Ölkrise : Die grosse Illusion

Nr. 19 –

Der Irankrieg offenbart die Fragilität der fossilen Wirtschaft – aber macht ihn das auch zum Katalysator der Energiewende, wie gerne behauptet wird?

Motorradfahrer transportieren ein Solarpanel durch die Stadt Quetta
Nachfrageschub bei den erneuerbaren Energien: Motorradfahrer transportieren ein Solarpanel durch die Stadt Quetta im Westen Pakistans. Imago

Jede Krise hat ihre Gewinner. Auch diese. Schon jetzt als die schwerste der Geschichte bezeichnet, spült die durch den Krieg gegen den Iran ausgelöste Ölkrise derzeit vor allem den üblichen Verdächtigen Geld in die Kassen.

Während der Anstieg von Lebensmittel-, Öl- und Schifffahrtskosten gemäss dem Uno-Welternährungsprogramm 45 Millionen Menschen in eine akute Hungersnot zu treiben droht, verbuchten die hundert grössten Öl- und Gaskonzerne laut dem «Guardian» im ersten Kriegsmonat zusätzliche Einnahmen von rund dreissig Millionen US-Dollar – pro Stunde. Gleichzeitig verunsichert die Volatilität, die der Irankrieg an den Märkten ausgelöst hat, zwar viele Anleger:innen, die Investmentbanken jedoch schrieben im ersten Quartal Rekordgewinne. Sie verdienen Millionen an Gebühren und Einnahmen aus dem durch die Panik der Anleger:innen stark gestiegenen Handelsvolumen. Wenig überraschend profitiert auch die Rüstungsindustrie vom Konflikt, da die weltweiten Militärausgaben noch weiter in die Höhe schiessen. Doch diesmal scheint es einen Gewinner zu geben, der nicht ins gewohnte Muster passt: die erneuerbaren Energien.

Der Krieg stellt die Energiepolitik vieler Staaten auf den Kopf, besonders in Asien, das stark von Öl- und Gasimporten aus dem Nahen Osten abhängt. Südkorea, Thailand, Indien und mehrere südostasiatische Länder haben neue Fördermassnahmen für Erneuerbare angekündigt. Chinas Exporte von Solarpanels, Batterien und Elektroautos sind im März gegenüber dem Vorjahr um satte siebzig Prozent gestiegen.

Pakistan, das seinen Solarstromanteil wegen der chronisch schlechten Energieversorgung bereits in den vergangenen Jahren ausgebaut hat, erlebt durch den Krieg einen weiteren Nachfrageschub bei den Solarmodulen. Infolge des Klimawandels verschärfte Hitzewellen sind für die Bevölkerung zur Gefahr geworden, was Klimaanlagen in Pakistan nahezu überlebenswichtig macht. Jeder vierte Haushalt hat inzwischen eine private Fotovoltaikanlage auf dem Dach montiert.

Auch in Europa haben viele Staaten mit der Ankündigung reagiert, den Ausbau heimischer erneuerbarer Energien zu beschleunigen. Entsprechend wird der Irankrieg in vielen Wirtschaftsressorts bereits als lang ersehnter Katalysator der Energiewende gehandelt. Bloomberg und die «Financial Times» argumentieren entlang der gleichen Linie wie Fatih Birol, Direktor der Internationalen Energieagentur, der erwartet, dass die geringeren geopolitischen Abhängigkeiten, die die Erneuerbaren bieten, zu einem beschleunigten Ausbau führen werden.

Die NZZ spricht gar von einem «heilsamen Schock»: Wind- und Solarenergie erhielten Auftrieb, Netze und Speicher würden ausgebaut, die Elektromobilität gestärkt. Die Lehren aus dem Krieg würden die Energieversorgung unabhängiger von fossilen Importen machen. «Mediziner wie auch Ökonomen wissen: Ein Schock kann der Anstoss zu einem gesünderen Lebensstil sein.»

Doch so plausibel eine Beschleunigung des Ausbaus der Erneuerbaren als Folge auch sein mag: Einen Automatismus hin zu einer nachhaltigeren Wirtschaft bedeutet dieser Krieg noch lange nicht.

Früher Krise, heute Krise

Derzeit werden gern Parallelen zu den Ölkrisen der siebziger Jahre gezogen. Tatsächlich markierten diese einen energiepolitischen Paradigmenwechsel und stiessen weitreichende Reformen an. Die Internationalen Energieagentur wurde gegründet, neue Effizienzstandards für Fahrzeuge wurden eingeführt und weitreichende Programme zur Senkung des Energieverbrauchs implementiert.

Allerdings führten die Krisen nicht nur zu Effizienzgewinnen, sondern auch zu grossen Investitionen in die Atomenergie. Und höhere Effizienz bedeutet nicht automatisch geringeren Verbrauch. Aufgrund der durch die Effizienzgewinne gesunkenen Energiekosten stieg der Energieverbrauch, wodurch die CO₂-Emissionen ungebremst weiterwuchsen.

Die lange Wirtschaftskrise der Siebziger markierte das Ende des keynesianischen Modells und den Beginn der neoliberalen Ära. Der Sozialtheoretiker David Harvey deutet die Ölkrisen von 1973 und 1979 als entscheidende Katalysatoren dieses Umbruchs: Als die Kapitalakkumulation ins Stocken geriet, forcierten wirtschaftliche Eliten neoliberale Reformen, um die Renditen zu stabilisieren. Es folgten Deregulierung, der Rückbau des Sozialstaats und wachsende Ungleichheit – begleitet von einer Kapitalkonzentration, die heute wieder ein Niveau erreicht hat wie zuletzt im frühen 20. Jahrhundert. Die Bilanz jener Ölkrisen ist also, vorsichtig ausgedrückt, ambivalent.

Auch die aktuelle Lage ist weniger eindeutig, als es auf den ersten Blick scheint. Der weltweite Energieverbrauch steigt seit Jahren und dürfte unter anderem wegen der für den KI-Boom nötigen Datenzentren weiter zulegen. Erneuerbare ersetzen die fossilen Energien damit nicht primär, sondern decken vor allem den stetig wachsenden Zusatzbedarf.

Zudem haben mehrere Länder aufgrund der jetzigen Ölkrise zwar den beschleunigten Ausbau der Erneuerbaren angekündigt, unmittelbar aber mit einer Ausweitung der Kohleverstromung reagiert, darunter Japan, Thailand, Südkorea, Italien und Deutschland. Hinzu kommen kurzfristige Entlastungsmassnahmen für fossile Energieträger in mehreren europäischen Staaten. Diese Subventionen, Preisdeckel oder Steuersenkungen verzerren laut der US-Denkfabrik Atlantic Council Preissignale und verdrängen Investitionen in langfristige, nachhaltige Energieinfrastruktur. «Zwar sollten hohe Preise für fossile Energien theoretisch Elektrifizierung und Effizienz vorantreiben», heisst es in einer Anfang April veröffentlichten Analyse, «in der Praxis lösen sie jedoch oft das Gegenteil aus.»

Nach dem gleichen Muster verläuft die Debatte in der Schweiz, wo die Energiekrise die Diskussion über neue Atomkraftwerke weiter befeuert hat. Entsprechend kippte der Ständerat im März mit Unterstützung von Energieminister Albert Rösti das Verbot für den Bau neuer AKWs.

Velowege statt Atomkraft

«Ölabhängigkeit ist ein sicherheitspolitisches Risiko, weil ein einzelner regionaler Konflikt die Weltwirtschaft erschüttern kann», sagt Julia Steinberger. In diesem Sinne könne der Krieg durchaus einen Anstoss geben: Staaten und Unternehmen würden endlich ernsthaft überlegen, wie sie sich aus der Abhängigkeit von fossilen Energien lösen könnten. «Doch daraus einen Automatismus hin zu einer nachhaltigeren Wirtschaft abzuleiten, wäre falsch.»

Steinberger ist Professorin für Ökologische Ökonomie an der Universität Lausanne und forscht zu den Zusammenhängen zwischen Ressourcennutzung und gesellschaftlichem Wohlbefinden. «Die Vorstellung, das Ende des fossilen Zeitalters komme quasi von selbst, als Folge von Trumps Angriff auf den Iran, ist Irrsinn», sagt Steinberger. Die Krise könne den Wandel beschleunigen – oder eben auch in die falsche Richtung lenken.

Seit Jahren werde der Ausbau der Erneuerbaren beschworen, fossile Energien würden aber erheblich über Steuervergünstigungen oder Preisdeckel subventioniert und so künstlich wettbewerbsfähig gehalten. «Wenn wir alle Energiequellen gleich behandeln würden, hätte sich das ökonomische Argument gegen fossile Energien längst durchgesetzt.»

Zugleich greife die Debatte zu kurz. Energiesicherheit bedeute mehr, als sich von fossilen Energieträgern abzuwenden. Man müsse die Nachfrage in den Griff bekommen. Entscheidend ist dabei für Steinberger, dass die Senkung des Energieverbrauchs keine Frage individuellen Verhaltens ist. «Es geht nicht darum, den Einzelnen zum Verzicht aufzufordern, sondern um kollektive Investitionen und systemische Veränderungen.»

Im Zentrum müssten laut Steinberger Investitionen in Sektoren und Technologien stehen, die Wohlbefinden und Emissionsreduktion zugleich maximierten. Sie verweist dabei auf den sechsten Sachstandsbericht des Weltklimarats (IPCC), an dem sie mitgearbeitet hat.

Dieser kommt zum Befund, dass sich hohes Wohlbefinden und eine Reduktion des Energieverbrauchs durchaus miteinander vereinbaren lassen. So fördern etwa Investitionen in Velowege oder Gebäudeisolierungen emissionsarme Lebensweisen. Kurze Wege zu Spitälern und Schulen senken die Nachfrage nach motorisiertem Individualverkehr, während sich gleichzeitig das Wohlbefinden erhöht. Steinbergers Forschung zeigt, dass allem voran hochwertige, leicht zugängliche öffentliche Dienstleistungen der Schlüssel für ein hohes Mass an Wohlbefinden bei geringem Energieverbrauch sind.

Emissionsarme Technologien können zugleich eine Vielzahl von Bedürfnissen befriedigen und Klima- und Wohlfahrtsziele voranbringen. Das zeigt sich am erwähnten Beispiel von Solarmodulen in Pakistan, aber etwa auch bei E-Bikes in China. Seit den neunziger Jahren staatlich gefördert und durch Motorradverbote in vielen Städten begünstigt, haben E-Bikes Motorräder in Grossstädten weitgehend ersetzt.

Voraussetzung ist aber, dass solche Angebote dank politischer Förderung breit zugänglich sind. Das gilt auf allen Ebenen. Auch in vergleichsweise armen Ländern wie Vietnam, Nepal oder Sambia können Haushalte gemäss Steinbergs Forschung ein beachtliches Wohlstandsniveau bei geringem Energieeinsatz erreichen – sofern der Zugang zu grundlegender Infrastruktur vorhanden ist.

EU auf Irrweg

Umso irritierender sei, worauf sich die politische Aufmerksamkeit derzeit richte, sagt Steinberger. Einen guten Überblick bietet der von der Europäischen Kommission in Auftrag gegebene Draghi-Report zur «Zukunft der europäischen Wettbewerbsfähigkeit». Dieser setzt in erster Linie auf Sektoren wie künstliche Intelligenz, Verteidigung oder Spitzentechnologien. Gemeinsam ist ihnen laut Steinberger vor allem eines: Sie kommen überproportional den Wohlhabenden zugute. «Für eine sozial und ökologisch tragfähige Transformation bräuchte es hingegen allem voran Investitionen in Wohninfrastruktur, öffentliche Dienstleistungen und den öffentlichen Verkehr.»

Es entbehrt nicht einer gewissen Ironie, dass ausgerechnet Fossilfanatiker Donald Trump den Zündstoff für den grossen Boom der Erneuerbaren geliefert haben könnte. Das macht die Erzählung des grünen Krieges gegen den Iran durchaus verlockend. Doch zu glauben, dieser werde quasi automatisch eine nachhaltigere Wirtschaft hervorbringen, ist absurd. ●