Back to the Future mit Pfandflaschen Unterschätzt (3): Das beste Zeitreisekino findet im Kinderfernsehen statt, wie die tschechische Serie «Die Besucher» zeigt.

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Zeitreisen mit Stil: «Die Besucher» schöpft das komische Potenzial des Stoffs aus, statt mit Effekten zu klotzen. Foto: Milos Schmiedberger, Ceska Televize

Davor, dass Kinder Filme sehen könnten, die nicht für sie bestimmt sind, wird reichlich gewarnt. Doch dass Erwachsene viel zu selten das schauen, was für Kinder gemacht wurde, und dadurch unweigerlich Grossartiges verpassen, davor warnt man leider viel zu wenig.

Kinderfernsehen aus den frühen Achtzigern gehört somit zwangsläufig zu den unterschätztesten Genres überhaupt – nicht nur, weil die auf ihren guten Geschmack Bedachten sich über dessen Zielpublikum erhaben fühlen, sondern weil es zudem aus einer Ära stammt, als man noch schnöde «Fernseh» gaffte und nicht Quality-TV streamte. Wer stolz drauf ist, keine Serie jenseits von «The Sopranos» gesehen zu haben oder höchstens mit ironischer Distanz, kennt denn auch die tschechische Science-Fiction-Kinderserie «Navstevnici» nicht, die 1984 in der DDR unter dem Titel «Expedition Adam ’84» und im restlichen deutschsprachigen Westen als «Die Besucher» lief. Ein Fehler.

Weltformel im Schulheft

Im Jahr 2484 debattiert ein Weltenrat aufgeregt über den drohenden ökologischen Kollaps aufgrund intergalaktischer Verlagerung. Ein beratendes Forschungsgremium weist dann darauf hin, dass bereits im Jahr 1984 der damalige Primarschüler und spätere Nobelpreisträger Adam Bernau in eines seiner Schulhefte eine hilfreiche Formel zur Verschiebung ganzer Welten gekritzelt haben soll, die später im Zuge eines Brandes leider verloren gegangen sei. Kurzerhand wird eine Expedition aus vier Spitzenwissenschaftler:innen ins Jahr 1984 ausgesandt, um die Formel zur Erdrettung sicherzustellen. Nach Training im Museum (der Umgang mit Seltsamkeiten der Vergangenheit wie Klos und Betten will schliesslich geübt sein) reisen die als Landvermessungsteam getarnten Menschen der Zukunft in die tschechische Kleinstadt Kamenice. Auf der Suche nach dem zukünftigen Genie finden sie dort einen eher unkonzentrierten Schullümmel und auch sonst nicht das, worauf sie ihr Anführer, der eitle Historiker Filip, vorbereitet hat.

Glibber zum Zmittag

Was das komische Potenzial von Zeitreiseparadoxien angeht, war das tschechische Fernsehen damit sogar noch schneller als «Back to the Future», der ein Jahr später ins Kino kam. Überhaupt ist es verblüffend, wenn man vergleicht, wie dieselbe Idee im Ostblockfernsehen und im Westkino ausgearbeitet wurde. Es scheint nämlich, als hätte das tschechische Fernsehen schon parodiert, was das US-Kino erst noch auf die Leinwand bringen würde. Wo beispielsweise die Zeitmaschine in «Back to the Future» in einen extravaganten DeLorean eingebaut wird, tarnt sie sich in der tschechischen Serie als russischen Lada-Kombi. Und statt mit Product Placement für Pepsi wie in der amerikanischen Suburbia beschäftigen sich die Zeitreisenden in Böhmen mit dem für sie mysteriösen Gebrauch von Pfandflaschen. Auch was die USA an puritanischer Prüderie ausleben, bekommt in «Die Besucher» einen parodistischen Dreh: Nacktheit ist in der Zukunft kein Problem, aber wehe, man vergisst, die eigene Glatze – die hier Männer wie Frauen haben – mit einer Perücke zu bedecken!

Vor allem erweist sich diese Serie heute als deutlich clevereres Gegenstück zu all dem sich selber so wahnsinnig ernst nehmenden Mindfuck- und Big-Concept-Quark, auf den sich Schaumschläger wie Christopher Nolan spezialisiert haben. Nicht nur ist der Synthesizer-Soundtrack von Karel Svoboda cooler als der unvermeidliche Soundbombast von Hans Zimmer. Auch der ganze Ausstattungsaufwand und das digitale Effektgeklimper, das in Filme wie «Inception» oder «Interstellar» gebuttert wird, entpuppt sich angesichts dieser Kinderserie kurzerhand als sinnlos hinausgeworfenes Geld. Richtig gute Ideen sind nicht von Budgets abhängig.

Eines der besten Gadgets von «Navstevnici» und damit der gesamten Science-Fiction-Filmgeschichte bleibt der von den Reisenden mitgeführte «Vernichter» in Form eines banalen Aktenkoffers: Alles, was man in ihn reintut, ist einfach verschwunden, wenn man ihn wieder öffnet. Der Trick ist so alt wie die ersten Stopptricks von Georges Méliès um 1900 und bleibt dabei trotzdem eleganter als jedes noch so aufwendig computergerenderte Wurmloch im nächsten Blockbuster. Und lustiger noch dazu: etwa wenn ein Einbrecher seine Beute in eben diesem Vernichter davontragen will. Richtig psychedelisch schliesslich wird es, wenn die Zeitreisenden zu Mittag essen und auf ihren Tellern ein ganz von alleine sich bewegendes Sammelsurium an Esswaren vor sich hin transformiert, bis aus dem zuckenden Butterzopf-Hartei-Saucisson-Schaum-Konfitüre-Gewusel ein gallertartiger Glibberwürfel geworden ist. Kein Wunder, sieht das verstörend aus, denn diese Tricksequenzen hat kein anderer als der legendäre Spätsurrealist und Stop-Motion-Meister Jan Švankmajer gestaltet.

Die Zentrale denkt schief

Auch sonst dürften die Verantwortlichen hinter «Navstevnici» eigentlich keine Unbekannten sein: Ota Hofman (Drehbuch) und Jindřich Polák (Regie und Drehbuch) haben zusammen eine ganze Reihe tschechischer Fernsehserien gemacht, darunter auch die wohl berühmteste um den mit seiner Melone zaubernden Pan Tau. Im Gegensatz zum stumm-liebevollen Pan Tau mit seinen harmlosen Verstössen gegen die Sitten der Erwachsenen ist der Ton in «Navstevnici» jedoch etwas bissiger. Denn in der Maskerade der Zeitreisekomödie ist das natürlich vor allem auch eine Satire auf Bürokratie und Beamtenapparat, der hier in der Verkörperung des Fachidioten und Apparatschiks Filip durch den Kakao gezogen wird.

Überhaupt lässt sich die Gesandtschaft aus der Zukunft auch als Moskauer Funktionärsdelegation lesen, die den sowjetischen Bündnispartner kontrollieren soll und dabei zielsicher alles missversteht. Und auch im «Zentraldenker», jenem Supercomputer in Form eines blinkenden Glaswürfels, der überhaupt erst vor dem Kollaps gewarnt hat, darf man vielleicht eine Anspielung auf die Figur des ersten Vorsitzenden sehen. Dass dieser selber – so viel Spoiler mag erlaubt sein – eigentlich schiefgewickelt ist, erweist sich dann als besonders schöne Pointe. Der sowjetischen Regierung sind solche Sticheleien, wie sie sich ja sehr oft in den tschechischen Kinderfilmen versteckt haben, offenbar nicht aufgefallen. Auch sie haben in ihrem Dünkel «Navstevnici» offensichtlich unterschätzt.

Die fünfzehnteilige Serie «Die Besucher» gibts auf DVD in der Reihe «Tschechische Filmklassiker»

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