Auf allen Kanälen: Mit rechtem Spin

Nr. 12 –

Wie der Algorithmus von Social-Media-Plattformen systematisch rechte Aktivist:innen bevorzugt – und traditionelle Medien marginalisiert.

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stilisiertes Logo von Twitter/X

Immer mehr Leute informieren sich in den sozialen Medien zu politischen Themen: In den USA nutzt sie jede vierte Person als primäre Newsquelle, unter Jugendlichen und jungen Erwachsenen in Deutschland tun dies bereits drei von vier. Fair enough, könnte man meinen, solange sie ihre Nachrichten über die digitalen Kanäle der etablierten Medien empfangen.

Bloss ist dem nicht zwingend so, weil der Algorithmus der Plattformen bestimmt, was sie zu sehen bekommen und was nicht. Wie demokratiepolitisch gefährlich das ist, wird seit dem Cambridge-Analytica-Skandal 2016 und der US-Präsidentschaftswahl, die Donald Trump damals gewann, heiss debattiert. Verlässliche Forschungsdaten zur Frage, ob und wie Algorithmen Menschen politisch manipulieren, gibt es noch kaum. Die bislang grösste Untersuchung dazu, an der Meta beteiligt war, fand keinen messbaren Effekt.

Jetzt kommt eine in der aktuellen Ausgabe des renommierten Fachmagazins «Nature» veröffentlichte Studie unter Schweizer Beteiligung zu einem anderen Ergebnis: Der algorithmische Feed von X beeinflusst User:innen nicht nur politisch, er tut dies in eindeutiger ideologischer Richtung – nach rechts.

Sympathien für den Kreml

Rund 5000 Personen aus den USA nahmen im Sommer 2023 am Experiment teil. Sie alle waren bereits zuvor regelmässig auf X aktiv gewesen, drei von vier im algorithmischen Feedmodus. Nun wurden sie nach dem Zufallsprinzip in zwei Gruppen geteilt: Die eine verwendete über sieben Wochen hinweg den algorithmischen Feed, die andere den chronologischen. Messbare Verschiebungen in den politischen Meinungen und Präferenzen zeigten sich danach nur in jener Untergruppe, die bislang den chronologischen Feed benutzt und nun erstmals den Algorithmus aktiviert hatte.

Immigration und Kriminalität gehörten plötzlich zu den drängendsten politischen Themen, vor dem Experiment hatten noch Gesundheitsversorgung und Bildung Priorität genossen. Statt der Demokrat:innen wurden jetzt die Republikaner:innen favorisiert, man stellte sich gegen die damals laufende Strafverfolgung von Trump, entwickelte Sympathien für den Kreml und wandte sich vom ukrainischen Präsidenten Selenski ab.

Das wohl beunruhigendste Resultat der Untersuchung aber ist: Selbst nachdem der algorithmische Feed wieder abgestellt worden war, folgten die Proband:innen weiterhin vermehrt rechtspolitischen Accounts. Eine inhaltliche Analyse der Feeds machte zudem deutlich, welch entscheidende Rolle der Algorithmus dabei spielte, indem er Posts mit vielen Likes, Reposts und Kommentaren im Feed priorisierte, grundsätzlich Posts mit politischen Inhalten präferierte und darunter wiederum die rechtsgerichteten bevorzugte. Für die Autor:innen der Studie zeigt das Experiment klar: «Der Algorithmus hat einen signifikanten Einfluss darauf, wem die User:innen folgen», und grundsätzlich «einen nachhaltigen Effekt auf ihren Feed und ihre politischen Überzeugungen».

Traditionelle Medien stärken

Eine jüngst publizierte Studie des finnischen Thinktanks Sitra mit aktuelleren Daten bestätigt diese Funktionsweise des Algorithmus nicht nur für X, sondern auch für Instagram und Tiktok. Jungen Menschen zwischen 18 und 24 spülte der Algorithmus zu fast sechzig Prozent rechtsgerichtete Inhalte in den Feed – selbst wenn sie explizit linkspolitische Präferenzen angaben.

Zumindest für den Jugendschutz wäre viel gewonnen, wenn die Plattformen dazu verpflichtet werden könnten, per Default statt im algorithmischen im (aktuell gut versteckten und nicht dauerhaft wählbaren) chronologischen Feed zu laufen. Dieser hat aber noch einen viel weitreichenderen Vorteil: Er verleiht den traditionellen Medien mehr Sichtbarkeit und Präsenz. Wie der Wechsel in den algorithmischen Feed im Experiment nachwies, verdrängte der Algorithmus die etablierten Medien zugunsten von Beiträgen (mehrheitlich rechter) politischer Aktivist:innen aus dem Feed. Im chronologischen Modus hingegen hat auch professioneller Journalismus, der weniger Klicks generiert, eine Chance; die rechten Marktschreier werden im Feed ausgedünnt.

Die Resultate der «Nature»-Studie machen deutlich, wie dringend es ist, sich im Namen der demokratischen Meinungsbildungsfreiheit den Social-Media-Konzernen entgegenzustellen. Die Schweiz bewegt sich mit der geplanten, völlig zahnlosen Plattform(nicht)- regulierung in die komplett falsche Richtung.