07.05.2000

Schichtweise lag die Scheisse da!

Stephan Laur. Geboren 1963 in Basel. Jobber. Arbeitet zur Zeit des Interviews als Journalist, Filmemacher und freier Kulturschaffender.

Interview: Heinz Nigg

Mein Gegenstand: «Don’t know what I want, but I know how to get it – I wanna destroy»: Wer hätte meine hoffnungslose, unbestimmte Wut Ende der siebziger Jahre besser ausgedrückt als die Pistols. Sexpistols, Anarchy in UK

Stephan Laur: Ich bin das jüngste von vier Kindern und komme aus einer normalen kleinbürgerlichen Familie mit grossbürgerlichem Hintergrund. Alle meine Geschwister haben eine bewegte Geschichte. Meine beiden zwölf und dreizehn Jahre älteren Brüder waren in der 68er-Bewegung aktiv. Meine Schwester erlebte etwas später ihre wilden Zeiten. Mein ältester Bruder ist 1979 an einer Überdosis Heroin gestorben.

Wie war das mit deinen Brüdern?
Ich erinnere mich an ein Sonntagsessen, als die Brüder Lieder von Ton, Steine, Scherben sangen: «Keine Macht für niemand!» Das hat mich elektrisiert. Als ich etwa sechs war, nahmen sie mich zu einem Hippie-Treffpunkt am Barfüsser-Platz mit. Ich sass mit ihnen in einer Runde und wollte auch einen Zug aus der Pfeife nehmen. Meine Eltern waren verunsichert. Aber sie waren offen und liberal.

Welche Werte wurden dir vermittelt?
Mein Vater war ein Mensch ohne Illusionen und hat dies nicht verheimlicht. Meine Mutter kam aus einer sehr katholischen Familie. Sie wurde von ihrer Familie beinahe verstossen, als sie diesen atheistischen Protestanten heiratete. Später haben sie sich wieder versöhnt. Wichtig für meine Eltern war einfach, gute Menschen zu sein und anderen Leuten zu helfen.
Mein Vater war ein Bücherwurm und leidenschaftlicher Buchhändler. Später ist er bei der chemischen Industrie als Korrektor untergekommen. Er hat sich wegen uns Kindern für eine sichere Existenz entschieden. Aber er ist ein Literatur-Freak geblieben. In der Wohnung der Eltern meiner Mutter hingen viele Bilder von Künstlerfreunden meines Grossvaters, der Architekt war. Wir gingen oft ins Museum und in Ausstellungen. Ich war als Kind ein grosser Fan von Klee und Van Gogh.

Habt ihr über Politik geredet?
Ja, im Zusammenhang mit meinen Brüdern, die ja politisch aktiv waren. Sie waren Mitgründer der progressiven Mittelschüler, aus denen später die Poch entstand.

Wie muss ich mir dich als Schüler vorstellen?
In der Primarschule gehörte ich zu den Kleineren und wurde als scheues Kind wahrgenommen. Ich war ein braver und guter Schüler. Im Progymnasium ging es abwärts. Ich hatte Mühe mit den Lehrern, und meine rebellische Seite kam immer mehr zum Vorschein. Ich wollte nicht dazugehören. Ich fühlte mich anders. Aus dem Progymnasium trat ich frühzeitig aus. Ich erlernte keinen Beruf, sondern hielt mich mit Jobben über Wasser.

Hattest du Freunde?
1976 begann ich den Punk zu entdecken. Im Schulhaus hatte es drei weitere Punks. Wir wollten speziell sein, nicht normalen Disco-Sound hören, sondern eben Punk. Zuerst hatte ich noch lange Haare, die behielt ich noch eine Weile, da die Gruppe Ramones ja auch lange Haare hatte. Dann habe ich sie radikal geschnitten und eingefettet. Ich spielte in einer Gruppe Gitarre, und später sang ich auch. Wir übten einmal in einem Jugendhaus, dann in einem Luftschutzkeller, dann in einem besetzten Haus – überall, wo wir gerade unterkommen konnten. Während der Punkzeit lebte ich noch grösstenteils zu Hause und erhielt eine gewisse Unterstützung. Mit sechzehn zog ich von zu Hause aus. Zuerst lebte ich in der Wohnung meiner ersten Freundin, wo wir eine WG einrichteten. Wenn jemand Geld verdient hatte, teilten wir es uns.

Wann und wie kamst du mit der Basler Bewegung in Berührung?
Ich war bei den Vorläufern der Bewegung dabei. Ich hing mit den Autonomen herum und hatte in den von ihnen besetzten Häusern meine ersten Punk-Auftritte. Das eine hiess «Kinderhaus» und wurde von den Roten Steinen zusammen mit der Jugendorganisation der Poch besetzt. 1979 begann ich mich vom Punk zu distanzieren. Ich begann andere Musik zu hören, zum Beispiel die Doors und Jimmi Hendrix. Ich war immer mehr mit den älteren politischen Leuten aus der autonomen Szene zusammen. Mir gefiel ihre Radikalität, wie sie die Gesellschaft ablehnten und wie sie in Kommunen lebten. Dann interessierte mich auch eine Mischung von radikaler Politik und mystischer Literatur. Ich las die Schriften des Indianers Rolling Thunder.

Was bedeutete für dich «radikal»?
Die Ablehnung vom konventionellen politischen Weg. Es war für mich zum Beispiel radikal, wie am 1. Mai 1980 Frauengruppen in Basel das Rednerpodium stürmten, damit eine Frau reden konnte. Wir hatten regen Austausch mit den jungen Autonomen von Zürich, so dass wir auch wussten, was andernorts vorging. Mit meinem Bruder und einem Ex-Punk-Kollegen schaute ich gerade die Tagesschau, als vom Opernhaus-Krawall in Zürich berichtet wurde. Das fanden wir grossartig. Endlich geschah etwas in der Schweiz.
Im bewegten Sommer 1980 war für mich in Basel die Ryffstrasse-Besetzung ganz wichtig. Die wurde von Teilen der SP, der Poch, den Autonomen und verschiedenen linken Jugendorganisationen unterstützt. Das war ein gemischter Haufen, in dem es weiter gärte. In Basel war die achtziger Bewegung also von Beginn an eine breite Sache, nicht nur eine Jugendbewegung.
Im Februar 1981 fand dann die Grossdemo statt, die zur Besetzung der Hochstrasse – des Basler AJZ – führte. Sie begann am Barfüsserplatz. Ich traf dort alte Bekannte, und wir heckten einen Plan aus, wie wir mit einer Finte das alte Postgebäude besetzen könnten. Mit dem Megafon gaben wir durch: Ab in Richtung Sommerkasino! Die Polizei überholte uns und ging vors Sommerkasino, während unser Demozug sich blitzschnell in Richtung Hochstrasse bewegte. Dort besetzten wir das alte Postgebäude. Wir blieben achtzig Tage. Ich habe keine Nacht auswärts geschlafen.

Wie viele Leute haben im AJZ gelebt?
Zwischen fünfzig und hundert. Es hatte grosse Schlafsäle. Irgendwo in einer Ecke hattest du eine Matratze.

Wie habt ihr den Betrieb organisiert?
Die Leute von der Beiz haben sich immer wieder getroffen. Wir waren etwa ein Dutzend. Es war chaotisch. Wir hatten keine richtige Betriebsstruktur. Es gab die VV – die Vollversammlung – und ein paar wenige, die immer präsent waren und dafür sorgten, dass es lief.

Was ist dir vom AJZ geblieben?
Highlights waren sicher die guten Konzerte, die wir selbst organisierten. Ansonsten haben wir enorm viel gekifft, so dass ich mich nicht mehr zu erinnern vermag, was eigentlich alles geschah: «If you remember the eighties you haven’t really been there!» Das Kiffen war für mich und meinen engeren Umkreis eine wichtige Sache. Es gehörte einfach dazu. Das Ganze war wie ein Rausch. Wir träumten von der grossen Gemeinschaft. Wegen den vielen harten Drogen im AJZ und dem ganzen Siff fand dieser Traum für mich ein abruptes Ende. Zusammen mit einer Frau habe ich nach ein paar Wochen die WCs geputzt. Wir mussten Gasmasken aufsetzen, so schrecklich war der Gestank. Selbst mich, der ich doch durch meine Erfahrungen in besetzten Häusern abgehärtet war, packte der Ekel: Schichtweise lag die Scheisse da, ein unglaublicher Duft! Wir mussten alles desinfizieren. Und dann stürzten immer mehr Leute auf harten Drogen ab. Zur Zeit als das AJZ offen war, wurden alle wichtigen Treffpunkte für Junkies dicht gemacht, so dass das AJZ ihr einziger Zufluchtsort blieb. Wir mussten zusehen, wie wir langsam im Sumpf erstickten. Wir versuchten, uns dagegen zu wehren – auch gegen den Strich im AJZ –, aber es gab keine verbindlichen Strukturen, und in den einzelnen Arbeitsgruppen gab es einige, die selbst ab und zu junkten. Es war also nie eindeutig, wer harte Drogen konsumierte und wer nicht. Dazu kam der Einfluss von Leuten, die den Heroingenuss und den Strich praktisch als revolutionäre Handlung propagierten. Sie verbreiteten die Illusion, dass man mit Heroin leben und damit umgehen könne. Heroin sei der Ausdruck für eine radikale Verweigerung: sich selber als Arbeitsmaschine verweigern, sich lahm legen und die Umgebung schockieren. Ein radikaler Bruch mit allem. Und so sind einige Junge, die vor dem AJZ nichts mit Heroin zu tun gehabt hatten, Junkies geworden. Im AJZ hast du alles gekriegt, und das hat einfach überbordet.

Hast du nicht ans Aussteigen gedacht?
Ich hatte schon den Anschiss. Aber das AJZ war eine eigene Welt. Hinauszugehen war schon wie ein Abenteuer. Alle wussten gleich, wer du bist.

Wie siehst du die damalige Zeit im AJZ heute, da du selbst mit Jugendlichen an Kulturprojekten arbeitest?
Wir hatten es gecheckt! Wir waren ja so radikal! Dadurch grenzten wir uns von allen ab. Wenn ich heute die Jungen sehe, läuft es nach den genau gleichen Mustern ab, bei den Hip-Hoppers, bei allen. Wer ausserhalb der eigenen Gruppe ist, steht daneben. Dies hat auch mit den Bedürfnissen in einem gewissen Lebensabschnitt zu tun: Geborgenheit in der Gruppe und Abgrenzung nach aussen, das Gefühl, etwas Besonderes zu sein. Besonders typisch für die damalige Zeit war vielleicht das No-Future-Gefühl, das die Sprache der achtziger Bewegung prägte. Alle diese absurden Parolen wie: «Freie Sicht aufs Mittelmeer» und «Macht aus dem Staat Gurkensalat», aber auch der Song «Eisbär» brachten das Grönland-Gefühl zum Ausdruck, dieses Gefühl der Hoffnungslosigkeit und der Wut darüber.

Hattest du während deiner AJZ-Zeit noch Kontakt zu deinen Eltern?
Ich ging immer wieder mal nach Hause zum Essen. Sie machten sich Sorgen. Sie hatten Angst, dass mir das gleiche Schicksal widerfahren könnte wie meinem ältesten Bruder. Er hat auch gemeint, mit Heroin leben zu können, es im Griff zu haben.

Hattest du keine Angst?
Der Tod meines Bruders war sicher das prägendste Ereignis in meinem Leben. Diese absolute Machtlosigkeit angesichts des Todes! Mit sechzehn Jahren war ich überhaupt nicht darauf vorbereitet. Lange Zeit bildete ich mir ein, dass er gar nicht gestorben sei. Vielleicht verstärkte der Tod meines Bruders meine damaligen Weltuntergangsvisionen. Sicher aber machte er mir grossen Respekt vor harten Drogen.

Welche Rolle spieltest du in der Basler achtziger Bewegung?
Ich war sicher nicht an vorderster Front, aber ich war konstant dabei. Ich machte in der Beiz mit und entwarf Flugblätter. Es gab Leute, die politisch viel ambitionierter waren. Das Politische war bei mir eher eine Lebenshaltung, die ich mir durch meine beiden Brüder angeeignet hatte.

Wie ging es für dich nach den 80 Tagen Basler AJZ weiter?
Wir zogen in besetzte Häuser um, wo all die Probleme vom AJZ in kleinerem Rahmen weiter bestanden: Drogen, Gassenstrich, Auseinandersetzungen mit der Rockerszene. Als die Bewegung zu Ende war, ging mein Engagement vor allem in Dritte-Welt-Gruppen weiter. Ich interessierte mich für das Zentralamerika-Komitee und fuhr mit der ersten offiziellen Brigade für drei Monate nach Nicaragua.
Dann jobbte ich weiter und studierte Medien und Publizistik an der Schule für Angewandte Linguistik in Zürich. Ich betätigte mich journalistisch in Basel, vor allem anlässlich der Chemiekatastrophe von Schweizerhalle und später rund um die Alte Stadtgärtnerei. Die Stadtgärtnerei war für mich das, was das AJZ wirklich hätte sein können: ein gut organisiertes Experiment. Auch war die Stadtgärtnerei sehr offen: für radikale Autonome ebenso wie für zu absolut unpolitische Kunstschaffende.

Was haben die achtziger Ereignisse vom AJZ bis zur Stadtgärtnerei der Stadt Basel gebracht?
Man musste die kulturellen Bedürfnissen der Jugendlichen zur Kenntnis nehmen. Heutzutage ist gegenüber den Belangen der Jugendlichen eine grössere Offenheit da. Zu meiner Zeit als Punk gab es nichts! Heute haben wir eher eine Überfütterung.

Du hast heute eine Familie mit drei Kindern und bist neben deiner journalistischen Tätigkeit als Kulturschaffender im Jugendbereich aktiv. Wie hat sich dein Lebensgefühl verändert?
Wut ist etwas, das ich nicht mehr kultiviere. Schon gar nicht als Basis für politisches und gesellschaftliches Handeln. Daran glaube ich einfach nicht mehr. Es gibt aber einen Aspekt von No Future, den ich immer noch wichtig finde: keine Luftschlösser bauen, sondern voll im Moment leben und nicht in der Zukunft. Das ist für mich eine positive Umsetzung des No-Future-Prinzips.
Trotz des immensen kulturellen Angebots für Jugendliche gibt es immer noch wenig Freiraum, um selber etwas machen zu können; auch Sachen, die vielleicht nicht supergut sind. Ich arbeite in kulturellen Projekten mit Jugendlichen, wo es darum geht, solche Freiräume zu schaffen. Wir organisieren dieses Jahr ein grosses, dreitägiges Jugend-Kultur-Festival in Basel und Freiburg i. Br. Mit professionellem Know-how unterstützen wir Jugendliche dabei, ihre Eigenproduktionen zu entwickeln und in den beiden Städten vorzuführen; zum Beispiel Tanzproduktionen. Der Inhalt wird von den Jugendlichen bestimmt.
Die Themen allerdings sind anders als damals. Das Zauberwort heisst «Vielfalt». Es gibt eine Menge von Lifestyles und Lebenshaltungen, mit denen sich Jugendliche heute kritisch auseinander setzen müssen. Dazu kommt, dass die beruflichen Anforderungen an die Jungen gewachsen sind. Die wirtschaftlichen Bedingungen sind härter geworden. Es geht stärker ums Überleben.

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