Die Welt dreht sich: Terrains vagues

Nr. 47 –

Rebecca Gisler spaziert neben der Autobahn

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Für meine vorerst letzte Kolumne in der WOZ möchte ich von einem Ort in Paris berichten. Dies darf man als Ausflugstipp lesen, muss man aber nicht. Es handelt sich nämlich um einen Ort, der alles andere als sehenswert ist.

Letzte Woche war ich wieder einmal für eine Lesung in Paris. Diesmal nicht, um eigene Texte vorzutragen, sondern jene der Basler Autorin Adelheid Duvanel. In den vergangenen zwei Jahren sind im Pariser Verlag Corti mehrere Übersetzungen ihrer Texte erschienen, worauf drei Freund:innen und ich eingeladen wurden, einen Abend zu Duvanel zu gestalten. Nachdem wir in kurzer Zeit sämtliche Erzählungen gelesen und diskutiert hatten, fiel uns auf, dass in Duvanels Texten kaum konkrete Ortsbeschreibungen vorkommen. Duvanel schreibt in einem klaren Stil, der sich auf das Wesentliche der Erfahrung, der Empfindung und des Seins ihrer Figuren konzentriert.

Da ich neben den Proben für die Lesung auch etwas Zeit ausserhalb des touristischen Viertels rund um die Maison de la Poésie hatte – meine Tochter war ebenfalls in der Grossstadt dabei –, spazierten wir durch den Stadtteil, in dem unsere Familie wohnt und wo wir jedes Mal unterkommen, wenn wir in Paris sind: La Porte de Champerret. Weniger malerisch, als sein Name vermuten lässt, liegt dieser Ort am Rand der Périphérique, der inneren Autobahn, an deren Stelle einst eine Befestigungsanlage war und worauf man heute in 42 Minuten mit dem Auto (zu Fuss wahrscheinlich in sechs Stunden) die Stadt umkreisen könnte, wäre da nicht der konstante Stau. Im Rahmen des Projekts «Grand Paris» ist vorgesehen, die Autobahn zu überdecken und zu begrünen. Derzeit jedoch scheint davon noch nicht allzu viel umgesetzt zu sein.

Neben der Autobahn liegt ein Fussballfeld mit einer Laufbahn. Vom frühen Morgen bis spät in die Nacht treiben dort Hunderte von Menschen inmitten der Abgase Sport. Gleich daneben befindet sich ein Hundegehege, bei dem wir bei unserem Spaziergang immer gern eine kleine Pause einlegen: ein Ort, an dem die Hunde ohne Leine herumtoben, während ihre Besitzer:innen plaudern oder telefonieren. Die Fläche ist allerdings klein und der ständige Verkehrslärm so laut, dass die Hunde nervös werden und wichtige Gespräche wahrscheinlich gar nicht möglich sind. Zwischen dem Sportfeld und dem Hundekäfig liegt schliesslich eines unserer Ausflugsziele: eine sehr kurze, sehr steile Rutschbahn, die wir betrachten, manchmal auch berühren, ohne je auf die Idee zu kommen, tatsächlich hinunterzurutschen.

An der Porte de Champerret befindet sich auch der Platz Jules Renard, auf dem zwei höchst beeindruckende Bauwerke stehen: zum einen ein riesiges Gebäude mit dreieckigem Grundriss – die sogenannte Kaserne Champerret, Hauptquartier der Pariser Feuerwehr –, zum anderen die «Tour d’exercice», eine elf Meter hohe Skulptur des chinesischen Künstlers Wang Du. Letztere ist von echten Feuerwehrübungstürmen inspiriert, aus poliertem Edelstahl gefertigt und spiegelt ihre Umgebung wider. Man sieht darin vorbeifahrende Autos, Feuerwehrwagen, Hunde, seit kurzem auch die Strassenbahn, vor allem aber die Stadtbewohner:innen und die Besucher:innen (darunter meine Tochter und mich), all das leicht verzerrt – einer Deformation unterworfen, die an jene erinnert, der Adelheid Duvanel ihre auf «terrains vagues» – hier als undefinierbare oder nicht definierte Orte zu verstehen – umherirrenden Figuren aussetzte.

Rebecca Gisler ist Autorin. Mit diesem geheimen Ausflugstipp verabschiedet sie sich von der WOZ und freut sich auf Michelle Steinbecks zukünftige Kolumnen.