CU there : Ni una menos!
Eine der ersten Begegnungszonen, die mir bei der Recherche für diese Kolumne in den Sinn kamen, war der Ni-una-menos-Platz in Zürich, der feministisch umbenannte Helvetiaplatz. Oder genauer: die Marmorgasse gleich daneben. Hier tanze ich jedes Jahr am feministischen Streiktag nach der Demo, bis die Sonne untergeht. Hier fühlte ich mich einmal sogar so frei, oben ohne zu tanzen. Hier beobachtete ich, wie Demonstrant:innen von der Polizei zu Boden gedrückt wurden. Hier zeigten wir den gaffenden Typen auf der Langstrasse den Mittelfinger. Hier sah ich Rollstuhlfahrer:innen einen Demoblock anführen. Hier sassen wir auf dem Randstein und hielten uns. Und hier wird, nachdem diese Kolumne erschienen ist, ziemlich sicher irgendein Graffiti von den Aktionen um die Kampagne «16 Tage gegen geschlechtsspezifische Gewalt» zeugen.
Weil ich nicht weiss, wann ich mal wieder so viel (redaktionellen) Freiraum erhalte wie hier, könnte ich jetzt im Endspurt dieser Serie noch ein paar Leuten ans virtuelle Bein pissen. Zum Zustand der Kolonie Schweiz à la Bärfuss gäbe es zum Beispiel aktuell viel zu sagen. Ich hätte hier noch drei Texte Zeit und Raum, um Dinge loszuwerden, um ein paar «hot takes» und unpopuläre «opinions» zu platzieren. Oder ich nutze diesen Platz, um Sie, liebe Leser:innen, auf die aktuell laufende «16 Tage»-Kampagne aufmerksam zu machen. Und Sie daran zu erinnern, dass in der Schweiz durchschnittlich alle zwei Wochen ein Mann eine Frau tötet. Seit ich an dieser Kolumne arbeite, wurden acht Femizide verübt:
19. August 2025, Corcelles, Neuenburg. Die Frau wurde 47 Jahre alt, ihre Töchter drei und zehn.
25. August 2025, Rorschach, St. Gallen. Die Frau wurde 42 Jahre alt.
26. August 2025, Neuhausen am Rheinfall, Schaffhausen. Die Frau wurde 47 Jahre alt.
15. September 2025, Wettswil am Albis, Zürich. Die Frau wurde 78 Jahre alt.
8. November 2025, Lausanne, Waadt. Das Alter der Frau ist nicht bekannt.
9. November 2025, Truttikon, Zürich. Die Frau wurde 65 Jahre alt.
Jedes Mal, wenn ich die nüchternen Auflistungen des Rechercheprojekts «Stop Femizid» lese, läuft es mir kalt den Rücken runter. Mir schiessen die Tränen in die Augen, ich kann nichts dagegen tun.
Das Fokusthema der «16 Tage» ist dieses Jahr «geschlechtsspezifische Gewalt und Behinderungen». Frauen und queere Menschen mit Behinderung erfahren bis zu viermal häufiger Gewalt. Womit ich Sie auch gleich auf die «Inklusions-Initiative» hinweisen möchte, voilà.
Unsere Gesellschaft hat ein riesiges strukturelles Problem mit patriarchaler Gewalt; auch der Umgang mit Menschen mit Behinderung ist Ausdruck davon. Diese Gewalt wird entweder komplett negiert, rassistisch instrumentalisiert oder zum Ausbau des Polizeistaats missbraucht (Stichwort Fussfessel und Überwachungskameras). Dass diese Themen auch in Mitteleuropa Teil des feministischen Diskurses sind, verdanken wir unter anderem den Widerstandsstrukturen im Globalen Süden, etwa der argentinischen «Ni una menos»-Bewegung. Ni una menos: nicht eine weniger, vivas nos queremos.
Schriftsteller:in Laura Leupi (29) streift in der Kolumne «CU there» durch Begegnungszonen in Zürich und schreibt immer freitags über öffentlichen Raum, Zugänglichkeit und Verdrängung.