Öl und Gas : Trump hat sich verschätzt

Nr. 12 –

Der Luftkrieg Israels und der USA gegen den Iran hat sich zu einem Energiekrieg ausgeweitet. Besonders trifft er die asiatischen Staaten. Der Niedergang von Öl und Gas könnte die ungewollte Folge sein.

Rauch über Ölanlagen im emiratischen Fudschaira
Die Vergeltungsschläge des Iran zielen auf die Versorgung mit fossiler Energie: Rauch über Ölanlagen im emiratischen Fudschaira. Foto: Reuters

Was sind nochmals die Gründe für den erneuten Luftkrieg gegen den Iran? Während sich die Frage im Fall von Israel einigermassen klar mit dem Machtkalkül von Ministerpräsident Benjamin Netanjahu und nationalen Sicherheitsinteressen beantworten lässt (vgl. «Immer die gleiche Klaviatur»), kann man bei den USA nur spekulieren. Zu widersprüchlich sind die Begründungen, die Präsident Donald Trump und seine Minister in den letzten Wochen vorgebracht haben.

Gemäss ersten Verlautbarungen hat Trump bei seiner Entscheidung auf einen Sturz des iranischen Regimes gesetzt, nachdem dieses Anfang Jahr die breiten Proteste in der Bevölkerung blutig niederschlagen liess. Die Aussicht, dank Geheimdienstinformationen die oberste Führungsebene des Landes auszuschalten, dürfte ein zentraler Faktor in den Angriffsplänen gewesen sein. Auch Trumps Aufruf an die iranische Bevölkerung nach den ersten Bombardements deutet darauf hin: «Das ist der Moment, zu handeln. Lasst ihn nicht verstreichen. Wenn wir fertig sind, übernehmt eure Regierung.»

Hauptsache, billige Energie

Allerdings ist Trump nicht dafür bekannt, dass ihm das Wohlergehen von Einwohner:innen anderer Länder ein Anliegen ist – «America first» heisst sein Motto. Seine militärischen Interventionen lassen vielmehr vermuten, dass es ihm primär um den Zugriff auf die Ölreserven des Iran geht, die drittgrössten weltweit. Mit Militärschlägen gegen Venezuela – das Land mit den grössten Erdölreserven – Anfang Jahr und der Entführung des Staatspräsidenten Nicolás Maduro und dessen Ehefrau Cilia Flores sei der US-Regierung ein solches Unterfangen schon einmal gelungen. So prahlte Trump diese Woche an einer Pressekonferenz in Washington: «Die Beziehungen zu Venezuela sind jetzt fantastisch. Wir haben bereits Millionen Fässer Öl da rausgeholt. Wir brauchen dieses Öl für unsere Raffinerien. Es werden jetzt mehr und mehr grosse Unternehmen ins Land reingehen und mehr und mehr Öl rausholen.»

Trumps Politik basiert auf billiger fossiler Energie, die das Wirtschaftswachstum in den USA ankurbeln soll. Bei diesem Thema ist er immer konsequent geblieben. Kaum im Amt, hatte er der Öl- und Gasindustrie regulatorische Hindernisse aus dem Weg geräumt und alles unternommen, um die nachhaltige Energieerzeugung zu schwächen. Trump ist auch selber eng verbandelt mit der Öl- und Gasindustrie und wurde im Wahlkampf von dieser kräftig unterstützt.

Zwar fördern die USA dank der Frackingtechnik inzwischen mehr Öl und Gas als jedes andere Land auf der Welt, doch autark sind sie dadurch nicht geworden. Überhaupt sind die US-Energiepreise an den globalen Markt gekoppelt. Eine Verknappung des weltweiten Angebots schlägt an den Zapfsäulen in den USA sofort durch. Trumps Interesse liegt deshalb darin, seinen Einfluss auf die Öl- und Gasfördermengen über den ganzen Erdball auszuweiten. Dieses Vorgehen bietet sich auch als Machtfaktor im Ringen mit China an, das sehr stark von Öl- und Gasimporten abhängig ist.

Drohende Stagflation

Doch Trump hat sich offensichtlich verschätzt. Das iranische Regime hat die Ausschaltung zentraler Führungspersonen verkraftet. Und es weiss jetzt, dass es nichts mehr zu verlieren hat, mit seiner Diplomatie ist es endgültig gescheitert. Deshalb ist es nur folgerichtig, dass die iranischen Machthaber jetzt ihr grösstes Druckmittel ausspielen, von dem die Welt seit Jahrzehnten weiss: die Blockade der Strasse von Hormus und weitere gezielte Angriffe gegen die Ölexporte der Golfstaaten. Seit dem 2. März kann Katar kein Flüssiggas mehr exportieren, und Tanker mit Ölprodukten aus den Golfstaaten können die Strasse von Hormus kaum noch passieren.

Iranische Drohnen haben auch mehrfach den wichtigen Ölexporthafen Fudschaira in den Vereinigten Arabischen Emiraten angegriffen. Dieser liegt südlich der Strasse von Hormus am Golf von Oman und würde es dem Land erlauben, immerhin die Hälfte seiner Ölexporte abzuwickeln. Kamikazedrohnen schlagen auch in Saudi-Arabien ein, das seine grösste Raffinerie Ras Tanura vorübergehend schliessen musste. Das Königreich kann jedoch einen Teil seines Öls über das Rote Meer exportieren.

Das alles hat schwerwiegende Auswirkungen auf die Energiepreise, die innert Tagen in die Höhe geschossen sind. Am stärksten trifft es Asien, wohin das meiste Öl und Gas aus dem Nahen Osten exportiert wird. So wurde in Sri Lanka bereits der Treibstoffverbrauch rationiert. In Bangladesch bilden sich vor den Tankstellen lange Schlangen, und die Bevölkerung wird aufgefordert, weniger Strom zu verbrauchen. Pakistan liess gar Schulen schliessen und hat Regierungsangestellte aufgefordert, von zu Hause aus zu arbeiten. Die Philippinen haben für Beamt:innen die Viertagewoche eingeführt.

Besonders schmerzhaft für viele asiatische Staaten ist der Anstieg der Preise für Flüssiggas: In den letzten Jahren haben sie Importterminals für Flüssiggas gebaut und neue Gaskraftwerke bauen lassen. Nun spüren sie nach dem Preisanstieg im Zug der russischen Invasion in die Ukraine schon zum zweiten Mal, dass sie sich damit in eine verhängnisvolle Abhängigkeit begeben haben.

Die gestiegenen Öl- und Gaspreise sind allerdings weltweit zu spüren. In den USA, wo die Menschen besonders aufs Auto angewiesen und die Konsument:innen sehr preissensibel sind, hat sich der durchschnittliche Benzinpreis innerhalb eines Monats um rund ein Viertel erhöht.

Das alles sorgt in der Politik und in Wirtschaftskreisen für Unruhe. Die Internationale Energieagentur warnt vor der «grössten Angebotsstörung der Geschichte». Je länger der Unterbruch dauert, desto einschneidender sind die Auswirkungen auf die Weltwirtschaft. Die Inflation steigt und damit der Druck auf die Zentralbanken, die Zinsen zu erhöhen. Das wiederum verschärft die Verschuldungskrise vieler Staaten und drückt auf das Wirtschaftswachstum. Schon macht das Wort «Stagflation» die Runde, worunter steigende Preise bei schrumpfender Wirtschaftsleistung verstanden werden.

Schweizer Profiteure

Trump versucht in dieser Situation zu beschwichtigen. Seinem US-amerikanischen Publikum suggeriert er, dass es sich nur um kurzfristige Aufschläge handle und schliesslich die heimische Öl- und Gasindustrie auch stark von der Situation profitieren werde. Eine von der «Financial Times» zitierte Modellrechnung der Investmentbank Jefferies rechnet mit einem Extraprofit von sechzig Milliarden US-Dollar für die Ölkonzerne, sollte der Ölpreis das ganze Jahr über auf dem jetzigen Niveau bleiben. Folgerichtig sind auch die Aktienkurse dieser Unternehmen zuletzt in die Höhe geschossen. In grossem Ausmass profitieren dürften auch Schweizer Rohstoffhandelsfirmen wie Glencore, Vitol und Mercuria. Nach dem letzten Preisschub infolge der russischen Invasion in die Ukraine steigerte Vitol den Gewinn von 4,2 Milliarden US-Dollar im Jahr 2021 auf 15,1 Milliarden im darauffolgenden Jahr.

Als wohl grösster Profiteur der Krise dürfte aber Russland gelten. Trump hat vor wenigen Tagen die Sanktionen gegen die russischen Ölkonzerne gelockert, nachdem er sie Ende letzten Jahres noch verschärft hatte. «Die russischen Exportunternehmen hatten danach grosse Mühe, überhaupt noch etwas zu verkaufen», sagt Isaac Levi, der beim finnischen Centre for Research on Energy and Clean Air die Sanktionen gegen Russland analysiert. Nun finden die russischen Tanker in Indien, China, der Türkei, aber auch Thailand Abnehmer, die bereit sind, auch wieder höhere Preise zu zahlen. Je länger die Strasse von Hormus blockiert bleibe, desto grösser werde der Anreiz für die USA, die Sanktionen gegen die russischen Ölkonzerne weiter zu lockern, glaubt Levi. «Russland kann damit fünf bis zehn Milliarden US-Dollar mehr pro Monat einnehmen.» Die Hälfte davon würde in Form von Steuern in den Kreml wandern – und zur Finanzierung des Krieges gegen die Ukraine benutzt.

Allerdings hat der Anstieg der Öl- und Gaspreise auch positive Effekte: Aus Asien kommen wegen der Preisaufschläge der letzten Jahre deutliche Signale, dass sich die Staaten weg von fossilen Energien und hin zu den Erneuerbaren bewegen wollen. Das sagt Robert Rozansky vom Global Energy Monitor, einer US-amerikanischen NGO, die die weltweite Produktion von Energie und den Handel damit beobachtet. «Länder wie Pakistan realisieren, dass eine grössere Abhängigkeit von Gasimporten zum Problem wird.» Dort wie auch in Bangladesch könne sich der klare Trend weg vom Gas noch beschleunigen.

Es sind also nicht primär klimapolitische Erwägungen, die zu diesem Trend führen, sondern finanzielle und auch Sicherheitsinteressen. Auch da bieten die Erneuerbaren gegenüber den Fossilen klare Vorteile. So könnte Trump mit seinem Angriffskrieg gegen den Iran ungewollt zum Niedergang von Öl und Gas beitragen.