lediglich 10 Millionen können vergeben werden. Nun hat die Leitungsgruppe einige Forschungsgruppen eingeladen, eigentliche Projektanträge auszuarbeiten. Es sollen noch 12 Millionen im Rennen sein; die Sache ist also – aufgrund von Skizzen – so gut wie entschieden.

Allein die beiden grössten sogenannten Projekt-Cluster, die sich um Freisetzungsversuche gruppierten, hätten die 10 Millionen schon ausgeschöpft. Der eine (rund 6 Millionen) um die Institute für Pflanzenwissenschaft von ETH und Uni Zürich sowie die Forschungsanstalt für Landwirtschaft (ART) will transgenen Weizen freisetzen. Er bleibt, mit wenigen Abstrichen, im Rennen, wie Recherchen der WOZ ergaben. Der andere (rund 4 Millionen) um das Institut für Integrative Biologie der ETH, mit Beteiligung der Forschungsanstalt Posieux und des Forschungsinstituts für biologischen Landbau (FiBL), hätte mit transgenem Mais im Feld und mit Raps im Gewächshaus arbeiten wollen. Seine Kernexperimente sind abgelehnt.

Es geht hier um zwei grundverschiedene Konzeptionen von Risikoforschung. Die eine will Informationen über Risiken liefern, aufgrund derer ein Entscheid getroffen werden kann, ob eine Technologie erwünscht sei. Die andere, wie sie in der Industrie zum Einsatz kommt (und dort auch sinnvoll ist), will untersuchen, wie mit den Risiken umzugehen sei. Das ist Produktentwicklung.

Man kann den Entscheid vom letzten November falsch finden, aber er war eindeutig: Die SchweizerInnen wollen beim jetzigen Wissensstand keine gentechnisch veränderten Organismen (GVO) in der Landwirtschaft. Eine Wissenschaft, die sich als Teil einer demokratischen Gesellschaft begreift, muss in dieser Situation Grundlagen liefern, die weitere Entscheide ermöglichen; entscheiden muss die Gesellschaft selber. Produktentwicklung ist jetzt nicht gefragt.

Aber das Ziel des Projekt-Clusters, der den Kern des NFP bilden wird, ist: Produktentwicklung. Mehltauresistenter Weizen wurde in den Labors entwickelt und wartet auf die Freisetzung. Risikoforschung wird dann eben auch noch betrieben. Der Sprecher des Projekt-Clusters Wilhelm Gruissem ist als Berater für zahlreiche Agrotech-Firmen tätig, darunter Syngenta und Monsanto. Das ist, als unterhielte ein Richter Geschäftsbeziehungen zum Angeklagten. Dirk Dobbelaere, Präsident der NFP-Leitungsgruppe, sagt auf die Frage, ob solche Interessenverbindungen bei der Projektbeurteilung eine Rolle gespielt hätten, nach langem Zögern: «Beziehungen von Wissenschaftlern der Hochschulen zu Industrieunternehmen sind durchaus üblich und in keiner Weise verboten. Die NFP-Leitung und der Nationale Forschungsrat werden projektweise beurteilen, ob entsprechende Verbindungen ein Projekt tangieren oder nicht.» Die beteiligte ART wiederum scheint das Resultat der Forschung schon zu kennen: In einer Medienmitteilung vom 31. Oktober schrieb sie, es gebe «keine wissenschaftlich begründeten Hinweise auf negative Auswirkungen» des GVO-Anbaus.

Eigenständige Risikoforschung, die nicht einfach mit der Produktentwicklung mitläuft, hätte der abgelehnte Cluster gebracht. Unter anderem hätte der unkontrollierte Fluss von Bt-Transgenen und Bt-Giften, mit dem Bt-Mais Schadinsekten abwehrt, in benachbarten Pflanzen, im Boden und bei der Fütterung studiert werden sollen. Es ist ein Fall aus Deutschland bekannt, bei dem Kühe starben, nachdem sie Bt-Mais gefressen hatten – oder Gras, das mit Jauche von solchen Kühen gedüngt worden war. Ob sie am Bt-Gift zugrunde gingen, wurde nie geklärt (deshalb kann die Gentech-Lobby sagen, es gebe keine wissenschaftlichen Belege für Schäden aus GVO-Fütterung); Syngenta, die Herstellerin des Maises, wollte den betroffenen Bauer zum Schweigen bringen. Die NFP-Leitung beschied den AntragstellerInnen, sehr erfahrenen Biosicherheitsfachleuten, es seien von ihrem Projekt nur ungenügende neue und relevante Erkenntnisse zu erwarten.

Es sind zwar auch ein paar Projekte im Rennen geblieben, die von Gentech-KritikerInnen eingereicht wurden. Gegen den mächtigen Weizen-Cluster werden sie das Gesamtbild des NFP 59 aber kaum prägen können. Wollte man in der Risikoforschung kein Risiko eingehen? Die Unabhängigkeit mindestens eines Mitglieds der NFP-Leitung ist jedenfalls prekär. Detlef Bartsch, Mitarbeiter im deutschen Ministerium für Verbraucherschutz, wurde von der damaligen Bundesministerin Renate Künast gerügt, weil er 2003 in einem Propagandavideo der Gentech-Industrie aufgetreten war.

Die Entscheide der NFP-Leitung waren gefallen, offiziell aber noch vertraulich, als am 3. November an der ETH Zürich eine Pflanzenbiotechnologie-Tagung stattfand, an der auch die NFP-Leitung auftrat. Eingeladen hatte das an sich neutrale Plant Science Center der ETH und der Universitäten Zürich und Basel; es waren auch ein paar gentech-kritische Stimmen vertreten. Verantwortlich für das Programm waren allerdings zwei Berufsbefürworter der Gentechnologie: Christoph Sautter von der ETH, Wilhelm Gruissems Mitarbeiter, der 2004 den Freisetzungsversuch von Lindau durchgeführt hatte, und Rechtsanwalt Stefan Kohler, der seinerzeitige Vertreter der ETH gegen das Bundesamt für Umwelt in Sachen Lindau.

Die Tagung war ein Abbild des wissenschaftspolitischen Establishments der Schweiz. Dieses will die GVO-Entwicklung vorantreiben und fürchtet um den Wissenschaftsstandort Schweiz. In einer verlesenen Stellungnahme sagte ETH-Ratspräsident Alexander Zehnder, nach Ablauf des Moratoriums müsste die Schweiz «bereit sein». Als wäre das Moratorium ein Auftrag, ja keine Zeit zu verlieren. Wer so denkt, will Risikoforschung nur als Produktentwicklung.

Am Ende der Tagung fragte der Moderator die im Publikum anwesende grüne Nationalrätin und Gentech-Gegnerin Maya Graf maliziös: «Was tun Sie in vier Jahren, wenn das NFP nicht ergeben sollte, dass GVO gefährlich sind?» Es war, als brächte er die Erwartungen des wissenschaftlichen Establishments an das NFP 59 auf den Punkt. Diese Erwartungen wird das NFP kaum enttäuschen.

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