Mireille Ngosso : «Ich habe weitergemacht, obwohl es mir niemand zugetraut hat»
Sie ist eine der bekanntesten Ärzt:innen Österreichs und entlarvt auf Social Media Rassismus in der Medizin. Im Interview erklärt Mireille Ngosso, wie fortbestehende Mythen und Stereotype zur gesundheitlichen Gefahr werden können.
WOZ: Mireille Ngosso, wen sahen Sie, als Sie heute Morgen in den Spiegel schauten?
Mireille Ngosso: Eine starke Frau, die in den letzten Jahren viel durchgemacht hat. Heute denke ich: Ich bin die Frau geworden, die ich immer sein wollte – und ich bin stolz auf mich.
WOZ: War das nicht immer so?
Mireille Ngosso: Früher war ich sehr unsicher, hatte viele Ängste und litt an Depressionen. Mit jedem Lebensjahrzehnt hat sich das verändert – ich bin reifer geworden und habe mehr zu mir selbst gefunden.
WOZ: Wie Sie in Ihren Videos auf Social Media erzählen, nehmen viele als Erstes Ihre Hautfarbe und Ihr Geschlecht wahr – mit den dazugehörigen Stereotypen.
Mireille Ngosso: Es ist nicht einfach, in einer weiss geprägten Gesellschaft seinen Platz zu finden. Und in der Tat habe ich oft das Gefühl, zuerst als Schwarze Frau wahrgenommen zu werden. Besonders belastend sind die vielen kleinen Bemerkungen oder Situationen, in denen ich nicht ernst genommen werde. Wie anstrengend das ist, merke ich besonders, wenn ich in den Kongo oder in andere afrikanische Länder reise. Dort fällt etwas von mir ab – ich kann mich freier bewegen. Zu Hause in Österreich versuche ich deshalb, bewusst Oasen aufzusuchen: Orte, an denen viele Schwarze Menschen sind. Sie erinnern mich daran, dass ich nicht allein bin mit dem, was ich erlebe.
Ärztin und Aktivistin
Mireille Ngosso (45) wurde in Kinshasa, der Hauptstadt der Demokratischen Republik Kongo, geboren. Sie war von 2020 bis 2025 für die SPÖ als erste afro-österreichische Kommunalpolitikerin im Gemeinderat und im Landtag Wiens tätig. Enttäuscht über Diskriminierung, auch innerhalb der Partei, zog sie sich aus der Politik zurück.
2020 organisierte sie die Black-Lives-Matter-Demonstration in Wien mit über 50 000 Teilnehmenden.
Heute arbeitet Ngosso als Allgemeinärztin in einer Praxis in Wien in einem ausschliesslich weiblichen und diversen Kollektiv. Auf Social Media klärt sie über Rassismus in der Medizin und im Gesundheitswesen auf.
WOZ: Auf Tiktok und Instagram klären Sie über Rassismus im Gesundheitssystem und in der Medizingeschichte auf. Trotzdem betonen Sie, die Medizin dürfe nicht farbenblind sein. Wieso?
Mireille Ngosso: Um alle Patient:innen angemessen behandeln zu können, müssen Unterschiede erkannt und ernst genommen werden. Zum Beispiel sehen Erkrankungen wie Hautkrebs auf dunkler Haut anders aus – deshalb werden sie bei Schwarzen Patient:innen oft später erkannt.
Wenn medizinisches Wissen auf einem eng definierten Normkörper basiert und Studienpopulationen nicht divers sind, wissen wir zudem weniger über Wirkung, Nebenwirkungen und Risiken bei bestimmten Gruppen – mit direkten Folgen für die Versorgung.
WOZ: In der Praxis wird Ungleichbehandlung aber oft auch zur Gefahr. Bekannt wurde der Fall der US-Tennisikone Serena Williams. Nach der Geburt ihrer Tochter ging es ihr sehr schlecht. Doch das medizinische Personal winkte zunächst ab. Erst nachdem sie auf einer Untersuchung bestand, wurde ein lebensbedrohliches Blutgerinnsel entdeckt. Williams ist überzeugt, dass sie als Schwarze Frau diskriminiert worden war.
Mireille Ngosso: Tatsächlich werden Beschwerden von Schwarzen Menschen und People of Color (PoC) häufig als psychisch bedingt abgestempelt oder einfach ignoriert. Immer wieder erzählen mir Patient:innen von langen Leidenswegen, weil ihre Symptome nicht ernst genommen werden oder Fachwissen fehlt. Häufig werden Patient:innen auch zunächst über ihre Herkunft ausgefragt, statt dass man sich direkt ihren Beschwerden widmet. Ich habe auch beobachtet, wie weisse Ärzt:innen, wenn sie unter sich sind, PoC scherzhaft Etiketten wie «Morbus Bosporus» oder «Mamma-mia-Syndrom» anhängen und damit Beschwerden bagatellisieren. Das ist nicht nur diskriminierend, sondern auch gefährlich, weil es Behandlungen verzögert und Risiken erhöht.
Darum sollte das Gesundheitspersonal bereits in der Ausbildung stärker für Rassismus sensibilisiert werden. Zudem braucht es geschützte Räume sowie verbindliche Anlaufstellen, in denen Beschwerden wegen Diskriminierung ernst genommen und bearbeitet werden. Das mag derzeit noch utopisch klingen – deshalb versuche ich, das Bewusstsein für diese Themen öffentlich zu stärken.
WOZ: Was sagt die Wissenschaft dazu?
Mireille Ngosso: Studien, die Rassismus im Gesundheitswesen belegen, stammen überwiegend aus dem englischsprachigen Raum – im deutschsprachigen Raum gibt es noch zu wenige Untersuchungen. Dabei ist das Thema hochrelevant, weil unterschiedliche Gruppen unterschiedlich betroffen sind. Schwarze Frauen etwa erkranken öfter an aggressivem Brustkrebs. Wer in der Wissenschaft nicht abgebildet wird, erhält auch eher eine schlechte Behandlung, und Mythen bestehen fort. So hält sich zum Beispiel immer noch die wissenschaftlich falsche Annahme, Schwarze Menschen hätten eine dickere Haut oder seien weniger schmerzempfindlich. Das führt dazu, dass sie im Durchschnitt weniger Schmerzmittel erhalten.
WOZ: Das Problem sind also vor allem die Ärzt:innen?
Mireille Ngosso: Es gibt auch technische Aspekte: Medizinische Geräte sind nicht immer auf unterschiedliche Hauttöne ausgelegt. So können Pulsoximeter bei dunkler Haut ungenauere Werte für die Sauerstoffsättigung liefern. Das kann gefährlich sein, da diese Werte entscheidend dafür sein können, ob eine Erkrankung – etwa Covid – stationär behandelt wird.
Doch die Probleme sind grundsätzlicher. Ärzt:innen bilden in Ländern wie Österreich oder der Schweiz oft keinen Querschnitt der Gesellschaft ab. Schwarze Menschen und PoC arbeiten im Gesundheitswesen häufiger in Pflege- oder Servicebereichen, während Entscheidungspositionen meist wenig divers besetzt sind. Die bestehenden Strukturen verändern sich nur langsam. Damit sich das nachhaltig ändert, braucht es bereits im Hörsaal andere Perspektiven. Themen wie die Dekolonialisierung der Medizin haben es jedoch an den Universitäten nach wie vor schwer.
WOZ: Welche rassistischen Denkmuster sind Ihnen als Studentin begegnet?
Mireille Ngosso: Medizin wurde mir aus einer stark eurozentrischen Perspektive vermittelt. Alles, was vom Normbild – achtzig Kilo schwer, weiss, heterosexuell, cis-männlich – abweicht, wurde marginalisiert.
Auch wichtige Aspekte wurden ausgelassen. Nehmen wir das Beispiel des Mikrobiologen Robert Koch: Er wird für seine Forschung zu Krankheitserregern zu Recht gewürdigt. Gleichzeitig stellt sich die Frage, auf wessen Leid solche Fortschritte teilweise beruhten. In kolonialen Kontexten gab es kaum ethische Grenzen für Experimente – dabei starben Menschen. Das wurde im Studium kaum thematisiert. Zudem habe ich auch persönlich abwertende Aussagen erlebt.
WOZ: Welche?
Mireille Ngosso: Ein Oberarzt fragte mich einmal, ob ich mit einer Schwarzen Kollegin verwandt sei. Schlimm waren auch Kommentare von Kolleg:innen über Patient:innen, etwa: «Jetzt kommen wieder diese Leute, die laut sind und übertreiben, die haben doch nichts.» Von Patient:innen habe ich seltener offenen Rassismus erlebt. Es kommt jedoch vor, dass ich nicht als Ärztin wahrgenommen werde und sich Patient:innen eher an weisse Pflegepersonen wenden.
WOZ: Über Sie gibt es die Geschichte, wie der Rechtspolitiker Jörg Haider Sie öffentlich rassistisch beleidigte, als Sie noch eine Schülerin waren.
Mireille Ngosso: Das war bei einer Demonstration gegen seine Politik. Wir standen in seiner Nähe und buhten ihn aus. Er zeigte auf mich und sagte: «Die Dame in Schwarz braucht gar nicht ‹Buh› zu schreien.» Es war furchtbar. Alle haben uns angestarrt und wussten, wen er meinte. Frühe Erfahrungen von Diskriminierung verbinde ich bis heute stark mit Scham.
WOZ: Können Sie davon erzählen?
Mireille Ngosso: Meine Eltern sind 1984 aus politischen Gründen aus dem Kongo nach Österreich geflohen. Mein Vater engagierte sich bald in der SPÖ. Politik war bei uns präsent – aber oft mit dem Gefühl, vorsichtig sein zu müssen. «Falle bloss nicht auf. Duck dich!», haben meine Eltern zu mir gesagt.
Ich erinnere mich an eine Situation, als ich sieben Jahre alt war. Bei einer Veranstaltung wurde ich gefragt, wie es mir in Österreich gefalle. Ich sah den Blick meiner Eltern – dieses unausgesprochene «Sag lieber nichts». Trotzdem sagte ich, dass sich meine Lehrerin manchmal komisch verhalte. Darauf kam die Antwort: «Ihr müsstet doch froh sein, dass ihr hier seid.» Mein Vater relativierte sofort. Und ich spürte dieses starke Schamgefühl.
WOZ: Wie war Ihre Kindheit in Österreich?
Mireille Ngosso: Wir litten unter der Gewalt meines Vaters, Nervosität und Angst waren ständige Begleiter. Meine Mutter trennte sich nach fünfzehn Jahren von ihm, wir lebten eine Zeit lang im Frauenhaus. Meine Mutter hat unglaublich viel geleistet: früh geheiratet, sechs Kinder bekommen, als Putzkraft gearbeitet und später ein eigenes Geschäft aufgebaut. Während sie ums Überleben kämpfte, brach ich die Schule ab.
WOZ: Aus welchen Gründen?
Mireille Ngosso: Die Schule bot mir keinen Raum, um mich zu entfalten. Ich hätte Unterstützung gebraucht. ADHS wurde erst viel später erkannt, und auch Rassismus spielte eine Rolle. Mir wurde gesagt, die Matura sei nichts für mich. Trotzdem habe ich mich entschieden weiterzumachen: Ich habe gearbeitet und parallel die Abendschule besucht.
WOZ: Nach der Matura gingen Sie zuerst nach London, um biomedizinische Wissenschaft zu studieren. Wieso?
Mireille Ngosso: Ich wollte weg. In London habe ich zum ersten Mal erlebt, wie es ist, sich nicht als abweichend zu empfinden. Beispielsweise gab es viele afrikanische Geschäfte, ganz selbstverständlich konnte ich Produkte für meine Haare oder passendes Make-up im Supermarkt finden. Dennoch vermisste ich Wien, Gulasch und Sachertorte. Wenn ich Heimweh hatte, sang ich «I am from Austria» von Rainhard Fendrich. Nach drei Jahren beschloss ich, zurückzukehren und mich für ein Medizinstudium einzuschreiben. Ich wusste: Es wird nicht alles rosig sein, aber ich kämpfe für die nächste Generation.
WOZ: Warum Medizin?
Mireille Ngosso: Weil ich gesehen habe, wie meine Mutter behandelt wurde. Eine Schwarze Frau mit Sprachbarrieren bekommt im Gesundheitssystem oft nicht die gleiche Qualität an Versorgung. Ich wollte dem etwas entgegensetzen. Ausserdem wollte ich irgendwann im Kongo oder anderswo als Gynäkologin aushelfen. In Österreich hat mich auch meine Dorfpatin, die uns bei der Integration unterstützte, geprägt. Sie war Kinderärztin und nahm mich mit in ihre Praxis.
WOZ: Wie war die Rückkehr nach Österreich?
Mireille Ngosso: Ich fiel in eine depressive Phase und musste mich intensiv mit meiner mentalen Gesundheit auseinandersetzen. Ich war mehrere Monate in Behandlung und habe vieles aufgearbeitet. Auch dort habe ich problematische Aussagen erlebt wie «Gewalt ist in afrikanischen Ländern ja normal». Trotzdem habe ich mein Studium weitergeführt – obwohl es mir kaum jemand zugetraut hat. Ich wollte mich für all jene einsetzen, die im Gesundheitssystem übersehen werden. ●