Durch den Monat mit Ines Tanović (Teil 4): Was lehren uns Migrant:innen über Resilienz?

Nr. 5 –

Im dokumentarischen Theater «Radio Live» erzählt Ines Tanović von ihrem Aufwachsen im Bosnienkrieg. Mit auf der Bühne stehen junge Frauen aus Syrien und der Ukraine. Gemeinsam schaffen sie Verbindungen, die über Generationen und Kriege hinweg reichen.

Diesen Artikel hören (6:07)
-15
+15
-15
/
+15
Portraitfoto von Ines Tanović
«Ich betrachte Migrant:innen in gewisser Weise als die letzten Revolutionär:innen 
unserer Zeit»: Ines Tanović.

WOZ: Ines Tanović, fällt es Ihnen leicht, über den Bosnienkrieg zu sprechen?

Ines Tanović: Während des Krieges war ich noch ein Kind. Danach wollte ich einfach nur weg aus Mostar und Bosnien – es fiel mir schwer, über meine Kriegserfahrungen zu sprechen. Ich war in dieser Hinsicht sehr verschlossen, weil ich dachte, dass das Aufarbeiten all dieser schlechten Erinnerungen, Situationen und Gefühle nur weitere Probleme mit sich bringen würde.

WOZ: Und doch sprechen Sie heute im dokumentarischen Theater «Radio Live» über ebendiese Erfahrungen. Wie kam es dazu?

Ines Tanović: Vor zehn Jahren interviewte mich Aurélie Charon, damals Journalistin und heute künstlerische Leiterin von Radio Live Production. Sie arbeitete an einer Radioserie namens «Underground Democracy», die junge Menschen in Konfliktgebieten porträtierte.

Während des Gesprächs stellte sie mir unerwartet persönliche Fragen zu meinen Kriegserlebnissen. Ich wurde wütend, empfand die Fragen als Eingriff in meine Privatsphäre und sagte schliesslich: «Warum fragen Sie mich all das? Haben Sie mich je gefragt, ob ich darüber sprechen will?» Ich war ziemlich unhöflich zu ihr. Doch mit ihrer einfühlsamen und tiefgründigen Art brachte sie mich trotzdem zum Reden.

WOZ: Wie ging es weiter?

Ines Tanović: Zwei Jahre später schlug Aurélie Charon vor, die Protagonist:innen der Radiosendung in einem dokumentarischen Theaterprojekt zusammenzubringen. Sie lud mich nach Paris ein und stellte mir Amir Hassan vor, der aus Gaza nach Frankreich gekommen war. Mit ihm stand ich zum ersten Mal auf der Bühne – heute zählt er zu meinen besten und engsten Freunden.

WOZ: Wie war dieser erste Auftritt?

Ines Tanović: Wir spielten in einem kleinen Lokal in Paris. Vor uns stand ein Tisch, hinter uns hing eine Leinwand mit Fotos aus unserer Kindheit. Zum ersten Mal in meinem Leben sprach ich vor Publikum über meine Kriegserfahrungen und die meiner Familie – das fühlte sich unglaublich befreiend an. Ich glaube, diese Aufführungen halfen mir, Frieden mit meiner Geschichte und dem Krieg zu schliessen.

Gleichzeitig traf ich viele wunderbare Menschen, mit denen ich mich trotz unterschiedlicher Herkunft, Alters- oder Lebensumstände sofort verbunden fühlte. Es war, als verstünden wir uns auf Anhieb. So begannen wir, regelmässig aufzutreten, zunächst auf kleinen Bühnen und an alternativen Veranstaltungsorten. Vor drei Jahren bekamen wir dann eine Residenz in einem Pariser Theater, das uns auch etwas Geld für die Produktion anbot. Aus zwei Stühlen, einem Tisch und ein paar Fotos im Hintergrund wurden Stücke, mit denen wir jetzt in grossen Theatern unterwegs sind.

WOZ: Was macht die Theaterstücke von Radio Live so besonders?

Ines Tanović: Wir bringen Geschichten und Gefühle auf die Bühne – und spielen niemanden ausser uns selbst. Wir kommen, wie wir sind. Ohne Drehbuch, ohne festen Ablauf. Ich kenne nichts Vergleichbares. Alles entsteht im Hier und Jetzt zwischen uns Protagonist:innen. Im neusten Stück, «Vivantes», sind wir zu dritt auf der Bühne: Hala Rajab aus Syrien, Oksana Leuta aus der Ukraine und ich – zusammen mit unseren Müttern. Es ist eine generationsübergreifende Erzählung, etwas vom Schönsten, was ich je in meinem Leben gemacht habe.

Von einer Person, die nie über ihre Kriegserfahrungen sprechen wollte, bin ich zu einer Person geworden, die vor tausend Menschen auftritt und sich dabei nie unwohl fühlt. Mit der Bühne haben wir uns einen sicheren Raum geschaffen, mit jeder einzelnen Aufführung kann ich einen Teil meiner selbst befreien.

WOZ: Von was handeln die Geschichten, die Sie auf der Bühne erzählen?

Ines Tanović: Niemand von uns hat einfache Geschichten zu erzählen – doch keine handelt nur von Krieg, Verzweiflung, Traurigkeit und Zerstörung. Wir erzählen von Widerstandskraft und Hoffnung, zeigen, wie der Mensch trotz allem stark bleibt, nicht aufgibt und den inneren Willen bewahrt, für das Leben und seine Möglichkeiten zu kämpfen.

Bei Radio Live spreche ich auch über «Kompas 071» – immerhin habe ich vieles, was ich unter Resilienz verstehe, durch meine Arbeit mit Migrant:innen auf der Balkanroute gelernt.

WOZ: Was lehren uns Migrant:innen über Resilienz?

Ines Tanović: Ich betrachte sie in gewisser Weise als die letzten Revolutionär:innen unserer Zeit. Jede ihrer Taten, jede Grenze, die sie überschreiten, jeder Schritt, mit dem sie ihrem Ziel näher kommen, ist etwas, das die meisten von uns nicht wagen würden.

Ich weiss nicht, ob ich als jemand, die den Krieg überlebt hat, morgen wieder eine Tasche packen und durch unzählige Länder, Demütigungen und Ablehnungen gehen könnte, nur um mein Ziel zu erreichen. Aber wenn ich Menschen auf der Balkanroute treffe, gibt mir das Kraft und Hoffnung, dass man alles überwinden kann, wenn man einen starken Willen, ein Ziel und ein Ideal hat, dem man folgt.

Ines Tanović (41) lebt in Sarajevo und unterstützt mit dem solidarischen Gemeinschaftszentrum Kompas 071 seit fünf Jahren Menschen auf der Balkanroute.