Zwangspsychiatrie: «Ich bin eine Leiche zwischen Lebendigen»

Nr. 11 –

Der Basler Journalist Julius Süss ist auf dem Weg zum gefeierten Literaten. Im Berlin der Nazizeit gerät er in Not und zurück in der Schweiz in die Mühlen der Psychiatrie. 33 Jahre lang bleibt er interniert, doch er verschafft sich Luft: mit einer Fülle aberwitziger Zeichnungen.

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Foto von Julius Süss im Jahr 1960
Julius Süss, 1960. Foto: Privatarchiv

1923 liest der 26-jährige Julius Süss in Basel erstmals aus seinem literarischen Schaffen vor. Die «Basler Nachrichten», das «Basler Volksblatt» und die «National-Zeitung» sind vom Debüt hingerissen. Sie feiern einen neuen Star, vergleichen Süss, der sich Hans Volkmar nennt, mit Georg Büchner und Balzac, loben seine «kühne Paradoxie», den «grotesken Witz», die «derbe Intuition». Die «National-Zeitung» schreibt, Süss’ Werk münde in eine Botschaft: «Haltet euch nicht ans Realistische, sonst stolpert ihr, seht hinter das Wort!» Doch der weitere Weg des aufstrebenden Autors sollte nicht von Triumphen, sondern vom psychiatrischen Räderwerk geprägt werden.

Dem Journalisten wird die Literatur nicht in die Wiege gelegt. Der 1897 in eine kleinbürgerliche und katholische Familie geborene Süss wächst in Basel auf. Er hat sechs Geschwister, der Vater ist SBB-Beamter, die Mutter Hausfrau. In der Schule fällt Julius mit herausragenden Noten auf. Erst absolviert er eine kaufmännische Lehre, die ihn langweilt, dann erlangt er dank Stipendien in Schwyz die Matura und studiert in Basel und München Literaturwissenschaft. Seine Doktorarbeit schreibt er zum Thema «Lessing als Stürmer und Dränger», daneben arbeitet er am Theater Basel als Hilfsdramaturg.

Noch vor Abschluss der Dissertation erkrankt Süss an Tuberkulose, wie er später zu Protokoll geben wird. Die meisten Angaben zu seiner Biografie stammen von ihm selbst. In Leysin und Locarno macht er eine fast zweijährige Kur. Dort fängt er an, Romane und Theaterstücke zu schreiben, und verliebt sich in eine ebenfalls an Tuberkulose erkrankte Deutsche. Nachdem die beiden genesen sind, was damals fast einem Wunder gleichkommt, folgt Süss der Frau nach Berlin, wo er Theaterkritiken und Buchbesprechungen verfasst. Daneben treibt er sein literarisches Werk weiter voran. 1926 erlebt Süss seine Sternstunde: Das Theater Basel führt sein Drama «Der Sultan und sein Narr» auf, eine machtkritische Komödie des Menschlichen, wie die Presse berichtet. Der Kleinbürger klopft an die Pforten des Kulturolymps.

Apolitisch und feinsinnig

Kurz zuvor sind seine Verhandlungen mit den renommierten Verlagen Eugen Diederichs in Jena und Albert Langen in München gescheitert. Beide sind mehr als angetan von seinem Romanmanuskript «Die Stadt», das er handgeschrieben eingereicht hat, verlangen aber, dass er den Text überarbeite und kürze; Langen stellt ihm gar eine Schreibmaschine zur Verfügung. Das will Süss nicht. Dass beide Verlage auch völkische Titel führen, scheint ihn nicht zu stören, falls er es überhaupt bemerkt.

Dann schlittert der Journalist in Berlin in eine finanzielle und seelische Krise. Er und seine Verlobte, die beim Berliner Finanzamt arbeitet, finden nicht zueinander, die journalistischen Aufträge werden seltener, keiner seiner drei Romane wird publiziert. Sie sind wie seine Theaterstücke verschollen. Die Nationalsozialisten, die 1933 die Macht übernehmen, stossen ihn ab. Süss fühlt sich, so erzählt er später den Ärzten, immer fremder in Hitler-Deutschland, das «egoistisch» sei. Er ist apolitisch und feinsinnig.

Zeichnung «Porträt: Die Mutter» von Julius Süss
«Porträt: Die Mutter». Zeichnung: Julius Süss, «Begegnungen – Hans Brühlmann, Gertrud Schwyzer, Julius Süss, Günther Uecker», open art museum, St. Gallen, 2011

1935 taucht Süss, inzwischen fast vierzig, in den Polizeiakten der Stadt Basel auf. Kurz vor Weihnachten meldet er sich auf einem Posten, er habe kein Geld und sei obdachlos. Er ist aus Berlin zurückgekehrt, die Verlobung ist aufgelöst. Die folgenden Monate wohnt er bei seiner inzwischen verwitweten Mutter und im katholischen Gesellenhaus, bettelt Stiftungen um Geld an, schickt seine Kurzgeschichten den «Basler Nachrichten». Deren Feuilletonredaktor, Eduard Fritz Knuchel, druckt aus Mitleid ab und zu einen der Texte, die er noch als dem Publikum zumutbar erachtet, zweifelt aber, ob der «verarmte und stinkende» Journalist, wie er schreibt, noch normal sei.

Knuchel legt seinem Freund John E. Staehelin, Psychiatrieprofessor und Direktor der Basler Heil- und Pflegeanstalt Friedmatt, Süss’ Texte zur Prüfung vor. Nur darum sind sie überliefert. Sie tragen Titel wie «Der Revolver», «Das Attentat», «Der Psychopath», «Der Bluff». Unheimlich muten sie an, bizarr und bedrohlich. Sie handeln vom Unheil, das sich über Süss zusammenbraut. Knuchel schreibt, sie würden «nicht ohne Logik eine kristallene Überwirklichkeit über den Dingen erbauen».

Staehelin, ein führender Eugeniker, ist sich sicher: Die Texte seien die Erzeugnisse eines «Defektschizophrenen» oder «begabten Psychopathen». Knuchel ist vorsichtiger: Süss’ Gestörtheit sei ja harmlos, erwidert er, es gebe für die Behörden keinen Grund, sich mit ihm zu befassen – als ob er ahnte, was Süss bevorsteht. «Dem stillen Betrachter bleibt als innerer Stachel die Frage nach dem Warum und Wozu solcher Existenzen, denen niemand helfen kann.»

Die repressive Seite der Schweiz

Helfen hätte man Julius Süss in seiner Not sehr wohl können, finanziell und mit einer Begleitung, aber er wurde «administrativ versorgt» wie Zehntausende andere im 20. Jahrhundert. Süss’ Krankengeschichte wird von den Psychiatrischen Diensten Solothurn, der früheren Heil- und Pflegeanstalt Rosegg, vom Staatsarchiv Basel-Stadt und von einer Privatperson aufbewahrt. Aus den Akten lassen sich Teile seiner Lebensgeschichte nachbilden – und aus Polizeirapporten und Presseberichten, die ebenfalls im Basler Staatsarchiv ruhen.

Die Behörden stuften Personen wie ihn als «verwahrlost» und «gestört», als «liederlich» und «gefährdet» ein – Männer, die nicht arbeiten wollten oder konnten, Frauen mit unehelichen Kindern, Verarmte und Eigensinnige. Die freiheitliche Bürgernation Schweiz zeigte ihre repressive Seite. Bis Ende des 20. Jahrhunderts waren administrative Versorgungen gängige Praxis; erst 2010 bat Bundesrätin Eveline Widmer-Schlumpf die noch lebenden Betroffenen um Entschuldigung.

Zeichnung «Der Irre sieht sich im Spiegel» von Julius Süss
«Der Irre sieht sich im Spiegel». Zeichnung: Julius Süss, «Begegnungen – Hans Brühlmann, Gertrud Schwyzer, Julius Süss, Günther Uecker», open art museum, St. Gallen, 2011

Kurz vor Weihnachten 1936 ruft der Herbergsvater des katholischen Gesellenhauses Basel die Polizei, weil Süss voller Ungeziefer sei; stundenlang stehe er regungslos mit halb offenen Augen herum. Die Polizei nimmt den Journalisten mit auf den Posten und wäscht ihn von Kopf bis Fuss. Süss sagt, er sei daran, eine grössere Arbeit über das «Flugproblem» fertigzustellen. Ein paar Wochen später greift ihn die Polizei wiederum im Heim der Heilsarmee auf und führt ihn dem Gerichtspsychiater Salomon Schönberg zu. Der Professor befindet, Süss weise «keine Zeichen einer eigentlichen Geisteskrankheit» auf, «keine Halluzinationen, keine Wahnideen, keine Intelligenzdefekte», er benehme sich ruhig und sei nicht gemeingefährlich; eine Zwangsinternierung sei nicht angezeigt, ausser Süss könne nicht selber für sich aufkommen. Der Journalist ist wie viele Leute nicht gegen Krankheit versichert.

Nun geraten Süss’ Mutter und seine Geschwister unter Druck. Falls Julius sich nicht auffängt, müssen sie seinen Lebensunterhalt finanzieren. Sie machen den Behörden klar, dass sie dazu weder imstande noch willens sind. Die Mutter und eine Schwester, die Nonne ist – wie die zwei weiteren auch –, verlangen Julius’ Einweisung in eine Anstalt, er habe einen «Spleen» und sei am Verhungern, so gehe es nicht weiter.

«Affektiv versandet»

Die Psychiaterin Ida Rodel, eine Jungianerin, begutachtet ihn. Anders als der Gerichtspsychiater fällt sie ein vernichtendes Verdikt: Süss sei «apathisch, affektiv versandet, gleichgültig, stumpf», ein Schizophrener. Am 3. März 1937 liefert die Polizei Süss in die Heil- und Pflegeanstalt Friedmatt ein, wo er erneut begutachtet wird. Die Diagnose lautet wiederum Geisteskrankheit, Autismus, Verwahrlosung. Direktor Staehelin präsentiert Süss, dessen beklemmende Kurzgeschichten er bereits gelesen hat, seinen Kolleginnen und Kollegen. Süss beharrt darauf, er wolle weiter Journalist sein, er fühle sich nicht krank. Die Psychiatrieakten halten fest, dass ihm der ärmliche Zustand seiner Kleider gleichgültig sei; hingegen kümmere er sich liebevoll um seine kleinen Wörterbücher, die er sorgfältig in Papier einwickle.

Da weder Julius Süss noch seine Angehörigen seinen Psychiatrieaufenthalt bezahlen, muss die Heimatgemeinde Trimbach im Kanton Solothurn dafür aufkommen. Nur einen Monat später, im April, wird Süss auf Beschluss der Solothurner Regierung in die Klinik Rosegg bei Solothurn überführt. Die ersten Wochen wird er einer speziellen Kur unterzogen. Die Krankengeschichte notiert, dass die Spritzen dem Patienten gut bekämen, er fühle sich wie neugeboren. Er sage, jetzt merke er, wenn er sich körperlich vernachlässige, und er hoffe, wieder ganz hergestellt zu werden.

Im Geheimen stürzt sich Süss ins künstlerische Schaffen. Aus dem Nichts wird er zum virtuosen Zeichner. Er fertigt rund 400 kleine Darstellungen an, die aus der Welt des Theaters und des Films schöpfen. Er porträtiert Berühmtheiten wie Marlene Dietrich, und manchmal kommen auch «Irre» und «Gott» vor, die wie versteinert erscheinen. Als Mutter und Schwester ihn besuchen, zeigt Süss ihnen die Bilder. Vor den Ärzten verstecke er sie, sagt Süss der Schwester, weil diese nur etwas Krankhaftes daraus lesen würden. Sogleich informiert die Schwester die Psychiater.

Abgründiger Witz

Anders als die Kurzgeschichten sprühen einige Zeichnungen von abgründigem Witz. Sie sind heute im Museum Gleichundanders in Leukerbad zu sehen. 2011 hat das Museum im Lagerhaus in St. Gallen (heute Open Art Museum) sie neben Werken weiterer Insass:innen der Psychiatrie ausgestellt. Ungewöhnlich sei, hielt die Kunsthistorikerin Monika Jagfeld fest, wie Süss seinen sowohl an Wilhelm Busch als auch an Picasso erinnernden Stil auf Figuren aus Literatur und Oper anwende: auf Goethe, Shakespeare, Wagner oder Verdi. Süss karikiert die Bürgerkultur, die in der Psychiatrie ohne jede Bedeutung ist.

Wenn er nicht zeichnet, vertieft er sich in Bücher. Sogar Rosegg-Direktor Moritz Tramer, international bekannter Pionier der Kinderpsychiatrie, interessiert sich für Süss’ Tun. Der Patient übersetze lateinische und griechische Texte, teilt Tramer den Ärzten mit, wobei er frei vorgehe und in Homers Epen die Worte «Psychiater» und «Narrenhaus» ausmache. Seine Schrift sei mikroskopisch klein, niemand könne sie entziffern. Süss verfasst wie sein heute berühmter Zeitgenosse Robert Walser, der ebenfalls in der Psychiatrie sitzt, mit Bleistift «Mikrogramme». Was ihm teuer ist und was man ihm noch gelassen hat, reduziert er auf nahezu nichts.

Ende Sommer 1938 ist dann Schluss: Süss hört auf mit Zeichnen, Lesen und Schreiben, zum Ärger der Ärzte. Er tritt in einen Kreativitätsstreik. Mehrfach fordern sie Süss auf, sich intellektuell zu betätigen; schliesslich sei er ein gebildeter Mann, und auch die Kunst Geisteskranker sei wertvoll. Worauf Süss erwidert: «Ich bin nicht Hölderlin.» Friedrich Hölderlin, der legendäre Dichter, soll Teile seines Werks als Geisteskranker in einem Turmzimmer verfasst haben und wird auch darum verehrt. Süss weigert sich, sein Schicksal in den Dienst der Kunst zu stellen. Auf diese Auszeichnung verzichtet er. «Wie kann man etwas Geistiges leisten, wenn man für irrsinnig erklärt wird? Ich bin eine Leiche zwischen Lebendigen. Wo sich die Türen eines Irrenhauses schliessen, ist man tot für die Menschheit.»

Die Ärzte lassen nicht locker. Sie setzen ihn unter Druck, sich wenigstens in der Anstaltspapeterie nützlich zu machen. Auch das lehnt Süss ab. Findet er sich dennoch in der Papeterie ein, erledigt er seine Arbeiten aufreizend langsam. Die Krankengeschichte hält fest, Süss versimpele und habe bereits einfältige Ansichten, er sei passiv und stumpf, autistisch und «kataton», am Verblöden.

Die Wochen, Monate und Jahre ziehen dahin. Mehrmals wird Süss einer Elektroschockkur unterzogen, die aber seinen Zustand nicht ändere, wie die Psychiatrieakten festhalten, auch wenn die Ankündigung der Kur kurz seinen Arbeitseifer wecke. Beharrlich behauptet er, er sei der einzige Insasse; die anderen Patient:innen seien bloss Angestellte. Er nimmt die Klinik nicht hin.

Mit der Zeit erhält Süss mehr Auslauf, die Anstalt öffnet sich. An den Wochenenden spaziert er von der Rosegg in die Stadt Solothurn, um einen Kaffee zu trinken. Er wird von ehemaligen Schulkollegen besucht, die sich wieder an den Klassenbesten erinnern und für ihn Geld sammeln. Die Familienangehörigen kommen fast nie vorbei. Einmal sagt Süss: «Die grösste Freude wäre für mich, wenn mich jemand für normal erklären würde.»

Anfang der 1960er Jahre bessert sich Süss’ Zustand, wenn man den Psychiatrieakten glaubt. Die Gemeinde Trimbach sucht für ihn einen Arbeitsplatz, damit sie nicht mehr zahlen muss, doch ohne Erfolg. Auch die Klinik würde ihren Patienten gerne in einer Familie platzieren, wer aber nimmt schon einen alten Verrückten auf? Der Zug für die Reintegration ist längst abgefahren.

Süss wird gesprächiger, er beteiligt sich an den Therapien. Ihm wird Triperidol verschrieben. Das Neuroleptikum, eines der ersten Medikamente gegen Schizophrenie, scheint zu wirken. Er äussert den Wunsch, Lastwagenchauffeur zu werden – was die Ärzt:innen mit der Bemerkung quittieren, er sei realitätsfremd geblieben. 1965 weilt er mit anderen Insassen zehn Tage im Ferienheim Läufelfingen im Kanton Basel-Landschaft. So lange und weit weg von der Rosegg ist er seit bald dreissig Jahren nicht mehr gewesen.

«Ferien im Irrenhaus»

Der Pfleger bringt Süss dazu, einen Aufsatz über das Ferienheim zu schreiben. Für seine Groteske wählt er den Titel «Ferien im Irrenhaus». Der Text gibt vor, dass sich der Autor ernsthafte Gedanken zu seinem Aufenthalt macht – was er tut, doch nur, um die Absurdität des Ferienheims und der Psychiatrie zu entlarven. «Man verbringt also seine Ferien unter der Aufsicht des Irrenhauses», schreibt Süss, «wie wenn man sich in einem etwas gestörten Hotel befände, Ferien, die sonst, unter den gegebenen Verhältnissen und Umständen, unmöglich wären. Das zu ermöglichen ist eben das persönliche Geschick dieser Erfinder auf dem Gebiete der Patientenfürsorge.» Das Ganze sei eine «bewundernswerte Erfindung», weil «Ferien in einem Hotel für Irrenhauspatienten zu riskant sein könnten». Für die Patienten, nicht für die Hotelgäste.

1968, im Jahr der Jugendrevolte, sagt Süss den Teilnehmer:innen der Gruppentherapie, er habe nie Wahnideen gehabt, sondern bloss keine Arbeit mehr gefunden, darum sei er hier. Früher habe er geschichtliche Dramen geschrieben. Er erklärt der Gruppe den Marxismus und die Revolutionen der Weltgeschichte. Die Ärzt:innen freuen sich. In den Psychiatrieakten steht: «Dem Patienten geht es psychisch sehr gut. Er ist für seine 71 Jahre noch wunderbar erhalten.» Zwei Jahre später stirbt er.

Julius Süss hätte nicht in der Psychiatrie enden müssen. Mit seinen Zeichnungen hatte er sich ja schon auf den Weg zurück in die Freiheit gemacht. Vielleicht litt er tatsächlich an einer Krankheit. Vielleicht war sein Verhängnis aber auch nur, dass er die Sache mit der Literatur, die das Fantastische feiert, für bare Münze nahm. Das hiesse dann: Weil er sich nicht an das Realistische hielt, wie die Basler «National-Zeitung» ihn lobte, wurde er für verrückt erklärt und weggesperrt.