Nr. 09/2021 vom 04.03.2021

Die Pflanzen tanzen, das Geschäft lockt

Psychedelika wie LSD zeigen erstaunliche Erfolge in der Psychiatrie. Werden sie bald als Medikamente zugelassen? Diese Frage entscheidet nicht primär die Politik – sondern Pharmafirmen, die auf das grosse Business hoffen.

Von Bettina Dyttrich

Von der verbotenen Droge zum Medikament? Letztes Jahr hat das Bundesamt für Gesundheit 53 Bewilligungen für den therapeutischen Gebrauch von LSD erteilt. Foto: Getty

Wenn Peter Gasser heute über LSD spricht, klingt das anders als vor zehn Jahren. Nicht weil er etwas anderes sagt – sondern weil die Leute nicht mehr das Gleiche hören. «Die öffentliche Wahrnehmung ist sehr viel positiver geworden», sagt der Solothurner Psychiater. 2008 begann er, in einem Forschungsprojekt Menschen mit schweren körperlichen Krankheiten, die unter existenziellen Ängsten litten, mit LSD zu behandeln.

Damals galt die psychedelische Droge noch als gefährliche Substanz, die verwirrte Hippies dazu bringt, aus dem Fenster zu springen. Heute hingegen schwören viele auf niedrig dosiertes LSD, «um den Erfordernissen der Leistungsgesellschaft noch besser zu genügen und irgendeine supertolle, kreative App zu entwickeln, mit der sie Millionen verdienen», so Gasser.

Das sieht der Sechzigjährige kritisch. Trotzdem ist er froh, denn das positive Image lässt sein Ziel in greifbare Nähe rücken: die Zulassung von LSD und verwandten Substanzen als Medikamente.

Verbotener als Kokain

Die Pflanzen tanzen! Das haben Gasser schon mehrere PatientInnen erzählt, als sie während der Behandlung die Gewächse im Therapiezimmer anschauten. «Wenn sich die Natur belebt, wenn man eine Verbindung zur Pflanze spürt, kann das ein tiefgreifend positives Erlebnis sein, das jemanden mit grosser Dankbarkeit erfüllt – und eine starke therapeutische Wirksamkeit haben kann.» Tatsächlich zeigen LSD und verwandte Substanzen erstaunliche Erfolge bei Depressionen, Sucht oder Zwangsstörungen – oft schon nach wenigen Therapiesitzungen. «Urlaub vom Gefängnis meines Gehirns»: So oder ähnlich beschreiben es viele PatientInnen (siehe WOZ Nr. 21/2019).

Gasser warnt: «Viele meinen, nach einer ein- oder zweimaligen Einnahme seien sie alle Probleme los. Aber LSD ist ein Hilfsmittel der Therapie, keine magische Pille.» Doch auch er verdankt den Substanzen viel: Sein Werdegang als «psycholytischer» Therapeut begann mit einem MDMA-Selbstversuch am Ende des Medizinstudiums. Anders als LSD verändert MDMA, auch bekannt als Ecstasy, die Wahrnehmung kaum. Es intensiviert vor allem die Gefühle. «Ich war überwältigt, wie viele psychotherapeutische Themen in mir geschlummert hatten.» Ohne diese Erfahrung wäre er heute nicht der gleiche Psychiater, sagt Gasser: «Der unmittelbare Zugang zu den Menschen veränderte sich – aus meinem intellektuellen Elfenbeinturm heraus wurde mir plötzlich klar, dass Gefühle auch körperliche Wahrnehmungen sind, nicht einfach nur Konzepte.» Der junge Arzt wollte mehr wissen, und er hatte Glück: Zwischen 1988 und 1993 hatten fünf Psychiater vom Bundesamt für Gesundheit (BAG) die Bewilligung, mit LSD und MDMA zu arbeiten und weitere TherapeutInnen, so auch ihn, in der Anwendung auszubilden.

Dann verschärfte das BAG seine Bedingungen, und erst 2004 wurde wieder einem Arzt erlaubt, mit MDMA zu forschen. 2008 begann dann Gasser seine Studie. Inzwischen darf er LSD nicht nur für Forschungsprojekte, sondern auch in der Therapie anwenden. Aber er braucht für jede einzelne Patientin eine Ausnahmebewilligung des BAG.

Letztes Jahr hat das Bundesamt 53 solche Bewilligungen für LSD und 21 für MDMA erteilt. Adrian Gschwend, Leiter der Sektion Politische Grundlagen und Vollzug des BAG, sagt: «Ärzten, die diese Substanzen anwenden wollen und dafür qualifiziert sind, steht dieser Weg grundsätzlich offen.» Die Anforderungen sind allerdings strikt: Für eine Ausnahmebewilligung kommen nur «austherapierte» Menschen infrage, etwa schwer Depressive, bei denen alle anderen Therapiemöglichkeiten ausgeschöpft sind. Das liegt am rechtlichen Status der Psychedelika: Sie sind im Betäubungsmittelgesetz auch für die medizinische Anwendung verboten – anders als etwa Morphium, Kokain oder Ritalin, die zwar auch dem Betäubungsmittelgesetz unterstehen, aber gleichzeitig zugelassene, rezeptpflichtige Medikamente sind. Gschwend räumt denn auch ein: «Es gibt höchstwahrscheinlich mehr Patientinnen, die von einer solchen Therapie profitieren könnten. Die hohen Anforderungen, die überschaubare Zahl der dafür qualifizierten Psychiater und die noch fehlende wissenschaftliche Evidenz schliessen eine breitere Anwendung derzeit jedoch aus.»

Was müsste geschehen, damit auch Psychedelika zugelassene Medikamente werden? Eine Firma müsste sie – abgestützt auf aufwendige klinische Studien – für die Zulassung anmelden, sagt Gschwend. «Der Staat kann das nicht selbst, dafür gibt es keine Rechtsgrundlage.» Bei den grossen Firmen sei das Interesse aber eher gering; schliesslich handle es sich um seit Jahrzehnten bekannte Stoffe, deren Patentierung schwierig sei.

Idealismus, patentiert

Doch vielleicht geht alles viel schneller als erwartet. Denn international versuchen diverse Firmen, vom Psychedelikboom zu profitieren. Die grössten sind Compass Pathways, die sich dem Psilocybin verschrieben hat, und Mind Med.

Mind Med hat ihren Hauptsitz im New Yorker One World Trade Center, die Verwaltungsratspräsidentin wohnt jedoch im Kanton Zug: Miri Halperin Wernli, Medizinerin, hat laut eigenen Angaben 25 Jahre Erfahrung in der Schweizer Pharmaindustrie. Sie ist auch im Geschäft mit medizinischem Cannabis aktiv. In einem Interview auf psychedelicfinance.com klingt sie idealistisch: Es gehe darum, «weg von einer rein mechanistischen Sicht auf Psychopharmakologie» zu kommen, um eine «Rückkehr der Psychiatrie zu ihren Wurzeln». Mind Med ging Ende 2016 an die Börse und ist heute 1,2 Milliarden US-Dollar wert. Der ganze Auftritt der Firma passt besser nach Kalifornien als nach New York: Die Welt verbessern, die Menschen erleuchten – und dabei viel Geld verdienen.

Mind Med arbeitet mit dem Unispital Basel zusammen, das unter anderem die Wirkung einer LSD-MDMA-Kombination erforscht. Die Firma unterstütze die Forschung finanziell und habe dafür das Recht, die Forschungsdaten des Unispitals zu verwenden, sagt Matthias Liechti, Stellvertretender Chefarzt der Abteilung Klinische Pharmakologie und Toxikologie. Falls ein Medikament bis zur Zulassung käme, wäre das Unispital am Umsatz beteiligt. Man habe die Zusammenarbeit mit verschiedenen Firmen geprüft und sich für Mind Med entschieden, sagt Liechti: «Sie haben kompetente Fachleute und ähnliche Ziele wie wir.» Die Patentfrage sei kein Hinderungsgrund: «Man kann eine bestimmte Anwendung oder auch eine Molekülkombination patentieren lassen.» Compass Pathways habe es sogar geschafft, in den USA ein Patent auf das altbekannte Psilocybin zu erhalten – mit dem Argument, die von der Firma eingesetzte Variante habe eine ganz besondere Kristallstruktur.

«Wir bieten einen kompletten Werkzeugkasten an – nicht nur eine Pille» – so wirbt Mind Med denn auch auf der Website. Doch die Firma setzt nicht nur auf die altbewährten Psychedelika: Am 11. Februar gab sie bekannt, sie arbeite mit dem Schweizer Start-up Mind Shift Compounds zusammen, um «neue, patentierbare psychedelische Heilmittelkandidaten zu entwickeln». Damit wäre das Problem der Patentierbarkeit gelöst – und gleich noch ein zweites: Gesucht sind Substanzen, die weniger lang wirken als LSD mit seinen circa zehn Stunden. Denn, wie Peter Gasser sagt: «Einen ganzen Tag Psychotherapie kann man der Krankenkasse gar nicht verrechnen.»

Reich werden andere

Warum hat Mind Med die Medikamentenentwicklung ausgelagert? Wer steckt hinter Mind Shift? Die Firma hat ihren Sitz in Cham ZG; CEO und einziger eingetragener Verwaltungsrat ist Felix Lustenberger, ein Experte für Mikrotechnik. Als sich die WOZ meldet, bittet Lustenberger, die Fragen direkt Mind Med zu stellen. Doch Mind Med hat offenbar Wichtigeres zu tun, als Fragen einer Schweizer Wochenzeitung zu beantworten.

«Natürlich kann man sagen, diese Substanzen gehörten der Menschheit, müssten Gemeingut sein», sagt Matthias Liechti vom Unispital Basel. «Aber wenn man ein Medikament zur Zulassung bringen will, geht das nicht ohne die Businesswelt.»

Auch der Solothurner Psychiater Peter Gasser arbeitet ab und an für Mind Med – als wissenschaftlicher Berater auf Stundenbasis. Aber Aktien der Firma hat er keine. Das grosse Geld mit dem Psychedelikboom werden andere verdienen – nicht PionierInnen wie er, die mit ihrer Forschung das Geschäft erst ermöglicht haben. Das störe ihn nicht, sagt Gasser. In dreissig Jahren Arbeit mit bewusstseinsverändernden Substanzen habe er nie vorgehabt, daraus ein Geschäft zu machen. «Börsenerfolge sind nicht die Veränderung, die ich mir für die Welt wünsche.»

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