Sachbuch : Fluch, Flucht und Flut zugleich
Der Untertitel des Buches hat es in sich: «Die Sintflut heisst Westen». Damit beschreibt der Autor Lukas Meisner die Vereinnahmung der Welt durch ein kapitalistisches System, das den Menschen rund um den Globus Verheerungen bringt. Und diese Welt gleich einer Sintflut mit Kriegen, Krisen, ökologischen und anderen Katastrophen überzieht. Was zeitdiagnostisch nicht viel Hoffnung übrig lässt: «Wir sind im autoritären Neoliberalismus angekommen und erwarten, so taub wie stumm geworden im imperialen Rüstungsgetümmel, die Durchsetzung der Faschisierung.»
Der Philosoph und Soziologe Meisner bringt diese Vereinnahmung der Welt mit dem Zusammenbruch der realsozialistischen Systeme zusammen, mit dem Ende der «Systemalternative, die selbst dem Kapitalismus ein etwas menschlicheres Antlitz aufgezwungen hatte».
Meisners Eltern flohen nicht lange vor seiner Geburt aus der DDR, die zwar soziale Sicherheit brachte, aber wenig Freiheit. Was sie schliesslich vorfanden, waren prekäre Arbeitsverhältnisse und die Abwertung als «Ossis». Dies ist der biografische Ausgangspunkt von Meisners Sachbuch, das an diverse linke Theorien anknüpft, etwa die Kritische Theorie, die Psychoanalyse oder die weniger bekannte Hauntologie des Kulturwissenschaftlers Mark Fisher.
Die «Flucht» aus der DDR entwickelt sich gemäss Meisner zum «Fluch», zum Sichwiederfinden in der vollständigen Alternativlosigkeit. Damit sind – neben «Flut» – die weiteren zentralen Metaphern genannt, um die sein Buch, oft spielerisch, kreist. Wenn man sich erst einmal in die anspruchsvolle, Theorie und Literatur verbindende Sprache eingefunden hat, ist es sehr anregend, dem Philosophen beim Denken zu folgen. Letztlich sucht Meisner auch den Ausweg aus dem «Geisterhaus des Geistes des Kapitalismus», also dem gegenwärtigen Mix aus Faschisierung, Aufrüstung und autoritärem Neoliberalismus. In seinem Buch fordert er einen «sozialistischen Realismus» für das 21. Jahrhundert, der gleichsam eine «Willkommenskultur für das Gespenst des Kommunismus» anbietet.