Nr. 06/2011 vom 10.02.2011

Kompressor-Motor-Schnellzugsmaschine

Wie soll man mit Werken umgehen, die einst in psychiatrischen Anstalten entstanden sind? Ein Forschungsprojekt hat viel in Bewegung gesetzt.

Von Rea Brändle

Schon im 19. Jahrhundert wurde in den neuen Heil- und Pflegeanstalten erstaunlich viel gezeichnet, gemalt, gebastelt, getüftelt und geschrieben. Nicht zu therapeutischen Zwecken allerdings, die meisten Anstalten waren Bauernhöfe, da hatten alle mitzuarbeiten, soweit die Krankheit dies zuliess: die Männer in Feld und Stall, die Frauen in Küche und Keller. Noch heute betreibt die Klinik Königsfelden in Windisch eine Gärtnerei, erst 1999 wurde dort die Landwirtschaft aufgegeben respektive 2002 durch einen Streichelzoo ersetzt.

Von eisernen Tagesabläufen, verbunden mit körperlicher Arbeit an der frischen Luft versprach man sich lange Zeit beste psychische Heilungschancen, nicht hingegen vom kreativen Schaffen, das allerdings der Untätigkeit vorgezogen und deshalb zumindest toleriert wurde. Viele der langjährig Internierten machten davon Gebrauch, es entstanden eigentliche Lebenswerke, und auch wenn kaum alles aufgehoben wurde, muss sich im Lauf der Zeit doch einiges angesammelt haben.

1800 inventarisierte Werke

Dass diese Arbeiten jetzt nach und nach zum Vorschein kommen, ist einem Nationalfondsprojekt zu verdanken. Es startete 2006 mit dem spröden Titel «Bewahren besonderer Kulturgüter», und wurde von der Kunsthistorikerin Katrin Luchsinger geleitet. Zusammen mit vier Mitarbeiterinnen hatte sie während zweier Jahre zu untersuchen, was aus konservatorischer und aus wissenschaftlicher Sicht für Werke zu tun wäre, die zwischen 1850 und 1920 in psychiatrischen Anstalten entstanden sind. Dabei konzentrierten die Forscherinnen sich auf die legendären Sammlungen der Waldau bei Bern – berühmt vor allem durch die Kunst von Adolf Wölfi – sowie die verborgenen Schätze von Königsfelden und der Rheinau.

Die Rheinau drängte sich auf, weil die einst grösste Pflegeanstalt der Schweiz seit 2000 leer steht und das zürcherische Immobilienamt als Besitzerin der gesamten Hinterlassenschaft grosses Interesse am Rat von Sachverständigen zeigte. Auch die beiden andern Institutionen, so Luchsinger, hätten viel Hilfsbereitschaft bekundet, sodass innerhalb zweier Jahre, teils in Estrichen und Kellern, teils in Krankengeschichten, rund 1800 Werke aufgestöbert und inventarisiert werden konnten, oft grössere Werkgruppen einzelner Persönlichkeiten.

In der Dunkelheit haben diese Arbeiten trotz billiger Materialien all die Jahre gut überstanden. Noch überraschender ist ein zweiter Befund der Kunsthistorikerin: «Ob es sich bei diesen Werken um Kunst handelt, sollte noch eine Weile offenbleiben. Viel wichtiger ist, sie zunächst in ihrem Kontext zu betrachten.» Auch wenn die Kliniken dazu etwas investieren müssten: ein klimatisierter Aufbewahrungsraum, einige Stellenprozente für die fachgerechte Betreuung, ein paar Arbeitsplätze oder ein kleines Museum, um die Werke einem interessierten Publikum zugänglich machen zu können.

C. F. Meyer in Königsfelden

Das sind keine realitätsfremden Wünsche. Seit 1993 gibt es in der Waldau ein solches Museum, geleitet vom Psychologen Andreas Altorfer, der in seinen Wechselausstellungen fachbezogene Themen wie Fabeltiere, Hirnforschung oder Nacktheit und Sexualität behandelt und die eigenen Sammlungsbestände gern mit zeitgenössischer Kunst konfrontiert.

2008 wurde auch in Königsfelden in einem kleinen Kellergewölbe ein Museum eröffnet, aufgebaut von Otto Buchs, einem mittlerweile pensionierten Pfleger. Er kann selbst trockene Fakten aus der Anstaltsgeschichte spannend erzählen und arbeitet zudem mit verschiedenen Medien: Broschüren, Diashows, Fotos, Tondokumenten – Material für manche Stunde, ja, Tage. Man erfährt ebenso von der dichtenden Trudi M. wie von C. F. Meyer, dem – neben dem Komponisten Mendelssohn Bartholdy – prominentesten Patienten. Man sitzt auf seinem Sessel und hört über Kopfhörer, wie 1892/93 sein Schriftstellerkollege Adolf Frey die Anstalt und den Zustand des Freundes beschrieben hat. Fast könnte man dabei vergessen, dass es in Königsfelden, wie Otto Buchs festhält, bis 1972 noch Zehnbettzimmer gab.

Herr Mösli und Herr Mörgeli

Ebenfalls 2008 wurde die mittlerweile inventarisierte Sammlung von Königsfelden in der ehemaligen Nachtwächterloge sachgerecht untergebracht. Zudem ist mit Jacqueline Fahrni, einer Mitarbeiterin des Kulturgüterschutz-Projekts, eine teilzeitliche Kuratorin engagiert worden. Sie wird in der einstigen Direktorenwohnung der Klinik jeweils Teile der Sammlung ausstellen.

Nicht überall läuft die Zusammenarbeit von Praxis und Wissenschaft so gut wie in Windisch. Leider muss an eine unerfreuliche Geschichte aus Zürich erinnert werden, wo der Pfleger Rolf Mösli an seinem Arbeitsort ein kleines Museum aufgebaut hatte. Ab 1989 führte er jeden Mittwoch eine Schar Interessierter durchs Haus, hinauf zu seinem Lebenswerk über die Geschichte einer Institution – von der Irrenanstalt Burghölzli bis zur Psychiatrischen Universitätsklinik (PUK) – mit all den segensreichen Seiten, aber auch den unschönen: Zwangsjacken, Lügendetektoren und der fehlenden Intimsphäre.

Das Museum müsse Herzstück, ja, das Gewissen des Hauses sein, sagte Mösli, und das wars vermutlich, was den Verwaltungsdirektor 1999 veranlasste, das Unternehmen als «unprofessionell» zu beschimpfen und anzuordnen, dass die Objekte auszulagern seien ins Medizinhistorische Museum, wo Titularprofessor Christoph Mörgeli ein zeitgemässes Ausstellungskonzept entwerfen werde. Erfolglos wehrten sich 800 Angestellte der PUK gegen die Schliessung.

Eine Brücke über den Zürichsee

So einleuchtend es ist, die Werke in ihrem Erstehungskontext zu zeigen, soll dies nicht heissen, dass man sie quasi einschliessen müsste. Luchsinger selbst gestaltete 2008 zusammen mit Altdorfer für das Berner Kunstmuseum die Ausstellung «Der Himmel ist blau» über Werke aus der Waldau. Mit «Pläne» gab sie im Chronos Verlag dazu ein aufschlussreiches, gut lesbares und schön gemachtes Buch heraus.

Gegenwärtig ist in St. Gallen mit «Rosenstrumpf und dornencknie» eine Werksausstellung aus der Rheinau zu sehen. Die älteste Arbeit stammt von Johann Heinrich H. aus dem Jahr 1856, er hatte sein vierteiliges, eigenwillig verziertes Holzbesteckset in die Anstalt mitgenommen, obwohl dort Messer und Gabel strikt verboten waren. Faszinierend auch die Projekte von Johann Heinrich H. – «Nachahmung strengstens verboten» – eine Autofeuerspritze zum Beispiel, eine Kompressor-Motor-Schnellzugsmaschine (1917), ein Glockenturbinensystem (1921) eine elektrische Ziegelfabrik (1923) und eine Brücke über den Zürichsee.

Anton Z. zeichnete um 1900 sämtliche Angestellten der Nordwestbahn, wobei kurioserweise sich die meisten zum Verwechseln ähnlich sehen. Jakob Friedrich W. träumte derweil in hinreissenden Farben von Tänzerinnen vor seinem «Eidgenössischen Theater und Ballett Casino». Näher am Alltag sind hingegen die unglaublich filigranen Handarbeiten von Lisette H. oder die verschlüsselten Botschaften von Hermann M., die sich bei genauerem Hinsehen als Tagebuchmontage aus Wetterbericht, Menuplänen und Zeitungsnotizen herausstellen. Biografisch verknüpft sind auch die Stickereien von Jeanne Nathalie Wintsch, die zudem ein Phänomen repräsentiert: Im Kanton Zürich dürfte sie von Gesetzes wegen nur als Johanna Nathalie W. auftauchen, im Aargau bloss als J. N. W., doch irgendwann werden Kunstwerke und Schicksale einzelner Personen zu bekannt, als dass ihre Namen sich anonymisieren liessen.

Malen oder Medikamente

2008 bewilligte der Nationalfonds ein Nachfolgeprojekt für Luchsinger, Fahrni und die Historikerin Iris Blum. Sie sind dabei, ihre Fragestellung auf die ganze Schweiz auszuweiten. Dabei wird das Schwergewicht sich auf die Jahre 1908 bis 1930 verlagern, die intensivste Zeit kreativer Betätigung. Es begann damit, dass Walter Morgenthaler als Psychiater in die Waldau kam und dort seine viel beachtete Habilitation «Übergänge zwischen Zeichnen und Schreiben bei Geisteskranken» schrieb. Die Psychoanalyse hatte hellhörig für die Deutung von Lebenszeichen der Kranken gemacht, ebenso eine Reihe neuer zeichnerischer Testverfahren, resümiert Luchsinger. Zwar wurden in der Schweiz diese Traditionen nach 1930 nicht so jäh unterbrochen wie andernorts, aber auch hier setzte man lange Zeit wieder mehr auf Arbeitstherapie – und auf Medikamente.

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