Heimatkunde : Auf einen Becher in Huttwil
Er ist im Pass vermerkt, sonst nichts: Oder gibt es etwas zu entdecken an meinem Heimatort? Ein Ausflug in eine Schweizer Kuriosität.
Gekritzelt, getippt und gesagt habe ich ihn bestimmt Hunderte Male, diesen Namen. In winzige Kästchen, Formulare und die Ohren irgendwelcher Beamt:innen. Jetzt, als ich ihn zum ersten Mal auf dem Bahnhofsschild lese, wirkt er trotzdem fremd. Wie der kleine Taumel, wenn man die eigenen Eltern zum ersten Mal beim Hadern ertappt.
Etwas verloren stehe ich unter gewaltigen Dächern, eher an einer Durchfahrtsstrasse als in einem Ortskern. Zwischen Damenmodegeschäft und Bankfiliale, zwischen Emmental und Oberaargau.
Willkommen in Huttwil BE, meinem Heimatort.
So stehts in meinem Pass, meinem Lebenslauf. Ich war hier noch nie, kenne keine einzige der rund 5200 Einwohner:innen. Das soll sich heute ändern. Mit einer Entdeckungstour, die mich nicht nur in diese einzigartige bürokratische Kuriosität führt. Sondern auch in meine Familiengeschichte, auf Strassen mit Bandenkriegen, bis zu Tränen der Rührung in der Dorfbeiz.
Dann halt Mountainbikes
Löffel klirren, die Kaffeemaschine summt. An diesem Frühlingsmorgen parkieren im Bahnhofsspunten Rollatoren. Am einen Holztisch schweigen sich drei Rentner an, am anderen besprechen drei Frauen den Staubsaugertest im «Kassensturz». Da schwingt die Tür auf, ein Mann im Anzug tritt ein, Brille, Haare streng zurückgekämmt. Er steuert direkt auf meinen Tisch zu.
Es war vor ein paar Wochen auf einer Reise, als ein Bekannter durch meinen Pass blätterte und fragte: «Huttwil, wieso steht das da?» Und ich merkte: Eigentlich weiss ich das gar nicht. Klar, irgendeiner meiner Vorfahren hat wohl mal dort gelebt. Aber was hat dieses Relikt heute noch in meinem Pass verloren? In einem Land, das mich mahnt, wenn ich meinen Umzug nicht innert vierzehn Tagen melde? Als wüsste mein Pass etwas über mich, das ich selbst nicht kenne.
Ich schrieb dem Parlament ein Mail: «Wieso haben wir in der Schweiz noch den Heimatort?»
Ich schrieb meiner Mutter eine Nachricht: «Kann ich vorbeikommen und dich ein paar Sachen fragen?» Sie tippte zurück: «Vorbeikommen kannst du gern, aber nicht wegen Huttwil, dazu hab ich gar keinen Bezug.»
Ich google: Rundherum zentralisierte man sich nach der Französischen Revolution, Heimatort adieu. Die Schweizer Kantone sträubten sich postwendend gegen die neue Verwaltung mit den Klassikern: Heugabeln und Sabotage. Napoleon knickte ein. Mit dem kleinen Nachteil, dass so auch die Bürger:innendaten föderal blieben. Also brauchte jede:r einen Ort, der offiziell über einen Bescheid wusste. Zieht man fort, nimmt man diesen Beweis der Zugehörigkeit in Form des Heimatscheins noch heute mit. Etwas antiquiert, aber bloss nicht wie bei den Nachbarn: Die Schweiz auf einem Blatt.
Der Mann im Anzug streckt seine Hand aus. In seinen Hemdkragen ist «Huttwil» gestickt. Adrian Wüthrich sieht aus wie ein FDPler, schätzt das Jassen wie ein SVPler, schwärmt von E-Bikes wie ein Grüner. Doch er ist der erste SP-Gemeindepräsident in der Geschichte Huttwils.
Er bestellt Kaffee, ich Cappuccino. Er spricht ruhig und überlegt. Seit über zwanzig Jahren wohnt er im «Blumenstädtchen», wie es auf der Gemeindewebsite genannt wird, obwohl vor den Häuserzeilen schon lange keine Geranien mehr blühen. In «Huttu», wie die Einheimischen sagen, wo im Advent Traktoren mit Lichterketten geschmückt durchs Dorf tuckern.
2024 wählten die Huttwiler:innen den «roten Adrian» zum Gemeindepräsidenten – und nicht seinen Vorgänger, SVP-Posterboy Marcel Sommer. Beweis dafür, dass auf dem Land Sympathien eben oft mehr zählen als das Parteibuch.
Wüthrich kannte man bereits. Vom Gemeinderat, vom Kantonsrat, schliesslich vom Nationalrat. Er gilt als umgänglicher als Sommer, munkelt man zumindest im «Bahnhof». Natürlich half auch, dass Wüthrich zum rechten SP-Flügel gehört, er steht klar hinter der Armee. In der Stadt sei er der Rechte vom Land, auf dem Land der Kommunist.
Einer von Wüthrichs linkeren Träumen platzte 2024: Huttwil als «E-Bike-Mekka» der Schweiz. Der E-Bike-Pionier Flyer verlegte seine Produktion ins günstigere Deutschland. Stattdessen soll es nun einen Mountainbikepark geben.
Ich frage Wüthrich: «Was heisst das für Sie, mich als Bürgerin zu haben, obwohl ich nie in Huttwil leben werde?»
Er überlegt. «Es ist vermerkt, sonst nichts.»
Das ist noch nicht lange so. Als wir noch nicht ständig in der Weltgeschichte umherkutschierten und neu anfingen, war der Heimatort in der Regel auch der Ort, an dem wir lebten. Erst die Lohnarbeit der Industrialisierung zog Menschen im grossen Stil fort vom Hof zu den Fabriken. Scheiterte dieses neue Leben, übernahm der Heimatort die Sozialhilfekosten.
Das kam einige Gemeinden so teuer zu stehen, dass sie ihren ärmsten Bürger:innen sogar ein Billett nach Amerika anboten – unter der Bedingung, dass sie um Himmels willen endlich ihr Bürgerrecht abgaben.
Seit 2012 ist das anders: Heute ist für die Sozialhilfe die Gemeinde verantwortlich, in der wir angemeldet sind. Doch der Heimatort spielt durchaus noch eine Rolle: Wenn wir auswandern, können wir wählen, ob wir unsere Stimme am früheren Wohnsitz oder am Heimatort abgeben. Manchmal reicht ein Ortsname im Pass, um noch dazuzugehören.
Die Tür des «Bahnhofs» schwingt wieder auf. Bald gibt es Mittagessen, Rahmschnitzel mit Nüdeli, die Holztische füllen sich. Wüthrich trinkt seinen Kaffee aus. Die Nachbargemeinde habe die Gelegenheit genutzt, als ihr Bürger Moritz Leuenberger Bundesrat wurde, um ihm einen feierlichen Empfang zu organisieren. Obwohl er nie in Rohrbach gewohnt hat.
«Also muss ich berühmt werden, damit Sie mich einladen?», frage ich.
«Abgemacht», sagt Wüthrich.
Eggiwil, Wyssachen?
Autos brausen vorbei. Nach dem Mittagessen setze ich mich auf die warme Mauer des Brunnens, der nicht plätschert. Ich kenne Plätze wie diesen gut, aus dem Dorf im Zürcher Oberland, wo ich aufgewachsen bin. Gebaut für Begegnungen und für Leben, doch das spielt meist anderswo.
Vereinzelte Huttwiler:innen schleppen gemächlich Einkaufstüten vorbei und grüssen. Ein bleierner Sommerferientag mitten im Frühling. Oder ist das etwa kein Stillstand, sondern Gemütlichkeit, die ich nach Jahren in der Stadt nicht mehr erkenne?
Doch mein Heimatort ist nicht nur Idylle, das habe ich schon wegen des Graffiti gemerkt («Guezli si fein»). Letzten Sommer titelte der Blick: «Schlägerei, Schiesserei – Schweinerei!» Erst gab es eine wüste Prügelei zwischen Huttwilern und Eriswilern. Ein paar Wochen später fielen Schüsse aus Sturmgewehren. Nur durch Glück kam Rapper Madeye davon. Die mutmasslichen Täter wurden unterdessen verhaftet.
Beim Restaurant Stadthaus leuchtet buntes Fensterglas in der Sonne. Darin eingelassen sind die Wappen der alten Huttwiler Familien, hat mir Wüthrich erzählt. Ich google. Tatsächlich: «Jordi» ist mit dabei, der Mädchenname meiner Mutter. Ein hübsches Wappen mit blauem Streifen und zwei Blumen.
Früher übernahmen Kinder im Normalfall den Heimatort ihres Vaters, Frauen den ihres Ehemanns. Heute ist es in der Regel der Heimatort jenes Elternteils, dessen Nachnamen die Kinder tragen. Ausser, wie in meinem Fall, wenn ein Elternteil keinen Schweizer Pass hat: Nachnamen meines Vaters, Heimatort meiner Mutter.
Mir ist eine Wissenslücke aufgefallen, ausgerechnet bei meinen engsten Freund:innen. Sonst kenne ich ihre Eckdaten: zweiter Vorname, erster Kuss. Dinge, nach denen man sich an WG-Abenden fragt, wenn alles Wichtige besprochen ist, aber noch niemand ins Bett will und man plötzlich sicherstellen muss, dass man sich wirklich so gut kennt, wie es sich gerade anfühlt. Aber ihr Heimatort?
Lützelflüh, antworten meine Freund:innen aus der Stadt. Eggiwil. Wyssachen. Willisau. In den Dörfern gewesen sind die wenigsten von ihnen je.
Stumpen und Blutwurst
Klick. Ich bin nicht die Einzige, die heute Wappen fotografiert. Ein mittelaltes Paar hat auch ein Handy gezückt. Er trägt Schiebermütze und erzählt, sein Urgrossvater habe hier gelebt. Erst vor kurzem habe ihm sein Vater von den Wappen erzählt, er sei heute zum ersten Mal in Huttwil. Er zuckt etwas verlegen mit den Schultern: «Schon spannend, wenn man plötzlich diese Verbindung hat.»
Was hat uns heute hergezogen, den Schiebermützentypen und mich? Neugier? Oder einfach die Absurdität? Ich schaue auf den Streifen und die Blumen. Mein Grossvater sei auf einem Bauernhof hier in der Nähe geboren, schrieb mir meine Mutter. Das war 1898. Er hiess Gottfried. Ich habe ihn nie kennengelernt.
Ob er manchmal auf diesem Dorfplatz sass, vor über 120 Jahren, als noch Kutschen über das Kopfsteinpflaster holperten, bevor der Strom die Fenster erleuchtete, als in Europa Kaiser regierten und niemand ahnte, dass bald zwei Weltkriege den Kontinent zerreissen würden? Er war schon fast sechzig, als meine Mutter zur Welt kam, und hatte einen Hof im Aargau übernommen. Auf Fotos steht er stark und ohne Lächeln, Fäuste in den Hüften, ein Stumpen zwischen den Zähnen. Er schuftete auf dem Acker, aus Schweinen machte er Blutwurst. Und er wurde wütend, wenn meine Mutter als Teenager heimlich Beatles hörte.
Gottfried. Unendlich weit von meinem Leben entfernt. Hier in Huttwil denke ich an ihn.
Das Herz von Huttu
Die Band spielt funkigen Rock, kein Platz mehr am Holztresen. Schummerlicht. Ein Paar wirbelt unermüdlich durch die Menge, draussen hat sich der Abend über den Brunnenplatz gelegt.
Chrigu bestellt einen Becher, klein und breit. Markus eine Stange, hoch und schmal. Beide Gläser gefüllt mit drei Dezi plus Schaumkrone. Die beiden kennen sich seit über vierzig Jahren, sitzen gern zusammen zum Feierabendbier im «Bahnhof», wo ich sie kennengelernt habe. Sie haben mich mitgenommen ins «Pöstli», wo sie manchmal noch einen Absacker nehmen. Oder drei. «Wenn du schon mal in Huttu bist!», hat Chrigu gesagt. Chrigu grinst breit, Markus lächelt vorsichtig.
Chrigu heisst eigentlich Christoph Hobi. Um den Hals hat er einen hübschen Seidenschal gewickelt, selbstgefärbt. Wegen der Pandemie musste seine Textilfärberei Konkurs anmelden. Seither macht er selbstständig weiter. «Simmer ehrlich», warf Markus Baumann vorhin im «Bahnhof» ein, «sie wäre auch ohne Corona Konkurs gegangen.» Keine einfachen Zeiten für die lokale Industrie.
Als Schreiner montierte Markus Billardtische, spielte auch selber, sicher 40 000 Stunden, war sogar mal Schweizer Meister. Bevor immer mehr Billardhallen schlossen, weil heute kaum mehr jemand Geduld für langsame Spiele hat. Bevor vor acht Jahren das «Schlägli» kam und Markus jede Handbewegung von Grund auf neu lernen musste. «Sags doch, wies ist», wirft Chrigu ein. «Das war kein ‹Schlägli›. Das war ein Schlag.»
Dass es sie mal nach Huttwil verschlagen würde, haben beide nicht erwartet. «Man ist jung und zieht irgendwohin für einen Job», sagt Markus. «Und ehe man es sich versieht, hat man sich eingerichtet und gehört zu den älteren Kalibern.» Immerhin lasse der Drang nach, alles sehen und erleben zu müssen. Chrigu ergänzt: «Man muss das Leben gemütlich nehmen, anders geht es nicht.»
Die Menge klatscht im Takt. Es riecht nach Flammkuchen, den ich am Tresen bestellt habe.
Klar, es gebe schönere Orte als Huttwil. «Aber irgendwo muss man ja sein», sagt Chrigu. Markus gefällt es am See in Thun. Vielleicht ziehe er irgendwann mal noch dorthin. Wobei es ihm schon schwerfallen würde, seine Wohnung aufzugeben. 280 Quadratmeter, liebevoll von Hand umgebaut.
Das Parlament hat zurückgeschrieben. Ein Link zu einer Petition, die 2020 forderte, den Heimatort durch den Geburtsort zu ersetzen. Mit einer Umfrage prüfte man das Interesse der Bevölkerung. Eine deutliche Mehrheit wollte den Heimatort behalten. Seine emotionale Bedeutung sei zu gross, der Geburtsort zu willkürlich, ausserdem würde er Personen mit ausländischen Geburtsorten stigmatisieren. Das Hauptargument war jedoch, es gebe keine rechtlichen Vorgaben, die den Wechsel von Heimatort zu Geburtsort zwingend erforderten. Heisst: Brauchen wir zwar nicht, behalten wir trotzdem. Wer will schon das Geschrei?
Und dann spielt die Band David Bowie: «We can be heroes», singen alle mit. «Das ist halt einfach Huttu», sagt Markus, und als er sich im «Pöstli» umschaut, scheinen seine Augen etwas feucht. «Das hättest du in Thun nie, diesen Groove, diese Stimmung.»
Ich stelle mir vor, alle meine Freund:innen sässen in derselben Beiz statt überall verteilt. Heimat, konzentriert unter einem einzigen, gewaltigen Dach. Ich würde sie zur Begrüssung umarmen, Abend für Abend, mir einen Becher Bier holen und mir die neusten Geschichten aus ihrem Leben anhören. Schön wäre das. Auf Dauer etwas eng.
Der Heimatort von Markus ist Thun. Der von Chrigu ist Mels im Kanton St. Gallen. Ob er schon mal dort war? «Nei, chasch dänke!»
Den nächsten Refrain gröle ich mit: «We can be heroes, just for one day.»
Huttwil.
Wenn ich diesen Namen wieder in kleine Kästchen kritzle, in Formulare tippe oder in die Ohren irgendwelcher Beamt:innen sage, wird er sich anders anfühlen. Lebendig. Irgendwie vertraut.
Ich komme trotzdem erst wieder, sollte ich berühmt werden. ●