Stimmen aus der Diaspora: Proteste im Iran, Ohnmacht im Exil
Im Iran wurde das Internet gekappt, seither ermordet das Regime Tausende. In der Schweiz bangen Iraner:innen um ihre Angehörigen. Viele versuchen, von hier aus Unterstützung zu gewinnen.
Ein Gefühl lasse sie nicht mehr los, sagt Shahrzad Antenna am Telefon: «Ohnmacht – und zugleich das Bedürfnis, Verantwortung zu übernehmen.» Vor zwei Wochen liess das iranische Regime landesweit das Internet sperren und ging mit präzedenzloser Brutalität gegen die eigene Bevölkerung vor. Berichte sowie Aufnahmen der Gräueltaten dringen nur noch spärlich nach aussen.
Antenna wurde im Iran geboren, das Land verliess sie aber bereits als Baby. 1980, kurz nach dem Sturz des Schahs und der Machtübernahme der Mullahs, reiste ihre Familie erst nach Grossbritannien und zwei Jahre später in die Schweiz. Auch wenn sie hier ihre Heimat gefunden habe, sei die Verbindung zum Iran nie abgebrochen, sagt sie. Freunde und Verwandte lebten noch dort, und sie beobachte das politische Geschehen.
Damit ist die 45-Jährige nicht allein. Rund 7500 Exiliraner:innen ohne Schweizer Pass leben in der Schweiz. Viele verfolgen mit Bangen, was seit Ende Dezember im Iran passiert, warten verzweifelt auf Lebenszeichen ihrer Angehörigen – und hoffen auf ein Ende des islamischen Regimes.
Um gegen ihre Ohnmacht anzukämpfen, engagiert sich Antenna aktivistisch: im Verein Free Iran Switzerland, der für Freiheit und Demokratie im Land eintritt. Die Gruppe macht Lobby- und Öffentlichkeitsarbeit und organisiert Demonstrationen – vergangene Woche brachte sie rund 300 Personen zu einer Kundgebung in Zürich zusammen. Und sie versucht, Informationen, die sie aus dem Iran erreichen, zu verbreiten.
Neues Ausmass der Gewalt
Als sich die jüngsten Massenproteste Ende Dezember an der desolaten Wirtschaftslage entzündeten und sich rasch auf das ganze Land ausbreiteten, habe sie dies aufmerksam verfolgt, sagt Antenna. «Die Protestbewegung war anders als die bisherigen, radikaler. Der Druck der Bevölkerung hatte ein neues Ausmass erreicht.» Doch mit der Blockade sämtlicher Internet- und Telefonverbindungen am 8. Januar kam die Bestürzung. «Das Regime hat die furchtbarsten Verbrechen immer dann begangen, wenn zuvor das Internet gesperrt wurde.» Mit diesem Ausmass der Gewalt habe aber niemand gerechnet. Das Menschenrechtsnetzwerk HRANA mit Sitz in den USA hat mittlerweile fast 4000 Todesopfer verifiziert. Schätzungen gehen davon aus, dass die iranischen Sicherheitskräfte bis zu 18 000 Menschen ermordet haben.
Seit der Internetblockade hatte Antenna kaum noch Kontakt zu ihren Angehörigen. Nur ein, zwei Mal sei ein kurzer Anruf zu ihr durchgedrungen. Es erreichten sie aber Berichte von Personen, die das Land verlassen konnten. Deren Erzählungen decken sich mit den grauenvollen Bildern und Berichten, die in den vergangenen Tagen an die Öffentlichkeit gelangten: von Scharfschützen, die in Menschenmengen feuern, und von Angehörigen von Todesopfern, die ein «Munitionsgeld» zahlen müssen, um deren Leichname zurückzubekommen – umgerechnet zwischen 5000 und 15 000 Franken.
Wer nicht bezahlen könne oder wolle, dem bleibe die perfide Option, die Getöteten als Mitglieder der regimetreuen Basidsch-Milizen zu deklarieren. So solle die Zahl der getöteten Demonstrant:innen heruntergespielt werden, sagt Antenna, gestützt auf Berichte von Geflüchteten. «Manche Hinterbliebene wurden verhöhnt und gar dazu aufgefordert, den Schergen des Regimes Süssigkeiten zu schenken.» Dennoch höre sie von Bekannten, die die Möglichkeit hätten, das Land zu verlassen, aber trotzdem blieben. «Sie wollen ihre Mitmenschen nicht im Stich lassen und hoffen weiter darauf, dass die Tage des Regimes gezählt sind.»
Das hoffte anfangs auch Vida Arbabi. «Diese Massen, die überall im Land protestiert haben, das hat mich wirklich gefreut», sagt sie. Mittlerweile ist ihre Zuversicht getrübt. Auch Arbabi kam 1980 mit ihrem Mann und ihrer damals fünfjährigen Tochter in die Schweiz. Seitdem ist sie nie mehr in den Iran zurückgekehrt. «Seit fünfzig Jahren wird die Lage nur schlimmer. Dass nun Tausende Menschen für ihr Streben nach Freiheit massakriert wurden, macht mich sehr traurig.» Sie sorgt sich um ihre Verwandten in der Heimat, von denen sie seit dem 8. Januar nichts mehr gehört hat. Trotz der schwer zu ertragenden Ungewissheit will sie warten, bis sich ihre Familie bei ihr meldet. «Ich will sie nicht durch einen Anruf in Schwierigkeiten bringen.»
Forderungen an die Schweiz
Wie rasch man ins Visier des Regimes geraten kann, weiss Sahar Tavakoli. Die 46-Jährige führte in Teheran mit ihrem Mann einen Verlag und arbeitete als Übersetzerin. Vor zwei Jahren floh sie in die Schweiz. Als im Herbst 2022 nach dem Tod von Mahsa «Jina» Amini die «Frau, Leben, Freiheit»-Proteste ausbrachen, beteiligte sie sich an den Demonstrationen. Ein Jahr später gerieten sie und ihr Mann wegen ihrer kulturellen Aktivitäten in den Fokus der Revolutionsgarde und wurden mit Haft und Tod bedroht. Sie entschieden sich zur Flucht. Es schmerze sie, den Menschen in ihrem Land nicht beistehen zu können, sagt Tavakoli. «Aber wenn ich hier ihre Stimme sein kann, fühle ich mich weniger schuldig.» Über die sozialen Netzwerke teilt sie Nachrichten über den Iran und Solidaritätsaufrufe. Sie hofft auf internationale Unterstützung, selbst wenn diese aus den USA kommen sollte. «Nach all diesem Blutvergiessen ist es höchste Zeit, dass dieses Regime fällt – egal mit wessen Hilfe.»
US-Präsident Donald Trump hat dem Regime in Teheran seit Beginn der Massenproteste mehrmals mit militärischem Eingreifen gedroht, sich aber auch wieder davon distanziert. Was er tatsächlich vorhat, bleibt schwer abzusehen.
Sie kenne einige Leute aus der Diaspora, die auf eine Intervention Trumps hofften, sagt die Exiliranerin und Politikwissenschaftlerin Saghi Gholipour: «Dass sie auf diesen Mann setzen, zeigt das Ausmass der Verzweiflung der Menschen.» Gholipour lebt seit ihrem dritten Lebensjahr in der Schweiz und gründete 2022 den Verein Free Iran Switzerland mit. Heute fordert sie Unterstützung westlicher Staaten – jedoch ohne militärische Mittel. Vor der Sondersitzung des Uno-Menschenrechtsrats zum Iran am 23. Januar drängt der Verein darauf, das Mandat der bestehenden Fact-Finding-Mission auszuweiten, um die Massaker der Sicherheitskräfte zu untersuchen.
Free Iran Switzerland lancierte eine Petition, dass der iranische Aussenminister vom Weltwirtschaftsforum in Davos ausgeladen werden solle. Das ist auf internationalen Druck auch geschehen. Ausserdem fordert der Verein von der Schweiz, die Revolutionswächter auf die Liste terroristischer Vereinigungen zu setzen, sowie gezielte Sanktionen gegen Mitglieder der iranischen Machtelite, damit Geldflüsse an Regime und Revolutionsgarde austrocknen. «Fehlen dem Regime die Mittel zur Finanzierung seiner Gewalt, gibt es eine Chance auf sein Ende.» Der Wandel jedoch müsse aus dem Iran selbst kommen. An dieser Hoffnung hält sie fest.