Wirtschaften auf dem Land : Weder Disneyland noch stille Zone

Nr.  49 –

Im Emmental wollen die Menschen bleiben und arbeiten, wo sie sind. Auch wenn ETH-Architekten und Avenir Suisse für sie dort keine Zukunft sehen.

Sanfte Hügel, satte Weiden, mächtige Bauernhäuser unter ausladenden Dächern. Herbstlicher Nebel hängt über den Tannen; manchmal öffnet sich plötzlich der Blick ins Tal. Eine kurvenreiche Strasse führt von Schangnau zum Oberschopf. Dort leben Bertha Neuenschwander und ihre Familie, die sich vor fünf Jahren entschlossen haben, Pflegekinder aufzunehmen. Die fünfzehnjährige Irina* lebt seit zwei Jahren bei Neuenschwanders; sie besucht die achte Klasse, fährt zweimal täglich mit dem Töffli die steile Strecke ins Dorf hinunter und wieder hinauf, spielt Unihockey im örtlichen Club und befasst sich, wie ihre MitschülerInnen auch, mit der Berufswahl. Gerne würde sie ihre Lehre im Emmental machen. Ob sie das darf, hängt nicht zuletzt von den Eltern und den einweisenden Behörden ab.

«Als ich auf dem Oberschopf ankam, habe ich gemeint, ich spinne, hier würde ich es keinen Tag aushalten», erinnert sich die junge Frau. Mit zwölf hatte sie bereits mehrere Heimaufenthalte hinter sich, ging auf Kurve, wurde wieder aufgriffen und landete am Ende in der geschlossenen Abteilung einer Jugendanstalt. Bei Neuenschwanders sei sie zur Ruhe gekommen, sagt sie selbst. «Und du hast auch in der Schule schwer aufgeholt», meint Anna Neuenschwander, Berthas Tochter, die mit ihrem Partner und drei kleinen Mädchen auf dem Oberschopf wohnt. Unter Annas Aufsicht hat Irina gebüffelt, bis die schulischen Lücken gestopft waren. Irina hilft - wie alle auf dem Hof - in Haushalt und Stall mit.

Neuenschwanders gehören dem vor acht Jahren ins Leben gerufenen Jugendhilfenetz Oberes Emmental an. Inzwischen nehmen 26 Bauernfamilien erziehungsbedürftige Kinder oder Jugendliche auf, meistens für einige Jahre. Das Netz ist eine heimähnliche Organisation mit einer eigenen heilpädagogischen Tagesschule für Kinder, die nicht (oder noch nicht) die Dorfschule besuchen können. Trägerin ist die Stiftung Integration Emmental mit Sitz im Gemeindehaus von Eggiwil. Präsident ist Ueli Haldemann, der ehemalige Eggiwiler Gemeindepräsident und SVP-Grossrat. Er präsidiert gleichzeitig die Tourismus- und Wirtschaftsorganisation Pro Emmental. Susanne Frutig und Urs Kaltenrieder, die die Stiftung Integration ins Leben gerufen haben, kommen aus Zürich und waren früher beide SP-Kantonsräte. Ihr Jugendhilfeprojekt ist Teil eines entwicklungspolitischen Gesamtpakets in einer ländlichen Region. Entstanden ist es in Zusammenarbeit mit dem Kanton Bern und den Gemeinden; die Entwicklung wird mit Bundesgeldern aus dem Regionalentwicklungsprogramm Regio plus unterstützt.

Keine billigen Lösungen

Im Emmental hat das Pflegekinderwesen eine bittere Tradition. Verdingkinder gab es nicht nur zu Gotthelfs Zeiten, sondern bis weit ins letzte Jahrhundert hinein. Es waren billige und misshandelte Arbeitskräfte, die auf fremde Höfe verdingt wurden, wenn ihre Eltern armengenössig waren und die Kinder nicht mehr ernähren konnten. Frutig und Kaltenrieder überlegten lange, bis sie sich für den Standort Emmental entschieden. Bauernromantik - das war es entschieden nicht. Trotzdem sprechen gute Gründe fürs Emmental: die Ruhe, die Lage fernab der Zentren, der Platz, den hier Kinder und Jugendliche haben. Sie suchten das Gespräch mit Gemeindeverantwortlichen und sprachen potenzielle Pflegefamilien an. Das Interesse war vorhanden.

«Wenn wir Jugendliche in Familien platzieren, gehen wir nicht anders vor als bei einer Heimeinweisung. Es gelten fachliche Standards; die Familien werden ausgebildet und begleitet», sagt Kaltenrieder, der selbst stationäre und ambulante Jugendhilfsinstitutionen geleitet hat. «Manche Jugendliche, die auf einen Hof gegeben werden, kommen aus dem Jugendstrafvollzug oder aus der Psychiatrie. In Krisensituationen ist eine 24-Stunden-Betreuung garantiert.» Bei unserem Besuch im Oberschopf sitzt der Psychiater und Psychotherapeut Peter Frey mit am Tisch. Er berät und hilft, wenn es Probleme mit den Jugendlichen gibt. Die positiven Entwicklungen, die er bei vielen Jugendlichen mitverfolgt hat, führt er unter anderem auf die reizarme Umgebung, die Arbeit im Rhythmus der Jahreszeiten und das Zusammenleben im Familienverband zurück. Je nach Auftrag erhalten die Bauernfamilien bis zu 3000 Franken pro Kind und Monat. Ein Heimaufenthalt kann bis zu doppelt so viel kosten.

Das Emmental ist nicht mehr das Land, wo Nidle und Honig fliessen. Im Büro von Pro Emmental zeichnet Ueli Haldemann ein realistisches Bild seiner Region. Hundertfünfzig Jahre lang habe im Emmental Hochkonjunktur geherrscht, heute sei es eine Region mit geringer Wertschöpfung. Der Anteil der landwirtschaftlichen Betriebe hat abgenommen; der Sektor Land- und Forstwirtschaft liegt heute mit vierzehn Prozent der Beschäftigten (im Landesdurchschnitt sind es noch etwa vier Prozent) weit hinter Dienstleistungen, Industrie und Gewerbe. Es habe eine Verlagerung der Produktion hin zu den Hauptverkehrsachsen gegeben, sagt Haldemann: «Es ist uns gelungen, traditionsreiche Firmen hierzubehalten, aber das bringt uns noch kein Wachstum, sondern hilft nur, das Bestehende zu wahren.» Es brauche neue wirtschaftliche Aktivitäten, um den Standort zu halten, denn als Tourismusregion allein sei das Emmental nicht überlebensfähig.

«Oil of Emmental»

Auf der Fahrt durchs Tal fallen die zahlreichen Sägereien auf. Nicht alle sind noch in Betrieb. «Nach dem Sturm Lothar 1999 ist der Holzpreis vollends zusammengebrochen», stellt Kaltenrieder fest. Einige Betriebe hätten sich seither der Energiegewinnung durch Restholz zugewandt. «Oil of Emmental» wurde inzwischen zum Label, denn Holz gibt es im Emmental mit rund 28 000 Hektaren Wald mehr als genug. Aber das reicht nicht. In ihrer Broschüre «Nachhaltige Gemeinde- und Regionalentwicklung im Emmental und Napfberggebiet» stellt die Stiftung Integration fest, dass kleine und mittlere Betriebe in abgelegenen Regionen Mühe hätten, sich Kredite zu beschaffen. Man wolle deshalb bei der Schliessung von Finanzierungslücken helfen.

Das Pilotprojekt Triasol ist ein viel versprechendes Beispiel. Bernhard Wälti von der Wälti Holzbau AG in Signau und Simon Wüthrich von der Sägerei und Holzhandlung Aeschau, Techniker der eine, Betriebsökonom der andere, stehen beide im Betrieb ihrer Väter. Sie haben mit Unterstützung der Stiftung Integration «Triasol» entwickelt, ein Decken- und Dachelement nach Minergiestandards, das aus einheimischem Rundholz mit FSC-Label fabriziert wird (das Label bescheinigt umwelt- und sozialverträgliche Bewirtschaftung der Wälder). Leitungen und Lüftungsrohre können integriert und direkt verlegt werden. Die Maschine, an der die Massivholzdreiecksbalken vernutet und verleimt werden, ist eine Spezialanfertigung. Wie der Einbau funktioniert, zeigen die beiden Jungunternehmer an Ort und Stelle. In einem Kleinbauernhaus oberhalb von Aeschau werden neue Deckenbalken eingezogen. Es duftet nach Holz und Harz. Das helle Material passt gut in die niedrigen Räume.

Weitermachen

In einem NZZ-Artikel im Mai 2006 stellen der Umweltökonom Werner Spillmann und der Städtebautheoretiker Angelus Eisinger fest, die räumliche Zukunft der Schweiz könne und müsse mehr Ideen und unterschiedliche Entwicklungen zulassen. «Nachhaltige Entwicklung bedarf immer auch der Eigeninitiative und der Einbindung der Menschen vor Ort. Erst wenn es gelingt, solche Investitionen mit den Besonderheiten und Wirtschaftskreisläufen eines Tals oder einer Region zu verknüpfen, also die lokale Wirtschaft und Landwirtschaft zu Pfeilern eines umfassenden Konzepts werden zu lassen, kann den strukturellen Schwierigkeiten solcher Gebiete wirksam begegnet werden.»

Während in den Metropolen über die Zukunft der Schweiz nachgedacht wird und sich in den Köpfen der PlanerInnen ganze Landstriche entvölkern und ihrem Schicksal überlassen werden, geht an den steilen Hängen des Emmentals das Leben weiter. Jeden Tag werden bei der Familie Neuenschwander Kühe gemolken und Hausaufgaben gemacht, wird Holz gehackt und Gemüse gerüstet. Dank eines gesicherten Nebenerwerbs ist das weiterhin möglich.

Zukunft im ländlichen Raum

Für den neoliberalen Think Tank Avenir Suisse ist die dezentrale Besiedelung der Schweiz in erster Linie ein teurer Luxus. In eine ähnliche Richtung wies auch eine im Herbst 2005 lancierte Studie von ETH Studio Basel mit dem Titel «Die Schweiz. Ein städtebauliches Porträt». Das Napfmassiv und seine vier Landschaftskammern Emmental, Oberaargau, Entlebuch und Luzerner Hinterland werden hier zu den sogenannten «stillen Zonen» geschlagen (solche werden auch in anderen Regionen, etwa Appenzell-Toggenburg, geortet). Sie sollen die «urbane Sehnsucht nach der Sicht in die Natur, in die Ferne und in die Vergangenheit» verkörpern - eine StädterInnenoptik. Anders als alpine Gebiete, die sich entvölkern und in die nicht mehr investiert wird, stehen sie im Einflussbereich der städtischen Zentren und wandeln sich entsprechend den Bedürfnissen der StädterInnen und des Bodenmarkts. Dass es in solchen Regionen viele kleine und mittlere Betriebe gibt, die gut funktionieren und nicht nur für den lokalen Markt tätig sind, wird dabei ausgeblendet.

Im Sommer 2006 hat das Planungsbüro Metron in Brugg ein Alternatives Raumkonzept Schweiz vorgelegt. Hier wird das Land am Napf den «regionalen Naturparks» zugeschlagen (wie das Unterengadin/Münstertal, das Puschlav, das Maggiatal und das Appenzellerland). Während Berggebiete «abgesiedelt» werden, könnten sich die Menschen in den Naturparks dank einer Kombination von «sanftem Tourismus, Landwirtschaft und internetbasierter Vermarktung lokaler Produkte» über Wasser halten.