Nr. 10/2020 vom 05.03.2020

Gemeinsam aus den Bubbles raus

Der Frauenstreik vom 14. Juni war grandios – was bleibt neun Monate später? Feministinnen aus fünf Städten verraten, welche grossen Pläne sie heute verfolgen.

Von Anouk Eschelmüller, Bettina Dyttrich, Cigdem AkyolMail an AutorIn und Benjamin von Wyl

Frauenstreikkollektiv Neuenburg

Agnieszka Hegetschweiler: Früher habe ich meine feministischen Forderungen, überhaupt mein feministisches Engagement nicht an die grosse Glocke gehängt. Das alles hat sich geändert mit den grossen Kundgebungen, etwa dem Women’s March 2018 in Zürich und natürlich dem Frauenstreik am 14. Juni. Für mich war das wie ein Coming-out. Heute bin ich sehr stolz auf meine Arbeit für das Streikkollektiv.

Es gibt viel zu tun. Da sind einmal die Vorbereitungen für den 8. März, wir haben einen kantonalen Forderungskatalog zusammengestellt – zum Beispiel wollen wir Elternzeit zusätzlich zum Mutterschaftsurlaub, mehr Geld für Gleichstellungspolitik, bezahlbare Krippenplätze für alle und ein Verbot sexistischer Werbung. Und diesen Monat veranstalteten wir erstmals das «Café féministe», ein öffentliches Treffen mit unseren Bundesparlamentarierinnen und -parlamentariern. Das soll nun vor jeder Session stattfinden. Schliesslich möchten wir wissen, ob und wie unsere Streikforderungen auf Bundesebene umgesetzt werden. Momentan hat der Kanton Neuenburg fünf Parlamentarier und nur eine Parlamentarierin in Bern. Das ist zu wenig.

Isabel Amian: Agnieszka und ich haben uns 2018 am Women’s March kennengelernt. Wir sind beide bereits seit Beginn des Kollektivs dabei. Während der Vorbereitungen für den Streik war ich hochschwanger mit meiner Tochter.

Ich arbeite als Gewerkschaftssekretärin bei der Unia und war auch dort in die Streikvorbereitungen involviert. Während der ersten Diskussionen über die Organisation des Streiks entwarfen besonders die männlichen Leiter der Gewerkschaft den Tag sehr strukturiert und geplant. Bald stellte sich heraus, dass die Bewegung aber ganz anders funktioniert: ohne Hierarchien, ohne zentrale Leitung, bunt, laut und sehr breit aufgestellt.

Hegetschweiler: Die Frauenbewegung hat an Stärke gewonnen. Das habe ich nicht immer so erlebt, im Gegenteil. Ich komme ursprünglich aus Polen. Dort habe ich 2016 den «Schwarzen Protest» gegen die Verschärfung des Antiabtreibungsgesetzes erlebt. Tausende Frauen sind damals gegen das Vorhaben der Regierung auf die Strasse gegangen. In der Schweiz hat sich in dieser Zeit absolut nichts für die Frauenrechte getan. Das hat mich erstaunt.

Diskriminierung ist etwas, was ich nicht aus dem Fernsehen kenne – ich habe sie selbst erlebt. An meinem ersten Arbeitstag in der Schweiz lernte ich einen Mann kennen, er war im selben Alter wie ich, ebenfalls Ausländer und verfügte über dieselbe Arbeitserfahrung. Wir arbeiteten zusammen in einer Fabrik. Schliesslich wurden wir Freunde, und es stellte sich heraus, dass er mehr verdiente als ich. Die Erklärung: Er sei ein Mann, und das sei normal. Alle sagten das. Also war es auch für mich normal. Seine Karriere verlief bald steil nach oben. Ich hingegen musste viel investieren, besuchte Abendkurse, leistete sehr viel am Arbeitsplatz, um anspruchsvollere Arbeit zu erhalten.

Amian: Vor allem über die sozialen Netzwerke sind wir auch heute mit der Bewegung in Kontakt. Das ist ungemein hilfreich. Im letzten Jahr haben wir einige Frauen aus Spanien eingeladen, wo ich ursprünglich herkomme. Sie haben viel Erfahrung bei der Organisation von Frauenstreiks. Wir konnten von ihrem Wissen profitieren, uns inspirieren lassen. Der Streik hat die Schweiz aufgeweckt. Für mich ist es sehr wichtig, dass wir unsere Forderungen nun konkretisieren und weiterkämpfen. Die Rechte der Frauen, das zeigt uns die Geschichte, werden immer wieder angegriffen. Schau auf Trump, schau auf Bolsonaro.

Hegetschweiler: Unser Kollektiv, es besteht aus dreissig bis sechzig Frauen, ist altersmässig sehr durchmischt. Mehrere Frauen sind schon sechzig, siebzig. Das ist sehr inspirierend. Sie haben schon den Streik 1991 miterlebt, und sie erleben nun, wie sich auch junge Frauen wieder für feministische Anliegen interessieren. Der Tag des Frauenstreiks war für uns alle magisch.

Aufgezeichnet von Anouk Eschelmüller.

Eidgenössische Kommission dini Mueter (EKdM), Bern

Wir sind aus der Gruppe entstanden, die am 14. Juni in Bern die Kinderwagendemo organisierte. Zu sechst haben wir sie vorbereitet, alle mit kleinen Kindern im Schlepptau. Wir dachten: Das sieht schon mit 50 Kinderwagen gut aus, und wenn 500 kämen, wäre das megalässig. Aber es kamen über 5000! Die Marktgasse war voll, in den Seitengassen warteten weitere, die einspuren wollten. Wir waren überwältigt. Es kamen Mütter, Grossmütter, Kindergärten, ganze Kitas. Die Solidarisierung zwischen bezahlten und unbezahlten Kinderbetreuerinnen funktionierte – genau wie wir es uns gewünscht hatten. Und gerade als wir durch die Marktgasse zogen, begannen die Detailhandelsangestellten ihre Streikpause, mit einem riesigen Transparent.

Jetzt sind wir etwa zwanzig aktive Frauen in der Gruppe, und fast jede Woche meldet sich eine, die mitmachen will. Wir sind Mütter und Kita-Angestellte, Tagesschulbetreuerinnen und Kindergärtnerinnen. Mütter und Betreuerinnen haben die gleichen Probleme, darum ist ein gemeinsamer politischer Kampf nötig. Die Forderungen der Demo sind nach wie vor aktuell: mehr Ressourcen, mehr Zeit und Geld für Kinderbetreuung. Aber es gibt keine politische Lobby dafür. Wir wollen sie sein.

Mit den neuen Tagesschulkonzepten sind heute viele Kindergärtnerinnen verpflichtet, am Nachmittag in der Tagesschulbetreuung zu arbeiten – zu einem viel schlechteren Lohn. Aber Kinderbetreuung hat immer einen Bildungsauftrag!

Jetzt steht die Forderung nach vierzehn Wochen Elternzeit für Mütter und für Väter im Raum. Das tabuisiert und verschleiert, dass vierzehn Wochen für die Mütter ein Skandal sind. Wir wollen Elternzeit UND mehr Zeit für Mütter. Sie brauchen Schutz, weil sie schwanger waren, geboren haben, eventuell stillen wollen. In der Schweiz gehen nur achtzehn Prozent der Mütter nach vierzehn Wochen zurück an ihre Arbeitsstelle, und auch nicht alle freiwillig. Die allermeisten bezahlen auf eigene Kosten eine längere Mutterschaftspause – sie nehmen unbezahlten Urlaub oder kündigen. Es braucht eine Debatte, die sich am deutschen Modell orientiert. Wir müssen über Monate reden, nicht über Wochen!

In den feministischen Debatten haben wir ein Problem: Alle haben Angst vor Biologismus, vor der Zuschreibung als Mutter und Hausfrau, vor dem konservativen Backlash. Wir können vor Angst über manches gar nicht reden. Darum ist das Thema so tabuisiert, dass sich viele von ihrem eigenen Muttersein distanzieren müssen. Das führt zu grosser Not. Sie können ihre Bedürfnisse nicht mehr äussern aus Angst vor dem Vorwurf, sie seien konform, konservativ.

Wir sollten uns aber an den Bedürfnissen der Mütter orientieren – und sie fragen, was sie für ein gutes Leben brauchen. Es ist wichtig, dass sie sagen können: Ich brauche mehr Zeit mit dem Bébé. Oder: Ich will wieder «bügla» gehen und möchte das Kind mit gutem Gewissen in eine Kita geben können. Die Gesellschaft soll Verantwortung dafür übernehmen, dass es den Kindern gut geht. Heute zahlen dafür die Mütter: mit schlechter Arbeit, Burn-out, Lücken in der Altersvorsorge. Und die Betreuerinnen mit ihren schlechten Löhnen und Arbeitsbedingungen – und miserablen Renten.

Oft heisst es: Frauen, ihr müsst halt die Männer dazu bringen, mehr im Haushalt zu machen. Das soll auch noch unser Job sein?! Wir finden das eine Zumutung. Dass beide Elternteile Teilzeit arbeiten, können sich auch nicht alle leisten. Wenn Väter mehr im Haushalt übernehmen, hat die Familie als Ganzes noch nicht mehr Ressourcen. Die Rahmenbedingungen stimmen nicht – darüber sollten wir reden: Welche Arbeitszeiten brauchen wir? Welche Bedingungen brauchen Kitas, um Kinder gut betreuen zu können?

Wir haben EKdM gegründet, weil wir uns nicht repräsentiert fühlen. Wer macht schon feministische Mütter- und Betreuerinnenpolitik? Zu Sessionsbeginn haben wir dem National- und dem Ständerat Windeln und Flyer verteilt und uns als beratendes Gremium empfohlen. Wir bekamen auch einen Zugang zum Bundeshaus angeboten – aber wir sind dafür zu überlastet. Das ist typisch: Die Lobby, die es im Bundeshaus am dringendsten bräuchte, hat keine Zeit.

Aufgezeichnet von Bettina Dyttrich.

Die Leiden der jungen Bertha*, St. Gallen

Wir sind ein queerfeministisches Kollektiv, im Sommer vor drei Jahren entstanden. Bertha* hat ein Sternli, kann alles sein: weiblich, männlich, cis, trans … oder etwas ganz anderes. Bertha ist ja auch nicht der weiblichste Name – er hat «öppis Ruuchs».

Wir sind etwa zehn Leute, zwischen 20 und 28 Jahre alt. Gegründet haben wir uns zu fünft. Wir merkten, dass wir nicht einfach Veranstaltungen organisieren wollen. Wir wollen auch befreundet sein, über Persönliches reden, uns echauffieren und daraus Inhalte entstehen lassen. Durch Inhalte zur Form kommen.

Unsere erste Aktion war die «Schalterstunde»: Wir eröffneten das «Temporäre Amt zur Exploration von Geschlechterdevianzen». Zwei Berthas* sassen am Schalter, und man konnte aus vier Rubriken auswählen: Sexualität, Sexismus im Alltag, Antikapitalismus und Geschlechteridentität. Jede Person bekam ein Fragekärtli und konnte ihre Antwort draufschreiben; eine Bertha* verlas Fragen und Antworten durch ein schepperndes Mikrofon. Manche Antworten waren witzig, manche sehr berührend, manche total krass, andere nicht so speziell. Wir bekamen dann Anfragen, diese Aktion zu wiederholen.

Bertha* ist wütend: Weil wir so viel Gratisarbeit leisten müssen, bis wir uns wieder gut fühlen. Weil es so viele Kategorien gibt, von denen es abhängt, wie schön ein Leben ist. Weil weiblich sozialisierten Menschen abtrainiert wird, hässig zu sein. Dabei gibt es so viele Gründe dafür. Wir wissen gar nicht, wo wir anfangen sollen.

Wir haben keine Cis-Männer im Kollektiv. Das ist eine bewusste Entscheidung, denn es macht etwas mit dem Diskurs, wenn Cis-Männer teilnehmen. Männlich sozialisierte Personen sind von anderen Dingen betroffen als weiblich sozialisierte, und gerade am Anfang wollten wir viel über Betroffenheiten diskutieren. Wir sind auch ein Schutzraum füreinander, in dem wir zum Beispiel über sexualisierte Gewalt reden können. Wir versuchen, einen Aktivismus zu finden, mit dem es uns gut geht. Wir wollen nicht, dass er uns fertigmacht, weil wir so viel Arbeit haben. Aber Leistungsdruck ist immer wieder ein Thema. Das neue St. Galler Literaturhaus fragte uns an, ob wir bei der Eröffnung mitmachen. Da haben wir in drei Tagen ein halbes Theaterstück geschrieben …

Das war beim Frauenstreik auch so: Er war vor allem sehr viel Arbeit! Wir wollen, dass die Welt schöner wird, aber dafür müssen wir permanent Gratisarbeit leisten. Alle Errungenschaften – die Frauenrechte, die Vierzigstundenwoche – haben wir nur, weil sich Leute so sehr verausgabt haben. Wer kann sich das überhaupt leisten? In dieser Hinsicht ist auch Bertha* nicht so divers, wie sie gerne wäre. Wir sind nicht von allen Diskriminierungen betroffen, aber wir können uns doch damit auseinandersetzen. Und das Thema Care-Arbeit ist ja ziemlich klassenübergreifend.

Einige von uns wohnen jetzt in anderen Städten, und wir vernetzen uns. Wir haben einen Film von Alizé Rose-May Monod hier gezeigt, den wir im Berner Frauenraum gesehen haben, jetzt gestalten wir ein Magazin für das Berner Schamlos-Festival … Aber wir hören auch oft: «Was, in St. Gallen gibt es eine linke Szene?!» Dabei ist diese Stadt voll von Menschen, die feministisch aktiv sind, zum Teil schon seit fünfzig Jahren. Wir sehen auf der Strasse so viele Leute, mit denen wir am Streik waren, das ist schön. Der Frauenstreik hat zu Diskussionen zwischen verschiedenen Generationen und Feminismen geführt. Bertha* war auch im Konflikt mit manchen Positionen, aber das schliesst Solidarität nicht aus. Wir lesen andere Texte, führen andere Auseinandersetzungen als die ältere Generation. Manchmal gibt es eine seltsame Hierarchie: Wer hat wie viel für den Feminismus geleistet? Natürlich haben wir weniger gemacht, wir sind ja auch viel jünger.

Inhaltlich kamen uns am Streik einige Themen zu kurz. Zum Beispiel die Kritik an der Kleinfamilie – wie Familien organisiert sind, hat auch einen Einfluss auf die Care-Arbeit. Hier wollen wir die Perspektiven erweitern. Darum haben wir ein eigenes Forderungsheft gemacht.

Viele studieren in anderen Städten und kommen nicht zurück. Dank Bertha* haben wir einen Grund, nach St. Gallen zurückzukehren. Es ist ein politischer Akt, an einem Ort aktiv zu sein, den viele verlassen und in dem es weniger feministische Gruppen gibt als in Bern, Basel oder Zürich. Es ist uns wichtiger, hier aktiv zu sein. Und es ist auch niederschwelliger. Wenn du in einer grösseren Stadt etwas Queerfeministisches machst, bist du in einer Bubble. In St. Gallen organisieren wir im Palace eine Veranstaltung zu queerfeministischem Porno, und es tauchen Leute auf, die sich noch nie mit Queerfeminismus auseinandergesetzt haben. St. Gallen ist weniger gross und dadurch durchmischter. Und es ist eine dankbare Stadt. Es gibt die Grabenhalle, das Palace, den «Schwarzen Engel», das «Saiten»-Büro, das Literaturhaus, das Frauenarchiv – viele sind offen für Projekte mit uns. Wir müssen nicht einen Raum von null auf schaffen, es gibt schon so viele. Natürlich sind wir uns bewusst: Wenn wir die queerfeministische Bubble verlassen, sind wir immer noch in einer Bubble. Aber immerhin schon einen Bezirk weiter …

Aufgezeichnet von Bettina Dyttrich.

Ni una menos, Zürich

Wir sind aus dem feministischen Streik am 14. Juni heraus entstanden. Auslöser für uns war die Kriminalisierung einer Feministin während der Mobilisierung zum Streik. Am Tag ihrer Vorladung wegen Ehrverletzung im August haben wir unsere erste Kundgebung am Helvetiaplatz gemacht und beschlossen, «Ni una menos» zu gründen, um auf Frauenmorde aufmerksam zu machen.

«Ni una menos» heisst «nicht eine weniger», und wir gliedern uns damit in eine internationalistische feministische Bewegung ein. Sie ist 2015 in Argentinien entstanden. Damals hat dort die feministische Bewegung angefangen, Frauenmorde publik zu machen und dagegen zu mobilisieren. Das wollen wir hier auch tun. Denn ein Angriff auf eine ist ein Angriff auf alle. Alle zwei Wochen tötet in der Schweiz ein Mann seine Partnerin oder Expartnerin!

Bei den Kundgebungen sind zwischen zehn und hundert Personen dabei. Immer wenn wir von einem Femizid in der Schweiz erfahren, treffen wir uns am darauffolgenden Donnerstagabend am Helvetiaplatz zu einer Kundgebung. Wir zeichnen Frauenkörper auf dem Boden nach, dieses Jahr haben wir schon für vier Frauen demonstriert. Am Anfang haben wir den Helvetiaplatz in «Ni una menos»-Platz umbenannt. Keine zehn Minuten später kamen Zivilpolizisten und nahmen das Schild ab.

Dabei muss es doch sichtbar bleiben, es muss darüber geredet werden und ein gesellschaftliches Thema werden. Der Staat will aber die Machtverhältnisse nicht infrage stellen, deswegen wird es lieber unsichtbar gehalten. Was auch tief sitzt, ist die angebliche Mitschuld der Frau – welche Kleider hat sie getragen, was hat sie gemacht? Auch die Medien sind schuld an solchen entpolitisierten Diskussionen: Nach wie vor lesen wir von «Beziehungsdelikten» und «Familiendramen».

Wir sind eine zutiefst patriarchalische Gesellschaft, in der Frauen in Abhängigkeiten leben. Wir wollen nicht nur die Symptome bekämpfen, sondern auch die Ursachen. Femizid ist der grausame Ausdruck der patriarchalen Machtverhältnisse.

Der Kanton Zürich hat zwar das Thema «häusliche Gewalt» in den Legislaturschwerpunkt aufgenommen. Und Bundesrätin Karin Keller-Sutter möchte betroffene Frauen mit Trackern ausrüsten, die Alarm schlagen, wenn sich ein Täter nähert. Aber das allein bringt wenig. Als Frauen, Lesben, Inter-, Trans- und nichtbinäre Personen werden wir auf so vielen Ebenen krass degradiert.

Es war umwerfend, beim Frauenstreik zu sehen, wie vielen Frauen das Thema unter den Nägeln brennt. Eine halbe Million, die auf den Strassen waren, mit ganz unterschiedlichen Ausdrucksformen. So viele Frauen, die nicht nur mitgelaufen, sondern in Aktion getreten sind, das ist schon sehr motivierend.

Seitdem gibt es mehr Interesse für feministische Themen. Einiges hat sich verändert, wir sind noch besser vernetzt, die feministische Bewegung ist erstarkt. Jetzt kommt wieder die Knochenarbeit: Wie organisieren wir uns weiter, wer bleibt wirklich dran, wie entwickeln wir Kontinuität? Unser Ziel ist die feministische Revolution.

Aufgezeichnet von Cigdem Akyol.

Sans-Papiers-Kollektive Basel

Patricia Lobo: Dieser Tag war sehr schön. Ich war total emotional.

Lorena da Silva: Als ich sah, wie viele Frauen es sind, kamen mir die Tränen. Allein in Basel waren wir mindestens 200 Sans-Papiers und Regularisierte. Am Frauenstreik fühlte ich mich aber als Frau mit allen Zehntausenden Frauen auf der Strasse verbunden. Davor hatte ich kaum Kontakt zu Feministinnen ausserhalb unserer Bewegung. Zwei Frauen vom Streikkomitee kamen zwar zu uns an eine Sitzung, aber sonst bewegt sich mein ganzes Engagement um die Anlaufstelle für Sans-Papiers Basel. Unsere Frauengruppe dort existiert noch nicht lange, vielleicht seit Herbst 2018.

Lobo: Schon in der Schulzeit in Brasilien, eigentlich schon immer, war mir klar, wie wichtig der feministische Kampf ist. Heute haben wir in Brasilien einen frauenfeindlichen und homophoben Präsidenten. Aber auch in der Schweiz ist die Machokultur stark, selbst wenn sie nicht gleich ins Auge sticht. Weshalb Männer und Frauen für gleiche Arbeit nicht den gleichen Lohn erhalten, ist mir absolut unverständlich. Als weibliche Papierlose bist du doppelt diskriminiert …

Da Silva: Dreifach, vergiss den Rassismus nicht! Ich erlebe ihn nur schon im Tram täglich.

Lobo: Ohne Aufenthaltsbewilligung konnte ich mich gegen schlechte Arbeitsbedingungen und meinen Lohn von fünfzehn Franken nie wehren. Sogar nach sexuellen Übergriffen bin ich nicht zur Polizei. Trotzdem habe ich gekämpft: an Protesten, in den Treffen der Anlaufstelle. Heute habe ich eine Aufenthaltsbewilligung, aber der Kampf für Gleichberechtigung geht weiter. Ich muss aber weniger Angst haben, kann mehr geben. Wenn es eine Demo gibt, stehen Lori und ich jetzt zuvorderst.

Da Silva: Meine Aufenthaltsbewilligung habe ich kurz vor dem 14. Juni 2019 bekommen. Was habe ich gefeiert! Nun im Rückblick vermischt sich diese Freude fast mit dem Frauenstreik, aber ja: Ich bleibe dieselbe Lorena. Auch die Anlaufstelle fühlt sich noch immer wie ein zweites Elternhaus an. Wir müssen weiter raus, laut sein – damit die Leute sehen, dass wir Menschen sind. Auch damit sie sehen, dass wir Frauen sind.

Lobo: Die Frauenbewegung ist bereits solidarisch mit uns Sans-Papiers. Trotzdem wäre es toll, wenn unsere Anliegen einmal im Zentrum stünden. Wir müssen uns diesen Tag, den 14. Juni, bewahren! Wenn es jedes Jahr einen Frauenstreik gibt, sollten auch einmal weibliche Sans-Papiers das Hauptthema sein.

Da Silva: Erst mit der Frauengruppe ist uns bewusst geworden, dass auch in den Sans-Papiers-Kollektiven Männer mehr Raum einnehmen. Darum war die Gründung unserer Gruppe wichtig. Unter Frauen können wir freier sprechen. Frauen kannst du sagen, was du wirklich denkst. Man darf weinen; beim ersten Treffen haben wir viel geweint. Manches kannst du Männern nicht erklären. Sind Männer dabei, ist immer auch der Machismo präsent.

Lobo: Gewisse Themen können wir nur unter Frauen besprechen: psychische Gesundheit, Depressionen und andere heikle Themen. Aber auch, wie man den Alltag erlebt.

Da Silva: Ich arbeite von Montag bis Samstag. Aber trotzdem engagiere ich mich und weiss, wie wichtig es ist, dass es Patricia und ich gerade mit unserer Erfahrung tun. Während zehn Jahren ohne Papiere habe ich oft erlebt, wie es ist, nur wegen der fehlenden Papiere eine Arbeit nicht zu bekommen. Wenn mir andere Frauen davon erzählen, weiss ich, wie es sich anfühlt. Dann sage ich ihnen: Steh auf, komm zur Anlaufstelle, wir sind füreinander da. Es geht jetzt um die Frau, Schatzi, aber wir dürfen nicht vergessen: Die Regularisierung ist ebenso wichtig.

Lobo: Es ist dasselbe Thema! Bei der Regularisierung geht es um die Frau. Die meisten von uns Sans-Papiers sind Frauen. Und was tun wir? Wir verrichten schwarz jene Arbeit, die Männer nicht machen wollen. Wir putzen, betreuen Kinder und Ältere. Mit der Regularisierung aller Sans-Papiers würde diese Arbeit sichtbarer und stärker anerkannt. Klar bleibt legaler Aufenthalt für alle Sans-Papiers mein Traum und Ziel.

Da Silva: Wir machen weiter: gegen Machotum und für alle Menschen ohne Papiere. Wenn es wieder auf die Strasse geht, bin ich dabei.

Aufgezeichnet von Benjamin von Wyl.

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