Film : Keine Katharsis ohne Kater
Bald drei Dutzend Filme, regelmässig preisgekrönt, aber in der Schweiz nahezu unbekannt: Höchste Zeit, die radikal offenen Filme von Hong Sang-soo zu entdecken.
Ganz feinfühlig und klar seien die Gefühle hier zum Ausdruck gebracht, in sehr einfacher Form und aufrichtig. Sie sind durchaus ernst gemeint, die wohlwollenden Worte, mit denen Donghwa (Ha Seong-guk) die Gedichte der Mutter seiner Freundin lobt. Wahrscheinlich kommen sie ihm, der sich selbst als empfindsamen Poeten beschreibt, sogar grosszügig vor. Donghwa ist daran gelegen, eine gute Figur zu machen: Nachdem er seine Freundin Junhee (Kang So-yi) eigentlich nur bei ihren Eltern hätte abladen sollen, findet er sich jetzt einer dezenten, aber unerbittlichen elterlichen Partnerinspektion ausgesetzt.
Mit dem hemdsärmeligen Vater (Kwon Hae-hyo) scheint er sich auf Anhieb, also bei mehreren Flaschen Makgeolli, einem auf Reis basierenden alkoholhaltigen Getränk, ganz gut zu verstehen. Auf dessen Frage, was ihm an seiner Tochter gefalle, meint der junge Dichter, Junhee sei «einfach ein Engel». Und sein Eindruck des Hügels, auf dem der Vater quasi eigenhändig sein Domizil gebaut hat? «Einfach …, also wirklich … ja.» Erst später wird Donghwa, endgültig betrunken, vollends die Fassung verlieren.
Rudimentärste Filmtechnik
«Was diese Natur dir sagt» (2025) heisst der Film von Hong Sang-soo, aber die im Titel implizierte Frage wird, wie so vieles, unbeantwortet bleiben. Das Fehlen der richtigen Worte, die Unzulänglichkeit oder gar, nicht selten alkoholbedingt, das Scheitern der Sprache: Es ist eine der Konstanten im Werk des 65-jährigen Koreaners. Dieses umfasst mittlerweile 33 Filme, wird auf internationalen Filmfestivals regelmässig mit wichtigen Preisen bedacht – und ist in der Schweiz nahezu unbekannt. Dabei ist dieses Werk nicht besonders sperrig, intellektuell abgehoben oder formal ambitioniert – im Gegenteil. Nicht wenige beschleicht bei ihrem ersten Hong-Film das Gefühl, möglicherweise einem sehr elaborierten Streich zum Opfer gefallen zu sein.
Wie liesse sich der «Erfolg» des koreanischen Regisseurs sonst erklären, dessen Filme allesamt hauptsächlich aus repetitiven Abfolgen von mehr oder weniger belanglosen Gesprächen zwischen desillusionierten und/oder betrunkenen Kunstschaffenden und Akademiker:innen zu bestehen scheinen? Und die dazu, zumindest in den letzten zehn Jahren, bloss auf die allerrudimentärste Filmtechnik zurückgreifen – eine in die Jahre gekommene Digitalkamera, wenig attraktive Drehorte und Drehbücher, denen es durchaus anzumerken ist, dass sie jeweils während des Drehs geschrieben wurden? Das höchste der filmsprachlichen Gefühle ist oftmals der Zoom – auf eine leere Schnapsflasche etwa oder auf eine herumstreunende Katze.
Es könnte am besonderen, auf einzigartige Weise paradoxen Zusammenspiel von Elementen liegen, die das Kino von Hong Sang-soo ausmachen. Die radikale Offenheit der Form, die nicht selten dem Zufall unterliegt, führt dazu, dass man wirklich nie weiss, wohin der Film einen führen wird. Die Stationen unterwegs hingegen, gewissermassen die organischen Bausteine, bleiben dieselben: aus dem Leben gegriffene, mit sich selbst und ihren Beziehungen hadernde Figuren, die bei aller performativen Selbstsuche nie zu irgendwelcher Erkenntnis gelangen; in langen ungeschnittenen Einstellungen gezeigte Trinkgelage samt dazugehörigem Kontrollverlust (der Figuren wie der tatsächlich angetrunkenen Schauspieler:innen). Da scheinen diese Figuren jeweils am nächsten bei sich selbst zu sein – zum Preis allerdings, dass sie sich dabei komplett zum Affen machen. Immer wieder werden bei Hong Selbstbilder dekonstruiert, ohne dass dabei irgendetwas zusammenbrechen würde. In vielfacher Wiederholung wird das Ausbleiben von Katharsis auf einmal – und unmerklich – wieder kathartisch.
Ungelenke Inbrunst
Aufrichtigkeit benötige ihre eigene Form, sagt der Dozent in «Oki’s Movie» (2010) zu seiner Regiestudentin, die er heimlich begehrt. Es sei die Form allein, die zur Wahrheit führe – bloss zu erzählen, wie etwas sei, führe nirgends hin. Passagen wie diese könnte man, ähnlich wie die eingangs zitierten Komplimente des Dichters, als programmatische Statements von Hong selbst lesen, der insbesondere in seinen früheren Filmen seine vermeintlich banalen Erzählungen mit überraschenden Strukturen unterlegt. Bloss dass solche Statements unweigerlich von Figuren vorgebracht werden, deren Autorität in Fragen von Moral und Ästhetik von den Filmen selbst immer wieder in Zweifel gezogen wird.
Der Dozent? Einer unter unzähligen männlichen Filmemachern oder Schriftstellern in Hongs Filmografie, die ihre spärlichen künstlerischen Erfolge in erotisch-verführerisches Kapital umzumünzen versuchen und dabei ihre peinliche Übergriffigkeit nicht erkennen (wollen). Der Dichter? Sein eigenes, mit ungelenker Inbrunst vorgetragenes Gedicht über eine nächtlich blühende Blume, die ihm alle Angst nimmt, ist gleichermassen aufrichtig wie peinlich. «Das lächerliche Ernste» heisst denn auch das kurze Buch über Hong Sang-soo, das der Filmwissenschaftler Sulgi Lie geschrieben hat. Von ihm stammt auch der Einführungstext zur Retrospektive im Zürcher Filmpodium, wo das Werk des Koreaners nun endlich auch in der Schweiz zu entdecken ist.
«Was diese Natur dir sagt». Regie: Hong Sang-soo. Korea 2025. Jetzt im Kino.
«Hong Sang-soo: Choreografien des Alltäglichen» in: Zürich Filmpodium. Bis 14. Mai 2026. Programm: filmpodium.ch.