13.04.2000

Jetzt liegt die Macht auf der Gasse

Markus Kenner, bekannt als Punky. Geboren 1956 in Zürich. Ausbildung als kaufmännischer Angestellter. Heute Musikredaktor und freier Kulturveranstalter.

Interview: Heinz Nigg

Markus Kenner: Als Lehrling ging ich schon an Vietnam-Demos und 1972/73 erlebte ich den Kampf um ein Jugendhaus im Drahtschmidli. Dann ging es ums Jugendhaus Schindlergut. Das war zwar nicht so eine riesige Sache wie das AJZ 1980. Aber es hatten dort doch ein paar hundert Jugendliche vorübergehend eine Heimat gefunden. Im Schigu habe ich als einer der Ersten Platten aufgelegt. Punk kam gerade auf, und weil ich als DJ Punk aufgelegt habe, erhielt ich den Namen Punky, der mir bis heute geblieben ist. Bei mir war alles immer gekoppelt mit meiner Freizeit: Leute treffen, kulturelle Aktivitäten, Disco machen, Konzerte organisieren, Filme zeigen. Und das alles war verbunden mit politischem Engagement. Als Lehrling begann ich andere Lehrlinge zu organisieren. Zusammen mit Trotzkisten und anderen Grüppchen machte ich im KV-Komitee mit. Jugendrevolte, Jugendhäuser: Das interessierte mich brennend!
Mit einigen meiner politischen Freunde begann ich auch vermehrt ins Ausland zu schauen. Wir lasen alles über Punk und Rock against Racism in England. Wir gingen nach Frankfurt an Konzerte von Rock gegen Rechts und hatten dann die Idee, in Zürich auch so etwas zu gründen: Rock als Revolte. Wir begannen nach der Schliessung des Schindlergutes an anderen Orten weiter Konzerte und Discos zu veranstalten, zum Beispiel im Polyfoyer. Dann wurden 1979 alle diese Lokale geschlossen. Und plötzlich kam diese Stimmung auf: Es gibt zu wenig Orte für uns Junge. Wir müssen raus auf die Gasse. Deshalb dieser Name «Rock als Revolte», RAR. Es ging um Musik, aber es ging auch um den Kampf für Freiräume.
Wie habt ihr euch zusammengefunden?
Nach einer Niederlage – nachdem das Schigu geräumt wurde – gibt es immer verschiedene Fraktionen: die Militanten, die Gewaltfreien, die Reformisten und andere. Wir beschimpften uns gegenseitig als Verräter. Plötzlich merkten wir, dass die kleinen Gruppen für sich allein nichts mehr zustande brachten und wir wieder zusammenarbeiten mussten. Wir gründeten mit der RAR also etwas Breiteres, Unabhängigeres und vergassen den Detailstreit.
Was machte den Power von Rock als Revolte aus?
Das Besondere daran war eben, dass alle wieder zusammenkamen, die sich vorher bekriegt hatten. Ein Höhepunkt war ein Konzert im Herbst 79 mit der Gruppe Schröders Roadshow, einer deutschen Anarcho-Rockband. Das Konzert hat die Leute wie beflügelt. Es genügte also nicht, Flugblätter an Gleichgesinnte zu verteilen. Wir stürmten dann auch Konzerte von Good News: «Wir wollen billige Konzerte, Gratiskonzerte, wir wollen eigene Räume!» Dies interessierte die Leute, weil die Aktionen im Zusammenhang mit Musik standen und weil es keine Treffpunkte gab. Eine grössere Anzahl von Discos und Partys gab es noch nicht. Die Polizeistunde war auf zwölf angesetzt, und die hat gegolten. Du konntest kaum einen Club eröffnen. Es war ein Mangel da, den viele Leute gespürt haben.
Ich machte mit bei den Piratenradios. In einer Wohnung im Kreis 4 sassen wir zusammen. Der eine hat Musik mitgenommen, der andere sprach ein Textli ins Mikrofon. Das nahm man auf, und einer sendete das Ganze. Das war unsere Art des Aufrufs zur Rebellion. Die dazu passende Musik war eindeutig Punk, Rock und Reggae.
Viele Leute sind auf den fahrenden Zug aufgesprungen. Wir wussten auch: Mit der Roten Fabrik muss es vorwärts gehen. Dann kam noch die Geschichte mit dem Umbau des Opernhauses, als wir dachten: für die gibt es wieder so viel Geld und für uns nichts. Vor dem Opernhauskrawall sind wir schon zweimal nach Veranstaltungen in der Roten Fabrik einfach dringeblieben, haben unsere eigenen Konzerte durchgezogen, hatten Mikrofone auf der Bühne und haben diskutiert. Hunderte von Leuten kamen zusammen: solche, die auf Punk standen, andere auf Blues-Rock, Langhaarige, Kurzhaarige, Freaks. Ein paar ältere 68er schauten auch herein – Unzufriedene von früher. Der 30. Mai 1980, der Opernhauskrawall, ist also nicht aus heiterem Himmel gekommen. Wir ahnten aber nicht, welche Ausmasse das Ganze annehmen würde. Dass Bob Marley am gleichen Abend im Hallenstadion spielte, war ein Zufall. Da strömten ja dann tausende von Jungen in die Stadt. Die Stadtbehörden hätten es eigentlich kommen sehen müssen. Wir waren in Briefkontakt mit dem Stadtrat, haben unsere Forderungen deponiert und sind abgewiesen und abgespeist worden. Die merkten nichts. Die dachten: «Was wollen jetzt da die Jungen, und was ist jetzt plötzlich los mit der Roten Fabrik? Nur nöd gsprängt!» Stadtpräsident Sigi Widmer war schon damals nicht mehr auf der Höhe der Zeit.
Wie hast du die erste Nacht erlebt?
Da hatten wir also unsere Demo vor dem Opernhaus, und es knallte wirklich. Ich war überrascht. Aufregung war da. Wir gingen nicht mehr nach Hause. Es war eine ungemeine Wut da, aber auch Stärke. Man spürte, dass die Macht eine Nacht lang auf der Gasse lag. Leute wurden verprügelt und verhaftet, aber die Polizei kam nicht mehr mit. Bei der Polizeiwache neben dem Rathaus wurde das erste Polizeiauto umgekippt. Man rannte im Niederdörfli herum, die einen warfen Scheiben ein, andere schmissen Container um. Am Abend darauf kamen wir wieder vors Opernhaus. Auf der Opernhaus-Wiese hatte es ein Festzelt. Wir gaben durch: «Morgen um 8 Vollversammlung!» Das Medienecho war enorm, und wir merkten: Aha, es bewegt sich etwas. Überall wurde berichtet, im Radio, in der Tagesschau. Der «Sonntagsblick» schrieb: «Toll, wie sie plünderten und prügelten!» Mehr als tausend Jugendliche kamen an die erste VV. Wir forderten: «Gebt uns das AJZ bis in drei Wochen!» Das alles gab uns eine Menge Auftrieb. Diese Aufbruchstimmung hielt den ganzen Sommer über an.
Wie ging es für dich weiter?
Wir diskutierten das im kleinen Kreis, mit den Leuten, die bei den Vorbereitungen der Opernhaus-Demo dabei gewesen waren. Wir hatten an der VV gesehen, dass ganz andere Leute am Mikrofon das Wort ergriffen und dass die Bewegung an Breite zugenommen hatte. Wir beschlossen, unsere Gremien aufzulösen, weil es nun nicht mehr darum gehen konnte, das eigene Zeug durchzupushen. Es gab neue Allianzen, und jeder musste für sich selbst entscheiden, wo und wie er weitermachen wollte. Ich machte in diesem ersten Sommer, als das AJZ aufging, in mehreren Arbeitsgruppen mit. Wir gaben im AJZ die erste Zeitung der Bewegung heraus – das «Subito». Ich blieb auch weiterhin im Kontakt mit der Roten Fabrik.
Gab es auch Enttäuschungen?
Es kam, wie es kommen musste. Man hatte untereinander Probleme. Das AJZ musste eine Menge soziale Aufgaben wahrnehmen, was eigentlich gar nicht vorgesehen war: die ganze Drogengeschichte, der Fixerraum. Zu viele verschiedene Leute wurstelten an den gleichen Sachen herum. Die zunehmende Repression gab mir schon zu denken, viele in meinem Freundeskreis sind drangekommen – ich auch.
Wie?
Ein Erlebnis vergesse ich nie. Es gab eine Demo gegen die Wohnungsnot. Ich wurde von der Polizei mit hundert anderen in eine Tiefgarage beim Kaufleuten hinabgetrieben. Wir waren in der Falle! Die Schmier kam, völlig aggressiv, die haben gezittert. Es fehlte nicht viel, und die hätten uns alle mit Tränengas eingenebelt und zusammengeknüppelt. Wir wurden alle verhaftet. Ich hatte nachher einen Prozess wegen Landfriedensbruch und wurde zu einer bedingten Gefängnisstrafe verurteilt. Solche Ereignisse, aber auch die Strassenschlachten, das Katz-und-Maus-Spiel mit der Polizei und das Niederknüppeln, beschäftigen mich noch heute manchmal in meinen Angstträumen: ausweglose Situationen, das Gefühl, an die Kasse zu kommen. Dann merkst du im Verlauf der Jahre, du stehst nicht mehr so in dem drin, bist jetzt an einem andern Punkt. Und dann tauchen sie plötzlich doch wieder auf – diese Gewaltszenen, Polizeiszenen. Da merke ich, dass mich das immer noch nicht ganz losgelassen hat.
Wann kam das Ende der Bewegung?
Ich war dabei bis zur zweiten Schliessung des AJZ am 23. März 1982. Dann gab es den Kampf gegen die Wohnungsnot – den Häuserkampf.
Wie ging es für dich beruflich weiter?
Ich arbeitete ein paar Jahre in der Betriebsgruppe der Roten Fabrik, dann im Quartier- und Kulturzentrum Kanzlei. Ich machte auch beim «Lora» mit. Irgendwann kam der Moment, in dem ich genug hatte von den endlosen Diskussionen, vom Immer-wieder-von-vorne-Beginnen und wo niemand dem anderen gute Ideen gönnen mag. Dann stiess ich zu Radio DRS 3, zuerst als Plattenwäscher und später als Musikredaktor. Ich konnte also Musik, die ich mochte, ins Programm einbringen und hatte Breitenwirkung.
Parallel zu meiner beruflichen Tätigkeit habe ich mich bis heute immer wieder für kulturelle Freiräume eingesetzt: zum Beispiel in der Kaserne mit dem Disco-Syndikat und später das Organisieren von Bar- und Partyveranstaltungen. Es interessiert mich weiterhin, was mit dem grossen Kasernenareal geschieht. Für mich bedeutet dieses Areal nach wie vor eine Chance für die Kultur und das soziale Leben mitten in dieser Stadt. Die letzte Entscheidung ist da noch nicht gefallen.
Jetzt, da mein Sohn 19 ist, eine Lehre absolviert hat und ausgezogen ist, suche ich eine Neuorientierung in meinem Beruf. Ein neuer Lebensabschnitt hat begonnen.
Wie war die Zeit mit deinem Sohn?
Als Steff auf die Welt kam, gab es in unserem Umfeld nur wenige Leute mit Kindern. Man wohnte in Kommunen und Wohngemeinschaften und dachte: Was soll das, Kinder? No future! Ein Kind zu haben, angesichts der damaligen Lage der Welt – das war gar nicht angesagt. Ich reduzierte dann meine Arbeit und musste mich in der Roten Fabrik noch für Kindergeld und Teilzeitpensen einsetzen. Da hiess es oft: «Ist ja euer Bier, ein Kind zu machen!» Meine Freundin und ich arbeiteten also beide Teilzeit und teilten uns in die Erziehung und Betreuung von Steff – auch später, als unsere Beziehung auseinander gegangen ist.
Wie beurteilst du rückblickend die Auswirkungen der Jugendunruhen auf die achtziger Jahre?
In Zürich gab es kulturell einen Nachholbedarf. Die Leute sind aktiv und kreativ geworden: im sozialen Bereich, in der Drogenarbeit, in den Schulen, beim Aufbau von sozialen und kulturellen Netzen. Von den Leuten des damaligen Videoladens, die «Züri brännt» gedreht hatten, sind heute viele mit ihren eigenen Projekten beschäftigt oder sind in neuen Zusammenhängen tätig. Ehemalige «Lora»-AktivistInnen sind nun beim Radio, beim Fern- sehen und in anderen Medien. In der Kunstszene gab es neben den traditionellen Galerien neue Projekte. Auch in den Quartieren war etwas los. Da und dort wurde ein Haus besetzt: der Häuserkampf in der Schmiede Wiedikon, am Stauffacher. Dann kam der Kampf ums Quartier- und Kulturzentrum Kanzlei und später in den frühen neunziger Jahren die Besetzung der Wohlgroth. Immer wieder sind so neue Freiräume entstanden.
Was erwartest du von einer Aufarbeitung der 80er-Bewegung?
Man vergisst schnell einmal, was diejenigen gedacht haben, die nicht im eigenen Grüppli gewesen sind, und dass es noch ganz andere Ansichten und Analysen gibt. Ich habe diese Bewegung als eine von hunderten, von tausenden erlebt. Man verzieht sich dann wieder und weiss gar nicht, an welchen anderen Projekten gearbeitet wurde oder welche Schlüsse andere aus den damaligen Ereignissen zogen.
Welche Schlüsse ziehst du aus deinen 80er-Erfahrungen?
Dass es sich immer wieder lohnt, sich zu wehren und sich für etwas einzusetzen, ob das nun parlamentarisch, mit Petitionen oder mit Demos sei – ob gewaltfrei oder militant auf der Strasse. Und dass man sich dauernd überlegen soll: Wo kann man etwas erreichen? Ich möchte auch aufzeigen, dass die Tatsache, dass heute einige 68er und 80er an den Schalthebeln der Macht sitzen, mit dem zu tun hat, was sich damals auf der Gasse abgespielt hatte, und dass die heutige kulturelle Vielfalt vor allem auf die achtziger Jahre zurückgeht. Viele, die in den letzten Jahren von auswärts in diese Stadt gezogen sind, wissen davon überhaupt nichts – warum was wie entstanden ist und dass alles erkämpft werden musste, mit Druck und Engagement.

Mein Gegenstand

Die Platte Definitiv (Zürich 1976–1986) gab ich zusammen mit ein paar Kollegen heraus. Da ist die Endsiebziger-Stimmung drin, der Aufbruch von Punk, der Bewegungsdrive von 1980 und dann die Vielfalt der damals aktuellen Musik. Ein paar Stücke da drauf sind für mich wie ein Film aus jener Zeit. Da hat es Musiker wie Stephan Eicher, Yello, aber auch Bands, die damals in gewissen Szenen wichtig waren wie Blue China, Bucks, City Vibes. Aber auch Gruppen wie Hertz, Kleenex und Lilliput. Auch der Song «Campari Soda» ist dabei, den damals viele noch gar nicht richtig kannten, weil die Platte vor 1980 nur in ein paar hundert Exemplaren herausgekommen war und erst später ein heimlicher Renner wurde. Das sind Zeitdokumente, die wir auf der Musikebene aufgearbeitet haben.

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