Nr. 33/2014 vom 14.08.2014

«Die Seele landet im Giftschrank»

Gefährlichkeitsprognosen, Verwahrung, Enthumanisierung: Ein Gespräch mit dem Zürcher Autor und Psychiater Mario Gmür über restaurative Tendenzen in Psychiatrie und Gesellschaft.

Von Adrian Riklin (Interview) und Ursula Häne (Fotos)

Psychiater Mario Gmür

Der Mann, der uns in seiner Praxis am Zürcher Bellevue empfängt, ist ein Freudianer. Vor allem aber ist Mario Gmür ein leidenschaftlicher Skeptiker. In den letzten Jahren hat der 69-Jährige immer wieder zu gesellschaftlichen Themen Stellung bezogen: Als Buchautor setzte er sich anhand so unterschiedlicher Beispiele wie Leo Tolstoi, Rudolf Höss, Mahatma Gandhi oder Ulrike Meinhof mit der Psychopathologie von Überzeugungen auseinander, analysierte die Boulevardisierung der Medien und kreierte den Begriff des Medienopfersyndroms. Zuletzt meldete er sich vor allem als pointierter Kritiker der forensischen Psychiatrie zu Wort.

WOZ: Mario Gmür, in Ihrem letztes Jahr erschienenen Buch «Meine Mutter weinte, als Stalin starb» erzählen Sie, wie Sie als Kind in den fünfziger Jahren die Ferien in einer psychiatrischen Klinik verbrachten …
Mario Gmür: Mein Grossvater war Anstaltspsychiater in der solothurnischen Klinik Rosegg. Bis zu meinem zwölften Lebensjahr verbrachte ich mit Geschwistern und Cousins regelmässig Ferien und Festtage bei ihm. So kann ich sagen, ich habe einen Überblick über die Psychiatrie – von der Epoche kurz vor der Einführung der Neuroleptika über die Sozialpsychiatrie bis zur restaurativen Phase seit den neunziger Jahren.

Was meinen Sie mit «restaurative Phase»?
1991 hat in der Psychiatrie eine weltweite Kulturrevolution stattgefunden. Zugespitzt gesagt: Die Seele ist abgeschafft, Psychoanalyse und Neurosenlehre sind in den Giftschrank versorgt worden. Das Politbüro der internationalen psychiatrischen Vereinigungen hat die psychiatrische Diagnostik mit dem Handbuch «ICD-10» kodifiziert und auf wenige Kurzdefinitionen reduziert – ein Kulturverlust sondergleichen. Seither basieren Psychotherapie und Psychiatrie hauptsächlich auf drei Pfeilern: Biologie, Hirnforschung, Statistik. Alles, was psychoanalytisch und tiefenpsychologisch ist, wurde weitgehend exkommuniziert. 

Mario Gmür in seiner Praxis am Zürcher Bellevue: «Früher standen neurotische Probleme im Vordergrund, heute zittern die Leute am Arbeitsplatz. Jede zweite Anmeldung in meiner Praxis ist die Folge von Mobbing.»

Gab es dafür Gründe?
Die Psychoanalyse ist eine offene, unberechenbare Psychologie, die auch im Untergrund des Unbewussten arbeitet. Der Behandlungserfolg steht bei ihr nicht im Vordergrund, er ist vielmehr eine erwünschte Nebenwirkung. Die Psychoanalyse steht ja in der Tradition der Aufklärung: Man versucht, Motive, Triebfedern und Zusammenhänge offenzulegen. Heute hingegen herrscht in der Psychiatrie die Anthropometrie: die Menschenvermessung. Sie wurde möglichst psychopharmakakompatibel gemacht. Das zeigt sich etwa darin, dass man nicht mehr unterscheidet zwischen einer endogenen Depression, die relativ selten ist und auf Antidepressiva gut anspricht, und der psychogenen Depression, die vorwiegend mit Gesprächstherapien behandelt werden müsste. Damit ist die Verabreichung von Psychopharmaka äusserst lukrativ auf alle Depressionen ausgeweitet worden.

Was hatte diese Kulturrevolution für Folgen?
Damit vollzog sich der Übergang zu einer neuen ordnungspolitischen Psychiatrie, was man heute am besten in der Forensik sieht. Zehn Jahre zuvor war es noch zu einem grossen Liberalisierungsschritt gekommen: 1981 wurde das Gesetz eingeführt, dass jeder das Recht hat, seinen fürsorgerischen Freiheitsentzug anzufechten. Wenn also die Hauptgründe der Hospitalisierung, Fremd- und Eigengefährdung, behoben waren, musste der Patient aus der Klinik entlassen werden. Die Versenkungspsychiatrie wurde damit aufgehoben. Keine Vormundschaftsbehörde konnte ein Mündel nach eigenem Gusto versorgen. Seither hat sich aber auf einem Umweg eine neue repressive Haltung installiert – mit der Psychiatrisierung des Strafrechts, die auch eine Verstrafrechtlichung der Psychiatrie ist. 

«Die ganze Stadt ist ‹verlaptopt›, ‹versmartphont› und ‹vertechnomusiziert›»: Mario Gmür frühmorgens in einem Zürcher Café.

Können Sie das genauer erläutern?
Früher hat man jemanden, der in einem kranken Zustand eine Drohung ausgestossen hat, nur hospitalisiert. Heute wird häufig reflexartig zusätzlich ein Strafverfahren eingeleitet. Im von Boulevardmedien aufgeputschten Angstklima scheuen sich Psychiater und Haftrichter, den Patienten zu entlassen. Im Kanton Zürich werden Schizophrene oft in einem Gefängnis untergebracht – oder in der Abteilung 59 der Klinik Rheinau, die atmosphärisch einem Gefängnis ähnelt. Das meine ich mit Restauration: die Wiedereinführung einer repressiven Einschliessungspsychiatrie. 

Das Strafrecht wird von der Psychiatrie übernommen?
Das Problem ist, dass die forensische Psychiatrie den Begriff der Persönlichkeitsstörung, früher als Psychopathie bezeichnet, auf den gewöhnlichen Straftäter ausgeweitet hat. Seit einigen Jahren wird zudem routinemässig eine psychiatrische Gefährlichkeitsprognose gestellt. So erhält ein gewöhnlicher Verbrecher eine ambulante Behandlung oder eine stationäre Massnahme, eine sogenannte kleine Verwahrung, aufgebrummt. Das stellt das ganze Strafrecht auf den Kopf: Das Prinzip der verdienten Strafe und damit auch der bessernden Wirkung wird umgestossen. Man wird nicht mehr für die Tat bestraft, sondern für seine Persönlichkeitsmerkmale. Indem die strafrechtliche Verantwortung von den Richtern an die Psychiater delegiert wird, werden ethische Maximen in der Psychiatrie über den Haufen geworfen. Das Arztgeheimnis wird massiv verletzt. Ich bin erstaunt, dass sich kaum jemand dagegen wehrt. Es kann doch nicht sein, dass Rechtsgarantien im Strafverfahren wie etwa das Recht auf Aussageverweigerung über die Psychiatrie unterlaufen werden. 

Psychiatrie als ordnungspolitische Instanz?
Ja. Und zwar, indem sich das Modell des Panoptikums installiert, wie es Michel Foucault beschrieben hat. In diesem Modell werden drei Methoden der Kontrolle praktiziert: Parzellierung, Hierarchisierung und Einschliessung. Das ist das Sinnbild der modernen Disziplinargesellschaft. Wir erleben also quasi eine Renaissance des Mittelalters mit postmodernen Methoden. Robert Musil unterschied zwischen dem statistischen und dem möglichen Menschen. Heute gibt es bald nur noch den statistischen Menschen, der in Prognosen festgelegt wird. Das ist totalitäre Psychiatrie. Natürlich ist man bis zu einem gewissen Grad durch statistische Grössen determiniert. Doch hat jeder das Recht, sich zu ändern. Das gilt auch für den Massenmörder oder den Sexualtriebtäter. Auch diese dürfen nicht von vornherein ewig verwahrt werden. Rezepte für die Ewigkeit sind sektiererisch.

Woher dieser einseitige Zugang?
Es gab durch die ganze Geschichte der Psychiatrie immer diese Gegensätze zwischen geistes- und naturwissenschaftlicher Richtung. Im 20. Jahrhundert zeigte sich das Ansehen der naturwissenschaftlichen Seelenheilkunde beispielsweise darin, dass 1949 nicht nur der Zürcher Physiologieprofessor Walter Rudolf Hess für die bahnbrechende Entdeckung des vegetativen Nervensystems den Nobelpreis für Medizin erhalten hat, sondern auch der portugiesische Neurologe António Egas Moniz für die Lobotomie, die auch im Burghölzli praktiziert wurde – den chirurgischen Schnitt ins Frontalhirn, der die Persönlichkeit der Patienten oft zerstörte. Die Entdeckung der Neuroleptika in den fünfziger Jahren hingegen war eine Voraussetzung für die Öffnung der Kliniken, weil man Schizophrene dadurch besser in die Gesellschaft eingliedern konnte. Ein zentraler Wendepunkt, auch in der Psychiatrie, war 1968.


Die Mutter russisch-jüdische Kommunistin, der Vater, der Journalist und Politiker Harry Gmür, 1944 Mitbegründer der Partei der Arbeit der Schweiz und Redaktor beim Parteiblatt «Vorwärts»: Unter diesen Vorzeichen wuchs Mario Gmür im Kalten Krieg in Zürich auf. Derzeit ist er mit der Herausgabe eines Manuskripts seines Vaters beschäftigt. Der Roman, der kommenden Frühling im Europa-Verlag erscheint, spielt im Zürcher Niederdorf der fünfziger Jahre und handelt von der politischen und kulturellen Szene der damaligen Zeit.

Mario Gmür, wie erlebten Sie das Jahr 1968 in Zürich?
Für mich als damals 23-jährigen Medizinstudenten hatte 1968 eine spezielle Bedeutung: Mein Vater hat in der vom Antikommunismus geprägten deutschen Schweiz quasi die Existenz eines Landesverräters geführt. Ab 1958 schrieb er für «Die Weltbühne», eine prominente DDR-Zeitschrift mit antifaschistischer Tradition. Unter Pseudonym. Vorwiegend waren es Reportagen über die Befreiung der afrikanischen Länder vom kolonialistischen Joch und Artikel über europäische Diktaturen wie Spanien oder Portugal. Es war klar, dass die Bundespolizei unser Telefon abhörte. Ich fand das einerseits lustig. Andererseits war das immer auch mit existenziellen Ängsten verbunden. Die 68er Jahre habe ich deshalb mehr als Tauwetter empfunden, in dem es nicht mehr ganz so beschämend und bedrohlich war, Sohn eines Kommunisten zu sein. Die persönliche adoleszente Rebellion gegen die Autorität der Eltern und des Establishments habe ich leider verpasst. 

Und doch waren Sie Teil der Bewegung?
Ja, wenn auch als unbedeutende Figur. Eine der ersten Aktionen, an die ich mich erinnere, war eine Gegendemonstration gegen den Fackelzug auf den Lindenhof, eine heilige Kuh der Verbindungsstudenten. Es sollte der letzte Fackelzug in der Geschichte der Zürcher Uni werden. Ich war Mitglied der Fortschrittlichen Studentenschaft und nahm an den Zusammenkünften im «Malatesta» teil, wo auch die Globus-Demonstration vorbereitet wurde, die dann zum berüchtigten Krawall führte. Ich selbst hatte zu all den Aktionen aber eher ein ironisches Verhältnis. Es war immer meine Art, das Charaktergewand, das die Leute mit sich herumtragen, durchschauen zu wollen – das des autoritären Lehrers ebenso wie das des Revolutionärs. Ich wollte auch immer herausfinden, wer von den Studentinnen und Studenten ein Spitzel war, was mir zum Teil erst Jahre später gelang. 

In «Die Unfähigkeit zu zweifeln» beschreiben Sie, wie Sie sich in Ihrer Jugend mit dem Kommunismus identifizierten. Hatten Sie als Sohn eines Kommunisten nie einen antikommunistischen Reflex?
Nein. Mein Vater hat nie auf jemanden in der Familie politisch persönlich Einfluss nehmen wollen. Er war das Gegenteil von einem Fanatiker. Er war eigentlich nur fanatisch gegen den Faschismus. Im Unterschied zum Faschismus, in dem die Arisierung und die Vernichtung der Juden Programm waren und sonst eigentlich nichts, waren Marxismus und Kommunismus valable Ideologien, mit denen man sich ernsthaft auseinandersetzen konnte. Ich meine aber, dass der Kommunismus in der Praxis ein grosses, spiessiges Erziehungsheim war. Der Habitus von Steifheit, Biederkeit und Bravheit war vor 1968 hüben und drüben vorhanden. Ich erinnere mich, dass uns mein brillanter Geschichtslehrer am Gymnasium Freudenberg im Maturajahr 1963 ins Gewissen redete, uns nie einen Bart wachsen zu lassen, weil das ein Zeichen von Minderwertigkeitsgefühlen sei. Und der ebenso vortreffliche Biologieprofessor äusserte die Hoffnung, dass niemand aus unserer Klasse gleichgeschlechtliche Beziehungen habe. So was wäre heute undenkbar.

Und was hat 1968 in der Psychiatrie ausgelöst?
Zunächst eine Liberalisierung, insbesondere eine Dezentralisierung: die Einführung der Sozialpsychiatrie mit Tages- und Nachtkliniken sowie Ambulatorien. Federführend in der Schweiz waren damals Ambros Uchtenhagen in Zürich und Luc Ciompi in Bern. Natürlich brachte die Öffnung der Kliniken auch eine gewisse Gefährdung mit sich: die Möglichkeit, dass es einmal zu einem Gewaltdelikt kommt, das nicht passiert wäre, wenn man die Hunderten von chronischen Patienten hinter Schloss und Riegel behalten hätte. Damals aber hätte noch kein derartiger Schrei der Empörung durch die Lande gehallt wie heute. Wobei ja Hochkonjunktur war, sodass auch jeder Kranke von heute auf morgen eine Arbeitsstelle erhalten konnte. Ein Indiz für den Beginn einer Rezession ist, wenn psychiatrische Patienten nicht mehr beschäftigt werden. Das war nach der Ölkrise 1973 der Fall. Als Assistenzarzt im Burghölzli habe ich noch erlebt, wie die IV nur wenige Rentner hatte und sich dagegen wehrte, dass man ihr diese wegnimmt.

Die Sozialpsychiatrie hingegen war ein Modell zur Überwindung des Wegschliessens?
Ja, obwohl sie nicht gar so radikal war wie die damals vor allem in Italien lebendige Antipsychiatriebewegung, die davon ausging, dass Geisteskrankheiten nur ein Ausdruck von Hospitalisierung und der diagnostizierenden Gewalt der Psychiatrie seien. Und dass man die psychisch Kranken auch ohne Medikamente davon befreien könne. Die Antipsychiatrie hat mir aber trotz dieser Realitätsfremdheit im Verständnis von Anpassungs- und Repressionsphänomenen geholfen. Ich habe mich eigentlich nie besonders für die Psychopathologie, die Lehre der Krankheitssymptome, begeistern können.

Wofür denn?
Mich interessierte schon immer mehr die Mentalität der Menschen, denen ich begegne. Schon als Kind habe ich immer Leute imitiert, zuerst die Patienten in der Rosegg, später Lehrer und Politiker. Indem ich die Mentalität erfasste, ergab sich der Imitationsvorgang automatisch: Stimme, Körperhaltung, das Verhältnis von vorwärts und rückwärts, Beschleunigen und Bremsen. In der Rosegg war es ein gegenseitiges Anglotzen: Die Patienten haben mich angeglotzt, weil sie sonst keine Kinder in dieser eingemauerten Welt sahen. Und mich hat es irritiert, dass Erwachsene weniger Freiheiten hatten als ich als Kind. 

So sehr, dass Sie Psychiater wurden?
Vielleicht war es so, dass ich dachte: Ich möchte das kennenlernen, was ich als Kind nicht verstanden habe. Entscheidend aber war der Aufbruch der Psychoanalyse und der Sozialpsychiatrie Anfang der siebziger Jahre. Wobei ich mir bewusst war, dass ich auf der harten Linie der Hirnpathologie und Statistik hätte landen können. Damals hatten sozialpsychologische Analysen vor allem eine sozialkritische Komponente, die insbesondere in der Medizin nicht beliebt war. Später haben die soziologisch ausgebildeten Statistiker ihre Kompetenz vor allem der effizienzorientierten Wirtschaft und der Prognoseforschung zugänglich gemacht.

Mit dem Resultat, dass wir heute in einer prognostischen Gesellschaft leben …
… in einer Gesellschaft, in der Experten schon jetzt zu wissen glauben, wie hoch die AHV-Rente im Jahr 2030 sein wird! Durch diese Historizierung der Zukunft wird den Wünschen wieder ein Maulkorb angelegt. Aber eben: Auch ich war ein Jünger der Statistik. Meine Dissertation war eine rein statistische Untersuchung über die Raucherbehandlung des Handauflegers Hermano. Meine Habilitation basierte auf Verlaufsuntersuchungen von schizophrenen Patienten. Ich selbst habe mir also damals mit dem Zählrahmen ein Weltbild zusammengerechnet. Ziemlich genau das, was ich heute den hartgesottenen Forensikern vorwerfe, die eine Psychiatrie mit Zählrahmen und Schlüsselbund praktizieren.

Woher der Sinneswandel?
Zum einen war ich immer schon ein Skeptiker, ich konnte es nie lassen, die Dinge von einer anderen Seite anzuschauen. Hinzu kommt, dass Zürich damals das Mekka der Psychoanalyse war. Besonders wichtig waren für mich, auch aus einem gewissen Hunger nach Idolen, Persönlichkeiten wie Paul Parin und Fritz Morgenthaler. Es war selbstverständlich, dass ich und meine Kollegen den ganzen Freud lasen und alle Schriften von Heinz Kohut, Otto F. Kernberg und anderen. Auch mit C. G. Jung und der Daseinsanalyse setzte man sich auseinander. Freud hat mit der Psychoanalyse ja auch eine Gesellschaftsanalyse geschaffen, insbesondere im fünften Band der «Gesammelten Schriften» mit «Totem und Tabu», «Massenpsychologie und Ich-Analyse» oder «Das Unbehagen in der Kultur». Seine technischen Schriften allerdings habe ich erst verstanden, als ich an mir selbst entdeckt habe, was eine Neurose ist. Ähnlich ging es mir mit «Stiller» von Max Frisch. Ich hab ihn erst neulich verstanden. Weil ich plötzlich gemerkt habe: «Stiller» und Frisch sind eine Schweizer Ausgabe des Existenzialismus. Und plötzlich beeindruckte mich jeder Satz. Vielleicht hat es damit zu tun, dass Frisch darin gegen etwas anschreibt, was auch mich auf die Palme bringt.

Was bringt Sie auf die Palme?
Die Arroganz der Selbstverständlichkeit. Zum Beispiel, wenn die Qualität von etwas nicht erkannt und achtlos in einer Schublade entsorgt oder versorgt wird. Oder wenn man Ansichten gutheisst, nur weil sie mehrheitsfähig sind. Den höchsten Zustand der Empörung erreiche ich, wenn jemand unschuldig verurteilt wird. Das ist das Schlimmste, was einem Menschen widerfahren kann: wenn er in einer Demokratie und einem Rechtsstaat unschuldig verurteilt wird. Dann erlebt er die Extremform einer Isolation. In einer Diktatur verurteilt, weiss er wenigstens, dass er die Solidarität von andern Regimegegnern hat. Wenn jemand im Namen des Rechtsstaats und der statistischen Wissenschaft eingesperrt wird, ist er hilflos und verzweifelt. Ich kenne mutmasslich Unschuldige, die seit Jahren eine Strafe absitzen. Vielleicht wird die forensische Psychiatrie in zwanzig oder fünfzig Jahren dafür verurteilt werden. Heute kommen die an die Kasse, die den fürsorgerischen Freiheitsentzug und die Sterilisationen von sogenannt gefallenen Mädchen vor 1981 ausgiebig praktizierten. 

Insgesamt stelle ich in der heutigen Gesellschaft drei fragwürdige Phänomene fest.

Die da wären?
Erstens: Wir haben eine Diktatur in der Demokratie. Fast jede zweite Anmeldung in meiner Praxis ist die Folge von Mobbing. Die Leute zittern am Arbeitsplatz – an der Uni, in der Bank, auf der Redaktion – und passen sich möglichst so an, dass sie nicht gefeuert werden. Früher standen neurotische Probleme im Vordergrund – auch bei Leuten, die sozial gesichert waren. Heute sind es mehr existenzielle Ängste im Zusammenhang mit sozialen Gefährdungen. Zweitens: die Armut im Reichtum. Es kommen auch Leute zu mir, für die es ein Problem ist, das Billett von Andelfingen nach Zürich zu zahlen, während die Warenhäuser in unserem Land überfüllt sind. Dann gebe ich diesen Menschen Geld, damit sie nicht schwarzfahren. Oder sie wohnen in verschimmelten Wohnsilos und sind deshalb depressiv. 

Und drittens?
Die Barbarei in der Kultur: 1963 war es undenkbar, dass ein Lehrer mit dem «Blick» unterm Arm in die Schule gekommen wäre. Heute werden Hexenjagd und Kopfjägerei auch von Qualitätsmedien genüsslich betrieben. Die Pluralisierung der Medien hat zu einer grossen Entdifferenzierung geführt. Die Barbarei wird weitgehend akzeptiert, es gibt keinen Vorstoss im Parlament und keine breite Solidarisierung mit Opfern von Medienkampagnen. Wer sich gegen den Boulevard wehrt, macht sich zur Lachnummer. Mir fällt ein Zitat von Schiller ein: «Gegen Dummheit kämpfen Götter selbst vergebens.» Das betrifft auch den Kampf gegen die Dummheit der boulevardesken Konventionalität. 


Gmür ist nicht nur ein scharfer Kritiker des Zeitgeists, sondern auch ein überaus origineller Zeitgenosse. So hat er in einem Schaufenster im Stadtzentrum auch schon Fotos von Büroklammern, die PatientInnen im Lauf von Gesprächen spontan verformt hatten, ausgestellt; ebenso hat er Schüttelreime und Erzählungen veröffentlicht.

«Ich will gegen die Arroganz von Überzeugung antreten, (…) Antiüberzeugungsarbeit leisten», schreibt Gmür in «Die Unfähigkeit zu zweifeln». So begibt er sich seit den siebziger Jahren immer wieder in die gesellschaftliche Praxis: sozialpsychiatrische Betreuung von Heroinsüchtigen, Kampf gegen die Geldspielbranche – später der Kampf gegen persönlichkeitsverletzende Methoden der Boulevardmedien: Mit dem «Medienopfersyndrom» beschrieb er in «Der öffentliche Mensch» die vielfältige Symptomatik bei PatientInnen, die als Opfer medialer Aggressivität von Existenzvernichtungsängsten bedroht sind – und wie es durch die Demaskierung des Selbst zu einer «Identitätsfraktur» kommen kann. So differenziert Gmür analysiert, so ausgeprägt ist sein Sinn fürs Plakative: In einer TV-Runde zerriss er einmal demonstrativ ein Exemplar der «Bild»-Zeitung. 

Herr Gmür, was ist es, was Sie immer wieder neu antreibt?
Es waren mehr die gesellschaftlichen «Neuerscheinungen», die mich herausforderten, und weniger ich, der sie suchte. 1976, nachdem das Betäubungsmittelgesetz eingeführt worden war und man nicht mehr nur auf Abstinenz, sondern auch auf Substitution hinarbeitete, wurde ich damit beauftragt, in Winterthur ein Konzept zur Methadonabgabe für Heroinsüchtige zu erstellen. Daraufhin habe ich in Zürich im sozialpsychiatrischen Dienst der Psychiatrischen Universitätsklinik einige Jahre das Methadonprogramm geleitet. Ich erinnere mich, wie mir SP-Stadtrat Max Bryner 1983 auf einem Podium vorwarf, ich sei ein Drogenhändler im weissen Mantel. Darauf antwortete ich: Chirurgen sind auch nicht Messerstecher im weissen Mantel. Vom Publikum brandete mir amüsierter Applaus entgegen. 

Und wie kamen Sie zum Thema Spielsucht?
1988 durch einen Patienten, für den ich ein Gerichtsgutachten schrieb. Mein Name landete in der Presse, worauf immer mehr Spielsüchtige meine Praxis aufsuchten. Im Kanton Zürich gab es damals 6400 Geldspielautomaten und 26 Spielsalons, eine grosse Spielsuchtepidemie breitete sich aus. Als ein schwer spielsüchtiger Patient mit der Idee kam, eine Volksinitiative zu lancieren, machte sich bei mir ein antikapitalistischer Reflex bemerkbar. 1991 gewannen wir die Abstimmung im Kanton Zürich mit 51 zu 49 Prozent. Der Volksentscheid wurde dann aber durch eine Abstimmungsbeschwerde aufgehoben. 1995, nachdem Hans Jecklin, der Besitzer der Tivolino AG, die Fairplay-Initiative lanciert hatte, gewannen wir erneut – jetzt mit 60 zu 40 Prozent, trotz der markant zunehmenden Arbeitslosigkeit. Am 1. April 1995 mussten im Kanton 6400 Stecker gezogen werden. 

Heute haben wir die europaweit grösste Casinodichte …
… weil 1993 auf nationaler Ebene trotz meiner Warnungen das Spielbankenverbot aufgehoben wurde. Und wir haben heute 40 000  spielsüchtige Opfer der Geldspielbranche, mehrheitlich ruinierte Existenzen, die sich bei den Spielbanken selbst haben sperren lassen.

Was macht diese Sucht so zerstörerisch?
Was bei vielen Spielsüchtigen auffällt: dass es oft keine verinnerlichte, sondern eine Sucht ausschliesslich bei vorhandener Gelegenheit ist. Gegen Geldspiele an sich wäre grundsätzlich nichts einzuwenden. Aber die Casinos bieten asymmetrische und daher finanziell ruinöse Glücksspiele an. Lottospielen ist in dieser Hinsicht harmlos, da es höchstens zweimal pro Woche stattfindet. Diese vor Sucht schützenden Intervalle werden nun aber im Internet ausgehebelt. Das Internet ist das Suchtförderungsprogramm par excellence. Grundsätzlich geht es um das, was ich das isovalente Zeitalter nenne.

Isovalentes Zeitalter?
Durch die Internetkultur werden sämtliche Wartezeiten, Schranken und Distanzen aufgehoben, die Frustrationstoleranz wird auf null gesenkt. Heute erwarten wir von allen Zeitgenossen, ob Geliebte oder Steuerberater, minütlich eine Nachricht. Im Grunde ist die Moderne die Abschaffung der Wegstrecke. Es gibt keine Abschieds- und keine Entfernungskultur mehr – und kaum mehr sinnliche Begegnungsformen. Die Internetgesellschaft ist entolfaktorisiert, geruchlos. Die ganze Stadt ist «verlaptopt», «versmartphont» und «vertechnomusiziert». 

Mit welchen gesellschaftlichen Konsequenzen?
Die Menschen werden gleichzeitig immer gemeinsamer und einsamer. Es gibt aber auch Vorteile: Mit dem Internet kann sich heute jeder seine eigene Patchworkbildung zusammengoogeln. Aus einer solchen Autodidaktik können Leistungen entstehen, die auf traditionellem Weg kaum möglich gewesen wären. Ein Fortschritt ist auch die generalisierte Enttabuisierung sensibler Themen. Ich erinnere mich an einen Fussfetischisten, der vollkommen vereinsamt war. Kaum hatte er 1989 einen Computer, stand er international mit unzähligen Fussfetischisten in Verbindung. Die durch den Computer bewirkte Globalisierung hat also dazu geführt, dass Andersartigkeit sozialisierter wurde. Damit verbunden ist aber auch eine Nivellierung: eine Alphabetisierung der Ungebildeten und eine Analphabetisierung der Gebildeten. Insgesamt führt die Schnelligkeit und Oberflächlichkeit unserer Zeit zu einer Verflachung des Ichs – und zu einem gesellschaftlichen ADHS (Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätssyndrom).

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