Durch die achtziger Jahre mit Urs Frieden : Warum wurdest du wegen einer Recherche verhaftet?

Nr. 14 –

Als «Kaktus im Blätterwald» bezeichnet der Ex-Mitarbeiter Urs Frieden die WOZ der frühen Jahre. Er selbst sorgte mit seinen Recherchen über die Schweizer Armee immer wieder für Wirbel.

Portraitfoto von Urs Frieden
Urs Frieden: «Der Pressesprecher des Militärdepartements fragte mich, was ich mir fürs ‹Fresspäckli› wünschen würde. Da wusste ich: Jetzt muss ich mit allem rechnen.»    

WOZ: Urs Frieden, in drei Wochen erscheint die WOZ in einem neuen Layout, entsprechend aktuell ist das Thema auf der Redaktion. Spielte das Layout Anfang der achtziger Jahre, als die WOZ gerade entstanden ist, für dich als Journalisten eine Rolle?

Urs Frieden: Die Verbindung zum Layout war damals sehr ausgeprägt. Wir Redaktor:innen haben sogar selbst beim Layouten mitgeholfen, auch ich musste im «Abschlussdienst» den Fotosatz mit Spezialleim auf Layoutbögen kleben. So hat man gemerkt, wenn der Text zu lang war. Man musste ihn dann mit dem Japanmesser zurechtschneiden. Die Arbeiten dauerten gerade am Abschlusstag, dem Mittwoch, teils bis nachts um drei Uhr. Das war richtig streng. Nach dem Druck ging die Zeitung am Donnerstagmorgen in den Versand und den Strassenverkauf. In Bern, wo ich bis heute lebe, kam nachmittags ein Sack mit 300 WOZ-Exemplaren für den Strassenverkauf an. Unser Berner Büro machte mit den Strassenverkäufer:innen das Inkasso. Das war damals ein wichtiges Geschäftsfeld. Wir Journalist:innen waren also auch sehr nah am Verkauf dran. Heute ist das ja alles strikt getrennt.

WOZ: Wie bist du damals als Berner eigentlich zur WOZ gekommen, die in Zürich verankert war?

Urs Frieden: Ich verfasste in den siebziger Jahren zunächst kleinere Sportberichte für die «Berner Tagwacht», die städtische Arbeiter:innenzeitung. Anfang der achtziger Jahre stiess ich dann zum «Drahtzieher», der Zeitung der Berner Jugendbewegung. Die Redaktion befand sich zeitweise in einem besetzten Haus gleich gegenüber der Bundesanwaltschaft, die pausenlos Fotos schoss, um unser Treiben zu dokumentieren. Wir schrieben Bewegungstexte, völlig subjektiv, kündigten die nächste Demo an, schrieben gegen die «Bullen» an. Im Oktober 1981 wurde schliesslich die WOZ gegründet, und einen Monat später kam der damalige WOZ-Redaktor Georg Hodel bei uns in der Reithalle vorbei, um darüber zu reden, wie eine kontinuierliche Berichterstattung aus der Berner Provinz organisiert werden könnte. Daraus ist das vierköpfige «Berner Schreibkollektiv» entstanden. Wir erhielten 2000 Franken pro Monat und mussten das unter uns aufteilen.

WOZ: Als Berner warst du prädestiniert fürs Bundeshaus. Und so kam es auch, dass du von dort berichtet hast, allerdings erst 1985, vier Jahre nach der WOZ-Gründung. Wieso erst so spät?

Urs Frieden: Am Anfang ging man ganz bewusst nicht ins Bundeshaus. «Macht aus dem Staat Gurkensalat» war damals ja ein Motto der autonomen Szene, aus der heraus die WOZ entstanden ist. Aber mit der Zeit haben wir verstanden, dass das Bundeshaus ein sinnvoller Ort zur Beschaffung von Informationen und für den Austausch mit Politiker:innen sein kann. Es gab ja noch kein Internet, das heisst, ein politischer Vorstoss konnte zu einem guten Primeur werden, weil noch niemand sonst darüber berichtet hatte. Also versuchte ich 1985, eine Akkreditierung zu erhalten, und stiess auf erbitterten Widerstand.

WOZ: Inwiefern?

Urs Frieden: Die entscheidenden Stellen wie die Vereinigung der Bundeshausjournalist:innen, die Urs Marti von der NZZ präsidierte, die Bundeskanzlei und die lose Vereinigung der Departementssprecher waren alle dagegen. Sie waren verärgert über eine Geschichte von mir aus dem Vorjahr. Ich hatte enthüllt, dass eine sogenannte Gesamtverteidigungsübung der Armee vom Szenario ausging, die Sowjetunion und Griechenland würden den Dritten Weltkrieg auslösen. Die Recherche führte zu diplomatischen Verstimmungen. Ich wurde sogar wegen Verdacht auf Landesverrat verhaftet und von der Militärjustiz verhört.

WOZ: Warst du dir dieses persönlichen Risikos bewusst?

Urs Frieden: Ja, ich war darauf vorbereitet. Der damalige Pressesprecher des Militärdepartements fragte mich am Telefon, was ich mir fürs «Fresspäckli» wünschen würde. Da wusste ich: Jetzt muss ich mit allem rechnen – auch mit Untersuchungshaft. Ich habe daraufhin alle informiert, die WOZ, unseren Anwalt, meine Familie, und viel Rückhalt erfahren. Vor dem Untersuchungsrichter habe ich die Aussage verweigert und die Quelle geschützt. Ich merkte dann später, dass es für die WOZ hilfreich war, denn wir konnten so beweisen, dass wir Mut und eine klare Haltung hatten. Tatsächlich bekam ich nach der Recherche immer wieder Akten und Tipps zugeschickt. Es war eine wichtige Geschichte für den WOZ-Recherche-Flügel rund um den grossartigen Jürg Frischknecht.

WOZ: Du bist über zwölf Jahre bei der WOZ geblieben – bis 1994. Was waren die Gründe für deinen Abgang?

Urs Frieden: Es war ein sehr schwieriger Schritt, denn die WOZ war eine Herzensangelegenheit. Aber nach zwölfeinhalb Jahren mit vielen exzessiv und teils hart geführten Debatten, ständigen Querelen und Machtspielen war ich aufgerieben. Ich bin zum Schweizer Fernsehen gegangen, in die Sportredaktion, und blieb bis 2007 im Journalismus, ehe ich in die Kommunikation wechselte. Mittlerweile bin ich Rentner, habe aber ein Mandat beim Nachrichtenportal Nau, wo ich junge Journalist:innen coache.

Die grosse Leidenschaft von Urs Frieden (70) ist der Fussball. Als Stadtberner ist er natürlich Young-Boys-Fan. 1996 war Frieden Mitgründer des YB-Vereins «Gemeinsam gegen Rassismus» und legte damit den Grundstein für den Fantreff «HalbZeit».