Links in Langenthal : «Hier haben wir nur uns»

Nr. 14 –

Das autonome Kulturzentrum Langenthal feiert sein 25-jähriges Bestehen. Zu Besuch im selbstverwalteten Freiraum.

das Lakuz-Haus
«In einer Kleinstadt besetzt man nicht ein Haus und verteidigt es militant»: Das Lakuz, fester Bestandteil von Langenthal. Foto: Adrian Moser

Serge Wüthrich, 48 Jahre alt, steht hinter der Bar und gibt Matetee aus. Als sein Vater Walter Wüthrich durch die Eingangstür in den Konzertraum tritt, scheint etwas Tageslicht in den fensterlosen Raum. Sonst erhellen nur die Neonröhren an der Decke die rot gestrichenen Wände und die mit Stickern übersäte Bar im autonomen Kulturzentrum Langenthal. Lakuz nennen es hier alle.

Derzeit feiert das Zentrum im Kanton Bern sein 25-jähriges Bestehen. Mehrere aktuelle und ehemalige Aktivist:innen haben zu diesem Anlass die WOZ empfangen. «Stört es dich, wenn wir am Tisch rauchen?», fragt einer von ihnen in die Runde. «Nein? Ganz sicher?» Die Freiheit der Autonomie, sie wird hier in vollen Zügen genossen.

Serge Wüthrich war einst Mitinitiator des Lakuz; sein Vater Walter bezeichnet sich selbst als Geburtshelfer. Seit zwanzig Jahren sei er nicht mehr hier gewesen, erzählt dieser, doch im Haus sei einiges noch gleich. In Langenthal habe sich hingegen viel getan, sagt Serge Wüthrich, und vielleicht habe auch das Lakuz etwas dazu beigetragen.

«In den achtziger und neunziger Jahren war es heftig», sagt Serge Wüthrich. «Da erinnert man sich an beängstigende Situationen, die andere so nicht mehr erlebt haben.» Eine Zeit, in der Wüthrich, damals noch mit langem Mantel und Iro unterwegs, und seine Freund:innen regelmässig von Rechtsextremen angegriffen worden seien. «Einmal sassen wir vor einer Bar, da fuhr dreimal das gleiche Auto an uns vorbei», erzählt er. «Uns wurde mulmig zumute, doch bevor wir austrinken und reingehen konnten, rannte ein Vermummter in Bomberjacke und mit einem Knüppel in der Hand um die Ecke und versuchte, auf uns einzuschlagen.» Später, 2004, war Langenthal der erste Ort der Schweiz, wo ein Vertreter der rechtsextremen Partei National Orientierter Schweizer (Pnos) in den Stadtrat gewählt wurde.

Ein kurzer Flirt

Die Angriffe durch Neonazis seien ein wichtiger Antrieb dafür gewesen, für einen Freiraum zu kämpfen, sagt Serge Wüthrich. Schon in den neunziger Jahren hätten sie, damals noch Teenager, ein autonomes Jugendzentrum (AJZ) gefordert. «Alles, was wir über das Prinzip eines AJZ wussten, hatten wir von einem Buch, das ich in der Bibliothek gefunden hatte», sagt er. «Wir hatten keine Ahnung von nichts, aber haben einfach mal gemacht.» Im Winter 1996 besetzten die Jugendlichen, viele von ihnen noch im Gymnasium, schliesslich ihr erstes Haus, den «Rossstall». Es folgte die Besetzung des «Schärme» und schliesslich das AJZ an der Murgenthalstrasse, das sie einen Monat lang bis zum Abriss des Gebäudes bespielen konnten. «Der kurze Flirt mit der Autonomie» betitelten die Punks ihr Communiqué zur dritten Häuserbesetzung innerhalb kurzer Zeit. Lange dauerten die Projekte nicht an. Viele der besetzten Häuser seien völlig ungeeignet gewesen, sagt Wüthrich, aber die Besetzungen hätten ihrer Forderung nach Freiraum Nachdruck verliehen.

«In einer Kleinstadt wie Langenthal», sagt Serge Wüthrich, «besetzt man nicht ein Haus und verteidigt es militant.» Die Stadt müsse sich irgendwann mit der Nutzung einverstanden erklären. Sein Vater Walther Wüthrich war in diesen Jahren Gemeinderatsmitglied und dort verantwortlich für das Ressort Bildung und Jugend. «Ich habe auf der Suche nach einem geeigneten Haus unzählige Kontakte abgefragt, rumtelefoniert und Briefe geschrieben», sagt er. Doch von den Geschäftsleuten habe er nur freundliche Absagen bekommen. Erst nach langem Hin und Her fand die Stadt zur Überraschung aller Beteiligten doch noch ein geeignetes Haus, an der Farbgasse 27. Am 1. April 2001 übergab sie den Jugendlichen die Schlüssel.

Heute ist das Lakuz fester Bestandteil des Kulturlebens in der Kleinstadt, es beteiligt sich an der Langenthaler Kulturnacht und gestaltet das Stadtfest mit. Eine Institutionalisierung des Kulturzentrums lehnten die älteren Generationen einst noch ab. Aber: «Wenn es sich nicht gewandelt hätte, würde es das Lakuz heute nicht mehr geben», sagt Serge Wüthrich.

Das über zweihundert Jahre alte Holzhaus ist heute gut ausgestattet. Im oberen Stockwerk befinden sich Schlafplätze für Bands, eine geräumige Küche, eine kleine Werkstatt und ein Sitzungszimmer, in dem etwa die Langenthaler Punkband Die zertrümmerten Kniescheiben probt.

Der 31-jährige Samuel Renggli und die 28-jährige Jessi Türler gehören zur jüngsten Generation im Lakuz. Renggli engagiert sich hier seit knapp zehn Jahren. Das Lakuz sei für ihn und seine Hockeyfreund:innen einst eine wichtige Anlaufstelle gewesen. Als in der Fankurve die «Faschos» versucht hätten, neue Leute zu rekrutieren, fanden sie hier Unterstützung, um sie loszuwerden. Türler zog erst 2019 nach Langenthal. Nach ein paar Barschichten habe es ihr «den Ärmel reingenommen», erzählt sie. Vor zwei Jahren nutzte Türler etwa einen alten Lagerraum zu einem Safe Space um, der an Veranstaltungen als Rückzugsort dient. «Awareness und Inklusion sind schliesslich auch eine Erhaltungsmassnahme, die neuen Leuten ermöglicht, das Lakuz mitzugestalten», sagt sie.

Krawall und Dosenbier

Wenn nicht gerade Kniescheiben-Hits wie «Hass, Krawall und Dosenbier» durch die Räume schallen, halten auch Parteien wie die SP und die Grünen hin und wieder ihre Sitzungen hier ab. «Wir sind immer froh, wenn Leute ins Lakuz kommen», sagt Renggli. Innerlinke Spaltungen seien in Langenthal kein Thema: «Hier haben wir nur uns.»

Diese Offenheit spiegelt sich in den verschiedenen Veranstaltungen wider: Im Winter proben die «Hippie-Trommler», mal wird ein improvisierter Haarsalon aufgebaut, eine LAN-Party geschmissen oder ein Dub-Festival organisiert. Insgesamt dürfen im Lakuz allerdings jährlich nur zwölf grosse öffentliche Veranstaltungen stattfinden, die die Stadt jeweils bewilligen muss. Im Gegenzug stellt sie das Gebäude zur Verfügung und hält es instand.

Serge Wüthrich ist heute mehr Familienvater als Punk, doch das Lakuz bleibt Teil seiner Geschichte. «Vor 25 Jahren gab uns die Stadt die Schlüssel, und wir konnten uns nicht mal vorstellen, was in fünf Jahren ist.» Die späteren Generationen konnten im Vergleich dazu in ein gemachtes Nest schlüpfen. Die heutigen Kämpfe würden sich um Verhandlungen mit der Stadt drehen, sagt Jessi Türler. Das Dach sei seit Jahren kaputt und müsse dringend repariert werden; mehr Veranstaltungen sollen möglich werden. Trotzdem: «Das Lakuz kennenzulernen», sagt Türler, «war, wie eine Perle zu entdecken.»

Noch bis zum 16. April wird im Langenthaler «Chrämerhuus» eine Ausstellung zur Geschichte des Lakuz gezeigt. Danach folgt vom 17. bis 25. April das Jubiläumsfest im autonomen Kulturzentrum.