Psychedelika: Wohin treibt die Renaissance von LSD & Co.?
Während immer mehr Studien das medizinisch-therapeutische Potenzial von halluzinogenen Stoffen aufzeigen, versuchen rechtslibertäre Kreise in den USA gerade, die Resultate ideologisch zu kapern.
Die Treffen des American Legislative Exchange Council (Alec) gelten als Maschinenraum konservativer Politik. Hier wurden in der Vergangenheit Gesetzesvorlagen vorbereitet, um Umweltauflagen zu lockern oder Gewerkschaften zu zerschlagen. Doch als Rick Perry, ehemaliger Gouverneur von Texas und von 2017 bis 2019 Trumps Energieminister, letzten Dezember die Bühne betrat, präsentierte er ein Anliegen, das auf den ersten Blick nicht in dieses Repertoire passt: Die psychedelische Substanz Ibogain sei ein «Geschenk Gottes», und deren therapeutisches Potenzial müsse unbedingt weiter erforscht werden.
Dass sich ausgerechnet Perry, der als Gouverneur eines der restriktivsten Abtreibungsgesetze des Landes unterzeichnete und Homosexualität mit Alkoholismus verglich, nun für Psychedelika einsetzt, wirkt umso erstaunlicher. LSD wurde bereits Ende der sechziger Jahre in den USA verboten, nicht zuletzt, weil es zum Symbol der linken Gegenkultur geworden war. Zur gefährlichen Droge gestempelt: Das hat die Uno in der Folge sämtliche psychedelischen Substanzen. Zum Erliegen kam durch diese Verbotswelle auch die wissenschaftlich-medizinische Forschung mit Psychedelika, trotz vielversprechender Resultate in der therapeutischen Behandlung von Depressionen, Angststörungen und Suchterkrankungen.
Nach der Jahrtausendwende begann der Wind zu drehen, nicht zuletzt dank unermüdlicher Initiative einzelner Ärzt:innen und Therapeut:innen in der Schweiz, Grossbritannien und den USA. Trotz weiterhin geltender Verbote wird in diesen Ländern seit einigen Jahren wieder intensiv am medizinisch-therapeutischen Potenzial von Psychedelika geforscht.
Dass man in den USA besonders vielversprechende Studienergebnisse bei Kriegsveteranen erzielt hat, die an posttraumatischen Belastungsstörungen leiden, hat auch Perry zum Umdenken bewogen. Dank seiner Lobbyarbeit wurde in Texas 2025 ein Gesetz verabschiedet, das fünfzig Millionen Dollar für klinische Studien mit Ibogain freisetzt. Den Alec konnte er ebenfalls überzeugen: Am 6. Januar verabschiedete dieser ein neues Modellgesetz, das weiteren republikanisch regierten Staaten als Vorlage dienen soll, um dem Beispiel von Texas zu folgen. Psychedelika sind im rechten Mainstream angekommen.
In Washington dürfte dieses Anliegen auf offene Ohren stossen. Denn mit Robert F. Kennedy Jr. hat Trump in seiner zweiten Amtszeit einen Gesundheitsminister ernannt, der Psychedelika klar befürwortet. Kennedy tut dies allerdings aus einer eigentümlichen Mischung aus New-Age-Verschwörungstheorien, Wissenschaftsskepsis und libertärem Anti-Establishment-Reflex. Für ihn gehören Psychedelika zusammen mit Rohmilchkuren, höherem Fleischkonsum oder dem Einsatz von Hydroxychloroquin gegen Covid zu einer Liste von Heilmitteln, die vom medizinischen Establishment angeblich «aggressiv unterdrückt» werden. Zudem erklärte Martin Makary, der neue Chef der US-Arzneimittelbehörde, 2025 die beschleunigte Zulassung psychedelischer Therapien zur Toppriorität.
Weg vom Drogenimage
Rick Doblin, der Gründer der Multidisciplinary Association for Psychedelic Studies (Maps), hat wie kaum ein anderer die klinische Erforschung und therapeutische Institutionalisierung von Psychedelika in den USA vorangetrieben. Er äussert sich vorsichtig optimistisch zu den positiven Signalen aus der Trump-Regierung. Dass Psychedelika heute in konservativen Milieus Anschluss finden, interpretiert er weniger als rechte Vereinnahmung denn als Folge ihres Mainstreamings: «Psychedelika werden nicht länger primär als linkes, gegenkulturelles Anliegen gebrandmarkt», sagt er im Gespräch. Zudem sei eine überparteiliche Unterstützung unabdingbar, wenn psychedelische Therapien dauerhaft gesellschaftlich verankert werden sollten.
Schon früh setzte Doblin deshalb auf Veteran:innen als Zielgruppe psychedelischer Therapien. In der Folge erhielt die Maps vermehrt Gelder aus dem rechtslibertären Sektor. Zum Beispiel von Rebekah Mercer, Mitinhaberin von Breitbart News und eine der grössten Spender:innen der US-Rechten. Oder von Antonio Gracias, der für Elon Musks Doge-Projekt an der Zerschlagung des sozialen Sicherungssystems der USA beteiligt war.
Doblin, der selbst eine Vergangenheit in der linken Gegenkultur hat, erkennt in dieser politischen Akzentverschiebung keinen grundsätzlichen ideologischen Widerspruch: «Wenn konservative Personen wie Rebekah Mercer an Maps spenden möchten, um die Forschung zur MDMA-gestützten Therapie bei posttraumatischen Belastungsstörungen zu unterstützen, habe ich kein Problem damit, ihre Gelder anzunehmen.» Mercer habe ihre Spende einzig an die Bedingung geknüpft, dass sie Veteran:innen zugute komme.
Mehr Kopfschmerzen bereitet Doblin jedoch eine parallele Entwicklung. «Das psychedelische Feld richtet sich zunehmend an den Logiken profitorientierter Unternehmen aus. Es geht um Umsatzsteigerung, nicht um Patient:innen», sagt er. Als Negativbeispiel verweist er auf die jüngste Geschichte von Ketamin. Mit dem Esketamin-Nasenspray erziele der Pharmakonzern Johnson & Johnson jährlich eine Milliarde Dollar Gewinn. Doch oft komme der Spray ohne angemessene therapeutische Begleitung zum Einsatz, und die Wirkung sei nur kurzfristig. Statt nachhaltiger Heilung entstehe so ein Modell permanenter Anwendung.
Patent, da patentierbar
Tatsächlich wittern Investor:innen mit Psychedelika grosse Profite. Schätzungen zufolge soll der psychedelische Markt bis 2027 auf über zehn Milliarden Dollar anwachsen. Eine der zentralen Figuren dieses psychedelischen Kapitalismus ist der deutsche Techinvestor Christian Angermayer. Als Gründer von Atai Life Sciences und – zusammen mit Peter Thiel – Hauptinvestor bei Compass Pathways, dem weltweit grössten Pharmaunternehmen, das auf die Entwicklung und Vermarktung von Psychedelika zielt, treibt er die Transformation psychedelischer Substanzen in patentierte Pharma-Assets voran.
Dabei bedient Angermayer das volle Spektrum der reaktionären Ideologie des Silicon Valley, in der sich transhumanistische Heilsversprechen, antidemokratische Ressentiments und libertärer Marktfundamentalismus vermengen. Sich selbst sieht Angermayer als Teil einer auserwählten Techelite, die der Menschheit eine Zukunft aus KI, Hirnimplantaten, Marskolonien und radikaler Lebensverlängerung verspricht.
Dass dieser technologische Wandel für viele mit sozialen Brüchen und traumatischen Verdrängungseffekten einhergehen dürfte, ist ihm bewusst. «Wir, die Elite», sagte er 2021 in einem Gespräch mit dem rechten Podcaster Dave Rubin, «müssen diesen Menschen in den niedriger qualifizierten Jobs neue Arbeitsplätze anbieten. Aber gleichzeitig müssen wir sicherstellen, dass sie diese neuen Jobs auch wollen.» Und genau hier könnten Psychedelika helfen: Angermayer glaubt in ihnen ein Mittel der Gehirnverjüngung zu erkennen, weshalb sie ihm als Werkzeug erscheinen, um jene psychisch verfügbar zu halten, die durch den von Techeliten forcierten Wandel ökonomisch und sozial abgehängt werden.
Opium für die Abgehängten?
Wer Angermayer reden hört, fühlt sich rasch an Aldous Huxleys «Brave New World» erinnert: an eine Zukunft, in der Menschen sich mit dem Wirkstoff Soma sedieren und so zu fröhlichen Marionetten eines totalitären Machtapparats werden. Diese Einschätzung findet Neşe Devenot gar nicht so übertrieben. Devenot ist Literaturwissenschaftler:in an der Johns-Hopkins-Universität in Baltimore und Mitgründer:in der Plattform Psymposia, eines Kollektivs aus Forschenden, Journalistinnen und Aktivisten, das sich kritisch mit der politischen Ökonomie und den ideologischen Voraussetzungen der psychedelischen Renaissance auseinandersetzt. Im Gespräch warnt Devenot davor, dass Psychedelika in den Händen von Leuten wie Angermayer zu Werkzeugen gesellschaftlicher Unterdrückung werden könnten. «Christian Angermayer hat offen davon gesprochen, Psychedelika als eine Art Opium für die Massen zu begreifen», sagt Neşe Devenot.
Entscheidend sei dabei weniger die Substanz selbst als der politische Rahmen, in dem sie eingesetzt werde. «Wenn Milliardäre den Nutzungskontext und die legitimen Deutungen von Psychedelika festlegen», so Devenot, «entsteht ein System, in dem Menschen oft gar nicht merken, dass sie dadurch konditioniert und gewissermassen in eine offizielle Ideologie eingegliedert werden.» Heute seien Psychedelika vermehrt Teil eines neoliberalen Gesellschaftsentwurfs geworden, wonach soziale Ungleichheiten keine politischen Lösungen, sondern bloss eine individuelle Bewusstseinserweiterung erforderten. Real existierende Machtverhältnisse blieben dabei unangetastet.
Gerade deshalb ist es für Devenot zentral, sich aus geistes- und sozialwissenschaftlicher Perspektive dieser Entwicklung entgegenzustellen. Unter dem Label «critical psychedelic studies» fragt Devenot danach, welche politischen und ökonomischen Interessen hinter der Medikalisierung psychedelischer Substanzen stehen und wie sich durch sie neue Formen von Kontrolle und Disziplinierung stabilisieren. «Psychedelika könnten Werkzeug kollektiver Befreiung und kollektiver Heilung sein», sagt Devenot. Dieses Potenzial würden wir jedoch aufgeben, wenn wir die neoliberale Vorstellung verinnerlichten, dass psychisches Leiden vor allem eine individuelle, hirnbasierte Störung sei.
Dabei zeigt die Menschheitsgeschichte, dass halluzinogene Substanzen nie nur isolierte Wirkstoffe, sondern immer schon an soziale Praktiken geknüpft waren. Das eingangs erwähnte Ibogain etwa wird aus der Wurzel des Ibogastrauchs gewonnen und in Gabun seit langem rituell genutzt, um mit verstorbenen Ahnen in Kontakt zu treten. Dafür ist nebst der Substanz vor allem das Setting entscheidend: Das Ritual ist ein kollektives Ereignis, dem die ganze Gemeinschaft beiwohnt. Es zielt nicht allein auf persönliche Erfahrung, sondern auch auf soziale Bindung und die Festigung einer gemeinsamen Ordnung.
Ob Psychedelika Räume für Solidarität, Kritik und kollektive Erfahrung öffnen können, hängt daher weniger von ihrer pharmakologischen Wirkung ab als von der Frage: Wer kontrolliert sie und zu welchem Zweck?