Durch die zehner Jahre mit Noëmi Landolt : «Wie fand der Feminismus ins Blatt?»

Nr. 17 –

Noëmi Landolt war ab 2013 knapp zehn Jahre bei der WOZ. In dieser Zeit erstarkte die feministische Bewegung in der Schweiz und veränderte auch den Betrieb.

Portraitfoto von Noëmi Landolt
«In den nuller Jahren war der Frauenstreik noch kein Thema. In den Zehnern erstarkte die Bewegung dann – es war schön, das journalistisch zu begleiten»: Noëmi Landolt.

WOZ: Noëmi, wie bist du zur WOZ gekommen?

Noëmi Landolt: Ich habe nach der Matura in der Stadtredaktion des «St. Galler Tagblatts» ein Praktikum gemacht, später war ich kurze Zeit Redaktorin beim Ostschweizer Kulturmagazin «Saiten». Es gab damals viele Verbindungen von der WOZ nach St. Gallen und zum «Saiten», ich kannte also schon ein paar Leute und wurde 2005 freie Mitarbeiterin. Unmittelbar nach meinem Uniabschluss wurde eine Stelle frei.

WOZ: In die zehner Jahre fielen die grossen Fluchtbewegungen 2015/16. Asyl und Migration wurde eines deiner Kernthemen.

Noëmi Landolt: Während des Studiums war ich aktivistisch unterwegs, habe etwa mitgeholfen, im «Kasama» in Zürich das Refugees Welcome Café für Geflüchtete aufzubauen. Ich war also nah dran, kannte Menschen, die ich in Camps und im Ausschaffungsknast besuchte. 2015 war ich auf der sogenannten Balkanroute unterwegs, erst als Aktivistin, dann als Journalistin. Irgendwann verschob sich mein thematischer Fokus, auch aus Frust: Es verändert sich so wenig und wenn, dann immer zum Schlechten. Trotzdem muss man natürlich weiter darüber berichten, allein 2026 sind tausend Menschen beim Versuch ertrunken, nach Europa zu gelangen. Aber in den Medien ist das nur noch eine Randnotiz.

WOZ: 2016 warst du auf dem Seenotrettungsschiff Sea-Watch 2 und hast einen Blog für die WOZ geschrieben. In manchen Momenten sassest du mit dem Laptop an Deck, in andern hast du Geflüchtete an Bord gezogen. Wie hast du das zusammengebracht?

Noëmi Landolt: Auf der «Sea-Watch» war klar, dass man nicht als blosse Beobachterin mitfahren darf, sondern alle mitarbeiten müssen. Und das wollte ich auch. Umgekehrt war das Schreiben für mich Teil meines Aktivismus. Das wurde durchaus auch kritisiert, auf der Redaktion gab es Leute, die sagten, man müsse das strikt trennen. Ich wollte aber anwaltschaftlich schreiben, von unten nach oben treten. Irgendwann habe ich mit dem Aktivismus aufgehört, einfach weil es zu viel vom Gleichen war, bei der Menschenrechtsgruppe Augenauf etwa erledigte ich damals ebenfalls viel Recherchearbeiten. Ich fand es aber immer wichtig, dass die WOZ bewegungsnah bleibt.

WOZ: In diese Zeit fiel auch der feministische Streik 2019 – Geschlechterfragen und Feminismus wurden ebenfalls zu deinem Dossier.

Noëmi Landolt: In den nuller Jahren lag die feministische Bewegung in der Schweiz nahezu brach, am 8. März waren wir jeweils vielleicht hundert Autonome, die durch die Stadt zogen (lacht). Der Streik war noch kein Thema, die Mackerkultur in der Linken ebenso wenig. In den zehner Jahren erstarkte die Bewegung dann, fand zu dieser Breite, die sie heute hat. Es war schön, das mitzuerleben und journalistisch zu begleiten.

WOZ: Fanden diese Themen damals leicht Eingang in die Zeitung?

Noëmi Landolt: Nicht immer. Es gab in den zehner Jahren eine Art Boys Club auf der Redaktion, eine Gruppe von vier, fünf Männern, die bestimmt haben, was läuft. An den Sitzungen hiess es zwar bei meinen Themen oft, «das ist megawichtig, mach das unbedingt», aber dann bekam ich dafür eine halbe Seite weiter hinten im Blatt. Vielleicht habe ich mich zu wenig eingesetzt. Andere – man muss sagen: Männer – haben dagegen dauernd Doppelseiten eingefordert. Nach ein paar personellen Abgängen wurde es besser. Und das gesellschaftliche Bewusstsein änderte sich und damit auch die WOZ: Mit der #MeToo-Bewegung, die 2017 gross wurde, fand der Feminismus mehr Platz.

WOZ: 2023 wurde einem Journalisten von sechs Frauen sexuelle Belästigung vorgeworfen, in einem Fall von 2014 auch bei der WOZ.

Noëmi Landolt: Es mag widersprüchlich klingen, aber als das aufflog, war ich einerseits sehr erschüttert, andererseits aber auch nicht wirklich überrascht. Ich denke, vielen ging es ähnlich. Bei der Aufarbeitung war ich schon nicht mehr auf der WOZ. Ich gehe davon aus, dass das Bewusstsein dafür, dass Übergriffe überall passieren können, auch in einem linken, selbstverwalteten Betrieb, heute grösser ist.

WOZ: Du bist während deiner Jahre bei der WOZ zweimal Mutter geworden. Wie veränderte sich der Betrieb in Sachen Vereinbarkeit?

Noëmi Landolt: In meinen Anfängen gab es relativ wenig Verständnis für die Verpflichtungen der Care-Arbeit. Das wurde besser, als die Männer auf der WOZ auch Kinder bekamen. Ich selber wurde einfach disziplinierter – bis tief in die Nacht schreiben ging nicht mehr.

WOZ: Du hast die WOZ dann nach fast zehn Jahren unfreiwillig verlassen.

Noëmi Landolt: 2022 erkrankte ich an Long Covid. Ich ging also nicht aufgrund einer eigenen Entscheidung, sondern weil ich nicht mehr konnte. Das macht mich immer noch sehr traurig. Durch die Krankheit ist mir bewusst geworden, wie enorm die Doppelbelastung von Lohn- und Care-Arbeit ist. Es war schon vorher ein unglaublicher Stress, aber ich war körperlich in der Lage, das zu leisten. Das wird oft nicht zusammengedacht: Es gibt diese Fragebögen, um den Schweregrad von Long Covid zu ermitteln. Da wird unter anderem gefragt, ob ich, sagen wir, drei oder fünf Stunden leichte Büroarbeit verrichten könne. An guten Tagen wäre das vielleicht möglich, aber danach könnte ich meinen Kindern kein Mittagessen mehr zubereiten. ●

Noëmi Landolt (43) lebt in Zürich und ist freie Mitarbeiterin bei der WOZ. Anlässlich des heutigen Relaunchs blickt die WOZ jede Woche auf ein Jahrzehnt ihrer Geschichte zurück.­