Durch den Monat mit Ines Tanović (Teil 2): Was ändert sich mit dem europäischen Migrationspakt?
Wenn die EU an ihren Aussengrenzen Haftanstalten für Geflüchtete errichten möchte, können die Balkanstaaten kaum etwas dagegen tun, erzählt die Aktivistin Ines Tanović.
WOZ: Ines Tanović, die Balkanroute rückte ins internationale Rampenlicht, als im Dezember 2020 das «Camp Lipa» in Bosnien abbrannte und Medien über brutale Pushbacks berichteten. Was hat sich seither verändert?
Ines Tanović: In Europa, aber auch auf dem Balkan selbst entsteht der Eindruck, die Balkanroute sei Geschichte. Doch noch immer nutzen Tausende diese Strecke. Die Aufmerksamkeit liegt derweil auf anderen Schauplätzen, dadurch werden Mittel knapper, und die meisten Organisationen, vor allem ausländische, ziehen sich zurück. Einige von uns arbeiten noch in Bosnien, andere in Serbien. Doch es sind nur zwei, drei kleine Kollektive pro Land.
WOZ: Wie sehen die Migrationsrouten über den Balkan heute aus?
Ines Tanović: Vor wenigen Jahren flohen die Menschen noch über den Norden und Nordwesten Bosniens Richtung Italien. Damals waren sie zwei Wochen zu Fuss unterwegs, versteckten sich in den Wäldern und Bergen. Doch die Staaten investierten viel Geld in Überwachung, Wärmebildkameras und andere technische Ausrüstung zur Militarisierung der Grenzen. Flüchtende erzählen, wie mitten im Wald Drohnen vor ihnen auftauchen, aus deren Lautsprechern es tönt: «Hände hoch! Hier ist die kroatische Polizei.» Die Grenzen sind zu Fuss immer schwieriger zu überwinden, und den Flüchtenden bleibt nur, ihr Leben in die Hände von Schlepper:innen zu legen. Das Grenzregime war schon immer gewalttätig, aber was jetzt passiert, übersteigt alles, was ich jemals für möglich gehalten hätte.
WOZ: Werden die Grenzen auch tödlicher?
Ines Tanović: Ja. Auf Friedhöfen der Grenzgemeinden, sei es in Bosnien, Kroatien oder Serbien, findet man viele unmarkierte Gräber. Menschen sterben in unseren Flüssen, und wir wissen nicht, wie viele es sind. Wir erfahren nur davon, wenn es Überlebende gibt oder zumindest jemanden, der den Notruf wählen oder die Geschichte erzählen kann. Letzten Dezember ertranken drei Flüchtende aus dem Sudan im Grenzfluss Kulpa zwischen Kroatien und Slowenien. Nur fünf Tage später kenterte ein Boot mit dreizehn Menschen auf der Save zwischen Bosnien und Kroatien, drei Menschen starben dabei. Dieses Ausmass ist für uns neu und nur schwer zu bewältigen.
WOZ: Mit dem europäischen Migrationspakt, der 2026 in Kraft tritt, sollen sogenannte Rückführungszentren an den EU-Aussengrenzen errichtet werden. Was kommt da auf uns zu?
Ines Tanović: Seit Ende 2025 wissen wir, dass es sich um geschlossene Einrichtungen handeln wird, in denen die Menschen auf den Abschluss ihres Asylverfahrens warten werden. Nun wird konkretisiert, wie lange und unter welchen Bedingungen die Menschen dort leben müssen. Ich bin ehrlich besorgt darüber, was dieses Jahr auf uns zukommt.
WOZ: Warum hat sich Bosnien darauf eingelassen?
Ines Tanović: Die Verhandlungen mit der Europäischen Union zu diesem Thema sind reine Erpressung. Wir warten darauf, der EU beizutreten, und auch wenn ich sehr skeptisch bin, ob dies jemals passieren wird, steht Bosnien unter enormem Druck, die Kriterien dafür zu erfüllen. Ein gutes Beispiel sind die Verhandlungen mit der Grenzschutzagentur Frontex.
WOZ: Wie steht es um die Zusammenarbeit mit Frontex?
Ines Tanović: Sechs Jahre lang hat sich Bosnien geweigert, das Abkommen mit Frontex zu unterzeichnen. Letzten Juni unterschrieb es ihn schliesslich als einer der letzten Staaten. Denn auf dem Spiel stand die Visafreiheit für unsere Bürger:innen. Wenn die EU plant, Frontex-Beamt:innen an den Grenzen einzusetzen und Rückführungszentren zu errichten, dann wird dies letztlich auch geschehen. Gleichzeitig habe ich grosse Angst davor, wie sich die Sicherheitslage für Geflüchtete in Bosnien mit der Einführung solcher Haftanstalten entwickeln wird. Schon heute sind Migrant:innen nur in Teilen Bosniens willkommen.
WOZ: Wie unterscheiden sich da die verschiedenen Gebiete?
Ines Tanović: In Bosnien leben die Migrant:innen fast ausschliesslich in den mehrheitlich muslimischen Gebieten, wo auch die Lager sind. Politiker:innen der Republika Srpska sagen ganz offen, sie wollten keine Migrant:innen auf ihrem Gebiet, da diese die muslimische Bevölkerung im Land vergrössern würden. Das erschwert vieles. Ich erinnere mich, wie mich Flüchtende fragten: «Warum sagt uns die kroatische Polizei, wir sollen zu den dreckigen Muslimen in Bosnien zurückgehen?» Ich musste ihnen erklären, dass es nicht um sie geht, sondern um unsere internen Konflikte, unsere Geschichte, den Krieg und die Nachkriegszeit.
WOZ: Fühlen sich Geflüchtete auf der Durchreise in Bosnien willkommen?
Ines Tanović: Erzählen Geflüchtete, wo sie auf der Balkanroute die meiste Unterstützung erfahren haben, nennen sie meist zwei Länder: Albanien und Bosnien. Über die bosnische Polizei hört man kaum Schreckensgeschichten, und viele Bosnier:innen zeigen immer wieder grosse Solidarität mit Migrant:innen. Ich glaube, die bosnische Bevölkerung kann deren Lage gut nachvollziehen. In diesem Sinne bin ich froh, an einem Ort zu leben, an dem kein Hass gegen Migrant:innen geschürt wird.
Ines Tanović (41) erlebte als Kind den Bosnienkrieg. Während viele aus ihrer Generation ausgewandert sind, möchte sie bleiben – und Veränderung im Land erwirken.