Nr. 26/2021 vom 01.07.2021

Alle zwei Wochen

Wenn Frauen in der Schweiz getötet werden, dann meist von ihrem Ehemann, Partner oder Exfreund. Warum aber nimmt die Gesellschaft geschlechtsspezifische Morde meist nicht als solche wahr?

Von Merièm StruplerMail an AutorIn (Text) und Ursula Häne (Foto)

Es geht darum, nie mehr hier stehen zu müssen: Protestaktion am 24. Juni anlässlich des jüngsten Femizids auf dem kurzerhand in «Ni una menos»-Platz umbenannten Helvetiaplatz in Zürich.

8. Februar 2021, Basel. Am Montagmorgen finden AnwohnerInnen im Gundeli-Quartier die Leiche einer 39-jährigen Frau. Ihr Freund gilt als tatverdächtig und wird festgenommen.

Nadia Brügger zählt die Ermordeten. Sie durchforstet Polizeimeldungen und Medienberichte, um Informationen über die Frauen zu sammeln, die in der Schweiz getötet werden, «weil sie als Frauen leben oder als Frauen gelesen werden», wie es Brügger formuliert. In den allermeisten Fällen ist der Täter der Ehemann, Partner oder Exfreund. Seit 2020 betreibt die Literaturwissenschaftlerin zusammen mit der Datenjournalistin Sylke Gruhnwald und der Grafikerin Pauline Martinet das Rechercheprojekt «Stop Femizid». Auf ihrer Website listen sie die Fälle der getöteten Frauen auf, informieren über Beratungsstellen und leisten Aufklärung. Fünfzehn Femizide verzeichnet das Rechercheprojekt in der ersten Jahreshälfte 2021. Hinzu kommen fünf versuchte Tötungen. Das bedeutet: Alle zwei Wochen wird hierzulande eine Frau von einem Mann umgebracht.

Alle zwei Wochen. Warum werden Femizide in der Gesellschaft trotzdem nur begrenzt als solche wahrgenommen? Warum sind es meist die Ehemänner, Partner, Exfreunde, die «ihre» Partnerin töten? Was bedeutet das für Frauen, die einen versuchten Femizid überlebt haben? Die WOZ hat mit einer Kriminologin, einer Psychologin und einer Anwältin, mit SozialarbeiterInnen sowie mit Fachpersonen aus dem Frauenhaus und von Beratungsstellen gesprochen.

16. Februar 2021, Winterthur. Eine 32-jährige Frau wird mutmasslich vom Grossvater ihres Mannes erschossen. Der Vater der Getöteten berichtet der Zeitung «20 Minuten», seine Tochter habe sich scheiden lassen wollen, da ihr Ehemann ihr gegenüber gewalttätig gewesen sei.

Den Begriff «femicide» – als Alternative zu «homicide» (Mord) – hat die südafrikanische Soziologin Diana Russell geprägt, um zu betonen, dass das weibliche Geschlecht des Opfers bei der Tat zentral ist. Bezeichnungen wie «Partnertötung» würden ein essenzielles Detail verschweigen, schreiben die Journalistinnen Laura Backes und Margherita Bettoni in ihrem kürzlich erschienenen Buch «Alle drei Tage. Warum Männer Frauen töten und was wir dagegen tun müssen». «Die Opfer sind in der Regel Frauen, die Täter meist Männer. Diese töten ‹ihre› Ehefrauen, ‹ihre› Verlobten, ‹ihre› Exfreundinnen, weil sie sie nicht gehen lassen, sondern besitzen wollen», so Backes und Bettoni. «Sie töten die Frauen auch, weil sie Frauen sind. Diese Tötungen sind keine Einzelfälle, sondern Ausdruck eines strukturellen Problems der gesamten Gesellschaft. Weltweit. Im Begriff Femizid sind all diese Dimensionen enthalten.»

Seit 2020 steht das Wort «Femizid» im Duden. Trotzdem werden Femizide von den Schweizer Behörden nicht als solche registriert – und nicht einmal als solche bezeichnet. «Die Schweiz weigert sich auf Bundesebene immer noch, überhaupt von Femiziden zu sprechen», sagt Nadia Brügger. «Aber wenn ein Problem gesamtgesellschaftlich nicht einmal einen Namen hat, wird es auch nicht angegangen.» Sie plädiert für eine klare und inklusive Femizid-Definition, die auch trans Frauen, queere und nonbinäre Personen mit einschliesst.

Im Sommer 2020 forderte die SP-Ständerätin Marina Carobbio Guscetti, dass die Regierung den Terminus «Femizid» fördern solle, um zu verhindern, dass «Frauenmorde verharmlost oder als Tötung oder Verbrechen ‹aus Leidenschaft› abgetan werden». Der Ständerat lehnte ab. Vor kurzem versuchte es auch die SP-Nationalrätin Tamara Funiciello: «Sprache ist Macht, und Sprache schafft Realitäten», betonte sie Anfang Juni im Nationalrat. Gerade in den Medien werde häufig von «Familiendramen» gesprochen, wenn es sich tatsächlich um Femizide handle. «Solche Morde haben nichts mit Liebe und nichts mit Drama zu tun, sondern mit Hass und Gewalt. Das sollten wir auch so benennen.» Die Politikerin forderte, dass Femizide vom Bundesamt für Statistik als solche gezählt werden – und der Begriff als spezifischer Tatbestand für Morde an Frauen, verübt von Männern, ins Strafgesetzbuch aufgenommen wird, so wie das in lateinamerikanischen Ländern der Fall ist. Auch Funiciellos Anträge wurden vom Nationalrat abgelehnt.

23. Februar 2021, Buchs SG. Am Dienstagabend wird eine 22-jährige Frau in einem Streit mutmasslich von ihrem Partner getötet. Sie hinterlässt ein eineinhalbjähriges Kind.

«Wir haben ein Problem mit unserer Statistik», sagte Funiciello in ihrer Rede. «In der Kriminalstatistik wird nur ein Teil der Femizide erfasst, nämlich jene, die im häuslichen Rahmen stattfinden.» Ein Grossteil der durch Femizid getöteten Frauen hat bereits vor der Tat Gewalt in der Beziehung erfahren. Doch nicht alle Fälle sind gleich gelagert: Manchmal ist über eine gewalttätige Vorgeschichte schlicht nichts bekannt. Und manchmal ist die Betroffene mit dem Täter nie eine nähere Beziehung eingegangen. Wie etwa die 29-Jährige, die 2019 in Dübendorf ZH auf einem Parkplatz erschlagen wurde. Die Frau hatte den Täter nur flüchtig gekannt. Er aber hat sie jahrelang verfolgt, gestalkt und schliesslich gezielt getötet. In den Statistiken taucht die geschlechtsspezifische Komponente der Tötung jedoch nicht auf. Weil Femizide in der Schweiz nicht offiziell gezählt werden.

Die polizeiliche Kriminalstatistik verzeichnet zwar Tötungsdelikte im Rahmen von häuslicher Gewalt, darin ist aber auch die Gewalt von Eltern gegenüber ihren Kindern oder umgekehrt zusammengefasst. Trotzdem verdeutlichen bereits diese Zahlen das schockierende Ausmass an Gewalt gegen Frauen: Jede Woche überlebt eine Frau oder ein Mädchen einen Tötungsversuch innerhalb der Familie. Jede zweite bis dritte Woche überlebt eine ihn nicht. Das Eidgenössische Büro für die Gleichstellung von Frau und Mann (EBG) hält in einem im April veröffentlichten Bericht zu häuslicher Gewalt fest, dass Frauen (basierend auf einer Auswertung von Fällen in den Jahren 2009 bis 2016) nahezu viermal häufiger Opfer von versuchten oder vollendeten Tötungsdelikten werden als Männer. Der Anteil getöteter Frauen bei häuslicher Gewalt ist siebenmal höher als jener getöteter Männer. Wenn es in Beziehungen zu Gewalt kommt, sind Männer (basierend auf einer Auswertung der Fälle im Jahr 2019) in mehr als 77 Prozent der Fälle die Täter. Die Dunkelziffer dabei ist wiederum hoch: Der Bericht des EGB schätzt, dass sich lediglich 10 bis 22 Prozent der Betroffenen überhaupt an die Polizei wenden.

12. März 2021, Schafisheim AG. Eine 44-jährige Frau erliegt auf der Intensivstation schweren Verletzungen. Ihr Ehemann wird unter dringendem Tatverdacht festgenommen. Eine der beiden Töchter hatte den Notruf gewählt: Ihre Eltern hätten wieder einmal gestritten, es sei etwas Schlimmes passiert.

«Wenn man fragt: Wo werden in der Schweiz am meisten Frauen getötet?, dann ist das definitiv in der Partnerschaft», sagt Nora Markwalder, Kriminologin und Professorin an der Universität St. Gallen. Markwalder hat im Rahmen einer gesamtschweizerischen Studie zu Tötungsdelikten an Frauen geforscht. «Ich würde nicht so weit gehen zu sagen, dass es hochriskant ist, eine Partnerschaft einzugehen», sagt sie. Doch sei der Anteil an familiären Tötungsdelikten in der Schweiz relativ hoch, gerade weil es vergleichsweise nur wenige Tötungsdelikte gibt. Und: «Während wir bei anderen Tötungsdelikten einen Rückgang verzeichnen, bleibt der Anteil der Tötungen von Frauen konstant.»

Die Zeit rund um eine Trennung gilt dabei als grosser Risikofaktor – zumindest in den Fällen, wo es im Vorfeld häusliche Gewalt gegeben hat. Zudem zeige die Forschung, dass in erster Linie die Täterprofile wichtig seien. «Die Opfer haben kein spezifisches Profil», so Markwalder, «die Frauen haben ja auch nichts falsch gemacht.» Die Fragen seien daher vielmehr: Was sind das für Täter? Wie sehen die Tatumstände aus? Was gibt es für Risikofaktoren?

15. März 2021, Aeugst am Albis ZH. Eine 77-jährige Frau wird von ihrem Ehemann erschossen. Der Rentner tötet anschliessend sich selbst.

«Es kann jede treffen», sagte auch Jane Monckton Smith gegenüber dem «Spiegel». Die britische Kriminologin hat bei 372 Femiziden in Grossbritannien die Vorgeschichte untersucht und kam zum Schluss: «Allzu oft werden Femizide als spontan interpretiert, als sogenannte Verbrechen aus Leidenschaft. Meine Forschung hat das Gegenteil gezeigt: In der Mehrheit der Fälle wurde mit erheblichem Aufwand reflektiert, geplant und entschlossen gehandelt.» Monckton Smith hat ein Phasenmodell erstellt, anhand dessen sich die Eskalation nachvollziehen lassen soll. In sämtlichen von ihr untersuchten Fällen tauchten bereits vor und während der Beziehung Risikofaktoren auf: Viele Täter waren gewalttätig, drohten, stalkten oder überwachten die Partnerin, alle zeigten ein kontrollierendes Verhalten. Der Besitzanspruch manifestierte sich auch in Sätzen wie «Du gehörst mir» oder «Wir werden für immer zusammen sein». Verliess die Frau den Mann, wurde dies später vom Partner als Grund für die Tötung angeführt. Die Art der Tat indes variierte: Mal tötete der Mann auch die Kinder, mal jene, die versuchten, die Tat zu verhindern, mal auch sich selbst.

Fest steht: Reaktionäre Rollenbilder, toxische Männlichkeit und Besitzansprüche gelten als strukturelle Risikofaktoren für Femizide. Die Trennung bedeutet einen Kontrollverlust für den Täter, durch die Tötung soll die Kontrolle vermeintlich wiederhergestellt werden. Sinnbildlich dafür sind Sätze wie: «Wenn ich dich nicht haben kann, soll dich niemand haben!» Starke Abhängigkeiten, wenn etwa der Aufenthaltsstatus der Frau an den des Mannes gebunden ist, enge Wohnverhältnisse, Arbeitslosigkeit und Kinder begünstigen Gewalt in Partnerschaften. Als individuelle Faktoren können Suchtprobleme oder Gewalterfahrungen als Kind dazu beitragen, dass Männer gewalttätig werden.

28. März 2021, Bellinzona. Eine 44-jährige Frau wird beim Joggen mit einer Freundin von ihrem Exmann erschossen. Sie hinterlässt zwei Kinder.

«Gewalt in der Partnerschaft betrifft alle Schichten», sagt Pia Allemann von der Zürcher Beratungsstelle für Frauen gegen Gewalt in der Ehe und Partnerschaft (BIF). Häusliche Gewalt trete oft als schleichender Prozess auf, der mit verbalen Abwertungen und Beschimpfungen anfange und sich zunehmend steigere, zu Drohungen und Tätlichkeiten, bis hin zu schweren Verletzungen und Mord. Einen Fall, der wie aus dem Nichts kommt, kennt Allemann praktisch nicht: «Ein Mordversuch ist die Spitze des Eisbergs. Die Spitze eines monate- oder jahrelangen Prozesses.» Frauen, die einen versuchten Femizid überlebt haben, seien in der Regel schwer traumatisiert, oft hyperängstlich und desorientiert: «Sie trauen sich teils nicht mehr alleine aus dem Haus oder Bus zu fahren.» Gleichzeitig hätten sie enorm viel zu bewältigen: die psychischen und körperlichen Folgen des Angriffs, Wohnungssuche, Kinderbetreuung, Arbeit – und dazu die Termine bei Polizei, Staatsanwaltschaft, Gericht, Kesb und Beratungsstellen sowie Therapiestunden.

«Einen vollzogenen Femizid hatte ich zum Glück noch nie», sagt die Berner Anwältin Sabine Schmutz, «ich habe Angst davor.» Sie vertritt von Gewalt betroffene Frauen – auch solche, deren Partner versucht haben, sie zu töten. Meist vermitteln Beratungsstellen oder Frauenhäuser den Kontakt. «Die Frauen haben häufig eine Mauer des Schweigens aufgebaut. Sie erzählten lange niemandem, was sie zu Hause durchleben», sagt Schmutz. «Oftmals haben sie Angst vor dem, was noch kommt – und davor, dafür nicht genügend Kraft zu haben.»

Die Anwältin würde sich wünschen, dass Mitarbeitende bei Polizei, Staatsanwaltschaft und Gericht besser zu Mechanismen und psychischen Auswirkungen von Partnerschaftsgewalt geschult würden, «um mehr Verständnis für das Verhalten des Opfers und einen besseren Umgang mit traumatisierten Menschen» zu haben. Denn auf Betroffene, so Schmutz, wirke sich der Gerichtsprozess oft retraumatisierend aus: «Einerseits, weil sie noch einmal alles durchmachen und detailliert erzählen müssen – andererseits, weil sie sich oft nicht ernst genommen fühlen oder das Gefühl bekommen, sie seien schuld am Ganzen. Das ist sehr belastend.»

22. April 2021, Peseux NE. Eine 34-jährige Frau wird bei einem Messerangriff in ihrer Wohnung erstochen. Ihr Ehemann gilt als tatverdächtig und wird festgenommen. Sie hinterlässt mehrere Kinder.

Die Berner Psychologin Daniela Gerber hat sich auf Traumatherapie spezialisiert und arbeitet mit Patientinnen, die, oft seit der Kindheit, mit starker Gewalt konfrontiert waren. Am häufigsten diagnostiziert sie bei Betroffenen von häuslicher Gewalt die komplexe Form von posttraumatischen Belastungsstörungen, manchmal auch Abhängige Persönlichkeitsstörungen. Hinzu kommen oft zahlreiche psychosomatische Symptome, chronische Schmerzen, langjährige körperliche Beschwerden, Magen-Darm-Probleme, Depressionen, verschiedenste Angst- und Schlafstörungen sowie Albträume. «Die Psyche nimmt das Bedrohungsgefühl mit», sagt Gerber.

Sie weiss um die tiefe Erschütterung von Frauen, die Opfer eines versuchten Femizids wurden: «Da ist oft nicht die grosse Dankbarkeit, überlebt zu haben, wie man das vielleicht gemeinhin denken würde.» Sondern vielfach eine ganz starke Verzweiflung. Der eigene Partner hat versucht, einen umzubringen. «Das Selbstwertgefühl fühlt sich an wie kaputt.» Die Betroffenen bräuchten intensivste Unterstützung, damit sie wieder an sich selbst glaubten.

«Viele von Gewalt betroffene Frauen, die sich retten können, kommen mit tief verankerten Scham- und mit Schuldgefühlen in die Therapie», sagt die Psychologin. Sie hätten das Gefühl, dass insbesondere sie selbst etwas verbockt hätten und es deshalb so weit gekommen sei. «Dagegen arbeiten wir an. Ich sage den Frauen: ‹Das stimmt nicht! Die Verantwortung hat der, der die Gewalt ausübt!›»

Demgegenüber herrsche in der Gesellschaft und im Justizapparat oft eine kontraproduktive, von Gewaltmythen geprägte Haltung vor. Wie etwa der Mythos, dass die Frau den Mann dazu provoziert habe, Gewalt anzuwenden. «Sie hätte sich halt mal am Riemen reissen sollen» oder «Vielleicht war es auch gar nicht so schlimm?»: Solche Aussagen sind laut Gerber Ausdruck eines typischen Victim Blaming, also der Opferbeschuldigung. «Damit schaufelt man den Betroffenen die Verantwortung zu. Die Gewalt wird individualisiert, zu einem persönlichen Problem der beiden Personen gemacht. Dabei ist es ein Systemproblem. Es ist Männergewalt gegen Frauen. Dafür tragen wir alle eine Verantwortung.»

Wie weit verbreitet Victim Blaming ist, zeigt auch der Blick in die deutschsprachige Presse: «Weil sie fremdging: 37-Jähriger soll Freundin mit Samurai-Schwert getötet haben» (tag24.de, 12.5.21). «Mann erstach seine Frau, weil sie ihn verlassen hatte» («Berliner Zeitung», 17.12.19). «Heirat abgelehnt: Mann ersticht Frau» (WDR, 29.1.21). Solche Formulierungen unterstellen der Getöteten eine Mitschuld und bringen dem Täter ein gewisses Verständnis entgegen. Die Botschaft: Sie hat sich vermeintlich «falsch» verhalten, also hat er sie getötet. Der patriarchale Blick auf Frauenmorde und die Tendenz zur «Himpathy» (einer Sympathie, die eigentlich dem weiblichen Opfer zusteht, stattdessen aber dem männlichen Täter zufliesst) sitzen tief.

13. Juni 2021, Leukerbad VS. Eine 54-jährige Frau wird von ihrem gleichaltrigen Partner erschossen. Anschliessend tötet der Mann sich selbst.

«In der Therapie machen wir uns daran, die Scherben aufzuräumen», bilanziert Daniela Gerber. Aber eigentlich müsste man auf einer ganz anderen Ebene wirkliche Veränderungen durchbringen. «Wir brauchen eine Gesellschaftsstruktur, in der jeder Mensch mit seiner Einzigartigkeit gleichwertig ist. Dann kommt man auch gar nicht erst auf die absurde Idee, einen anderen Menschen besitzen zu wollen.»

Internationale Proteste

Keine soll mehr vergessen werden

Nach jedem Femizid in der Schweiz gedenken feministische AktivistInnen der getöteten Frau auf dem Zürcher Helvetiaplatz. Diesen haben sie kurzweg umbenannt, er heisst jetzt: Ni-una-menos-Platz.

«Ni una menos» bedeutet «nicht eine weniger». Keine der getöteten Frauen soll vergessen werden. Der Slogan geht zurück auf die Massenproteste 2015 in Argentinien: Als die 14-jährige Chiara Páez von ihrem Freund erschlagen wurde und dieser sie anschliessend – wohl mit der Hilfe seiner Familie – im Garten vergrub, gründeten Aktivistinnen, Journalistinnen und Künstlerinnen das Kollektiv «Ni una menos», das Hunderttausende mobilisierte. Die Proteste breiteten sich aus – von Brasilien und Chile über Peru und Mexiko bis nach Spanien und Albanien. Aktuell gehört «Ni una menos» zu den weltweit grössten und bekanntesten Bewegungen gegen patriarchale Unterdrückung.

Femizide sind ein globales Problem, wie eine Studie zu geschlechtsspezifischen Tötungsdelikten des Uno-Büros für Drogen- und Verbrechensbekämpfung (UNODC) von 2019 belegt. Weltweit sind die Opfer von Tötungen innerhalb der Familie oder der Partnerschaft in acht von zehn Fällen weiblich. Laut der Studie wurden 2017 insgesamt 87 000 Frauen vorsätzlich umgebracht, 50 000 von ihnen vom Intimpartner oder von anderen Familienmitgliedern. In über einem Drittel der Fälle ist der (Ex-)Partner der Täter – also «jemand, von dem sie normalerweise erwarten würden, dass sie ihm vertrauen können», schlussfolgert die Uno-Studie. Jeden Tag werden demnach weltweit 137 Frauen von einem Mitglied ihrer eigenen Familie getötet.

Darüber hinaus muss man weitere Formen misogyner Morde als Femizide zählen, darunter auch antifeministische Anschläge. Wie jenen des Toronto-Attentäters, der 2018 zehn Menschen tötete, darunter überwiegend und offenbar gezielt Frauen. Auch die rechtsextremen Attentäter von Hanau, Halle, Christchurch, El Paso, Dayton oder Utoya verbindet nicht zuletzt ihr Frauenhass. So schrieb etwa der Mörder von Utoya in seinem Manifest, dass es notwendig sei, Frauen zu töten, um die patriarchale Ordnung in der Gesellschaft wiederherzustellen.

Umso wichtiger sind die entschlossenen feministischen Kämpfe gegen Männergewalt – so etwa die riesigen Demonstrationen 2019 in Frankreich oder die anhaltenden Mobilisierungen in der Türkei, nachdem Machthaber Recep Tayyip Erdogan im März dieses Jahres den Austritt aus der Istanbul-Konvention beschlossen hat, die Frauen vor Gewalt schützen soll. Ebenso die britische Kampagne #TextMeWhenYouGetHome («Schreib mir, wenn du zu Hause bist»), nachdem ebenfalls im März die 33-jährige Sarah Everard in London von einem Polizisten ermordet wurde. In Griechenland wiederum protestieren aktuell Aktivistinnen mit Kerzen, um der zwanzigjährigen Caroline Crouch zu gedenken, die im Mai von ihrem Ehemann getötet wurde. All diesen Protesten ist es zu verdanken, das Femizide ins öffentliche Bewusstsein sickern. Und dass die Getöteten nicht vergessen werden. Nicht eine weniger.  

Merièm Strupler

Dieser Artikel wurde ermöglicht durch den Recherchierfonds des Fördervereins ProWOZ. Dieser Fonds unterstützt Recherchen und Reportagen, die die finanziellen Möglichkeiten der WOZ übersteigen. Er speist sich aus Spenden der WOZ-LeserInnen.

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