Alles anprobieren! Unterschätzt (7): Ein ganz gewöhnliches Musical? Der verkannte Film im radikalen Schaffen von Chantal Akerman.

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Filmstill aus «Golden Eighties»: eine Gruppe von Frauen schaut erstaunt
Glück und Liebe in der Ladenpassage: «Golden Eighties». Filmstill: Janus Films

Ein Marmorboden, über den Frauen- und Männerfüsse eilen. Die einen in Lederschuhen oder Loafers, die anderen in Pumps, Ballerinas oder Stöckelschuhen. Auch sonst zieht sich eine strenge Dichotomie der Geschlechter durch dieses Musical: Die Frauen tragen bunte Kleider und Föhnfrisuren, die Männer Anzüge mit Bundfaltenhosen. Wann immer sich ein Mann und eine Frau gegenüberstehen, geht es um Liebe, ansonsten bleiben die Gruppen unter sich. Feministisches Filmschaffen? Stellt man sich eigentlich anders vor.

Chantal Akerman (1950–2015) aber, die grosse belgische Filmemacherin, die vor zehn Jahren im Alter von 65 Jahren aus dem Leben schied, ist eine unbestrittene Ikone des feministischen Kinos. Nicht nur, weil sie sich in den 1970er Jahren als Frau in der Männerdomäne des europäischen Autorenkinos durchsetzen konnte.

Auch stilistisch brachen ihre Filme die patriarchale Perspektive auf, ja verstörten diese nachgerade. Als die britische Zeitschrift «Sight and Sound» ihren Film «Jeanne Dielman, 23, quai du Commerce, 1080 Bruxelles» 2022 zum «Greatest Film of All Time» kürte, wurde das als überfälliger feministischer Triumph gefeiert. (Alle zehn Jahre lässt «Sight and Sound» die internationale Filmkritik die hundert besten Werke der Filmgeschichte ermitteln. Schon 2012, als «Citizen Kane» nach einem halben Jahrhundert an der Spitze von «Vertigo» abgelöst wurde, war «Jeanne Dielman» der bestplatzierte Film von einer Frau – damals auf Rang 36.)

Akerman selbst aber hat sich gegen das Etikett immer gewehrt, und ihr Musical «Golden Eighties» (1986) kann man als eine Art Protestnote lesen – selbstverständlich nicht gegen die Forderungen des Feminismus, aber gegen das Festgelegtwerden auf eine Filmsprache. Akerman drehte Dokumentar- und Spielfilme, kurze und lange, fürs Kino und fürs Fernsehen – und wechselte in über dreissig Filmen sehr häufig zwischen Genres und Motiven. Trotzdem stellt man in Werkschauen stets jene Filme von ihr ins Zentrum, die sich unschwer als feministisch lesen lassen: «Je tu il elle» (1974), «Jeanne Dielman» (1975), «News from Home» (1976), «Les Rendez-vous d’Anna» (1978).

Das Spiel mit der Konvention

Das Musical «Golden Eighties» – mit seiner betont heteronormativen Kleider- und Geschlechtsordnung, seinen eingängigen Kompositionen und seinem vordergründig konventionellen Plot um einen Reigen unglücklicher Lieben – ist in diesem Kontext ein Unikum. Dabei ist das, was diesen Film neben Akermans als stilistisch radikal erachteten Filmen so gewöhnlich wirken lässt, gerade das Besondere daran. Natürlich darf man es beim Verkehren der Gegensätze nicht übertreiben, aber wie alle Filme von Chantal Akerman ist auch «Golden Eighties» ein Experiment, ein Ausprobieren, hier eben mit den Formen von Konvention und Musical.

Das Setting des Films ist wie für ein Bühnenstück gewählt: Mit Ausnahme der letzten drei Minuten spielt alles in einer Ladenpassage, der «Galerie de la Toison d’Or» in Brüssel. Hier gibt es das Modegeschäft von Madame und Monsieur Schwartz (Delphine Seyrig und Charles Denner), den Schönheitssalon von Lili (Fanny Cottençon) und das Café, in dem Sylvie (Myriam Boyer) hinter dem Tresen steht. Im Salon von Lili ist auch Mado (Lio) beschäftigt, die unsterblich verliebt ist in Robert (Nicolas Tronc), den Sohn des Ehepaars Schwartz. Mado hat das grosse Pech, dass Robert seinerseits der schönen Lili verfallen ist. Und wie das Leben so spielt, lässt sich die selbstbewusste Lili zwar ganz gern zwischendurch auf das Werben von Robert ein, hält aber schon aus geschäftlichen Gründen an ihrer Affäre mit Monsieur Jean (Jean-François Balmer) fest, der ihr den Salon finanziert.

Die Mädchen und Jungs, die in der Passage ein und aus gehen, im Café herumsitzen oder bei Lili arbeiten, reflektieren gleichsam in Form eines griechischen Chors das Hin und Her zwischen Mado, Robert und Lili. Ist es wirklich ein Glück für Mado, dass sie sich mit Robert verlobt, oder wird es mit Liebeskummer enden? Vor Lili haben alle Respekt, sie gilt als Frau, die es sich «leisten kann», zwischen Liebhabern zu jonglieren. Zwischendurch freuen sich alle, wenn Sylvie wieder einen Brief von ihrem Liebsten bekommt, der nach Kanada gefahren ist, um das grosse Geld zu machen. Nun zittert sie mit jedem Brief, dass er dort so viel Neues entdeckt, dass er sie dabei vergisst. Aber noch sind die Zeilen, die er schickt, voll Sehnsucht nach ihr. «Er liebt Sie!», diagnostiziert der Amerikaner Eli (John Berry), den es irgendwie in die Passage verschlagen hat.

Das Herz dieses bunten Treibens – und des ganzen Films – bildet nämlich eine andere Geschichte von unerwiderter Liebe. Eine, über die nicht öffentlich geredet wird und von der ausser den zwei Beteiligten auch niemand weiss. Eli ist hier, um Jeanne zu suchen, die von Delphine Seyrig gespielte Madame Schwartz. Jahrzehnte zuvor, kurz nach dem Krieg, als sie aus dem Konzentrationslager kam, hatte er sie als Soldat unter seine Fittiche genommen. Sie sei so fragil gewesen, dass er damals nicht gewagt hätte, mit ihr eine Liebesbeziehung zu beginnen, gesteht er ihr beim Wiedersehen. Auch Jeanne hat ihn nie vergessen, aber soll sie ihr glückliches Leben an der Seite ihres Ehemanns nun einfach aufgeben?

Melancholie im Strassenlicht

Die grosse Kunst von Akermans kleinem Musical besteht darin, wie sie die Wehmut über Jeannes und Elis verpasste Liebe zum Zentrum macht, ohne sie explizit zu thematisieren. Aber es ist die Melancholie von Eli und Jeanne, die dem Liebesreigen seine Tiefe verleiht: Sie ist ein Widerhall sowohl von Akermans eigener Familiengeschichte – ihre Eltern waren Holocaust-Überlebende – als auch der Filme von Jacques Demy, an die «Golden Eighties» als Hommage anschliesst.

Als ob sich Akerman jedoch selbst diesem Etikett wieder entziehen wollte, lässt sie das Ehepaar Schwartz und die im Brautkleid von Robert verlassene Mado zum Schluss aus der Passage heraus ins helle Strassenlicht treten. Da stehen sie, wie aus einem Verlies entlassen. Monsieur Schwartz versucht Mado mit einem so bodenständigen Vergleich aufzumuntern, dass man sich auch selbst sofort getröstet fühlt. Mit der Liebe sei es wie mit Kleidern: das eine zu teuer, das andere schlecht gemacht, das dritte nur auf dem Bügel wunderschön, aber nicht an einem selbst. «Also musst du dir ein anderes suchen, du kannst ja nicht nackt herumlaufen! Wenn das alle täten, wäre mein Geschäft ruiniert!»

«Golden Eighties» an den Solothurner Filmtagen, im Rahmen des Fokus zum Thema «Kitsch»: Kino Uferbau, Mo, 26. Januar 2026, 12 Uhr.

Unterschätzt

In dieser Rubrik würdigen wir Werke, die zu Unrecht vergessen gingen oder nicht die Aufmerksamkeit erhielten, die sie verdienen. Bisher erschienen: «Das Höllentor von Zürich» von Cyrill Oberholzer und Lara Stoll («wobei» Nr. 1/20), «Showgirls» von Paul Verhoeven («wobei» Nr. 1/21), die tschechische TV-Serie «Die Besucher» von Ota Hofman und Jindřich Polák («wobei» Nr. 1/22), «The Fountain» von Darren Aronofsky («wobei» Nr. 1/23), «Something Wild» von Jack Garfein («wobei» Nr. 1/24) und die Filme von Lucile Hadžihalilović («wobei» Nr. 1/25).