Linke Erfolgsgeschichte : London schwebt auf Wolke grün

Nr. 19 –

Die englischen Grünen haben sich radikalisiert – und erhalten mehr Zuspruch als je zuvor. Unterwegs in ihrer Hochburg Hackney.

Zoë Garbett steht im einem Garten mit Blumen
Hat gute Chancen, die erste grüne Bürgermeisterin in Grossbritannien zu werden: Zoë Garbett.

Es fängt schon an, bevor man sich im Café gesetzt hat. «Hello, Zoë!», ruft ein Teetrinker quer durchs Lokal. So geht es weiter, als Zoë Garbett nach dem Gespräch die Strasse überquert, fürs Fotoshooting in einem kleinen urbanen Garten: «Hello, Zoë!», tönt es aus drei verschiedenen Richtungen. Dort wird sie dann auch noch zwischen Birkenbäumen von ein paar Frauen aufgefordert, sich «für einen Schwatz» hinzusetzen, und kurz darauf bleibt ein Mann mit Einkaufssack in der Hand vor ihr stehen und stellt fest: «Ah, Sie kenne ich!»

Ja, man kennt sie hier in Dalston. Garbett ist Lokalpolitikerin der Grünen Partei, seit vier Jahren vertritt sie diesen Wahlkreis im Gemeinderat von Hackney, einem Bezirk östlich des Londoner Zentrums. Vor zwei Jahren wurde sie zudem in die London Assembly gewählt, das Stadtparlament, das die gesamte Metropole repräsentiert.

Jetzt will sie noch höher hinaus: An diesem 7. Mai, wenn in England Kommunalwahlen stattfinden, tritt Garbett zur Bürgermeister:innenwahl in Hackney an. Es wäre das erste Mal, dass die Greens in Grossbritannien ein solches Amt besetzen. Laut Umfragen könnte Garbett dieser Coup tatsächlich gelingen: Hackney ist eines der Epizentren des politischen Bebens, das die Grünen ausgelöst haben.

Wenn man im vergangenen Jahr von seismischen Umbrüchen in der britischen Politik gesprochen hat, dann meinte man vornehmlich Reform UK. Die Rechtsaussenpartei von Nigel Farage führt die Meinungsumfragen seit mehr als einem Jahr an. In den Kommunalwahlen in England, in denen knapp 5000 Mandate zur Wahl stehen, könnte sie laut Schätzungen mehr als 1000 Sitze gewinnen; schon ist die Rede von Farage als möglichem nächstem Premierminister, wenn spätestens 2029 das Unterhaus neu gewählt wird.

Aber nicht nur von rechts wird das traditionelle Zweiparteiensystem, bei dem Tories und Labour die Mehrheit der Stimmen auf sich vereinen, herausgefordert. Ebenso bedeutend ist die Konkurrenz von links, verkörpert durch die Grünen. Lange Zeit belächelt als Partei der sandalentragenden Naturschützerinnen und sorgenfreien Mittelschichtler, haben sich die Grünen in den letzten Jahren radikalisiert – und damit massenweise Zulauf erhalten. Schon in der Parlamentswahl vom Sommer 2024 traten sie mit einem Programm an, das in Wirtschafts- und gesellschaftlichen Fragen deutlich progressiver war als jenes der Labour-Partei. Damit gewannen sie insgesamt vier Unterhaussitze und legten den Grundstein für ihren Aufstieg. So richtig in Fahrt gekommen sind die Grünen seit dem vergangenen September, als Zack Polanski neuer Parteichef wurde.

Der 43-Jährige stellt die Klassenfrage in den Mittelpunkt seiner Politik. Während Normalbürger:innen mit stagnierenden Löhnen und exorbitanten Alltagskosten kämpften, seien die Vermögen der Reichen stark angewachsen, sagt er. «Wir leben im Abzockergrossbritannien: ein Wirtschaftssystem, in dem die wenigen von der Arbeit der vielen profitieren.» Seine Gegenmittel: Mietendeckel, Vermögenssteuer, Verstaatlichung von Wasser- und Stromversorgung, Investitionen in grüne Energie, damit das Land weniger von Gasimporten abhängig ist.

In gesellschaftspolitischen Fragen setzt sich Polanski unter anderem für mehr Bürger:innenfreiheiten ein, für eine humanere Strafjustiz und für eine Entkriminalisierung des Drogenkonsums. Auch hat sich Polanski als einziger Parteichef unumwunden mit den Palästinenser:innen solidarisiert; in den vergangenen zweieinhalb Jahren ist der Grünen-Chef – der selbst Jude ist – regelmässig an propalästinensischen Demos aufgetreten und hat die Labour-Regierung wegen ihrer Unterstützung für Israel angeprangert.

Mit solchen Positionen verorten sich die Grünen am linken Rand des wahlpolitischen Spektrums in England und Wales (die Grünen in Schottland und Nordirland sind separate Organisationen). Seit die Labour-Partei unter dem Vorsitzenden Keir Starmer in Richtung Mitte-Rechts gerückt ist, hat sich dort eine Lücke aufgetan, in die die Grünen getreten sind.

Wie gross das Interesse für eine solche linke Alternative ist, zeigen Statistiken: Die Mitgliederzahlen haben sich innerhalb der vergangenen sieben Monate verdreifacht, derzeit zählen die Grünen mehr als 225 000 Parteigänger:innen; in Umfragen bewegt sich die Partei bei ungefähr 17 Prozent – sie liegt damit etwa gleichauf mit Labour und den Tories, weiter vorne liegt bloss Reform UK mit rund 24 Prozent.

Planschbecken im Stadtpark

Allerdings habe der Aufstieg der Grünen schon lange vor Polanskis Wahl begonnen, sagt Zoë Garbett. Die 38-Jährige sitzt in einem Café im Zentrum von Dalston, gleich neben der Gemeindebibliothek, die nach dem trinidadischen Marxisten C. L. R. James benannt ist. Die umliegenden Strassen haben das charakteristische Londoner Innenstadtflair – trendig, aber ungepflegt.

Garbett lebt seit zwölf Jahren hier. 2014, als sie noch in der Londoner Verwaltung des Gesundheitsdiensts arbeitete, trat sie auch den Grünen bei. Zu jener Zeit war die Partei zwar die zweitstärkste Partei in Hackney, aber wie die meisten anderen inneren Londoner Stadtbezirke war der Gemeinderat fest in Labour-Hand – 2018 gewann Labour mit 63 Prozent der Stimmen 52 der 57 Sitze (die Tories gewannen dank des Mehrheitswahlrechts die anderen 5, obwohl sie weniger Stimmen als die Grünen hatten).

«In den vergangenen Jahren haben wir gesehen, wie immer mehr Leute in Hackney nach einer Alternative gesucht haben», sagt Garbett. «Sie haben gesehen, dass wir uns für die Bürger:innen einsetzen.» Der enge Austausch mit Basisgruppen sei entscheidend. «Wir wollen, dass die politische Macht so nah an den Menschen wie möglich ist. Ich selbst schöpfe meine Energie aus dem Kontakt mit Bürger:innen, die bestimmte Anliegen haben.»

Dazu gehören Kampagnen für mehr erschwinglichen Wohnraum oder solche, die den lokalen Strassenmarkt an der Ridley Road vor den Bauentwicklern schützen wollen. Manche Gruppen setzen sich für einen besseren Zugang zu einer Gesundheitsversorgung für LGBTQ-Menschen, andere für die Rechte von Behinderten ein. «Kürzlich sprach ich mit einer Nachbarin, die versucht, das Planschbecken im Stadtpark wieder zu eröffnen», sagt Garbett. «Ich mag dieses Engagement der Community – dass die Leute selbst aktiv werden wollen.»

Im Mai 2022, das letzte Mal, als ganz London Lokalwahlen abhielt, gewannen die Grünen in Hackney zwei Sitze, unter anderem Zoë Garbett in Dalston. Seither sind in Nachwahlen zwei weitere hinzugekommen. Jetzt könnten die Grünen den grossen Durchbruch schaffen: Umfragen zufolge wird an diesem Donnerstag eine regelrechte grüne Welle über das Land rollen. Vornehmlich in urbanen Gebieten dürfte die Partei auftrumpfen, allen voran in London: Meinungsforscher:innen gehen davon aus, dass die Grünen hier mehrere Hundert Gemeinderatssitze ergattern werden. In den Bezirken Lewisham, Lambeth und Hackney könnten sie sogar die Mehrheit gewinnen – und Garbett könnte die nächste Bürgermeisterin von Hackney sein.

Lokalwahlen seien immer auch ein gutes Stück von der landesweiten Politik beeinflusst, räumt Zoë Garbett ein. Im zentralisierten britischen Politiksystem haben Gemeinderäte sehr begrenzte Befugnisse, und so wollen die Wähler:innen an diesem Donnerstag denn auch ein Signal nach Westminster schicken, was für eine Art von Politik sie sich wünschen. Darum ist Zack Polanski mit seinem – für britische Verhältnisse – ziemlich radikalen Programm dann doch wieder wichtig.

«Zack hat auf landesweiter Ebene klar gesagt, was getan werden muss und wofür die Grünen stehen. Damit hat er unzählige Leute angesprochen», sagt Garbett. Sie treffe viele Leute auf der Strasse, die 2024 Labour gewählt hätten, sich jetzt aber verraten fühlten – der Wandel, den Starmer versprochen hatte, sei ausgeblieben. Und anders als noch vor wenigen Jahren sehen die Wähler:innen in den Grünen mittlerweile eine glaubwürdige Alternative.

Kein Protestvotum

Ein Schlüsselmoment war die Ersatzwahl für den Unterhaussitz von Gorton and Denton im Grossraum Manchester, die Ende Februar stattfand. Reform UK hatte sich grosse Chancen ausgerechnet, den bisherigen Labour-Sitz zu ergattern – aber am Ende ging er an die Grünen, deren Kandidatin Hannah Spencer mit haushoher Mehrheit gewann.

«Der Sieg hatte einen Welleneffekt, der auch hier zu spüren war», sagt Zoë Garbett. Dass die Grünen sowohl die aufstrebende Reform-Partei wie auch die alteingesessene Labour-Partei bezwingen und einen fünften Unterhaussitz gewinnen können, habe gezeigt: «Grün zu wählen, ist heute kein Protestvotum mehr.»

Das hat auch der Mann mit dem Einkaufssack gemerkt, mit dem Garbett gegen Ende des Termins noch ein kurzes Gespräch anfängt. «Alle reden jetzt von den Grünen!», sagt er. Er ist ein Wackelkandidat, wie man sie dieser Tage viele findet. Bislang strammer Labour-Wähler, liebäugelt er, enttäuscht von Starmer, mit einem Votum für die Grünen: «Wahrscheinlich werde ich für Sie stimmen, aber ich muss es mir noch mal durch den Kopf gehen lassen.» Zoë Garbett sagt: «Wenn wir hier gewinnen, würde es einen riesigen Unterschied machen. Es würde ein Signal ans ganze Land senden.» ●