Der Kapitalismuskritiker : Vorwärts zur demokratischen Explosion

Nr.  43 –

Er gilt als einer der originellsten, aber auch umstrittensten Intellektuellen der Gegenwart: Slavoj Zizek, Philosoph, Kulturkritiker und – nicht praktizierender – Psychoanalytiker. Der gebürtige Slowene hat die Theorien des französischen Psychoanalytikers Jacques Lacan in der postmodernen Medienkulturlandschaft verankert und sie gleichzeitig mit dem dialektischen Denken Hegels verknüpft. Er lehrt an verschiedenen Universitäten in Europa, war früher als Dissident in Slowenien aktiv und redet heute einem demokratischen Kommunismus das Wort.


Slavoj Zizek hat sich mit seinem neuen Buch «Auf verlorenem Posten» viel vorgenommen: Er will nichts weniger als die Umrisse einer neuen, linken Strategie skizzieren. Dafür untersucht er vor dem Hintergrund des Mauerfalls von 1989, der Anschläge des 11. September 2001, des Klimawandels und der Finanzkrise von 2008 die Herrschaftsverhältnisse, deren ideologische Koordinaten und Auswirkungen.

Sein Blick reicht von Island bis in den Kongo. Im zentralafrikanischen Staat entdeckt Zizek hinter einer Fassade ethnischer Konflikte die Konturen des globalen Kapitalismus. Die Folgen der Finanzkrise in Island und der seitdem rapide angestiegene Verbrauch von Antidepressiva auf der Insel sind ihm – wenige Seiten später – ein weiterer Beleg für die Auswirkungen des globalen Kapitalismus.

Modellstaat China

Zizek wechselt manchmal rasant das Terrain, um seine Kernthese zu belegen: Marktwirtschaft und Menschenrechte sind nicht vereinbar. Dabei räumt er mit Mythen auf, die heute in der veröffentlichten Meinung gang und gäbe sind: Demokratie und Freiheitsrechte seien erkämpft worden und nicht etwa «natürliche Folge kapitalistischer Verhältnisse». Diese These führt ihn nach China, denn die politische Situation dort ähnele dem Frühkapitalismus in Europa, wo die Bedingungen für die kapitalistische Wirtschaft ebenfalls von brutalen Staatsdiktaturen geschaffen worden seien. Angesichts der Krise repräsentativer Demokratien könne China künftig sogar zu einer Art «Modellstaat» für den autoritären Kapitalismus werden. Debatten in westlichen Ländern über die Legitimität von Folter und die Mauern an der US-amerikanischen Grenze zu Mexiko und rund um die Festung Europa sind ihm deutliche Anzeichen dafür.

Die repräsentative Demokratie ist für Zizek ohnehin nur «eine Form der bourgeoisen Diktatur». Sie wolle den Menschen heute eine «falsche Wahl» aufzwingen: Markt, Freiheit und Demokratie versus Fundamentalismus, Terrorismus und Totalitarismus. In diesem Widerspruchspaar werde die wahre Trennlinie verwischt. Die verlaufe zwischen den globalen Eliten der sich immer mehr isolierenden Superreichen einerseits und andererseits denjenigen, die von den Errungenschaften und Schutzrechten des bürgerlichen Staatsmodells ausgeschlossen sind, vor allem der wachsenden Anzahl der SlumbewohnerInnen in den Grossstädten. «Diese beiden Pole markieren die zwei Extreme der neuen, globalen Klassenteilung», schreibt Zizek.

Venezolanische Verbindung

Provozierend plädiert der Philosoph deshalb für eine neue «Diktatur des Proletariats», die er im Sinne Rosa Luxemburgs als Erweiterung der Demokratie begreift. Subjekt dieser «demokratischen Explosion» sei die Mehrheit der Ausgeschlossenen dieser Welt. Das Verhältnis zwischen institutionalisierter Staatsdemokratie und emanzipatorischer Bewegung sieht er dabei als ein dialektisches – und nicht notwendigerweise als ein konfrontatives wie viele zeitgenössische linke TheoretikerInnen. Er kritisiert, dass manche dieser Linken ausserdem eine «Kulturalisierung des Politischen» betrieben und statt einer fundierten Klassenanalyse oft eine «liberaldemokratische Perspektive übernehmen». Als positives Gegenbeispiel zitiert Zizek an mehreren Stellen Venezuela, wo unter Hugo Chávez eine organische Verbindung zwischen Regierung und Organisationen der SlumbewohnerInnen entstanden sei.

Durch die Klimaerwärmung und neue Technologien produziere der globale Kapitalismus immer mehr Opfer. Mithilfe der Biogenetik würden Menschen auf ein «beliebiges natürliches Objekt mit manipulierbaren Eigenschaften» reduziert. Folglich sieht der Autor eine sich erweiternde Basis für neue Bündnisse aus Ausgeschlossenen, ausgebeuteten Geistesarbeitern und kritischen Ökologinnen entstehen. Diese Bündnisse könnten schliesslich zum Subjekt im Sinne einer «demokratischen Explosion» werden.

Mit seiner jüngsten Veröffentlichung spitzt Zizek die politische Aussage seiner wissenschaftlichen Arbeit weiter zu. Dabei handelt es sich nicht um ein Manifest oder eine klar strukturierte Gebrauchsanleitung. Sein assoziatives Buch bietet aber wichtige Anregungen, die geeignet sind, den Rahmen des im Westen vorherrschenden alternativlosen Denkens zu sprengen.

Slavoj Zizek: Auf verlorenem Posten. edition suhrkamp. Frankfurt am Main 2009. 350 Seiten. Fr. 24.90

Slavoj Zizeks erstes Werk in deutscher Übersetzung war «Liebe Dein Symptom wie Dich selbst! Jacques Lacans Psychoanalyse und die Medien», erschienen im Merve-Verlag in Berlin 1991. Darauf folgten zahlreiche Bücher über Lacan, Film und die deutschen Philosophen Georg Wilhelm Friedrich Hegel und Immanuel Kant.