Durch den Monat mit Ines Tanović (Teil 1): War Bosnien schon immer Teil der Balkanroute?

Nr. 2 –

Seit fünf Jahren betreibt Ines Tanović das solidarische Gemeinschaftszentrum Kompas 071 in Sarajevo und schafft damit einen sicheren Ort für Migrant:innen auf der Balkanroute.

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Portraitfoto von Ines Tanović
«Ich dachte, niemand reist über Bosnien – es ist zu bergig, zu kompliziert. Doch 2018 änderte sich das»: Ines Tanović (mit «Kein Mensch ist illegal»-Shirt).

WOZ: Ines Tanović, was macht die Rolle Bosniens in der Migrationsfrage so besonders?

Ines Tanović: Von Anfang an lief in Bosnien alles anders als anderswo. Im Gegensatz zu allen anderen Ländern, in denen der Staat die Verantwortung für die Migration übernommen hatte, war es in Bosnien die Organisation für Migration der Uno (IOM), die die Leitung der Lager und den gesamten Prozess der Registrierung von Geflüchteten sowie deren Asylverfahren übernahm. Auch das Geld, das von der Europäischen Union und verschiedenen anderen Ländern kam, floss zur IOM. Der bosnische Staat hat also im Grunde nichts bekommen.

WOZ: War Bosnien schon immer Teil der Balkanroute?

Ines Tanović: Als ich 2015 zum ersten Mal auf der sogenannten Balkanroute unterwegs war, lag Bosnien noch nicht auf dieser Route. Die Menschen reisten stattdessen über Serbien und Ungarn. Es war das Jahr, in dem Deutschland «Willkommen» sagte, damit herrschte eine völlig andere Ausgangslage als in den Folgejahren. Zuerst wurden die Grenzen zu Ungarn geschlossen, dann folgte die Abriegelung weiterer Grenzen. Damals war ich noch der Überzeugung, dass die Menschen keinesfalls über Bosnien reisen würden – es ist zu bergig, zu kompliziert. Doch 2018 änderte sich das.

WOZ: Wie haben Sie das miterlebt?

Ines Tanović: Zu diesem Zeitpunkt arbeitete ich noch als Englischlehrerin in Sidi Moumen in der Nähe von Casablanca in Marokko. Ein Ort, an dem mehr als eine Million Menschen unter sehr prekären Bedingungen leben. Als ich nach Sarajevo zurückkehrte, fand ich die Strassen, Plätze und Pärke voller Menschen auf der Flucht vor. Mit ein paar Freund:innen lief ich die Ferhadija, eine der Hauptstrassen in Sarajevo, entlang, da rief mir jemand zu: «Ines, Ines. Lehrerin, Lehrerin.» Ich drehte mich um, und da stand Ahmed, ein neunzehnjähriger Mann, den ich in Casablanca unterrichtet hatte. Ich war sehr überrascht, als ich ihn sah, und beeindruckt davon, wie er es geschafft hatte, nach Bosnien zu kommen.

WOZ: Gab es keine offiziellen Unterkünfte für Flüchtende in Sarajevo?

Ines Tanović: Als die IOM kam, um die ersten Lager in Bosnien zu errichten, ging alles nur langsam voran. Es dauerte ewig, bis die erste Unterkunft in Sarajevo eröffnet wurde. Zuerst wurde das heutige Familienlager Ushivak auf einer ehemaligen Militärbasis in Betrieb genommen, dann die zweite Unterkunft, ebenfalls auf einer früheren jugoslawischen Basis. Tausende Menschen schliefen dort unter prekärsten Bedingungen in grossen Hangars. Die Unterkünfte waren überfüllt, und es gab keinen Zugang zu Duschen, Waschmaschinen, Essen oder sonst irgendetwas. Deswegen übernachteten so viele auch auf den Strassen.

WOZ: Wie genau begannen Sie Ihre Unterstützungsarbeit?

Ines Tanović: Ich war Teil des feministischen Künstler:innenkollektivs Crvena (zu Deutsch «Rot»), als wir begannen, jeden Tag in der Mittagspause mit Kannen mit Tee und Kaffee sowie ein paar Keksen zum nahe gelegenen Bahnhof und zum Busbahnhof zu gehen. Nach und nach organisierten wir uns als Freiwillige in der Stadt, um herauszufinden, wo die Menschen leben, was sie brauchen und was wir tun können. Es war etwas völlig Ungewöhnliches für mich. Ich komme aus einem Land, das die Auswanderung gewohnt ist – nicht jedoch, dass Menschen nach Bosnien kommen. In den ersten Tagen hatten wir eine kleine Garage. Es war eine Bruchbude, das Wasser tropfte von der Decke, und doch verteilten wir von dort aus täglich die wichtigsten Dinge zum Überleben.

WOZ: Was unterscheidet das, was Kompas 071 tut, von der humanitären Arbeit der grossen internationalen Organisationen?

Ines Tanović: Grosse internationale Organisationen, die jährlich Millionen erhalten, um sich um die Migrant:innen zu kümmern, sind bis heute nie wirklich auf die Bedürfnisse vor Ort eingegangen. Mit Kompas 071 – benannt nach der Postleitzahl der Stadt – bieten wir den Menschen, was keine dieser grossen Organisationen jemals geboten hat: saubere warme Duschen, Waschmaschinen, passende Kleidung und Schuhe, ein offenes Ohr und psychologische Unterstützung sowie einen sicheren Ort zum Ausruhen und Krafttanken.

WOZ: Sollte die Arbeit, die Sie mit Kompas 071 leisten, nicht eigentlich Aufgabe staatlicher Institutionen sein?

Ines Tanović: Wenn der Staat und internationale Organisationen, die sich mit der Balkanroute befassen, ihre Arbeit wirklich tun würden, gäbe es keinen Grund für die Existenz von Kompas 071. Doch wir wissen, dass wir heute gebraucht werden. Natürlich möchten wir auch die internationalen Organisationen und den Staat dazu drängen, ihre Arbeit zu tun. Doch während sie sehen, was wir mit Kompas 071 tun, finden sie immer eine Ausrede, warum sie ebendies nicht tun.

Ines Tanović: In unserem Team diskutierten wir immer wieder, ob wir sie damit aus der Verantwortung nehmen. Es bleibt ein ewiger Kampf, der in mir tobt, und ich habe immer noch keine richtige Antwort darauf.

Ines Tanović (41) ist Kunsthistorikerin und ehemalige Journalistin. Sie lebt in Sarajevo und engagiert sich seit 2018 auf der Balkanroute.